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Arzneimittel: Kaum Studien für Kinder

POLITIK & WIRTSCHAFT

 
Arzneimittel

Kaum Studien für Kinder


Von Anna Pannen / Wie Kinder bestimmte Medikamente vertragen, ist noch immer weitgehend unerforscht. Pädiater müssen häufig improvisieren und sich auf ihre Erfahrung verlassen. Eine EU-Verordnung sollte das 2007 ändern und Anreize für Studien schaffen. Zehn Jahre später ist jedoch kaum etwas passiert.

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Für Kinderärzte ist es eine schwierige Gratwanderung: Viele Medikamente, die ihre Patienten brauchen, wurden nie klinisch an Kindern getestet. Das wäre aber dringend nötig. Denn welche Dosis eines Wirkstoffs ein Kind benötigt, erschließt sich nicht automatisch. Der Arzt kann die Wirkstoffmenge nicht einfach auf das Körpergewicht herunterrechnen, da die jungen Organismen in vielerlei Hinsicht anders funktionieren als die von Erwachsenen. Darm, Leber und Nieren arbeiten unterschiedlich, der Körperfettanteil ist niedriger, die Haut dünner.

 

Medikamente können deshalb verzögert wirken und schneller überdosiert werden. Je nach Präparat und Alter des Kindes brauchen kleine Patienten also im Verhältnis entweder mehr oder weniger eines Wirkstoffs oder eine andere Darreichungsform. Im Grunde wären klinische Studien für jede einzelne Altersgruppe nötig, um die jeweils geeignete Dosierung zu finden.




Foto: Imago/MITO



Keine Placebos

 

Studien an Kindern sind jedoch selten und dafür gibt es verschiedene Gründe. Der wichtigste ist ethischer Natur: Nicht nur Eltern, auch Wissenschaftler zögern, Kinder dem strengen Prozedere evidenzbasierter Studien auszusetzen. So testen Mediziner Wirkstoffe zum Beispiel bis auf wenige Ausnahmen nicht an gesunden Kindern. Bei Studien mit kranken Kindern gibt es im Regelfall keine Placebo-Kontrollgruppe. Außerdem ist es schwierig, überhaupt genügend Teilnehmer zu finden. Bis die ausreichende Datenmenge zusammenkommt, können so mitunter Jahre vergehen.

 

Deshalb ist es für Pharmahersteller bislang wenig rentabel, Medikamente speziell für die Anwendung bei Kindern zu prüfen. Schließlich sind die Studien umfangreich und teuer, die Patientengruppe jedoch klein, sodass investierte Gelder nicht schnell wieder eingespielt werden.

 

Die Europäische Union wollte dieses Dilemma 2007 mit der sogenannten Kinderarzneimittelverordnung lösen. Das Papier legt fest, dass Pharmahersteller neu entwickelte Medikamente immer auch an Kindern prüfen müssen. Um überhaupt eine Zulassung für einen neuen Wirkstoff zu bekommen, müssen sie einen sogenannten Paediatric Investigation Plan (PIP) einreichen, der beschreibt, wie die Kinderstudien verlaufen sollen. Von dieser Regel ausgenommen sind einzig Arzneimittel, die Kinder sowieso nicht einnehmen, etwa Antidementiva.

 

Damit auch ältere Medikamente nach und nach auf ihre Wirksamkeit bei Kindern hin untersucht werden, sieht die EU-Verordnung außerdem eine spezielle Form des Patentschutzes vor. Wann immer ein Hersteller eines seiner älteren Präparate nachträglich auf seine Wirkung bei Kindern untersucht, bekommt er für das Mittel in dieser Indikation eine sogenannte Paediatric Use Marketing Authorisation (PUMA). Das heißt, andere Pharmafirmen dürfen die Erkenntnisse aus den Kinderstudien zehn Jahre lang nicht nutzen, sodass der Hersteller solange exklusiv vom Verkauf profitiert.

 

Leider erzielte die EU-Verordnung jedoch nicht die gewünschte Wirkung. Zwar hätten Hersteller seit 2007 mehrere hundert PIP eingereicht, sagte Professor Fred Zepp, Leiter der Kommission für Arzneimittelsicherheit bei der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), im Gespräch mit der PZ. Bislang sei es aber bei der bloßen Absichtserklärung geblieben. Die Hersteller dürften neue Arzneimittel nämlich oft schon auf den Markt bringen, bevor die Kinderstudien stattfinden, damit zumindest kranke Erwachsene von der Innovation profitieren. Das führe dazu, dass es bis heute nicht mehr Neuzulassungen für Kinder pro Jahr gebe als vor 2007, beklagte Zepp.

 

Noch düsterer sieht es beim Bestandsmarkt aus. Seit Einführung der EU-Verordnung wurden gerade einmal drei PUMA beantragt, zwei weitere sollen demnächst folgen. Dies unterläuft sämtliche Erwartungen der Behörden und der Kinderärzte. »PUMA entfalten keine relevanten Effekt für die Pädiatrie, das ist ein enttäuschender Prozess«, so Zepp.

 

Unrentable Investition

 

Die Arzneimittelhersteller haben verschiedene Erklärungen, warum die Sache mit den PUMA nicht vorankommt. Das deutsche Erstattungssystem mit früher Nutzenbewertung, Festbetragsgruppen und Rabattverträgen mache Investitionen in PUMA für Unternehmen einfach unrentabel, heißt es beim Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI). Dieser fordert deshalb, mit jeder PUMA-Zulassung automatisch einen beträchtlichen Zusatznutzen zu erteilen und diese Präparate grundsätzlich aus Festbetragsgruppen auszuschließen.

 

Ein weiteres Problem ist der Off-Label-Use. Denn Kinderärzte müssen die PUMA-Medikamente, so sie denn endlich auf dem Markt sind, gar nicht unbedingt verschreiben. Bislang waren Pädiater aufgrund fehlender für Kinder geprüfter Medikamente schließlich sehr kreativ und verordneten oft Erwachsenenmedikamente off Label, zum Beispiel als Rezeptur. Da diese viel weniger kosten als die PUMA, greifen Mediziner weiterhin darauf zurück, selbst wenn es passende Kinderarzneien gibt. Grund ist oft die Angst vor Regressen durch die Krankenkassen.

 

So können pharmazeutische Unternehmen das Geld, das sie in die Studien zu den PUMA-Präparaten investiert haben, nicht wieder einspielen. Der BPI fordert deshalb, Krankenkassen sollten off Label verordnete Mittel nicht mehr erstatten dürfen, sobald eine Alternative in Form eines für Kinder geprüften Fertigarzneimittels auf dem Markt ist.




Für Pharma­unternehmen sind Studien mit Kindern sehr aufwendig und bislang wenig rentabel.

Foto: Fotolia/ Stockfotos-MG


Das sieht auch Pädiater Zepp so. Derzeit würden ungefähr 25 bis 30 Prozent der Medikamente für Kinder mangels Alternative off Label verordnet, in einzelnen Bereichen wie Intensivmedizin und Neonatologie seien es bis zu 90 Prozent. Wenn es also klinisch geprüfte Fertigarzneimittel gebe, sollten seine Kollegen diese auch verordnen, so Zepp. Er sieht allerdings auch die Hersteller in der Pflicht: Sie müssten die PUMA zu maßvollen und aufwandsgerechten Preisen auf den Markt bringen.

 

Zepp kann über die derzeitige Forschungssituation nur den Kopf schütteln. »Keinem Erwachsenen würde es die Gesellschaft zumuten, ein ungeprüftes Medikament einzunehmen. Aber bei Kindern wird das einfach akzeptiert.« Dabei seien gerade die Jüngsten auf sichere Arzneimittel angewiesen, da sie ein ganzes Menschenleben lang mit eventuellen Langzeitschäden zu kämpfen haben. »Außerdem haben auch Kinder ein Recht darauf, zeitnah vom medizinischen Fortschritt zu profitieren«, so der Mediziner.

 

Auch Behörden wie die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) haben mittlerweile erkannt, dass es so nicht weitergehen kann. Kürzlich wurden deshalb einige Details der Kinderarzneimittelverordnung geändert. Während PIP bislang nur akzeptiert wurden, wenn Hersteller Anwendungen für Kinder aller Altersklassen entwickeln, genügt es künftig schon, wenn sich die Unternehmen auf eine pädiatrische Altersklasse beschränken.

 

Mehr Aufklärung

 

Das BfArM schlug außerdem vor, universitäre Forschung und pharmazeutische Industrie sollten sich im Hinblick auf pädiatrische Studien besser vernetzen und so mehr kommerzielle und öffentliche Sponsoren an Land ziehen. Auch müssten Eltern und betroffene Kinder und Jugendliche mehr und besser über klinische Studien aufgeklärt werden, damit Forscher genügend Studienteilnehmer finden.

 

Zepp ist jedoch skeptisch, dass dieser Plan auch umzusetzen ist. An deutschen Kliniken fehle es an Personal, um Kinder und Eltern hier professionell zu beraten und zu betreuen. Andere europäische Länder seien hier mittlerweile viel weiter. Zepp befürchtet, dass Pädiater bei der Arzneimitteltherapie ihrer Patienten auch in Zukunft häufig improvisieren müssen. Das sei unbefriedigend und falsch: »Man lässt die Kinderärzte im Stich und in der Pflicht, dieses Risiko einzugehen«, bemängelte er.

 

Der Kinderarzt hat allerdings Hoffnung, dass sich zumindest bei den Neuzulassungen bald etwas tut. Es gebe Signale aus der Industrie, dass es bis 2020 deutlich mehr PIP-Studien geben soll als bislang, erzählte er. Zumindest dieser Teil der EU-Verordnung würde dann endlich greifen. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 20/2017

 

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