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Werther-Effekt: Der Tod der anderen

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Werther-Effekt

Der Tod der anderen


Von Michael Brendler / Suizide sind gefährlich, weil sie zur Nachahmung reizen. Der Streamingdienst Netflix will mit einer neuen Serie Suizidprävention betreiben. Die macht nun so ziemlich alles falsch, was man in dieser Hinsicht falsch machen könnte.

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Zunächst ist da nur dieser graue Spint, geschmückt wie ein Altar, vor dem Schüler mit dem Handy fürs Selfie posieren. Dazu ertönt die Stimme aus dem Off: »Hey, hier ist Hannah, . . . nimm dir was zu knabbern und mach’ es dir gemütlich, ich werde dir jetzt die Geschichte meines Leben erzählen«. Dass dieses Leben leider zu Ende ist, lässt schon der Titel der Serie ahnen: »Tote Mädchen lügen nicht«. Wie es so weit kommen konnte, wird der Netflix-Zuschauer in den folgenden dreizehn Teilen erfahren. In jedem nimmt sich Hannah einen ihrer angeblichen Peiniger vor, mithilfe der Audiokassetten, die sie ihnen hinterlassen hat. Ziel der Sendung sei es, so der Sender, Diskussionen anzuregen.




Foto: Photographee.eu


Das ist zweifelsfrei gelungen: Seitdem die Serie Ende März gestartet ist, gehen weltweit Psychologen und Psychiater auf die Barrikaden. Der Film könne Jugendliche selbst zum Suizid verführen, warnen sie. Denn 1981 hatte schon einmal ein Sender versucht, mit einer Serie Suizidprävention zu betreiben. In sechs Folgen wurde der »Tod eines Schülers« aus den Perspektiven seiner Mitmenschen unter die Lupe genommen, jede begann mit dem ikonischen Bild des toten Jünglings im Schnee neben den Gleisen. Doch statt Selbsttötungen zu verhindern, bewirkte der Film leider das Gegenteil, konnte Armin Schmidtke, Leiter der Arbeitsgruppe Primärprävention des deutschen Nationalen Suizidpräventionsprogramms, damals nachweisen: Während der Ausstrahlung und in den fünf Wochen danach verdreifachte sich die Zahl der Jungen ähnlichen Alters, die sich auf die gleiche Weise umbrachten. »Suizide können zur Imitation animieren und deshalb gewissermaßen ansteckend wirken – egal ob real oder fiktiv«, sagt Schmidtke. Deshalb erreiche man bei diesem Thema selbst mit gut gemeinten Projekten leider schnell das Gegenteil.

 

Die Produzenten hätten gewarnt sein können. Schon 1774 mussten Goethes Zeitgenossen beobachten, dass sich nach der Veröffentlichung von dessen »Leiden des jungen Werther« nicht nur auffällig viele junge Männer ebenfalls mit einer Pistole erschossen, sie taten dies sogar immer wieder in der Kleidung des Titelhelden. In Schulen, Militäreinheiten und auf psychiatrischen Stationen wurden sogar regelrechte Suizid-Epidemien beobachtet.

 

Eine Suizid-Epidemie kann sogar ganze Nationen ergreifen. Ungarn kämpft schon seit Jahrzehnten darum, in den entsprechenden Statistiken nicht mehr ganz vorne zu liegen. Vergeblich. In der ungarischen Kultur, vermutet Manfred Wolfersdorf, der langjährige Chefarzt der Klinik für Psychiatrie in Bayreuth, werden Suizidversuche weniger negativ bewertet als in anderen Ländern. Tatsächlich fanden Forscher Anhaltspunkte, die diese These stützen. Verglichen mit den Zeitungen und Sendern in anderen Ländern, so arbeiteten sie heraus, schildern ungarische Medien Selbsttötungsversuche positiver oder heroisieren sie sogar.

 

Als es schließlich so weit ist, im dreizehnten Teil, hat Hannah alles säuberlich vorbereitet. Das Badewasser ist eingelassen, sie hat sich alte Klamotten angezogen – dann zeigt Netflix detailliert wie das junge Mädchen sich tötet. Es ist vor allem diese Szene, die Miriam Wittemann, die leitende Psychologin in der Psychiatrie der Uniklinik des Saarlandes, an dem Film zweifeln lässt: »Ich finde, die Macher von ›Tote Mädchen lügen nicht‹ sprechen viele wichtige Themen sensibel an, aber sie verletzen dabei so ziemlich alle Leitlinien, die es für den medialen Umgang mit solchen Themen gibt.«




Nach Veröffentlichung von Goethes »Leiden des jungen Werther« 1774 gab es durch die Identifikation mit dem Titelhelden regelrechte Suizid- Epidemien.

Foto: Fotolia/Annette Schindler


Besonders ansteckend für einen Suizidgefährdeten, so weiß man inzwischen, ist die genaue Handlungsanweisung – mancher braucht leider nur noch ein Vorbild, wo und wie man sich umbringen könnte, um sein schreckliches Vorhaben in die Tat umzusetzen. Je detaillierter und je idealisierender die Tat wiedergegeben wird, desto mehr Nachahmer findet sie deshalb. Besonders wenn sie wie in »Tote Mädchen lügen nicht«, wie Wittemann findet, durch Darstellung und Drehbuch manchmal geradezu verherrlicht wird.

 

Besonders fatal ist es, wie der tragische Fall des deutschen Nationalmannschafts-Torwarts Robert Enke belegt, wenn das Opfer auch noch sympathisch erscheint. Dass sich nach dem Tod des Fußballers auf den Bahngleisen 2009 jeden Tag statt der üblichen zwei bis drei acht bis zehn junge Männer auf die gleiche Art und Weise umbrachten, hat laut Schmidtke vor allem damit zu tun, dass Enke gerade für junge Männer eine Identifikationsfigur war. Die Imitation ging sogar soweit, dass sich viele an den gleichen Ort und mit dem gleichen Outfit auf die Schienen legten.

 

Mädchen besonders gefährdet

 

Frauen kopierten die Tat dagegen nicht. Auch die Ähnlichkeit des Vorbilds mit der eigenen Person spielt eine große Rolle. Das heißt aber nicht, dass sie als Nachahmungstäter generell nicht in- frage kommen, im Gegenteil. Gerade junge Mädchen, sagt Schmidtke, ließen sich von Zeitgeist und Vorbildern besonders gerne anstecken. Auch deshalb ergreift das Phänomen des selbstverletzenden Ritzens manchmal ganze Klassen. Ohnehin unternehmen weibliche Teenager in ihrer empfindlichen Selbstfindungs-Phase mehr Selbsttötungsversuche als alle anderen Bevölkerungsgruppen. Die Netflix-Serie, kritisiert der Psychologe, ziele deshalb auf eine besonders empfindliche Gruppe.

 

Und was macht der Film? Er präsentiert den Teenagern die hübsche und selbstbewusste Hannah nicht nur als Identifikationsfigur, er geht auch detailliert auf die Gefühle und Gedanken seiner Titelheldin ein. Doch je nachvollziehbarer ein Suizid wird, auch das haben Forscher herausgefunden, desto nachahmenswerter erscheint er einigen. Suizidprävention und Spielfilm – das verbietet sich deshalb eigentlich schon gegenseitig.

 

Auch der Faktor Prominenz übt eine gewisse Anziehungskraft auf lebensmüde Menschen aus. Das gilt sogar für Gebäude: Berühmte Kirchen und Türme werden besonders häufig aufgesucht.

 

Posthumer Rachefeldzug

 

Die letzte Kassette widmet sich schließlich dem Vertrauenslehrer. Auf die recht unverschlüsselt geäußerten Suizidabsichten von Hannah geht er kaum ein, man hätte sie doch nicht von ihrer Tat abhalten können, wird er später sagen. »Was ist das für eine Botschaft? Wo bleibt das Positive?«, fragt sich Miriam Wittemann. »Wo die Lösungen, die das Leben noch bietet?«

 

Von den Erwachsenen endgültig enttäuscht, bereitet der Teenager anschließend mithilfe der Kassetten seinen posthumen Rachefeldzug vor. Nach ihrem Tod wird sie ihre Mitschüler zwingen, sich mit ihren Anklagen auseinanderzusetzen. Die Täter leiden lassen, ihnen vor Augen führen, was sie einem angetan haben, von dieser Sehnsucht berichten Überlebende immer wieder. Dass sie davon nichts mehr haben, sagt Wittemann, »kommt den meisten nicht in den Sinn«. »Tote Mädchen lügen nicht« wird ihnen diese Illusion jedenfalls nicht nehmen.

 

1981 gelang es Armin Schmidtke und seinen Mitstreitern zwar nicht, eine erneute Ausstrahlung des »Tod eines Schülers« zu verhindern, aber an anderer Stelle gab das ZDF schließlich nach. Die fatale Anfangssequenz wurde herausgeschnitten, auf einen Weiterverkauf des Films verzichtete man in Mainz. Auch »Tote Mädchen lügen nicht« werde man weder Netflix noch den Jugendlichen verbieten können, das steht für den Psychologen außer Frage. Deshalb seien den Eltern aber noch lange nicht die Hände gebunden: »Reden Sie mit Ihren Kindern. Sprechen Sie die Dinge offen an«, lautet sein Rat: »Suizid ist immer die Abwesenheit des anderen.« /



Beitrag erschienen in Ausgabe 24/2017

 

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