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Damp 2017: Kritik an SPD-Bedenkenträgern

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Damp 2017: Kritik an SPD-Bedenkenträgern
 


«Zur Erfüllung ihrer zahlreichen Allgemeinwohlpflichten braucht die öffentliche Apotheke Nachhaltigkeit in ihren finanziellen Planungsgrundlagen. Nur daraus ergeben sich Perspektiven für den Berufsnachwuchs, den wir gerade in den öffentlichen Apotheken so dringend brauchen.» Das sagte der Präsident der Apothekerkammer Schleswig-Holstein, Gerd Ehmen (Foto), bei der Eröffnung des diesjährigen Frühlings-Fortbildungskongresses in Damp.
 
Ehmen betonte, dass Apotheker Heilberufler und keine Krämer seien. «Es gehört nicht zu unseren Aufgaben, nach kleinsten und niedrigsten Preisen zu suchen und im Grunde ist es unerträglich, bei der Belieferung von Kassenrezepten ständig den richtigen Rabattpartner zu finden oder Lieferengpässe zu erklären», so der Kammerpräsident.
 
Primärer Auftrag der Apotheker sei es, kranken Menschen zu helfen, eine sachgerechte Arzneimitteltherapie sicherzustellen sowie die Compliance der Patienten zu stärken und sie entsprechend zu beraten und zu informieren. Ehmen betonte, dass diese Verpflichtung angesichts des demografischen Wandels an Bedeutung gewinnt. Die Zunahme der älteren, von Multimorbidität und somit auch Polymedikation geprägten Bevölkerung mache ein professionelles Medikationsmanagement unumgänglich. «Die auf uns zukommenden Aufgaben erfordern qualifizierte und motivierte Mitarbeiter, die für ihre Leistungen auch eine angemessene Vergütung erhalten müssen», sagte er.
 
Mit Blick auf das EuGH-Urteil vom 19. Oktober 2016 kritisierte Ehmen, dass dieses Urteil für ihn «nichts anderes als ein Ausdruck von Hilflosigkeit» ist. Durch die Einführung von Rezept-Boni und Gutscheinen solle ein stärkerer Marktzutritt ausländischer Versandapotheken «ohne jedwede Form von Qualifikation» in Deutschland ermöglicht werden. Die Richter hätten ganz offensichtlich vergessen, dass es sich beim Arzneimittel um eine Ware besonderer Art handelt und hierfür auch besondere Rahmenbedingungen gelten müssen. «Dieses Urteil ist eine Gefahr für unsere bislang sichere und qualitativ hochwertige Arzneimittelversorgung mit gravierenden Folgen für die Gesundheit eines jeden einzelnen Menschen», warnte der Kammerpräsident.
 
Ehmen zeigte sich erfreut, dass zahlreiche Politiker auf Landes- und auf Bundesebene der Apothekerschaft durch Forderung des Rx-Versandverbots den Rücken stärken. Auch Bundesgesundheitsminister Gröhe (CDU) habe klar signalisiert, dass unter diesen Umständen nur die Abschaffung des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln die ortsnahe Arzneimittel-Versorgung sicherstellen kann. «Das Rx-Versandverbot ist in dieser Situation und zu diesem Zeitpunkt die einzig richtige Lösung. Ich hoffe sehr, dass trotz des beginnenden Wahlkampfes die Zeit reicht, um diese Vorlage im Bundestag mehrheitlich verabschieden zu können.»
 
Vor diesem Hintergrund sei es besonders bedenklich, dass «große Teile der SPD zu einer Gruppe von Bedenkenträgern mutiert» seien. Diese, so Ehmen, sind der vielfach propagierten Stärkung des Wettbewerbsgedankens «auf den Leim gegangen», wenn sie sich für die «reine Arzneimittel-Distribution» durch ausländische Discounter einsetzen. «Als freie Heilberufler haben wir Apotheker eine andere Vorstellung von unserer Tätigkeit. Und auch die Menschen in unserem Land haben einen anderen Anspruch. Sie brauchen die direkte Ansprache. Sie brauchen den niedrigschwelligen Zugang zu Gesundheitsinformationen, die individueller und fallbezogener sind als die eines Dr. Google oder irgendeines Versandhandels je sein können», konstatierte er.
 
Offenbar seien sich die Bürger und Bürgerinnen dieser Tatsache bewusst, denn diese hätten sich zumindest in Schleswig-Holstein bislang nicht auf den Versandhandel eingelassen. Das Gegenteil sei der Fall: Die Präsenzapotheke sei nach wie vor stark gefragt. «Unsere Patienten wissen, dass nur wir Apotheker vor Ort in der Lage sind, das persönliche Vertrauensverhältnis zu pflegen und den Arzneimittel-Therapieerfolg durch individuelle Betreuung, Beratung und Information zu gewährleisten. Sie wissen, dass sie - wenn sie auf uns setzen - eben nicht 48 Stunden warten müssen, bis der Paketbote an der Haustür klingelt.» Die Apotheken seien rund um die Uhr und sofort für alle da und bringen, wenn es sein muss, dringend benötigte Medikamente mit qualifizierten Botendiensten und umgehend ins Haus.
 
Der Frühjahrs-Kongress in Damp gilt als feste Größe des Fortbildungskonzeptes der Apothekerkammer Schleswig-Holstein und fand in diesem Jahr zum 25. Mal statt. Die Tagung war dem Thema «Tumortherapie» gewidmet, da insbesondere Krebserkrankungen im Rahmen des demografischen Wandels zunehmen. «Jeder zweite Mensch erkrankt im Laufe seines Lebens an Krebs. Circa ein Viertel aller Todesfälle sind auf Tumorerkrankungen zurückzuführen. Allein in Schleswig-Holstein sind derzeit mehr als 100.000 Krebspatienten betroffen», sagte der Fortbildungsbeauftragte der Kammer, Professor Dr. Walter Raasch, der über 800 Teilnehmer begrüßen konnte. Wie Ehmen zeigte sich auch Raasch erfreut über die große Resonanz. (cb)
 
20.03.2017 l PZ
Foto: PZ/Christiane Berg
 

 

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