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Schlaganfall: Der Weg zurück ins Leben

TITEL

 
Schlaganfall

Der Weg zurück ins Leben


Von Nicole Schuster / Die Behandlung des zerebralen Insults bei Erwachsenen ­ist ein strukturierter Prozess. Sind Kinder ­betroffen, müssen Ärzte oft Einzelfallentscheidungen treffen. Für die Rückkehr in den Alltag, in Ausbildung und Beruf ist eine bedürfnisgerechte Rehabilitation wesentlich. Der Übergang von der Klinik nach Hause erfordert Planung.

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Es ist ein einschneidendes Erlebnis für den Patienten und die ganze Familie: Nach einem Schlaganfall ist nichts mehr wie zuvor. Jeder Zweite, der ihn überlebt, wird zum Pflegefall. Für viele aktive Erwachsene und Erwerbstätige bedeutet das Leben danach ein Leben mit angezogener Handbremse.




Auch Kinder und sogar Neugeborene können einen Schlaganfall bekommen. Drei Viertel ­erleiden bleibende Schäden.

Foto: Fotolia/Olesia Bilkei


In Deutschland erleiden jedes Jahr bis zu 280 000 Menschen einen Apoplex. Etwa ein Viertel bis ein Drittel stirbt innerhalb eines Jahres. Von den Überlebenden sind 40 bis 50 Prozent noch ein Jahr später auf fremde Hilfe angewiesen und leiden unter bleibenden Behinderungen.

 

In Deutschland ist der Insult die zweithäufigste Todesursache und weltweit gilt er als einer der häufigsten Gründe für Morbidität und Mortalität. Behandlung und Pflege – oft lebenslang nötig – bedeuten immense Kosten für die Krankenkassen (1, 2). Das Problem wird in den nächsten Jahren zunehmen, da die Patienten immer jünger werden. Gegenwärtig liegt das Durchschnittsalter beim ersten Schlaganfall bei 69 Jahren. Fast jeder Fünfte ist jünger als 55 Jahre (3).

 

Auch die ganz Jungen verschont der Hirnschlag nicht. In Deutschland trifft es jedes Jahr mehr als 300 Kinder und Jugendliche. Fast ein Drittel davon sind Neugeborene. Warum Kinder im ersten Lebensjahr und in bestimmten Zeitfenstern vor der Geburt besonders ­gefährdet sind, ist noch unklar (4). ­Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus, da nicht jeder kindliche Insult erkannt wird.

 

Andere Auslöser bei ­Kindern

 

Während bei Erwachsenen als Auslöser die klassischen Risikofaktoren wie erhöhte Blutfettwerte, Bluthochdruck und Übergewicht zu berücksichtigen sind, spielen bei Kindern eine genetische Veranlagung, Gefäßmissbildungen und kardiogene Ursachen wie ­angeborene Herzfehler oder Herzerkrankungen eine Rolle (Tabelle 1).


Tabelle 1: Unterschiede bei jungen Schlaganfallpatienten (Kindern) und Erwachsenen (7)

Punkt Kinder Erwachsene 
Ursachen eher genetische Veranlagung, angeborene Gefäßmissbildungen oder Herzerkrankung klassische Risikofaktoren wie Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte, Übergewicht 
Symptome ähnlich wie bei Erwachsenen, bei Kleinkindern auch Krampfanfälle oder Einnässen plötzliche Lähmungen, Seh- und/oder Sprachstörungen, Kopfschmerzen, Schwindel und Gangunsicherheit 
Zeitpunkt der Diagnose durchschnittlich 24 Stunden nach Auftreten meist innerhalb weniger Stunden 
Therapie intensivmedizinische Behandlung, Stellenwert der Lyse-Therapie unklar; hoher Stellenwert der Sekundärprophylaxe und Beseitigung der Risikofaktoren Behandlung auf der Schlaganfall-Einheit (Stroke-Unit), Lyse-Therapie oder eventuell mechanische ­Thrombektomie bei ischämischem Schlaganfall; bei großen Schlaganfällen oder Blutungen gegebenenfalls Operation mit Schädelöffnung, umfangreiche Sekundärprophylaxe 

Neben von Geburt an abnormal geformten Arterien können auch einige Infektionskrankheiten wie Windpocken oder Hirnhautentzündungen als Komplikation Veränderungen der Blutgefäße hervorrufen und dadurch das Schlaganfallrisiko erhöhen. Ein Zusammenhang zwischen dem kindlichen Hirnschlag besteht zudem mit Bluterkrankheiten (Hämophilien), der Sichelzellanämie sowie angeborenen oder ­erworbenen Thrombophilien. Auch einige Stoffwechselkrankheiten wie die Homocystinurie, bei der der Aminosäurestoffwechsel gestört ist, Dehydrata­tion, mütterliche Unfruchtbarkeit in der Krankheitsgeschichte, Schwangerschaftskomplikationen wie eine Entzündung der Eihäute oder auch ein frühzeitiger Blasensprung und Präeklampsie sind als Ursache möglich (4, 5, 6).

 

Nur bei etwa zwei Drittel der kleinen Patienten finden Ärzte eine oder mehrere Ursachen. Deren Kenntnis ist jedoch wichtig für therapeutische Entscheidungen sowie für die Abschätzung der Gefahr von Folgeinsulten (7, 8, 9). »Bei Kindern ist das Rezidivrisiko immens hoch, wenn Gefäßmissbildungen oder Herzfehler den Hirninfarkt verursacht haben und nicht behandelt werden«, sagt Dr. Daniel Tibussek, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in Sankt Augustin, im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung.

 

Kein Gedanke an ­Schlaganfall

 

Die erste Herausforderung besteht darin, den kindlichen Apoplex überhaupt zu erkennen. Zwar ähnelt das klinische Erscheinungsbild gerade bei älteren Kindern mit Anzeichen wie Seitenlähmung sowie Seh-, Sprach- und Gleichgewichtsstörungen dem bei Erwachsenen. Allerdings können die Symptome einen stotternden Verlauf nehmen, das heißt kurzzeitig auftreten, sich wieder bessern und wenig später in voller ­Ausprägung zurückkehren. Bei Klein­kindern sind auch subtilere und un­charakteristische Erscheinungen wie Krampfanfälle, die bisweilen nur in ­einem Arm oder Bein auftreten, mög­liche Hinweise auf einen Schlaganfall (6).

 

»Weder Eltern noch Pädiater denken bei neurologischen Symptomen in der Regel daran, dass das Kind einen Schlaganfall haben könnte«, so Tibussek. Wertvolle Zeit geht verloren, wenn Familien in der Hoffnung auf spontane Besserung erst einmal abwarten. »Auch in den Kliniken dauert es meist zu lange, bis die Diagnose schließlich steht«, weiß der Kinderneurologe. »Während standardisierte Abläufe für erwachsene Schlaganfallpatienten vorliegen, kommt es bei Kindern zu Verzögerungen auf allen Ebenen.« Auch sei zu bedenken, dass die Bandbreite an möglichen Differenzialdiagnosen beim Nachwuchs groß ist.

 

In Deutschland werden Schlaganfälle bei Kindern durchschnittlich erst 24 Stunden nach dem Auftreten diagnostiziert. Eine Standardtherapie gibt es nicht und Ärzte müssen in der Regel Einzelfallentscheidungen treffen. Unstrittig ist die Notwendigkeit einer ­intensivmedizinischen Überwachung und der Neuroprotektion. Darunter verstehen Ärzte Maßnahmen, um Körpertemperatur, Blutdruck und Blutzucker im Normalbereich zu halten (6, 10). Die medikamentöse Lyse eines Thrombus erfolgt bei Kindern bisher nur in Studien. Ihr Nutzen-Risiko-Verhältnis ist noch unklar, außerdem ist es zum Zeitpunkt der Diagnosestellung oft schon zu spät.

 

»Große Bedeutung kommt der Rückfallprophylaxe zu«, betont Tibussek. »Hier setzen wir Heparin oder ­Acetylsalicylsäure ein.« Das nicht steroidale Antirheumatikum ist zwar bei Kindern mit der Gefahr eines Reye-Syndroms assoziiert. Allerdings entsteht die seltene Erkrankung dosisabhängig und wurde in der Rückfallprophylaxe nach Schlaganfall noch nicht beobachtet (5).

 

Langzeitprognose besser als bei Erwachsenen

 

Mehr als 75 Prozent der Schlaganfallkinder erleiden dauerhafte Schäden. Bei einem Insult in den ersten Lebensmonaten können die Beschwerden sogar über die ersten Lebensjahre hinweg zunehmen. Zu den häufigen Folgen gehören kognitive Defizite. »Der mittlere Gesamt-IQ betroffener Kinder bewegt sich meist im unteren Durchschnitt und sie sind in ihrer Aufmerksamkeit sowie in ihren Exekutivfunktionen eingeschränkt«, berichtet Tibussek. Zudem träten Verhaltensprobleme auf. Störungen betreffen oft auch die ­Motorik, die sprachliche Entwicklung und visuelle Wahrnehmung. Ein Teil der Kinder leidet an wiederkehrenden epileptischen Anfällen (4, 7, 9).

 

»Insgesamt ist die Langzeitprog­nose der Kinder aber dennoch besser als beim Apoplex bei älteren Erwachsenen«, so der Arzt. Die Prognose hänge unter anderem ab vom Alter beim Schlaganfall, von Ätiologie, Ausmaß und Lokalisation der Ischämie, Schweregrad der Initialsymptomatik sowie Qualität der Erstversorgung.




Eine intensive ­Förderung, zum Beispiel mit einer Logopädin, hilft den Kindern, ihre Fähigkeiten zu üben und weiter­zuentwickeln.

Foto: Fotolia/ Dan Race


Um die Betreuung von pädiatrischen Schlaganfallpatienten in Deutschland zu verbessern, entwickelt ein Netzwerk aus Kinderneurologen derzeit Leitlinien zur Behandlung. Geplant ist außerdem, bundesweit spe­zialisierte Zentren zu eröffnen. Hier sollen Kinder auch noch Jahre nach dem Ereignis von Experten beobachtet und unterstützt werden können.

 

Kinder, die von klein auf mit Behinderungen infolge eines Schlaganfalls leben, kommen damit im Vergleich zu ­Erwachsenen oft besser zurecht. Sie brauchen neben einer kindgerechten Reha oft spezifische Unterstützung, die ihnen einen kind- und jugendgerechten Alltag und die Teilnahme an Schule und Ausbildung ermöglichen (Kasten). Dazu gehören zum einen bedürfnisgerechte Therapien, die etwa Sprechstörungen oder motorische Probleme adäquat behandeln, zum anderen aber auch Hilfsmittel wie Spezialtastaturen, die bei körperlichen Einschränkungen erforderlich sein können. Beratungseinrichtungen unterstützen bei der Auswahl einer geeigneten Schulform. Bei der Suche nach einer Ausbildungsstelle sollten junge Erwachsene auch darauf achten, ob der Arbeitsplatz für sie barrierefrei eingerichtet ist oder entsprechend umgestaltet werden kann. Um einen Nachteilsausgleich zu bekommen, kann für Schüler, Auszubildende oder Studierende die Beantragung eines Behindertenausweises sinnvoll sein.

 

Bei älteren Jugendlichen und Erwachsenen treten zusätzlich zu den direkten Folgen des Schlaganfalls häufig auch depressive Störungen auf, die gesondert behandelt werden müssen. Junge Erwachsene, die Verantwortung für Ehepartner, Kinder und/oder Eltern haben, sorgen sich nicht nur um sich selbst, sondern auch um die Zukunft ihrer Familie. Bleibende Behinderungen und Berufsunfähigkeit können existenzbedrohend sein.

 

Moderne Technik ­unterstützt die Reha

 

Um die Folgen möglichst gering zu halten, sind eine intensive Rehabilitation und Nachbehandlung für alle Patienten, ob jung oder alt, essenziell. »Die Betroffenen tun sich am leichtesten, wenn sie das Rehabilitationsprogramm mitgestalten, eigenverantwortlich mitarbeiten und realistische Ziele formulieren«, sagt Professor Dr. Michael ­Jöbges von der Brandenburgklinik Berlin-Brandenburg GmbH in Bernau bei Berlin gegenüber der PZ. Ideal sei ein nahtloser Übergang von der Akutklinik zur neurologischen Rehabilitationsklinik. Der Aufenthalt dort kann einige Wochen bis Monate dauern (11). Eine Arbeitsgruppe des Verbands Deutscher Rentenversicherungsträger (VDR) unterteilt den Verlauf in sechs Phasen ­(Tabelle 2).


Tabelle 2: Phasenmodell der neurologischen Rehabilitation (1, 19, 20)

Phase Zustand des Patienten Maßnahmen Ziele 
Phase A: Erstbehandlung in ­einer Akutklinik, initial Rettungsstelle, dann in der Regel auf der Stroke-Unit oder ­Intensivstation außer Lebensgefahr Akutversorgung, Diagnostik und Therapie Wiederherstellung des ­Blutflusses im Gehirn; ­Verhinderung von ­Komplikationen; Identifizierung der Ursachen 
Phase B: ­Frühmobilisation und Frührehabilitation leidet oft noch unter ­Bewusstlosigkeit oder schweren Bewusstseinsstörungen; Kooperationsfähigkeit ist eingeschränkt intensive postakute Überwachung Patient soll ins »bewusste« ­Leben zurückgeholt und zur Mitarbeit angeregt werden 
Phase C: weiterführende ­Rehabilitation bei klarem Bewusstsein, kann bei den Therapien aktiv mitwirken hoher Aufwand in Pflege/­Therapie Frühmobilisierung: Lagerung des Patienten, Gelenk­mobilisation, Aufsetzen und Aufrichten in den Stand 
Phase D: Anschluss­- heilbehandlung (AHB) bereits weitgehend ­selbstständig und kann an den Therapiezielen aktiv ­mitarbeiten auf individuelle Bedürfnisse abgestimmtes neurologisches Training Wiederherstellung der ­Funktionsfähigkeit im Alltag und Berufsleben, Vermeidung von Pflegebedürftigkeit 
Phase E: Nachsorge und berufliche Rehabilitation kann zu Hause wohnen und ist bereit zur ­schulischen oder ­beruflichen Integration Förderlehrgänge, Arbeitstherapie, Belastungserprobung, bei Bedarf Einleitung von ­Umschulungsmaßnahmen, ­Aufnahme in eine Werkstatt für behinderte Menschen berufliche oder schulische ­Wiedereingliederung, ­Vermeiden einer vorschnellen Rentenbeantragung 
Phase F: medizinisch- aktivierende Langzeitpflege leidet unter schweren ­neurologischen und ­geistig-seelischen Störungen,ist nicht mehr zu einem selbstständigen Leben fähig aktivierende Langzeitpflege Versorgung des Patienten im häuslichen Umfeld oder in einer spezialisierten Einrichtung 

In der Rehabilitationsklinik erwartet den Betroffenen eine multidisziplinäre Behandlung, die sich auf seine individuellen Bedürfnisse einstellt. Der Patient muss aktiv mitarbeiten. »Man kann nicht wieder zum Gehen massiert werden«, sagt Joebges. Sein Tipp: persönliche Ziele setzen. »Wer beispielsweise in einer Wohnung im ersten Stock lebt, kann es sich zum Ziel machen, wieder Treppen steigen zu können.«

 

Bei halbseitigen Lähmungen (Hemiplegie) ist seit mehr als 70 Jahren das Bobath-Konzept weltweit etabliert. Es wurde in den 1940er-Jahren entwickelt zur Behandlung von Menschen, die infolge von Schädigungen im zentralen Nervensystem halbseitig gelähmt sind. Ziel ist es, dass der Patient so viel Selbstständigkeit wie möglich erreicht und mit seinen Einschränkungen zu leben lernt. Dabei berücksichtigt das Konzept seine körperliche, soziale, emotionale und berufliche Situation. Charakteristisch sind ein 24-Stunden-Ansatz und dass neben dem Patienten und dem multidisziplinären Behandlungsteam auch die Angehörigen miteinbezogen werden. Der Patient trainiert zunächst einfache und kleine ­Teilschritte des Bewegungsmusters und später den kompletten Ablauf. Der Nutzen des Bobath-Konzepts ist allerdings unter Experten umstritten.


Tipps für Schlaganfallkinder

Fördermaßnahmen für Schule und Ausbildung und interessante Angebote für die Freizeit sind wichtig, um Kindern nach einem Schlaganfall eine gute Basis fürs Erwachsenenleben und eine angenehme Jugend zu ermöglichen.

 

Junge Menschen wachsen heute mit dem Computer auf. Nach einem Schlaganfall braucht das Kind womöglich Hilfsmittel, um die Computertastatur bedienen zu können. Mit einer Einhandtastatur oder einer ­Tastatur speziell für Personen mit eingeschränktem Greiffeld können sie am PC schreiben. Ein Gelenkstativ ­erleichtert die Benutzung von Maus­ersatzgeräten oder Tastern. Beim ­Schreiben und Zeichnen mit der Hand unterstützen Hilfsmittel wie spezielle Lineale, die auch mit Handicap bedienbar sind. Mit einem Scherenblock können Kinder einhändig schneiden und mit einer Schreibplatte mit Magnetlineal gelingt das Schreiben oder Zeichnen mit nur einer Hand. Weitere Tipps ­unter www.schlaganfall-kinder.de/schaki-wiki/index.html (18).


Viele Patienten fühlen sich jedoch nach dem durchstrukturierten Versorgungspaket in der Klinik im Alltag allein gelassen. »Da ein konkretes Konzept für eine umfassende Nachsorge ebenso wie eine Qualitätskontrolle fehlen, hängt nicht nur viel von der Erfahrung des Hausarztes mit den komplexen Problemen von Schlaganfallpatienten ab, sondern auch vom Eigenengagement des Patienten und seiner Angehörigen«, betont Professor Dr. Andreas Meisel von der Klinik für Neurologie an der Charité Universitätsmedizin Berlin im Gespräch mit der PZ. Für den individuellen Beschwerdekomplex des Patienten sei ein umfassender Therapie­ansatz mit Medikamenten, Hilfs- und Heilmitteln nötig, der in der Praxis häufig nicht erreicht wird. Willkommene Unterstützung bietet ein Apotheker, der ermutigt und Kontakte zu geeigneten Ärzten, speziellen Beratungseinrichtungen oder Selbsthilfegruppen vermitteln kann. Zudem kann er die Betroffenen auf ihre Rechte, etwa in der Hilfsmittelversorgung, hinweisen.

 

Eine große Herausforderung ist die Umsetzung des in der Klinik Gelernten im Alltag. Aktivitäten wie Körperpflege, Anziehen, Essen oder Treppensteigen mögen im geschützten Bereich der Klinik gelungen sein, überfordern die Betroffenen aber im heimischen Umfeld. Faktoren wie Telefonklingeln oder nicht behindertengerechte Strukturen stören die Routine (13). Joebges rät, schon während der Rehabilitation zusammen mit den dortigen Experten ein Heimübungsprogramm zu erstellen. »Patienten können ihre wiedergewonnenen Fähigkeiten dann im Alltag zu Hause weiter trainieren und vielleicht sogar verbessern.«




In der Reha-Klinik erhalten Schlaganfall-Betroffene eine multidisziplinäre, individuell abgestimmte Behandlung, aber auch in der Nachsorge ist viel Training angesagt.

Fotos: Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe


 

Neuere Programme beinhalten oft auch technische Hilfen, etwa beim Laufbandtraining mit Körpergewichtsentlastung. Eine per Elektromyogramm (EMG) gesteuerte Elektrostimulation soll dem Übenden helfen, verlorengegangene Bewegungsabläufe leichter wieder zu erlernen. Die Therapien erfordern viel Motivation vom Patienten. So ist er zum Beispiel aufgefordert, beim Forced-Use-Training gezielt die schwerer betroffene Körperseite für Aufgaben zu verwenden, um diese zu stärken. Eine Übersicht möglicher ­Therapien hat die Deutsche Schlag­anfallhilfe zusammengestellt (www.schlaganfall-hilfe.de/therapieuebersicht).


Nach der Klinik: Wie geht es weiter?

 

Die Wirksamkeit der stationären Rehabilitationsbehandlung ist in Studien bestätigt. Haben sich Folgeschäden zurückgebildet, können Therapien auch teilstationär oder ambulant erfolgen (12). Ob nach der Rehabilitation in der Klinik eine Rückkehr nach Hause möglich ist, hängt von der Wohnsituation und der erzielten Selbstständigkeit ab. Bei guter Unterstützung, zum Beispiel durch einen Partner oder Familie, ist auch bei bleibenden Folgeschäden in der Regel ein Leben im alten Zuhause möglich. In anderen Fällen kann die ­Unterbringung in einer betreuten Einrichtung erforderlich sein.


Rückkehr ins Leben und den Beruf



Bis zu 15 Prozent der erwachsenen Patienten erleiden im Folgejahr einen weiteren Schlaganfall. Der Sekundär­prophylaxe kommt eine entsprechend große Bedeutung zu. Dazu gehören Medikamente wie Acetylsalicylsäure zur Thrombozyten-Aggregationshemmung. Aber auch Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht oder Bewegungsmangel müssen reduziert und Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes und Herzerkrankungen konsequent behandelt werden. Letzteres kann manchmal schon durch eine gesunde Lebensweise erreicht werden, meistens ist aber eine medikamentöse Behandlung erforderlich.




Zurück zur Familie: Das ist der größte Wunsch vieler Schlaganfall-­Patienten – gerade wenn sie noch kleine Kinder ­haben.

Foto: Fotolia/amelaxa


»Viele Patienten sind nach einem Schlaganfall hoch motiviert, etwas nachhaltig an ihrem Lebensstil zu verändern«, erzählt Meisel. Jedoch sinke die Compliance oft schon zwei bis drei Monate nach dem Klinikaufenthalt stark. Anregungen etwa zur ausgewogenen Ernährung gibt auch der Apotheker.

 

Ein Ziel der Rehabilitation ist, dass Jugendliche in die Ausbildung und Erwerbstätige in den Beruf zurückkehren können. Je nach verbliebenen Fähigkeiten ist ein Fortsetzen der bisherigen Tätigkeit möglich oder ein Neuanfang mit einem neuen Aufgabenbereich erforderlich. Bei der Wiedereingliederung in den Beruf besteht die größte Herausforderung darin, die beruflichen Anforderungen an die verbliebene Leistungsfähigkeit anzupassen (14).

 

Wie gut das gelingt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. »Wichtig ist, dass Patienten individuelle und für sie persönlich geeignete Motivatoren haben, sich ins Leben und in die Berufstätigkeit zurückzukämpfen«, sagt Meisel. »Für den einen ist es die Familie, bei einem anderen können es Haustiere, Freunde oder einfach die Neugier aufs Leben und auf das, was noch kommen mag, sein.« Denn auch nach einem Schlaganfall ist längst nicht alles vorbei. /

 

Literatur bei der Verfasserin


Antrag auf Rehabilitation: Wer, wie und an wen?

Eine Rehabilitation müssen berufstätige Patienten in der Regel bei ihrem Rentenversicherungsträger und Berentete bei ihrer Krankenkasse beantragen. Ausnahmen sind die neurologische Frührehabilitation, für die in der Regel die Krankenkasse zuständig ist, sowie die Rehabilitation bei Arbeitslosen, für die die Bundesagentur für Arbeit oder das Sozialamt der richtige Ansprechpartner sein können. Betroffene sollten sich in ihrer Klinik an den Sozialdienst wenden, der sie berät und unterstützt. Alternativ finden sie bei den gemeinsamen Servicestellen für Rehabilitation Hilfe (www.reha-servicestellen.de). Eine Anschlussheilbehandlung (AHB)/Phase D muss während der Krankenhausbehandlung beantragt werden, da sonst der Anspruch erlischt.

 

Bei der Auswahl der Reha-Einrichtung versuchen die Träger, die Wünsche des Patienten zu berücksichtigen. Gegen eine Ablehnung des Antrags kann man innerhalb eines Monats Widerspruch einlegen. Gibt es grünes Licht, geht alles ganz schnell. Für junge Familien ist eine finanzielle Absicherung wichtig. Sie können Übergangsgeld, Reisekosten oder einen Zuschuss für eine Haushaltshilfe beantragen. Ein Baby oder Kleinkind können Eltern meist in die Reha-Einrichtung mitnehmen.

 

Wenn Patienten eine Reha-Maßnahme wiederholt in Anspruch nehmen wollen, müssen sie bis zur nächsten Beantragung mindestens vier Jahre warten oder ein Gutachten des Medizinischen Dienstes der Krankenkasse vorlegen (11, 16, 17).


Dysphagie: Im Halse steckenbleiben

Zur logopädischen Behandlung nach einem Schlaganfall zählt nicht nur die Therapie von Sprechstörungen, sondern auch die von Schluckstörungen, sogenannten Dysphagien (15). Deren Tragweite wird oft unterschätzt. Etwa jeder zweite Patient leidet nach dem Hirnschlag akut daran, bei jedem Vierten wird die Störung chronisch.

 

Gefährlich sind Aspirationen, also das Eindringen von Speichel oder Nahrungsbestandteilen in die Luftröhre. Es drohen schwere, oft lebensbedrohliche Lungenentzündungen. Bei Patienten mit neurologischen Schäden nach einem Schlaganfall können Aspirationen still verlaufen, wenn die normalerweise reflektorisch ausgelöste Hustenreaktion nicht mehr funktioniert. Auch eine unzureichende Ernährung und Dehydratation sind mögliche Folgen. Zudem büßen Betroffene an Lebensfreude ein, da Essen und Trinken keinen angenehmen, belohnenden Aspekt mehr haben, sondern mit Angst und Versagensgefühlen verbunden sind.

 

Ein regelmäßig und langfristig angesetztes Training mit einem spezialisierten Logopäden kann das Problem bessern. Drohen Mangelernährung und Austrocknung, kann vorübergehend die Ernährung über eine Magensonde (PEG) erforderlich sein.


Die Autorin

Nicole Schuster studierte zwei Semester Medizin in Bonn, dann Pharmazie und Germanistik in Bonn und später in Düsseldorf. Während ihres Studiums machte sie Praktika bei verschiedenen wissenschaftlichen Verlagen. Nach dem zweiten Staatsexamen und der Approbation 2010 absolvierte Schuster ein Aufbaustudium in Geschichte der Pharmazie in Marburg und wurde 2016 mit ihrer Dissertation »Traditionelle pflanzliche Febrifuga als moderne Phytopharmaka« zum Doktor der Naturwissenschaften promoviert. Die PZ-Leser kennen Dr. Schuster als Autorin zahlreicher Fachbeiträge.

 

Dr. Nicole Schuster
Zimmererstraße 9
92318 Neumarkt

E-Mail: nicole.m.schuster@gmx.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 24/2017

 

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