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ABDA-Presseseminar: Selbstmedikation ohne Apotheker geht nicht

PHARMAZIE

 
ABDA-Presseseminar

Selbstmedikation ohne Apotheker geht nicht

Von Christiane Berg, Hamburg

 

Einblicke in das vielseitige Leistungsspektrum der Apotheke gaben beim diesjährigen ABDA-Presseseminar eindrucksvoll fünf Pharmazeuten. Doch auch der Patient muss sich einbringen und diese Leistungen aktiv einfordern.

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»Ziel des nun schon traditionellen Presseseminars ist es, ein Bild des breit gefächerten Leistungsspektrums der Apotheke aufzuzeigen«, sagte die Präsidentin der Bundesapothekerkammer (BAK), Magdalene Linz. Die Selbstmedikation macht einen großen Teil der Apothekenarbeit aus. Etwa 50 Prozent der abgegebenen Arzneimittel-Packungen sind OTC-Präparate. Ob Schmerz-, Magen-, Venen-, Husten- oder Erkältungsmittel: Der Apotheker, so Linz, ist die »letzte Bastion« vor der Einnahme von Medikamenten, indem er bei der Frage nach OTC-Präparaten unter anderem die Eigendiagnose des Patienten oder die tatsächliche Eignung des gewünschten Arzneimittels prüft und hinterfragt.

 

Oft sei es auch Aufgabe der Pharmazeuten, irreführende Werbung in Print- oder TV-Medien zu relativieren. Hier werde nur allzu häufig falsche Seriosität suggeriert, machte die BAK-Präsidentin deutlich. Anzeigen, so Linz, geben im Übermaß haltlose Versprechungen, die nur der Fachmann als falsch entlarven kann. »Arzneimittel sind keine Bonbons, sondern eine Ware besonderer Art.« Linz betonte, dass nur der Apotheker detailliert über Neben- und Wechselwirkungen mit anderen Arznei- beziehungsweise Nahrungsmitteln informieren kann. »Nicht jedes Medikament kommt für jeden Patienten infrage, da jeder Mensch einzigartig und unverwechselbar ist.« An diesem Wissen orientiert sich die Beratung und Information in der Apotheke, so die BAK-Präsidentin. »Wir Apotheker sind keine Kaufleute, sondern Heilberufler. Wir fühlen uns dem Menschen verpflichtet.«

 

Geschickt getarnte Werbung

 

»20 Kilogramm weniger in drei Tagen«: Es ist für den Laien zumeist nicht möglich, zwischen unhaltbaren Werbeaussagen wie dieser und seriöser fachlicher Information zu unterscheiden, unterstrich Dr. Matthias Schneider, Dillingen. Aufgabe des Apothekers sei es, dem Verbraucher zu helfen, falsche Versprechen zu erkennen und damit umzugehen. Schneider machte deutlich, dass die Werbung für Arzneimittel strengen Vorgaben unterliegt. Das Heilmittelwerbegesetz (HWG) schreibe klar vor, wie für Arzneimittel geworben werden darf.

 

§ 3 HWG, so Schneider, verbietet irreführende Werbung. Eine Irreführung liegt insbesondere dann vor, wenn Produkten eine Wirkung zugeschrieben wird, die sie nicht haben. Irreführend ist es danach auch, Wirkungen zu garantieren beziehungsweise schädliche Wirkungen zu verneinen. Gemäß § 4 sind Angaben wie Name und Sitz des Herstellers, die exakte Bezeichnung des Arzneimittels sowie Gegenanzeigen und Nebenwirkungen in Anzeigen Pflicht. § 11 HWG besagt, dass außerhalb der Fachkreise keine Werbung mit Studien betrieben beziehungsweise in der Laienpresse keine Wiedergabe von Krankengeschichten erfolgen darf. Auch die gleichzeitige Abbildung von Heilberuflern im weißen Kittel ist verboten.

 

Schneider zeigte auf, dass viele dieser gesetzlichen Vorgaben in der Werbung oft unerfüllt bleiben. Dennoch, so der Referent, verstoßen die Hersteller nicht offen gegen das Gesetz, da es sich bei den beworbenen Produkten zumeist nicht, wie vorgetäuscht, um Arzneimittel handelt. Gleichwohl werde aber genau dieser Anschein erweckt, um die Marktplatzierung zu schärfen. Der Pharmazeut kritisierte, dass nur zu oft, geschickt getarnt, in Anzeigen auch vermeintlich redaktionelle Texte veröffentlicht werden. Dem Laien bleibe völlig unersichtlich, wer die Autoren dieser Texte sind. Schneider: »Es ist Aufgabe der Apotheker, die Nebelschwaden zu lichten und den Verbraucher vor falscher Lyrik und Überrumpelungstaktik zu schützen, damit dieser eine klare Entscheidung im Sinne seiner Gesundheit treffen kann.«

 

Analgetika sind keine Bonbons

 

»Ich stelle mir bei der Beratung vor, dass der Patient, der vor mir steht, mein bester Freund ist«, sagte Dr. Jörg Wittig, Schleiz. Er schilderte Nutzen und Risiken von Schmerzmitteln in der Selbstmedikation von Kopf- beziehungsweise Körper- und Muskelschmerzen. »Grundsätzlich sind Schmerzen keine Krankheit. Sie sind ein Signal des Körpers, das die Chance bietet, Krankheiten frühzeitig zu entdecken«, betonte Wittig. Schmerzen seien also ernst zu nehmen und genau zu beobachten. Es sei schädlich, bei Schmerz »die Zähne zusammenzubeißen« und diesen »auszuhalten«. So könne sich der akute in einen chronischen Schmerz verwandeln. Andererseits, so Wittig, sollten Schmerzen medikamentös nicht ohne Kenntnis der Ursache ausgeschaltet werden. 

 

Der Pharmazeut betonte, dass der Apotheker im Beratungsgespräch vor Auswahl des Arzneistoffes daher stets die Art der Beschwerden hinterfragt, um Schwere und Anlass abschätzen zu können. »Unerklärliche beziehungsweise alle starken und lang anhaltenden Schmerzen gehören in die Hand des Arztes. Leichte und mittelschwere akute Schmerzen, denen ein Auslöser oder ein Ereignis zugeordnet werden kann, sind für die Selbstmedikation unter Betreuung des Apothekers geeignet.«

 

Acetylsalicylsäure, Ibuprofen, Paracetamol, Diclofenac oder aber Naratriptan bei Migräne: Wittig informierte detailliert über Wirkungen und Nebenwirkungen sowie Kontraindikationen zwar nicht verschreibungspflichtiger, jedoch keinesfalls harmloser Analgetika. So dürfe ASS nicht bei Magen-Darm-Beschwerden und Asthma angewendet werden. Auch neige der Wirkstoff zu Interaktionen unter anderem mit Gerinnungshemmern oder Antihypertensiva. Bei Kindern bis 12 Jahren sollte Acetylsalicylsäure wegen der Gefahr des Reye-Syndroms nicht angewandt werden. ASS sei zudem im letzten Schwangerschafts-Trimenon kontraindiziert.

 

Bei der Einnahme von Paracetamol müsse der Patient Vorsicht insbesondere bei erhöhtem Alkoholkonsum und Leber- und Nierenerkrankungen walten lassen. Auch bei gesunden Menschen wirke Par-acetamol in Überdosierung lebertoxisch und könne sogar zum Tod führen. Wittig wies darauf hin, dass Paracetamol im April 2009 in Packungsgrößen mit mehr als 10 Gramm verschreibungspflichtig wird. Als warnendes Beispiel könnten die USA dienen, in denen Paracetamol nicht einmal der Apothekenpflicht unterliegt. Dieses gehe in den Vereinigten Staaten mit der dramatischen Zunahme unerwünschter Arzneimittelereignisse einher. 

 

»OTC-Schmerzmittel sind keine beliebigen Konsumgüter, sondern hochwirksame Medikamente«: Die flankierende Beratung des Apothekers sei unumgänglich, zumal ein zu häufiger Gebrauch von Schmerzmitteln wiederum zu Erkrankungen wie Analgetika-Kopfschmerz führen kann. Der sichere Gebrauch dieser Arzneimittel werde durch die in Deutschland bestehende Apothekenpflicht und der damit zwangsläufig verbundenen Beratungsleistung des Apothekers gewährleistet.

 

Gefahr der Verschleppung

 

»Auch bei der Einnahme von Medikamenten gegen Magen-Darm-Erkrankungen wie Sodbrennen, Durchfall und Verstopfung ist die Beratung in der Apotheke unerlässlich«, unterstrich Dr. Rolf-Günther Westhaus, Essen. Diese Beschwerden seien prinzipiell für die Selbstmedikation prädestiniert. Doch berge die Selbstmedikation auch hier zahlreiche Gefahren.

 

So müsse immer daran gedacht werden, dass zum Beispiel häufigem Durchfall auch eine schwerwiegende entzündliche Darmschleimhauterkrankung wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa zugrunde liegen kann. Die nur symptomatische und somit falsche Therapie könne zur »Verschleppung« und zum Fortschreiten der eigentlichen schweren Grunderkrankung mit fatalen Folgen führen. Die unkontrollierte, nicht abgeklärte, dauerhafte Einnahme von Antidiarrhoica könne gegebenenfalls auch die Diagnose Darmkrebs verzögern. Darmkrebs, so Westhaus, ist der Krebs mit der häufigsten Todesfolge, obwohl gerade hier bei einer frühzeitigen Diagnose große Chancen auf Heilung bestehen.

 

Eine Symptombehandlung könne den Verbraucher zudem davon abhalten, schädliche Verhaltensweisen zu ändern. Werde zum Beispiel eine auf den Mangel von Ballaststoffen zurückzuführende Verstopfung unkritisch mit Abführmitteln reguliert, lerne der Patient nicht, seine Ernährung und sein Essverhalten zu hinterfragen. Auch seien Abführmittel per se auf Dauer schädlich, da sie dem Körper Salze und Flüssigkeit entziehen, was wiederum zur Darmträgheit führt. Ein Teufelskreis: Der Darm wird zur Passivität erzogen, die Dosierung von Laxanzien gegebenenfalls erhöht. »Bereits jeder vierte Patient nimmt Abführmittel in einem Maße, das den Tatbestand des Arzneimittelmissbrauchs erfüllt. Diesen Teufelskreis können die Patienten ohne fachmännische Hilfe nicht durchbrechen«, so Westhaus.

 

Er betonte, dass Selbstmedikation absolut sinnvoll ist, wenn geringfügige und vorübergehende Gesundheitsstörungen vorliegen. Kurzfristig sei die Einnahme der meisten Präparate unbedenklich. Langfristige Einnahme sei stets riskant. Gerade ältere Personen, Schwangere, Kinder und Menschen mit Vorerkrankungen müssten besonders vorsichtig und zurückhaltend agieren. Zu einer verantwortungsvollen Selbstmedikation gehöre auch, dass sich der Verbraucher bei seiner Kaufentscheidung nicht am Preis, sondern vorrangig an der Qualität des Medikamentes orientiert. »Information und Beratung in der Apotheke und nicht etwa finanzielle Interessen der Marktbeteiligten oder der Gesundheitspolitik müssen die Säulen der Selbstmedikation sein.«

 

Im Fokus steht der Patient

 

»Top oder Flop?« Auch bei Venenleiden, von denen in Deutschland fast jeder zweite Erwachsene betroffen ist, kann der Patient nur mithilfe des Apothekers das richtige Venenmittel finden, betonte Claudia Peuke, Holle. Als Mittel der Wahl hob sie die Kompressionstherapie hervor, deren Akzeptanz bei den Patienten jedoch gering sei. Zwar würden vor allem Venenmittel, also Ödemprotektiva beziehungsweise vasoaktive, venentonisierende Wirkstoffe intensiv in den Medien beworben, jedoch halten längst nicht alle Präparate, was der Hersteller verspricht.

 

Peuke machte deutlich, dass bei chronischen Venenbeschwerden ein symptomatischer Nutzen nur für einige Präparate dokumentiert ist. Am besten untersucht seien Präparate mit Rosskastaniensamen-Extrakten standardisiert auf Aescin. Ein Vergleich mit der Kompressionstherapie habe eine ähnliche Effektivität ergeben. Auch wenn einige Untersuchungsergebnisse auf positive symptomatische Effekte hindeuten: Die Aussagekraft von Studien mit Extrakten aus roten Weinblättern werde von Fachleuten sehr kontrovers diskutiert. Peuke betonte, dass zu Präparaten mit Mäusedornwurzelextrakt, Rutosiden und Troxerutin keine ausreichenden Datenmengen für eine abschließende Bewertung vorliegen.

 

Zum Gespräch gehören zwei

 

In der Apotheke stehe jedoch nicht das Venenmittel, sondern der Venenpatient im Mittelpunkt. Bewegung, Sport, Ernährungsumstellung, Kältereize, Wassertreten, Hochlagern der Beine: Die Apotheke informiere auch über nicht medikamentöse Therapieoptionen und biete somit die Möglichkeit der individuellen Unterstützung zur Therapie und Prävention. 

 

Den Weg durch den Präparate-Dschungel von Husten- und Erkältungsmitteln zeigte Apothekerin Dr. Ilsabe Behrens, Hamburg, auf. Da grippale Infekte meistens viral bedingt sind, gibt es keine echte kausale Therapie. Es ist nur möglich, die Krankheitszeichen zu lindern und so die Heilung zu unterstützen, sagte sie. Husten, Schnupfen, Heiserkeit, Kopfschmerz, Fieber: Wer sich durch das Dickicht an Erkältungsmitteln kämpfen will, muss die Symptome professionell interpretieren können und wissen, um welche Art einer Erkältung es sich handelt. »Nur so lassen sich die richtigen Medikamente finden«, sagte Behrens. Nur der Apotheker könne durch entsprechende Fragen das große, nicht immer sinnvolle Angebot an Erkältungsmitteln lichten. Die Symptome »herauszuhören« und darauf basierend das passende Medikament zu wählen, sei eine Aufgabe, die nur der professionelle und kommunikativ geschulte Fachmann beherrscht.

 

Von der großen kommunikativen Herausforderung und Fähigkeit des Apothekers zur richtigen Deutung der Kundenaussagen und -wünsche sprach auch Richard Delfs, Dresden. Einerseits, so der Unternehmensberater, stellen Meinungsforschungsunternehmen immer wieder fest, wie positiv Kunden den Kauf in der Apotheke beurteilen. Andererseits schneiden Apotheken bei Testkäufen zum Beispiel der Stiftung Warentest immer wieder schlecht ab. Delfs sprach von widersprüchlichen Ergebnissen, die auf die besonderen Rahmenbedingungen des Apothekers zurückzuführen sind.

 

In die 21.500 deutschen Apotheken, so Delfs, kommen nette und schwierige, alte und junge, kranke und gesunde, beratungsleichte und beratungsintensive Patienten mit unterschiedlichem Temperamenten, unterschiedlichem Wissenstand und unterschiedlicher Lebenseinstellung: Ständig müsse sich der Apotheker auf die verschiedensten Erwartungen einstellen. Immer wieder müsse er dabei trotz Zeitdruck oder großem Andrang auch non-verbale und nicht immer eindeutige  Signale des Kunden interpretieren.

 

Könnte der Apotheker sich nur auf diese Aufgabe beschränken, wäre es für ihn leicht, so Delfs. Die Kommunikation werde jedoch noch zusätzlich unter anderem durch die immer wieder notwendige Erklärung der Rabattverträge und -arzneimittel erschwert. Führt der Apotheker fünfzig bis siebzig, an manchen Tagen auch mehr Kundengespräche, so werde er den Kunden in den meisten Fällen gerecht. Das, so Delfs, werde seit Jahren sehr beeindruckend durch die Ergebnisse führender Meinungsforschungsinstitute belegt. »Dass einzelne Testkäufer einmal vom Apotheker falsch eingeschätzt und damit nicht optimal beraten werden, ist bedauerlich, jedoch menschlich zu verstehen. Deshalb sollten Kunden in der Apotheke aktiv nachfragen, wenn etwas unklar geblieben ist«, sagte Delfs.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 43/2008

 

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