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Bindung: Frühe Erfahrungen prägen fürs Leben

MEDIZIN

 
Bindung

Frühe Erfahrungen prägen fürs Leben


Von Christina Hohmann-Jeddi / Eine ungünstige Kindheit kann man nicht einfach abschütteln: Die Qualität der zwischen­menschlichen Beziehungen in den ersten Jahren prägt das Gehirn langfristig und entscheidet mit über die psychische Gesundheit im Verlauf des Lebens. Studien zeigen, dass negative Bindungs­erfahrungen das Risiko für eine Reihe von Erkrankungen erhöhen.

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Nähe zu den engsten Bezugspersonen ist ein Grundbedürfnis von Kindern und essenziell für eine gesunde Entwicklung. Beim Kind ist dieses Bedürfnis nach Bindung biologisch angelegt. Das postulierte der britische Kinderpsychiater John Bowlby bereits in den 1950er-Jahren in der von ihm entwickelten Bindungstheorie. Ihr zufolge entwickelt ein Säugling im Laufe des ersten Lebensjahres eine spezifische emotionale Bindung an eine Hauptbindungsperson, die ihm – so hilflos, wie er allein ist – das Überleben sichert. Die Bindungsperson ist in der Regel, aber nicht notwendigerweise, die Mutter, sie stellt eine Art sicheren emotionalen Hafen dar. Dieser wird aufgesucht, wenn eine Situation bedrohlich erscheint. Hierfür ist beim Säugling ein Bindungsverhalten an­gelegt, das sich etwa in Schreien, Suchen der Bezugsperson, Nachlaufen und Festklammern äußert.

 




Kuscheln, liebevolle Zuwendung und rasches Eingehen auf die Bedürfnisse des Kindes sind die Grundlagen für eine sichere Bindung von Mutter und Kind.

Foto: Shutterstock/Syda Productions



Unterschiedliche Bindungsqualitäten

 

»Je nachdem, wie die Bezugsperson auf die Bedürfnisse des Kindes eingeht, erhält die Bindung eine entsprechende Färbung«, sagte Professor Dr. Eva Rass von der Hochschule Mannheim der PZ. »Wenn die Fürsorgeperson die kindlichen Bedürfnisse kontinuierlich und feinfühlig beantwortet, dann entwickelt das Kind eine zuversichtliche innere Einstellung, dass seine Bedürfnisäußerungen auch in seinem Sinn befriedigt werden.« Das Kind entwickelt also ein positives Bild von sich und von der Umwelt. Es entsteht eine sichere Bindung zur Bezugsperson.

 

Wenn ein Kind aber negative Erfahrungen macht, wird seine Einstellung auch negativer ausfallen. Das Kind erlebt seine eigene Wirkungslosigkeit – trotz Äußerung eines Bedürfnisses wird es nicht wahrgenommen. Das hat zur Folge, dass es weder sich selbst noch seiner Umwelt vertraut. Dauert dieser Zustand an, sind auch sein späteres Bindungs- und Beziehungsverhalten von Unsicherheit geprägt. »Fachlich spricht man dann von einer unsicheren Bindung«, sagte die analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Rass. »Daher ist Bedürfnisbefriedigung alles andere als Verwöhnen und sollte während der frühen Entwicklungszeit prompt erfolgen.«

 

Das erste Jahr

 

Entscheidend für die Entwicklung der Bindung sind die ersten zwölf Monate. Jedoch sind auch alle weiteren, ins­besondere die frühen Lebensjahre von großer Bedeutung. Rass zufolge hört die Bindungsentwicklung ein Leben lang nicht auf, da auch später sowohl günstige als auch ungünstige Erfahrungen mit ihren jeweiligen Auswirkungen gemacht werden.

 

Je nach Qualität der Beziehungen in der frühen Kindheit entwickeln Menschen somit bestimmte Bindungsstile. Diese lassen sich anhand eines Tests bestimmen, den die Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth in den 1970er-Jahren konzipierte. Im »Strange Situation Test« wird eine Mutter mit ihrem Kleinkind in einem Raum mit Fremden platziert. Nach einer Weile verlässt die Mutter den Raum. Je nach Reaktion des Kindes auf die Trennung und die spätere Wiedervereinigung kann man es einem von vier Bindungsstilen zuordnen: sicher gebunden, unsicher-vermeidend, unsicher-ambivalent und desorganisiert.

 

Sicher oder unsicher?

 

Sicher gebundene Kinder weinen bei der Trennung, lassen sich von einer fremden Person nicht trösten und freuen sich über die Rückkehr der Mutter. Bei unsicher-vermeidend gebundenen Kindern werden die Trennung von der Mutter und ihre Rückkehr dagegen weitestgehend ignoriert, zum Teil wird eine fremde Testperson der Mutter vorgezogen. Kinder mit einem unsicher-ambivalenten Bindungsstil wirken bei der Trennung massiv verunsichert, weinen, schlagen gegen die Tür und zeigen ihren Trennungsschmerz deutlich. Bei der Rückkehr der Bezugsperson klammern sie sich an diese, lassen sich aber dennoch kaum beruhigen. Der vierte Bindungsstil ist desorganisiert. Diese Kinder haben keine Verhaltensstrategie in bindungsrelevanten Stresssituationen, sie können mit Trennungs- und Wiedervereinigungssituationen nicht umgehen. Typische Reaktion ist Erstarren; die Kinder sind vor Angst gelähmt, überfordert und fühlen sich hilflos.




Je sicherer die emotionale Bindung, desto mutiger sind Kinder, denn erst wenn das Bindungsbedürfnis befriedigt ist, wird Explorationsverhalten möglich.

Foto: Shutterstock/Sabphoto


»Ein unsicherer Bindungsstil ist keine Erkrankung«, erklärte Rass. Allerdings erhöhe er das Risiko für eine Reihe von psychischen und körperlichen Erkrankungen. Denn die Entwicklung des Stressverarbeitungssystems ist bei einer gestörten Interaktion mit der primären Bezugsperson beeinträchtigt. »Dieses System entsteht insbesondere in den ersten 18 Monaten und wird ein Leben lang gebraucht, um Erregungen jedweder Art zu regulieren und zu meistern«, so Rass. »Es kann sich nur günstig entwickeln, wenn das Kind von außen eine körperlich betonte und von Wärme geprägte Regulation erfährt, denn nur auf diesem Weg kann sich eine stressregulierende neuronale Vernetzung entwickeln.« Wenn ein Kind in seiner frühen Lebenszeit eine gute Affektregulation erlebt hat, wenn also auf seine Gemütszustände angemessen eingegangen wurde, hat es im Verlauf des Lebens ein für die Stressverarbeitung günstiges Polster. Bei beunruhigenden Erfahrungen fällt das Stressverarbeitungspolster kleiner aus.

 

»Letztlich spielt ein ungünstiger Bindungsstil und die daraus resultierende unzulängliche Stressverarbeitung in fast alle Krankheitsphänomene hinein, da die durch Erregung und Stress aufkommende affektive Überflutung zu Verhaltensproblemen, aber auch zu psychosomatischen Erkrankungen führen kann«, sagte Rass. Eine unsichere Bindung wird mit Depres­sion, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen, ADHS, Suizidalität und Essstörungen in Verbindung gebracht (»World Psychiatry« 2012, DOI: 10.1016/j.wpsyc.2012.01.003). Da ein ungünstiger Bindungsstil über das Stressverarbeitungssystem auch das Schmerzempfinden beeinflusst, ist auch das Risiko für chronische Schmerzsyndrome wie etwa Fibromyalgie und für Kopfschmerzen erhöht.

 

Aber auch Erkrankungen des Verdauungs- und Herz-Kreislauf-Systems sind mit einer ungünstigen Bindung assoziiert, vor allem Schlaganfall, Herzinfarkt und Hypertonie (»Health Psychology« 2010, DOI: 10.1037/a0020061). »Wenn die innere Anspannung sehr hoch ist und keine inneren Stressbewältigungsstrategien bestehen, kann dies auch zu Unfällen wie Stürzen oder Autounfällen führen«, so Rass.

 

In der Therapie von psychischen Erkrankungen werde die Bindung bereits berücksichtigt. »Der bindungstheoretische Ansatz spielt bei allen psychischen Erkrankungen eine große Rolle. In der Kinderpsychotherapie findet das Konzept insbesondere in der Therapie von Säuglingen und Kleinkindern und den begleitenden Elterngesprächen Beachtung. Da die Eltern die primären Bezugspersonen sind, ist es wichtig, dass diese in eine reifere Elternschaft hineinwachsen, um den Kindern sicherheitsgebende Bindungserfahrungen zu ermöglichen.«

 

Prävention ist wichtig

 

Besser als eine unsichere Bindung zu behandeln, wäre, sie zu vermeiden. »Eigentlich sollten schon in die Säuglingskurse bindungstheoretische Ansätze integriert werden, da viele Eltern diesbezüglich – insbesondere wenn das gesunde Bauchgefühl nicht vorhanden ist – Informations- und Entwicklungsbedarf haben«, sagte Rass. Zudem wäre es ihrer Ansicht nach sinnvoll, Frauen- und vor allem auch Kinderärzte zu diesem Thema auszubilden, da Letztere Probleme frühzeitig erkennen könnten. Seit der Aktualisierung der Kinderrichtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses im Jahr 2016 sind Kinder- und Jugendärzte verstärkt angehalten, bei den Vorsorgeuntersuchungen gezielt auf Störungen in der Mutter-Kind-­Interaktion zu achten. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 20/2017

 

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