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Datenanalyse: Patient hat Recht auf Unvernunft

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Datenanalyse: Patient hat Recht auf Unvernunft
 


Wie verändert die Digitalisierung im Gesundheitswesen unsere Gesellschaft und die Wahrnehmung des eigenen Körpers? Um diese ethische Frage zu diskutieren, hatte das Bundesgesundheitsministerium (BMG) zum zweiten netzpolitischen Dialog in Berlin eingeladen. Die Teilnehmer waren sich erstaunlich einig: Es gibt Nebenwirkungen der vernetzten Welt, aber die Vorteile überwiegen.
 
Apps, Wearables & Co. – Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) bezeichnete sie als «digitale Heilmittel, bei denen wir auch auf den Beipackzettel schauen müssen». Den Diskussionsteilnehmern zufolge ist eine der größten Gefahren der Softwareanwendungen die Verunsicherung, die sie beim Patienten auslösen. Dieser wisse meist nicht, wie er seine etwa vom Smartphone aufgezeichneten Gesundheitsdaten zu interpretieren habe, so Professor Judith Simon, Expertin für Ethik in der Informationstechnologie an der Universität Hamburg. «Die Informationen können eine Motivation oder Demotivation darstellen.» Simon forderte daher, die Datenauswertung nicht den Nutzern selbst zu überlassen, sondern in die Hände von Spezialisten zu geben. Zudem wies sie auf das Problem hin, dass Patienten in Zukunft den Gesundheitsbewertungen ihres Wearables mehr Vertrauen schenken können als dem eigenen Körpergefühl. Das könne beispielsweise passieren, wenn jemand sich ausgeschlafen fühlt, die App aber eine schlechte Schlafqualität feststellt.
 
Apps & Co. hätten auf jeden Fall einen verstärkenden Effekt, ist der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Professor Peter Dabrock, überzeugt. «In welche Richtung der Effekt geht, hängt davon ab, ob er auf einen Pessimisten oder einen Optimisten trifft.» Kritisch würde die Aufzeichnung der persönlichen Gesundheitsdaten aber erst dann, wenn sie den Nutzer durch diese Verhaltensspiegelung in eine Abhängigkeit führe. «In dem Fall halten wir die von außen vorgesetzten Maßstäbe für normal.» Dabrock zufolge müssen zehntausend Schritte am Tag nicht in jedem Fall gesund sein. Etwa dann nicht, wenn es dem Wohlbefinden zuträglicher sei, über einem Glas Wein den Streit mit dem besten Freund aus dem Weg zu schaffen. Das sieht auch Gröhe so: «Ein digitales Hilfsmittel darf nie zu einer schrillen Ersatzreligion werden, sondern muss stets Knecht und nicht Herr bleiben.»
 
Die zunehmende Datensammlung hält Gröhe jedoch hierzulande für unausweichlich, um für die Patienten in Zukunft eine individuellere Medizin und damit eine bessere Therapie mit weniger Irrwegen zu ermöglichen. Doch macht die Big-Data-Entwicklung die Deutschen solidarischer, weil sie mit der Weitergabe ihrer Datensätze auch anderen helfen? Oder plagt die Nutzer vielmehr die Angst vor Sanktionen etwa von den Kassen, wenn eine Software ihren ungesunden Lebensstil aufzeichnet? «Jeder hat das Recht auf Unvernunft», betonte der Chef der Techniker Krankenkasse, Jens Baas. Das sei Teil der Datenethik. Eine Weitergabe bleibe freiwillig. Dem stimmte auch Dabrock zu. Seiner Ansicht nach sind sogar alle Menschen gesundheitsgefährdet und «die großen Gesundheitsprobleme ohnehin nicht beeinflussbar.» Ein Vergleich mit anderen in Hinblick auf einen gesunden Lebensstil sei demzufolge unsinnig. Ziel müsse es vielmehr sein, sich mithilfe digitaler Lösungen wohler zu fühlen.
Der Gesundheitsminister sieht in der Entscheidung für einen gesunden Lebensstil ohnehin schon einen solidarischen Gedanken. Durch eine Impfung beispielsweise schütze das Individuum sich nicht nur selbst, sondern auch seine Umwelt. Die größte Herausforderung der digitalen Entwicklung sieht Gröhe allerdings darin, die Bürger im kritischen Hinterfragen sowohl ihrer Daten als auch des eigenen Verhaltens zu schulen. Die Deutschen brauchen seiner Ansicht nach mehr Gesundheitskompetenz. Um das zu erreichen, arbeite das BMG bereits am Aufbau einer Internet-Plattform, über die Patienten künftig gesicherte medizinische Informationen abrufen könnten, so Gröhe. (je)
 
18.05.2017 l PZ
Foto: Fotolia/adam121
 

 

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