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Raynaud-Syndrom: Wenn Kälte zur Qual wird

MEDIZIN

 
Raynaud-Syndrom

Wenn Kälte zur Qual wird

Von Nicole Schuster

 

»Leichenblass« verfärben sich die Finger, werden starr und tun weh. Oft reicht ein Griff in die Kühltruhe, um einen solchen Raynaud-Anfall auszulösen. Verursacht wird die Attacke durch eine vorübergehende Durchblutungsstörung. Wärme und Entspannung helfen.

 

Das Skifahren musste die begeisterte Wintersportlerin aufgeben. Trotz zwei Paar Handschuhen bekam sie innerhalb kurzer Zeit weiße, eiskalte »Leichenfinger«. Sie leidet am sogenannten Raynaud-Syndrom (RS). Mit ihrem Problem steht sie nicht alleine da. Von der nach dem französischen Arzt Maurice Raynaud (1834 bis 1881) benannten Krankheit sind in Deutschland nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie 2 bis 16 Prozent der Bevölkerung betroffen (www.dgrh.de/1763.html). Frauen machen den weitaus größten Anteil aus.

 

Verursacht werden die Beschwerden durch ein Ungleichgewicht zwischen gefäßverengenden und gefäßerweiternden Mechanismen. Bei bestimmten Auslösern wie Kältereizen oder emotionalem Stress ziehen sich kleine arterielle Gefäße krampfartig zusammen. Typischerweise geschieht das an den Fingern und Händen, aber auch Zehen oder abstehende Gesichtspartien wie Ohren oder Nase können sich verfärben.

 

Die erste Phase eines Raynaud-Anfalls äußert sich mit einem Abblassen der betroffenen Körperteile. Das ist die Folge einer überschießenden Reaktion auf gefäßzusammenziehend wirkende Reize. Die Glieder werden zu wenig durchblutet (Ischämie). Dann färben sich die Finger oder Zehen bläulich (Zyanose) und erscheinen kalt, starr und gefühllos. Wenn die Glieder wieder vermehrt durchblutet werden (Hyperämie), laufen sie dunkelrot an, schmerzen, pochen oder brennen. Eine Attacke kann wenige Minuten bis einige Stunden dauern.

 

Primäre und sekundäre Form

 

Beim Raynaud-Syndrom unterscheidet man zwei Formen, die primäre (idiopathische) und die sekundäre Form. Bei der primären kann der Arzt keine auslösende Grunderkrankung feststellen. Patienten erkranken in der Regel vor dem 40. Lebensjahr. Es tritt eine familiäre Häufung auf. Die Beschwerden sind meist beidseitig und führen nur selten zu Gewebeuntergängen wie Hautnekrosen. Die seltenere, sekundäre Form kann als Frühsymptom von Autoimmunerkrankungen wie Kollagenosen (Gefäßentzündungen), systemischer Sklerose oder systemischem Lupus erythematodes auftreten und ist eine Begleitstörung bestimmter neurologischer Erkrankungen wie Poliomyelitis, multiple Sklerose, dem Karpaltunnelsyndrom oder einem Schlaganfall. Es kann auch Folge von Arteriosklerose sein. Arzneimittel, zum Beispiel das Migränemittel Ergotamin und andere gefäßverengende Mittel wie Betablocker oder bestimmte Zytostatika, können ebenfalls ein sekundäres Raynaud-Syndrom auslösen. Es liegt oft ein einseitiger Befall vor. Die Prognose ist ungünstiger. Es kann zu einer Wachstumsstörung der Fingernägel und zum sogenannten »Rattenbissphänomen«, dem Absterben der Fingerkuppen, kommen. Bei der sekundären Form bessern sich die Beschwerden häufig, wenn die auslösende Grunderkrankung behandelt wird.

 

Die Diagnose kann der Arzt oft schon aus den Beschreibungen des Patienten und gegebenenfalls einem Provokationstest, bei dem Finger in Eiswasser getaucht werden, stellen. Um das primäre Raynaud-Syndrom diagnostisch vom sekundären abzugrenzen, hilft dem Arzt eine Blutuntersuchung. Von Interesse sind dabei Entzündungsparameter (siehe dazu Entzündungsmarker: Ein Einzelwert reicht nicht, PZ 37/2008) wie die Blutsenkungsgeschwindigkeit und bestimmte Antikörper, die auf die sekundäre Form hindeuten.

 

Auslöser meiden

 

Eine ursächliche Therapie gibt es beim primären Raynaud-Syndrom noch nicht. Es lassen sich lediglich die Symptome mildern. Vielen Patienten hilft es schon, die Auslöser zu meiden. Dazu gehören ein spezieller Kälteschutz des ganzen Körpers und nicht nur der betroffenen Extremitäten im Winter sowie das Meiden von Stressreizen und kalten Getränken. Weiterhin sind Taschenwärmer und heizbare Handschuhe oder Sohlen empfehlenswert. Bewegung und Sport steigern die Durchblutung, Rauchen und Coffein wirken hingegen gefäßverengend. Bei Rauchern sollte die erste Maßnahme sein, dass sie auf Zigaretten verzichten. Da auch Stress ein Auslöser sein kann, können Entspannungstechniken wie autogenes Training den Patienten helfen. Wenn die Durchblutungsstörung die Haut rissig macht, eignen sich fettende Salben zur Pflege.

 

Eine medikamentöse Behandlung des Syndroms ist nur dann erforderlich, wenn sich der Patient durch die Störung sehr beeinträchtigt fühlt oder wenn die Verfärbung mit starken Taubheitsgefühlen, Missempfindungen oder Schmerzen einhergeht. Ein erster Therapieversuch kann laut den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie mit Calcium-Antagonisten, wie Nifedipin, in hohen Dosen versucht werden. Alternativ ist der Einsatz von ACE-Hemmern möglich. Komplikationen können bei diesen blutdrucksenkenden Mitteln auftreten, da Betroffene häufig ohnehin schon unter einem niedrigen Blutdruck leiden. Pentoxifyllin hat sich bei mildem und mittelschwerem Raynaud-Syndrom in Kombination mit anderen Mitteln bewährt. Bei Hautnekrosen sind topische Nitrate wie Glyceroltrinitrat-Salbe zu erwägen. Treten begleitende depressive Symptome auf, sind Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer wie Fluoxetin eine Option. Weiterhin zeigt eine Studie aus den USA, dass der Phosphodiesterase-Hemmer Sildenafil sowohl Häufigkeit als auch Dauer und Schmerzhaftigkeit der Anfälle reduzieren kann (Doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.104.523324).

 

Als letzte Option ist in sehr schweren Fällen eine chirurgische Intervention möglich. Hierbei schaltet der Arzt gezielt einen sympathischen Nervenstrang aus, der die versorgenden Arterien in den Fingern beeinflusst. Diese sogenannte Sympathektomie führt aber nur zu einer vorübergehenden Beschwerdefreiheit, die maximal einige Jahre andauert.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 39/2008

 

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