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Orale Corticoide: Auch kurzzeitig nicht unproblematisch

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Orale Corticoide: Auch kurzzeitig nicht unproblematisch
 


Die Risiken einer langfristigen oralen Glucocorticoid-Therapie sind bekannt. Aber auch eine kurzfristige Gabe über wenige Tage ist nicht so gefahrlos wie sie vielfach wahrgenommen wird. Zu diesem Ergebnis kommt eine im Fachjournal «British Medical Journal» publizierte Studie. Ein Team von Wissenschaftlern um Professor Dr. Akbar Waljee von der University of Michigan in Ann Arbor warnt vor vermehrten Knochenbrüchen, venösen Thromboembolien sowie der Zunahme an Sepsis-Fällen.
 
Um zu dieser Aussage zu gelangen, werteten die Wissenschaftler die Daten von mehr als 1,5 Millionen privatversicherten US-Amerikanern im Alter zwischen 18 und 64 Jahren aus. Gut jeder Fünfte hatte im Zeitraum von 2012 bis 2014 mindestens einmal ambulant von seinem Arzt für eine kurze Dauer ein oral einzunehmendes Corticoid verschrieben bekommen. Durchschnittlich lag die Dauer der Behandlung bei sechs Tagen und die mediane Tagesdosis betrug 20 mg Prednisolon-Äquivalente.
 
Bei den meisten Patienten hatte die kurze Corticoid-Behandlung keine dramatischen Folgen. Allerdings fiel auf, dass 170 Patienten (0,05 Prozent) im Zeitraum von fünf bis 90 Tage nach der Verordnung an einer Sepsis erkrankten, bei 472 Patienten (0,14 Prozent) trat in diesem Zeitraum eine venöse Thromboembolie auf und bei 1657 Patienten (0,51 Prozent) wurde ein Knochenbruch registriert. In der Vergleichsgruppe der Patienten, die kein Steroid eingenommen hatten, traten diese drei Ereignisse deutlich seltener auf: Sepsis nur in 0,02 Prozent der Fälle, venöse Thromboembolien bei lediglich 0,09 Prozent der Versicherten und Knochenbrüche erlitten in diesem Kollektiv nur 0,39 Prozent.
 
Da es möglich ist, dass sich die Patienteneigenschaften in der Gruppe der Steroid-Anwender und -Nichtanwender unterschieden, untersuchten die Wissenschaftler auch, wie sich das Risiko für das Auftreten der genannten Nebenwirkungen in der Gruppe der Corticoid-Anwender nach der Einnahme im Vergleich zum Zeitraum vor der Einnahme verändert hatte. Hierbei stellten sie fest, dass das Risiko für eine Sepsis im ersten Monat nach der Verordnung um gut das Fünffache erhöht war, das Risiko für eine venöse Thromboembolie war in diesem Zeitraum um mehr als den Faktor 3 erhöht und das Knochenbruch-Risiko war fast doppelt so hoch. Im Zeitraum vom 31. bis zum 90. Tag nach der Verordnung war das Risiko immer noch erhöht, aber deutlich weniger. Die Wissenschaftler fanden, dass die Inzidenzrate für eine Sepsis um den Faktor 2,91 erhöht war, für eine venöse Thromboembolie um den Faktor 1,44 und für einen Knochenbruch um den Faktor 1,4.
 
Waljee bedauert, dass Ärzte hauptsächlich die Langzeitfolgen einer Corticoid-Therapie im Blick haben, die potenziellen Risiken der Kurzzeitgabe aber oft vernachlässigen. Der Gastroenterologe betont ferner, dass die kurzfristige orale Corticoid-Therapie häufiger zum Einsatz kommt als nötig. «Gibt es Alternativen zu den Steroiden, sollten sie wenn möglich genutzt werden», so Waljees Rat. Steroide würden möglicherweise schneller wirken, aber sie seien eben nicht so risikoarm wie bislang vermutet. Ist der Einsatz von oralen Steroiden alternativlos, sollte der Arzt laut Waljee die geringstmögliche Dosis verordnen. (ss)
 
DOI: 10.1136/bmj.j1415
 
20.04.2017 l PZ
Foto: Fotolia/patmucphotography
 

 

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