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Fieber bei Kindern: Fast immer ein Warnzeichen

TITEL

 
Fieber bei Kindern

Fast immer ein Warnzeichen


Von Daniela Hüttemann / Sehr häufig ist Fieber der Grund, warum Eltern mit ihrem Kind zum Arzt gehen oder im Notdienst an der Apothekentür stehen. Eltern sollten wissen, wie sie richtig Fieber messen, wann ihr Kind zum Arzt muss und wann und wie Antipyretika zum Einsatz kommen. Viele frühere Ratschläge ­gelten heute als überholt.

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Es ist der Klassiker im Nachtdienst und der Normalfall in der Kinderarztpraxis: In sieben von zehn Fällen geht es beim Kinder- und Hausarzt um Fieber. »Bei Kindern tritt Fieber häufiger auf als bei Erwachsenen, weil sie alle Infektionen zum ersten Mal durchmachen«, erklärt Professor Dr. Tim Niehues, Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin am Helios-Klinikum in Krefeld, im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. Fieber sei eine bewährte ­Strategie vieler Lebewesen, auf Krankheitserreger oder zerstörte Zellen zu reagieren. »Das hat sich evolutionär durchgesetzt«, so Niehues. »Fieber selbst ist keine Krankheit, kann aber immer ein Symptom für eine ernste ­Erkrankung sein.«




Fieber ist eines der häufigsten Krankheits­symptome bei kleinen Kindern.

Foto: Shutterstock/sunshine stock image


Gesteuert wird die Körpertemperatur im zentralen Nervensystem, genauer gesagt im Hypothalamus. Wie beim Thermostat einer Raumheizung stellt das Gehirn hier den Soll-Wert für die Körpertemperatur ein. Ein wichtiger Regler ist dabei Prostaglandin E2.

 

Normalerweise liegt die Kerntemperatur bei etwa 37 Grad Celsius (°C). Sie schwankt bei jedem Menschen im Lauf des Tages um etwa ein halbes Grad. In den frühen Morgenstunden liegt die Temperatur am niedrigsten, in den frühen Abendstunden am höchsten. Viel Bewegung oder zu warme Kleidung können den Körper »aufheizen«. Bei älteren Mädchen und Frauen steigt die Körpertemperatur in der zweiten Zyklushälfte (bis zur nächsten Regelblutung) um etwa 0,5 °C.

 

Bei gesunden Kindern liegt die Kerntemperatur in der Regel zwischen 36,5 und 37,5 °C. Steigt sie auf bis zu 38,5 Grad, spricht man von erhöhter Temperatur, danach ab Fieber und ab 39,5 °C von hohem Fieber (1). Da bei kleineren Kindern die Temperaturregelung noch nicht ganz ausgereift ist, schwitzen sie bei Wärme weniger als ältere Kinder und Erwachsene. Bei Säuglingen liegt die Körpertemperatur um etwa ein halbes Grad höher.

 

Ausgelöst wird Fieber durch exogene und endogene Pyrogene. Das können Bestandteile von Bakterien, Viren und anderen Krankheitserregern, aber auch zerstörte Zellen und deren Bestandteile sein. Vermutet wird, dass eine erhöhte Körpertemperatur den Bakterien und Viren die Replikation erschwert, während das Immunsystem besser arbeiten kann. Der Körper erzeugt mehr Wärme, indem der Sympathikus und der Stoffwechsel aktiviert werden. Die Hautgefäße ziehen sich zusammen, die Muskeln zittern. Das kostet Energie: Erhöht sich die Körpertemperatur um 2 bis 3 °C, steigt der Energiebedarf um 20 Prozent. Und auch der Flüssigkeitsbedarf steigt um 10 bis 15 Prozent.

 

Von Fieber abzugrenzen ist eine Überwärmung (Hyperthermie), bei der die Körpertemperatur stark steigt, ohne dass der Temperatur-Soll-Wert im Gehirn zu hoch eingestellt ist (2). Dies passiert, wenn der Körper von außen oder von innen aufgeheizt wird, zum Beispiel durch Sauna, ein heißes Bad oder sehr starke körperliche Anstrengung, und der Körper sich nicht ausreichend kühlen kann. Eine Hyperthermie kann zum Hitzschlag führen.


Ab zum Kinderarzt

Eltern sollten ihr Kind zum Arzt bringen, wenn es neben Fieber zusätzliche ­Symptome zeigt (3):

 

  • schlechter Allgemeinzustand
  • Teilnahmslosigkeit und Inaktivität
  • Trinkverweigerung
  • Appetitlosigkeit
  • Hautausschlag oder starke Blässe
  • ungewöhnlich schwaches oder schrilles Schreien
  • Krampfanfälle
  • Kurzatmigkeit und ungewöhnliche Atemgeräusche
  • mehr als 50 Atemzüge pro Minute bei Kindern zwischen sechs und zwölf Monaten
  • erhöhter Puls (mehr als 160 Schläge pro Minute bei Kindern unter einem Jahr)
  • geschwollene Arme, Beine oder ­Gelenke
  • wenig Urin
  • vorgewölbte Fontanelle (Knochenlücke am vorderen oberen Kopf)
  • steifer Nacken (das Kind kann den Kopf nur schwer auf die Brust ­nehmen)
  • Schüttelfrost
  • neurologische Ausfälle wie ­Lähmung einer Körper- oder ­Gesichtshälfte


Richtig Fieber messen

 

Am genauesten ist die rektale Fiebermessung. Dazu sollte ein digitales Fieberthermometer mit Wasser angefeuchtet oder mit etwas Creme bestrichen werden, bevor es vorsichtig ein kleines Stück in den After eingeführt wird. Danach muss das Thermometer selbstverständlich gut gereinigt werden. Während Babys diese Messmethode meist tolerieren, wird sie mit zunehmendem Alter unbeliebter.

 

»Wenn das Kind eine rektale Messung nicht akzeptiert, sollten Eltern unter der Achsel oder mit einem Ohrthermometer messen«, empfiehlt Niehues. Damit der Infrarotstrahl das Trommelfell erreicht, muss bei der Ohrmessung der Winkel stimmen. Dazu muss das Ohr leicht nach hinten und oben gezogen werden. »Leider sind alle anderen Messmethoden weniger zuverlässig als die rektale«, so der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin.

 

Die gemessenen Werte können je nach Methode und Ausführung deutlich abweichen. Doch weder die Notwendigkeit eines Arztbesuchs noch den Einsatz von fiebersenkenden Mitteln könne man an einer Gradzahl festmachen, betont Niehues. Viel ausschlaggebender sei der Zustand des Kindes. Als erstaunlich präziser Gradmesser habe sich das Ausmaß der Sorge der Eltern herausgestellt. Ob hinter dem Fieber eine bedrohliche Erkrankung steckt, kann aus seiner Sicht aber nur ein erfahrener Kinderarzt beurteilen. Besorgte Eltern sollten ihr Kind also zum Kinderarzt und außerhalb der Praxisöffnungszeiten in eine pädiatrische Notfallambulanz bringen (Kasten).

 

Wann zum Arzt?

 

Empfohlen wird, Säuglinge unter drei Monaten bereits bei leichtem Fieber ab 38,0 °C einem Arzt vorzustellen, Babys im Alter von drei bis sechs Monaten bei einer Körpertemperatur von mindestens 39 °C (3). Denn die Inzidenz für schwere bakterielle Infektionen liegt für Neugeborene bei 10 Prozent, bei Säuglingen im Alter von einem bis drei Monaten bei 5 Prozent. Für Kinder zwischen drei und 36 Monaten liegt das Risiko nur noch bei 0,5 bis 1 Prozent.

 

Eine bakterielle Infektion kann schnell zu einer Sepsis führen und ist bei Neugeborenen, also in den ersten 28 Lebenstagen, mit einer relativ hohen Sterblichkeit von 10 Prozent verbunden. Weitere Symptome einer schweren bakteriellen Infektion sind Blaufärbung der Haut (Zyanose), gesteigerte Atemfrequenz (Tachypnoe), schlechte periphere Durchblutung, stecknadelkopfgroße Einblutungen ­unter der Haut (Petechien) und hohes Fieber über 40 °C (rektal gemessen). Eine schwere Infektion kann aber auch ohne Fieber auftreten.

 

Eine Leitlinie zum Vorgehen bei fiebernden Kindern gibt es laut Niehues in Deutschland nicht. Der Experte hat 2013 im Deutschen Ärzteblatt Empfehlungen zum diagnostischen Vorgehen und zur Behandlung gegeben (4). Dabei wiederholt der Arzt die Fiebermessung und fragt unter anderem, seit wann das Kind fiebert, wie hoch die höchste gemessene Temperatur lag und ob es Schwankungen gab. Zudem überprüft er, ob weitere Symptome wie Schmerzen, Infekte der unteren und oberen Atem­wege, Husten, Durchfall, Ausschlag, ­Anzeichen einer Blinddarm- oder Hirnhautentzündung sowie Krampfanfälle vorhanden sind. Entscheidend sind zudem der Allgemeinzustand des Kindes (spielt es oder ist es lethargisch und nicht ansprechbar?) sowie signifikante Grunderkrankungen wie Immundefekte oder Herzerkrankungen.

 

»Zwar handelt es sich meist nur selten um eine wirklich ernsthafte Erkrankung«, erklärt Niehues. Doch genau diese Fälle unter all den fiebernden ­Kindern rechtzeitig zu erkennen, darin liege die besondere Herausforderung für den Arzt. Dann sind eine umfassendere Diagnostik und gegebenenfalls ein Krankenhausaufenthalt nötig.

 

Niehues schreibt (4): »In den allermeisten Fällen erscheinen fiebernde Kinder wenig beeinträchtigt, und es kann ein ambulantes Vorgehen ohne Blutabnahme gewählt werden, nachdem das Kind auf signifikante Infektionen der unteren und oberen Atemwege und eine Appendizitis untersucht worden ist sowie eine Meningitis klinisch ausgeschlossen worden ist.«

 

Typische Kinderkrankheit: Drei-Tage-Fieber




Nachdem die hohen Temperaturen beim Drei-Tage-Fieber abklingen, blüht am Rumpf ein Ausschlag mit blass-roten Flecken auf.

Foto: PZ/Archiv


Eine sehr häufige und in der Regel harmlose Erkrankung bei Säuglingen und Kindern unter drei Jahren ist das Drei-Tage-Fieber (5). Es kommt plötzlich, bleibt drei bis vier Tage und klingt abrupt wieder ab. Erst danach tritt der typische kleinflächige, rote Hautausschlag auf, der eine eindeutige Diagnose erlaubt. Das Exanthem breitet sich innerhalb weniger Stunden vor allem an Brust, Bauch und Rücken, aber auch an Armen und Beinen und in seltenen Fällen auf Gesicht und Kopfhaut aus und verschwindet nach zwei bis drei Tagen. Die Kinder können noch etwas länger angeschlagen und quengelig wirken. Der plötzliche hohe Temperaturanstieg kann Fieberkrämpfe auslösen.

 

Verursacher des Drei-Tage-Fiebers ist das humane Herpesvirus (HHV) Typ 6. Während der Fieberphase können die Kinder schwer krank wirken und sollten daher ärztlich untersucht werden. Weitere mögliche Symptome sind Erbrechen, Durchfall, entzündeter Rachen und geschwollene Lymphknoten am Hals.

 

Bei vielen Kindern verläuft die Erkrankung stumm oder abgeschwächt. Fast alle haben eine HHV-6-Infektion bis zum Ende des dritten Lebensjahrs durchgemacht und sind daraufhin ein Leben lang immun. Bei erstinfizierten Erwachsenen kommt es manchmal zu grippeähnlichen Symptomen wie Halsschmerzen und Schnupfen.

 

Fieber unklarer Genese

 

Bei Neugeborenen ist Fieber eher eine Seltenheit, doch wenn es auftritt, liegt häufig ein schwerer Infekt vor und das Kind muss stationär behandelt werden. Bei Säuglingen im Alter von einem bis drei Monaten treten vermehrt virale ­Infektionen auf, zum Beispiel mit ­Re­spiratory-Syncytial-, Influenza- und ­Enteroviren. Auch bakterielle Harnwegsinfektionen kommen relativ häufig vor. Älteren Kinder kommt ihr Impfschutz zugute, sodass es zu weniger Pneumokokken- und Hämophilus-influenzae-Erkrankungen kommt.

 

Als besondere Herausforderung beschreibt Niehues, der einen Schwerpunkt in der Kinderonkologie und eine Zusatzweiterbildung als Kinderrheumatologe hat, das Monitoring und die Behandlung von »Fieber ohne erkennbare Ursache« (kürzer als sieben Tage) oder »Fieber unklarer Genese« (länger als sieben Tage). Hält das Fieber länger als sieben Tage an, erklärt eine S1-Leitlinie das weitere Vorgehen (6). Auch hier wird der Arzt den Schwerpunkt eher auf eine ausführliche Anamnese und körperliche Untersuchung als auf Laborparameter und Gerätemedizin legen. Er fragt unter anderem nach Tierkontakten, Reisen, Antibiotikagebrauch, Dauermedikation und früheren Operationen. Neben Krankheitserregern, die etwa die Hälfte der Fälle ausmachen, können auch Autoimmunerkrankungen, Medikamente, zum Beispiel viele Antibiotika wie Ampicillin, Cefaclor oder Vancomycin, entzündliche Erkrankungen wie juvenile idiopathische ­Arthritis oder Krebserkrankungen wie Leukämien, Lymphome oder Neuroblastome Fieber auslösen. Kommt und geht das Fieber häufig, könnte ein seltenes periodisches Fiebersyndrom vorliegen, bei dem es durch autoinflammatorische Prozesse immer wieder zu Fieberschüben kommt.

 

Einem Review von 18 Studien zufolge gelingt es in 10 bis 30 Prozent der Fälle nicht, die Fieberursache zu finden (7). Hier erfolgt eine symptomatische Behandlung und bei Verdacht auf eine bakterielle Erkrankung auch eine empirische Antibiotikatherapie.


Rheumatisches Fieber

Nach einer Mandel- und Rachenentzündung (Tonsillopharyngitis) durch β-hämolysierende Streptokokken kann in seltenen Fällen eine bis drei Wochen später ein akutes rheumatisches Fieber auftreten. Dabei kommt es zu einer Entzündung des Herzens (Peri-, Myo- oder Endokarditis bis hin zur Pankarditis) und der Gelenke (Poststreptokokken-Arthritis). In der Akutphase kommt es typischerweise zu ­einer Herzklappeninsuffizienz. Schmer­zen können von Gelenk zu ­Gelenk wandern; betroffen sind meist die großen Gelenke wie Knie, Sprung-, ­Ellenbogen- und Handgelenk.

 

Bei einem chronischen Verlauf bilden sich neue Blutgefäße und Bindegewebe in den Herzklappen. Chronische Entzündungsprozesse können sich aber auch in den Gelenken, im Gehirn, in den Blutgefäßen und unter der Haut manifestieren. Der Erkrankungsgipfel liegt zwischen dem vierten und zehnten Lebensjahr. Um rheumatischem Fieber vorzubeugen, sollten Kinder und Jugendliche bei einer Racheninfektion mit Streptokokken eine Antibiose erhalten (8).

 

Akutes rheumatisches Fieber wird ­sofort mit Penicillin V oder bei Peni­cillin-Allergie mit Makroliden oder Cephalosporinen über zehn Tage behandelt. Zur symptomatischen Therapie werden nicht steroidale Antiphlogistika (NSAR) eingesetzt, bei schwerer Karditis auch Prednisolon.

 

Wer einmal rheumatisches Fieber hatte, hat ein hohes Rezidivrisiko, was zu weiteren Schäden am Herzen und in den Gelenken führen kann. Die Betroffenen müssen je nach Herzzustand über mindestens fünf Jahre, teils jahrzehntelang Antibiotika einnehmen. Mittel der Wahl ist intramuskulär verabreichtes Benzathin-Penicillin G. In manchen Fällen ist auch eine orale Therapie mit Peni­cillin V oder Erythromycin möglich.


Fieber senken oder nicht?

 

Wann sollen nun fiebersenkende Arzneimittel zum Einsatz kommen? »Auch ich habe noch gelernt, dass man ab 38,5 Grad Kerntemperatur ein Antipyretikum gibt«, so Niehues. Das gilt jedoch heute als überholt, da Fieber dem Körper in der Regel hilft, ein Problem zu bewältigen. »Fiebersenkende Mittel werden eindeutig zu viel eingesetzt«, konstatiert Niehues. Sie können dem Arzt unter Umständen die Diagnose erschweren. Statt sich auf die Körpertemperatur zu fixieren, sollten Eltern auf Zeichen einer schweren Erkrankung achten wie Atmung, Hautveränderungen, Verhalten und Bewusstseinszustand des Kindes. Bei sonst gesunden Kindern in gutem Allgemeinzustand sind Antipyretika meist nicht nötig.

 

Diese sollten laut Niehues nur zum Einsatz kommen, wenn das Kind dehydriert ist und kaum Flüssigkeit zu sich nimmt, es stark beeinträchtigt ist oder zusätzlich Schmerzen hat, zum Beispiel aufgrund einer Mittelohrentzündung. Auch in speziellen Situationen werden Fiebersenker eingesetzt, zum Beispiel im Schockzustand, bei Bronchiolitis (Infektion des unteren Respirationstrakts) oder einer Grunderkrankung wie chronischen Herz-, Lungen- oder Darmleiden. Ebenso wichtig ist eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr: täglich etwa 50 bis 80 ml Wasser oder ungesüßter Tee pro Kilogramm Körpergewicht. Auch bei einer rektal gemes­senen Temperatur über 40 °C ist ein Antipyretikum indiziert.

 

Bei Fieber nach einer Impfung sollten fiebersenkende Mittel dagegen in der Regel nicht eingesetzt werden. Sonst kann unter Umständen die Immunreaktion, die für eine ausreichende Antikörperbildung nötig ist, nicht im erforderlichen Ausmaß stattfinden und die gewünschte Immunisierung bleibt aus. Ob Zahnen Fieber auslöst, ist umstritten. »Es ist gefährlich, wenn die Eltern hier eine Kausalität herstellen, aber eigentlich etwas anderes vorliegt«, so Niehues. »Wenn den Eltern das Kind darüber hinaus auffällig erscheint, sollte sich das lieber ein Arzt ansehen.«

 

Korrekte Dosierung ­entscheidend

 

Generell gilt: Antipyretika werden nach Gewicht, nicht nach Alter dosiert! Als Mittel der Wahl gilt für Neugeborene und Kinder Paracetamol. Es hat sich bei korrekter Dosierung als wirksam, sicher und gut verträglich erwiesen. Die Dosierung beträgt 10 bis 15 mg/kg Körpergewicht (KG) alle vier bis sechs Stunden. Die Tageshöchstmenge beträgt 60 mg/kg KG. Die Wirkung tritt nach 30 bis 60 Minuten ein und hält vier bis sechs Stunden an. Die rektale Applikation als Suppositorium eignet sich vor allem, wenn das Kind erbricht oder lethargisch ist. Lösungen und Säfte müssen die ­Eltern mit einer Dosierpipette genau abmessen, Messlöffel sind zu ungenau.




Fiebernde Kinder brauchen ausreichend Flüssigkeit: täglich etwa 50 bis 80 ml Wasser oder ungesüßter Tee pro Kilogramm Körpergewicht.

Foto: Fotolia/ladysuzi


Bei korrekter Dosierung treten kaum Nebenwirkungen auf und es ist keine Leberschädigung zu befürchten. Eine Überdosis kann jedoch schwere Folgen haben. Ob Paracetamol an der Entstehung von Asthma beteiligt ist, wird kontrovers diskutiert, ist aber weder eindeutig belegt noch widerlegt.

 

Als Alternative für ältere Säuglinge und Kinder kommt Ibuprofen infrage. Es ist je nach Präparat für Kinder ab drei bis acht Monaten beziehungsweise ab 6 bis 8 kg KG zugelassen. Die Dosierung beträgt 10 mg/kg KG alle sechs bis acht Stunden mit einer maximalen Tagesdosis von 40 mg/kg. Die stärkste Wirkung wird nach drei bis vier Stunden erreicht und hält mit etwa sechs bis acht ­Stunden etwas länger an als die von Para­cetamol.

 

Ibuprofen-Präparate enthalten unterschiedliche Konzentrationen. Daher ist eine genaue Berechnung der Dosis auf Basis des Körpergewichts unerlässlich. Am besten schreibt der Apotheker die Dosis und das Einnahme­intervall ganz konkret für die Eltern auf, zum Beispiel »1 Zäpfchen alle acht Stunden« oder »2,5 ml Saft alle sechs Stunden«. Als Nebenwirkung können vereinzelt Gastritis und Magen-Darm-Geschwüre auftreten, auch Nierenschäden sind möglich. Die Gefahr der Nephrotoxizität besteht vor allem bei Dehydrierung und komplexen medizinischen Erkrankungen.


Fieberkrämpfe

Etwa zwei bis fünf von 1000 Kindern erleiden bis zum ihrem fünften ­Lebensjahr mindestens einmal einen Fieberkrampf. Dieser wirkt meist ­äußerst beängstigend, ist aber in der Regel harmlos und vergeht ohne Folgeschäden. Ein Fieberkrampf ist keine Form der Epilepsie und erhöht auch nicht das Risiko, an einer Epilepsie zu erkranken (9).

 

Steigt die Körpertemperatur sehr schnell an, kann die Muskulatur verkrampfen. Das Kind zuckt und streckt sich unnatürlich. Es kann die Augen verdrehen oder der Blick wird starr. Wichtig ist, das Kind vor Verletzungen zu schützen und selbst möglichst ruhig zu bleiben. Oft dauert ein solcher Fieberkrampf weniger als eine Minute, maximal drei bis vier Minuten. Hält der Anfall deutlich länger an, sollten die Eltern den Notarzt rufen, der Diazepam verabreichen kann. Bei den Vorsorgeunter­suchungen fragt der Kinderarzt regelmäßig nach dem Auftreten von Fieberkrämpfen und verschreibt gegebenenfalls prophylaktisch Diazepam-Suppositorien für den Notfall.

 

Auch ein Kind mit Fieberkrämpfen in der Vorgeschichte braucht nicht unbedingt ein Antipyretikum. Hier sollten sich die Eltern vom Arzt beraten lassen.


Paracetamol und Ibuprofen nicht im Wechsel!

 

Paracetamol und Ibuprofen senken Fieber vergleichbar gut. Dafür gebe es eine »hervorragende Studienlage«, so Niehues. Die nicht verschreibungspflichtigen Medikamente sind wie alle Arzneimittel für Kinder bis zwölf Jahre verordnungsfähig und werden von den Krankenkassen erstattet.

 

Nicht evidenzbasiert ist dagegen die kombinierte oder abwechselnde Gabe der beiden Antipyretika, die einige Kinderärzte und manche Internetforen empfehlen. »Studien haben belegt, dass eine abwechselnde Gabe keinen Vorteil für das Kind hat, doch es treten mehr Nebenwirkungen auf«, betont Niehues. Das Risiko für Fehl- und Überdosierungen steigt. Der zeitliche Abstand und die passende Dosierung sind bei der Kombination nicht hinreichend untersucht. Daher sei von der alternierenden Gabe abzuraten.




Das ist keine korrekte Dosierung eines Antipyretikums – eine Dosierpipette ist notwendig.

Foto: Shutterstock/Kozini


Tipp für die Eltern bei der Applika­tion per Dosierspritze: Der Kolben mancher Dosierpipetten kann bei hoch viskösen Lösungen schwergängig sein und die Lösung sich ruckartig entleeren. Fiebersaft darf dem Kind daher nicht in den Rachen gespritzt werden, sondern sollte immer vorsichtig und langsam in die Wangentasche geträufelt werden, damit der kleine Patient sich nicht verschluckt. Dabei sollte das Kind nicht auf dem Rücken liegen, sondern sitzen oder aufrecht gehalten werden.

 

Sinkt das Fieber trotz Paracetamol- oder Ibuprofen-Gabe nicht, kann der Arzt Metamizol (Novaminsulfon) verordnen. Zuvor steht jedoch eine um­fassende Differenzialdiagnose an. Als seltene bis sehr seltene, aber lebens­gefährliche Nebenwirkungen können anaphylaktischer Schock, Agranulozytose und schwere Hautreaktionen ­auftreten. Bei Säuglingen unter drei ­Monaten oder 5 kg Körpergewicht ist Metamizol kontraindiziert.

 

Acetylsalicylsäure (ASS) darf bei Kindern und Jugendlichen nur unter sehr strenger Indikationsstellung zum Einsatz kommen, da der Arzneistoff unter Verdacht steht, in seltenen Fällen ein Reye-Syndrom auszulösen. Bei diesem pädiatrischen Krankheitsbild verändern sich die Mitochondrien in Leber, Gehirn und Skelettmuskeln. Ammoniak reichert sich an und führt im Gehirn zu Bildung eines Ödems. Es kommt zu einer lebensgefährlichen Enzephalopathie.

 

Was ist mit Wadenwickeln?




Zuwendung ist oft die beste Medizin.

Foto: Fotolia/dima pics


Hausmittel erscheinen vielen Eltern als die bessere Alternative. Den Einsatz von Wadenwickeln sieht Niehues kritisch. Zwar bedeuten solche physika­lischen Maßnahmen eine Form von ­Zuwendung für das Kind, was zur subjektiven Linderung der Beschwerden beitragen kann. Doch durch die äußere Kühlung der Waden kommt es zu einer verstärkten Vasokonstriktion und der Körper kann die Wärme schlechter abgeben. Die kalten Beine signalisieren dem thermoregulatorischen Zentrum im ZNS zudem, es müsse noch mehr Wärme produzieren.

 

Falls Eltern Wadenwickel anlegen wollen, sollten diese nur lauwarm bis leicht kühl sein. Sind Arme und Beine des Kindes trotz Fieber kalt oder hat es Schüttelfrost, sollte auf kühle Wickel verzichtet werden. Bei einer Hyperthermie ist der Soll-Wert im Hypothalamus dagegen nicht verstellt und eine externe Kühlung mit Eisbädern und Kompressen kann helfen.

 

Generell sollte einem fiebernden Kind weder zu kalt noch zu warm sein. Die Eltern sollten es nicht zu dick anziehen. Fiebernde Kinder müssen nicht unbedingt Bettruhe einhalten und dürfen etwas Ruhiges spielen, wenn es ihr Allgemeinzustand erlaubt. Allerdings sollten die Eltern ­darauf achten, dass sich das Kind ­genügend ausruht.

 

Auch die Gabe von Homöopathika wie Ferrum phosphoricum wirkt wissenschaftlich betrachtet über den Faktor Zuwendung. Eltern sollten ihr fieberndes Kind gut im Blick behalten und vor allem liebevoll umsorgen. Gerade bei Fieber gilt: Manchmal ist Zuwendung die beste Medizin. /

 

Literatur 

  1. www.kinderaerzte-im-netz.de/erste-hilfe/sofortmassnahmen/fieber
  2. www.internisten-im-netz.de/de_fieber-hy perthermie-hitzschlag_1663.html
  3. www.gesundheitsinformation.de/fieber-bei-kindern.2346.de.html und Unterseiten.
  4. Niehues, T., Das fiebernde Kind – Diagnostisches Vorgehen und Behandlung. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(45): 764-774. DOI: 10.3238/arztebl.2013.0764
  5. www.kinderaerzte-im-netz.de/krankhei ten/drei-tage-fieber/
  6. S1-Leitlinie der Gesellschaft für Kinder- und Jugendrheumatologie und der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin: Fieber unklarer Genese. www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/027-053.html
  7. Chow, A., Robinson, J. L., Fever of unknown origin in children: a systematic review. World J Pediatr (2011) 7: 5. Doi:10.1007/s12519-011-0240-5
  8. www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/023-027l_S2k_Rheumatisches_Fieber_Kinder_Jugendliche_2014-06.pdf
  9. www.gesundheitsinformation.de/was-ist-ein-fieberkrampf.2346.de.html?part=­ folgen-­rc; www.nord­deut­sches-­epilepsie­ netz.de/krankheitsbild/epilepsie/fieberkra empfe/


Die Autorin

Daniela Hüttemann studierte von 2001 bis 2005 Pharmazie an der Philipps-Universität, in Marburg. Einen Teil ihres praktischen Jahres arbeitete sie an der National University of Singapore. Darauf folgten 2007 die Approbation in Marburg, ein Diplomabschluss in Halle-Wittenberg und ein Volontariat bei der Pharmazeutischen Zeitung in Eschborn. Seit 2009 arbeitet sie als PZ-Redakteurin in Hamburg.

 

E-Mail-Adresse: d.huettemann@avoxa.de




Beitrag erschienen in Ausgabe 20/2017

 

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