Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

Seltene Demenzformen: Herausforderung für alle

MEDIZIN

 
Seltene Demenzformen

Herausforderung für alle


Von Brigitte M. Gensthaler, München / Seltene Demenzformen verlaufen oft ganz anders als eine Alzheimer-Demenz. Wenn statt Gedächtnisproblemen zunächst Veränderungen in Beweglichkeit, Sprache oder Verhalten auftreten, werden manche Erkrankungen lange nicht als Demenz erkannt. Für die Patienten, Angehörigen und Pflegekräfte ist dies eine hoch belastende Zeit.

ANZEIGE


Agitiertes oder apathisches Verhalten, optische Halluzinationen oder fehlende Worte: Das können Anzeichen seltener Demenzformen sein. Oft stehen die Betroffenen noch mitten im Arbeitsleben, wenn sie zum Beispiel an frontotemporaler Demenz (FTD) erkranken. Im Vergleich zu Morbus Alzheimer sind die frühen Symptome bei FTD völlig anders: gravierende Verhaltensänderungen und Sprachstörungen, aber keine Probleme mit Orientierung und Gedächtnis. »Dies birgt viel Konfliktstoff im Arbeits- und Privatleben, aber es dauert oft Jahre, bis die korrekte Diagnose gestellt ist«, sagte Annette Arand beim Fachtag »Völlig anders?«, der vom Münchner Bildungswerk, dem Evangelischen Bildungswerk und dem Verein Wohlbedacht – Wohnen für dementiell Erkrankte in München veranstaltet wurde.




Apathisches Verhalten , aber auch Aggressivität können erste Anzeichen einer seltenen Demenzform sein.

Foto: Shutterstock/Africa Studio


»Seltene Demenzformen sind gar nicht so selten«, informierte die Sozialpädagogin. Jeder vierte Demenzkranke leide weder an Alzheimer noch an vaskulärer Demenz. Mit etwa 12 Prozent sind Lewy-Body-Demenz und andere atypische Parkinson-Syndrome am häufigsten, an FTD leiden etwa 6 Prozent der Betroffenen. Die Zahlen sind aufgrund einer vermuteten hohen Dunkelziffer, Fehldiagnosen und schwer einzuordnender Mischformen nicht exakt.

 

Keine, falsche oder späte Diagnose

 

Deutlich seltener als FTD und Lewy-Body-Demenz sind zum Beispiel die progressive supranukleäre Blickparese, bei der zunächst die Augenlähmung und der unsichere Gang auffallen, oder die Corticobasale Degeneration (CBD) mit Bewegungsstörungen, Muskel­eigenreflexen und Sprachverlust bei weitgehendem Erhalt der geistigen Fähigkeiten. »Viele Betroffene empfinden ihre Arme und Beine als nicht zugehörig und stürzen auffallend häufig«, sagte die Pflegeexpertin. Typisch für Patienten mit Korsakow-Syndrom seien Orientierungsstörungen, Wahn und Halluzinationen sowie eine depressive Grundstimmung. Bei Gedächtnislücken neigen sie zur Konfabulation, erfinden also Inhalte, die sie nicht mehr wissen, lügen aber nicht bewusst.

 

Für solche seltenen Formen mit wenig demenztypischen Symptomen fehlt häufig die diagnostische Aufmerksamkeit – und das Fachwissen. Viele Patienten hätten keine oder eine falsche Diagnose, berichtete Arand. Manchmal zeige sich dies erst im Verlauf der Erkrankung, wenn zum Beispiel nach den Bewegungsstörungen auch kognitive Defizite auftreten. Mitunter würden auch Demenz und Depression verwechselt. Für Pflegekräfte sei es wichtig, die typischen Symptome der seltenen Demenzformen zu kennen und wahrzunehmen, um symptom­orientiert pflegen zu können.

 

Als Beispiel einer seltenen Demenzform mit oft behandelbarer Ursache nannte sie den Normaldruck-Hydrocephalus. Typisch sei die Symptom-Trias von kognitiven Einschränkungen, Blasenfunktionsstörungen mit Inkontinenz und »Magnetgang«. »Die Patienten gehen, als ob der Boden ihre Füße anzieht.« Der zeitweilig erhöhte Hirndruck könne oftmals mittels Liquor­ableitung über ein Shuntsystem ausgeglichen werden.

 

Vorsicht mit Medikamenten

 

Arzneimittel sind bei seltenen Demenzformen selten die Lösung. »Medikamenten wird meist zu viel zugetraut und sozialpflegerischen Maßnahmen zu wenig«, so Arands Erfahrung.

 

Acetylcholinesterase-Hemmer sind bei seltenen Demenzformen nicht zugelassen, werden aber off-label – und häufig mit gewissem Erfolg – zum Beispiel bei Lewy-Body-Demenz zum Ausgleich des cholinergen Defizits gegeben. Antidepressiva wie selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) können antriebssteigernd und ausgleichend wirken. Laut der aktuellen S3-Leitlinie »Demenzen« der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde sowie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Zusammenarbeit mit der Deutschen Alzheimer Gesellschaft gibt es Hinweise für die Wirksamkeit von Antidepressiva bei Patienten mit Demenz und Depression. Aufgrund des Nebenwirkungsprofils sollten Trizyklika vermieden werden.

 

Antipsychotika, vor allem Atypika, werden mitunter bei aggressivem, enthemmtem oder agitiertem Verhalten bei Patienten mit FTD eingesetzt, wobei diese überdurchschnittlich häufig extrapyramidal-motorische Störungen als Nebenwirkungen entwickeln. Die Autoren der Leitlinie weisen darauf hin, dass klassische und viele atypische Neuroleptika für Patienten mit Parkinson-Demenz, Lewy-Körper-Demenz und verwandten Erkrankungen kontraindiziert sind, da sie Parkinson-Symptome verstärken und Somnolenzattacken auslösen können. Einsetzbar seien Clozapin und mit geringerer Evidenz Quetiapin.

 

Fokus auf die Pflege

 

Eine passende teil- oder vollstationäre Pflege zu finden, sei oft sehr mühsam, schilderten Arand und ihre Kollegin Sonja Brandtner. Junge Betroffene »passen« nicht in ein Seniorenheim oder die Tagespflege, aber auch die Angebote passen nicht zum individuellen Bedarf. So sei Gedächtnistraining für FTD-Patienten oft langweilig; andererseits fehle bei einem übersteigerten Bewegungsdrang das Personal für lange Spaziergänge. Lautes, übergriffiges oder sexualisiertes Verhalten gelte oft als unzumutbar für die Gruppe oder die anderen Bewohner; die Patienten würden emotional und faktisch abgelehnt. Bei rasch progredienten Verläufen muss die Versorgung mitunter mehrfach neu organisiert werden.

 

Die Pflege müsse sich immer am aktuellen Zustand des Patienten orientieren, proaktiv und kreativ sein, betonte Brandtner. Leiden Lewy-Body-Patienten zum Beispiel an optischen Halluzinationen, seien Trösten, Ablenken oder Ortswechsel hilfreich. »Viele Betroffene wollen über ihre Halluzinationen sprechen.« In der Regel wissen sie, dass die gesehenen Personen oder Tiere nicht real sind, was sie noch mehr verunsichert und quält. Da die Patienten aufgrund der Parkinson-Symptome und kognitiven Einschränkungen leicht stürzen, sind ein Helm, Begleitung beim Gehen oder Treppentraining nützlich. Da zudem ihr Blutdruck beim Aufstehen aus dem Bett oder nach längerem Sitzen abfällt, ist in diesen Situationen besondere Aufmerksamkeit gefragt. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 10/2017

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 


PHARMAZEUTISCHE ZEITUNG ONLINE IST EINE MARKE DER

 











DIREKT ZU