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Adipositas: Unverschuldet dick

MEDIZIN

 
Adipositas

Unverschuldet dick


Von Annette Mende, Berlin / Adipöse Menschen sind an ihrem hohen Körpergewicht nicht selbst schuld. Denn wer den Impuls zu essen nicht ständig kontrollieren kann, für den sind Umwelt und Biologie in der modernen Welt übermächtige Gegner. Einseitige Diäten sind da nicht zielführend, eine Anerkennung der Adipositas als Krankheit wäre es schon.

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»Der Mensch ist genetisch darauf programmiert, Essen zu verzehren, wenn es verfügbar ist. In der heutigen adipogenen Umgebung müssen wir diesem Impuls willentlich widerstehen, um nicht zuzunehmen«, sagte Professor Dr. Martina de Zwaan, Direktorin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover, vergangene Woche bei einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin in Berlin.




Die Mehrheit der Menschheit lebt in einer adipogenen Umgebung. Hochkalorische Nahrungsmittel sind immer verfügbar. Manche können damit besser umgehen als andere.

Foto: Shutterstock/Iakov Filimonov


Die Selbstkontrolle falle manchen Menschen schwerer als anderen. »Mit einer Charakterschwäche hat das nichts zu tun, auch wenn das vielfach behauptet wird«, so de Zwaan. Einem Menschen mit Adipositas die Schuld an seinem hohen Body-Mass-Index zu geben, sei deshalb genauso sinnlos, wie im Fall von Krebs oder Bluthochdruck die Schuld bei den Betroffenen zu suchen.

 

Menschen mit Adipositas zeigten oft ein unvorteilhaftes Entscheidungsverhalten, sie handelten auch entgegen ihren eigenen expliziten Handlungsabsichten. »Das sind oft automatische Prozesse, die nicht der bewussten Kontrolle unterliegen«, erläuterte de Zwaan. Adipositas sei zwar keine psychische Erkrankung, es gebe aber verschiedene psychosoziale Risikofaktoren, die die kognitive Kontrolle des Essverhaltens erschweren. Dazu gehören Schlafmangel, Stress, Depression, Impulsivität bis zur Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Essstörungen. Psychische Komorbiditäten sollten bei Vorliegen speziell behandelt werden.

 

Hochkalorische, energiedichte Nahrungsmittel aktivieren das Belohnungssystem im menschlichen Gehirn. »Allein die visuelle Präsentation schmackhafter Lebensmittel führt zu einer deutlichen Zunahme des Gehirnstoffwechsels, besonders, wenn wir hungrig sind«, erklärte de Zwaan. Wer große Portionen angeboten bekommt, isst auch mehr, selbst wenn er nach der Hälfte eigentlich schon satt ist. Das Nahrungsmittel-Überangebot und die deutliche Zunahme der Portionsgrößen in den vergangenen Jahren seien Beispiele für adipogene Umweltfaktoren, Rolltreppen in U-Bahn-Stationen ein weiteres. »Wer abnehmen und das niedrigere Gewicht auch halten will, muss auf Dauer unangenehme Dinge vermehrt tun, nämlich bewusst weniger essen, als er möchte, und Treppensteigen statt bequem mit der Rolltreppe zu fahren«, verdeutlichte de Zwaan.

 

Realistische Ziele

 

Wichtig sei zudem, sich realistische Ziele zu stecken. Schon ein Gewichtsverlust von 5 bis 10 Prozent des Körpergewichts senke das Risiko für Folgeerkrankungen »Bei einem Körpergewicht von 100 kg sind das aber nur 5 bis 10 kg. Wenn der Patient so viel abgenommen hat, ist er immer noch übergewichtig und deshalb meist noch nicht zufrieden – genauso wenig wie viele behandelnde Ärzte.« Normalgewicht sei jedoch für viele Adipöse kein realistisches Behandlungsziel. Anzustreben sei vielmehr eine moderate, aber dauerhafte Gewichtsabnahme.

 

Wie ist diese zu erreichen? Hierzu gibt es Massen an Vorschlägen in Magazinen, Ratgeber- und Kochbüchern. »Diäten sind ein Riesentrend und kommen in allen Medien vor«, sagte Professor Dr. Hans Hauner, Direktor des Instituts für Ernährungsmedizin am Klinikum rechts der Isar in München. Sehr häufig steckten hinter den Empfehlungen aber wirtschaftliche Interessen.

 

»Essen hat einen enormen Bedeutungswandel erfahren«, sagte Hauner. Die Art der Ernährung diene immer mehr Menschen zur Abgrenzung und Selbstdarstellung. In manchen Fällen nehme sie fast schon religiöse Züge an. Der Ernährungswissenschaftler nahm exemplarisch drei Trends unter die Lupe: Low Carb, Paleo und vegan.

 

Trenddiäten kritisch betrachtet




Zwei Burger in einem Menü: Die Zunahme der Portionsgrößen in Restaurants trägt zur Entwicklung von Adipositas bei.

Foto: Fotolia/stockcreations


Für eine Verteufelung der Kohlenhydrate, wie sie Low-Carb-Anhänger propagieren, gebe es keine sinnvolle Begründung. Wer die Kohlenhydratzufuhr drastisch reduziert, erhöhe dafür meist den Fettanteil, und zwar nicht immer mit hochwertigen Fetten. In Maßen könne Low Carb aber durchaus sinnvoll sein, insbesondere für Typ-2-Diabetiker, die mit einer solchen Kost meist bessere Blutzuckerwerte hätten als mit ihrer üblichen Ernährung. Als Faustregel nannte Hauner einen Anteil von 30 bis 40 Prozent Kohlenhydraten an der Gesamtenergieaufnahme bei gleichzeitiger Erhöhung des Verzehrs von Proteinen und Fetten, möglichst mit ein- bis mehrfach ungesättigten Fettsäuren.

 

Zur Paleodiät, die sich angeblich an der Ernährungsweise der Steinzeitmenschen orientiert, sagte Hauner: »Wie sich der Mensch in der Steinzeit ernährt hat, wissen wir nicht genau, aber es entsprach sicher nicht der heutigen Paleodiät.« Paleo sei nichts anderes als das, was man früher als Hollywooddiät bezeichnet habe, eine proteinreiche Kost, die auf Getreideprodukte, Milch und Milchprodukte sowie hoch verarbeitete Lebensmittel weitgehend verzichtet. »Auch wenn das Konzept nicht unbedingt logisch ist, sind Nährstoffzusammensetzung und Energiegehalt günstig«, so Hauners Fazit.

 

Den vollständigen Verzicht auf tierische Lebensmittel, wie ihn die vegane Lebensweise vorschreibt, sieht er dagegen kritisch. »Man kann so leben, aber es ist schwierig. Diese Kost ist sehr einseitig und erfordert gute Kenntnisse und Disziplin, um den Nährstoffbedarf zu decken.« So sei etwa eine ausreichende Versorgung mit Vitamin B12 und Iod nur über Supplemente zu erreichen, die jedoch viele Veganer aus ideologischen Gründen ablehnten.

 

Kritisch ging Hauner auch mit sogenanntem Superfood ins Gericht. Dabei handelt es sich um einzelne, meist exotische Lebensmittel, denen wegen ihrer Zusammensetzung – oft ein hoher Gehalt an bestimmten Nährstoffen – eine gesundheitsfördernde Wirkung zugeschrieben wird. Vielfach ranken die Hersteller besondere Geschichten um ihre Produkte, zum Beispiel »Schon die alten Maya schätzten die Kraft des Chiasamens.« Diese Form des Marketings bezeichnete Hauner als unseriös. Einzelne Lebensmittel machten immer nur einen kleinen Teil der Ernährung aus. »Angesichts der Komplexität der Ernährung ist es unlogisch zu erwarten, dass ein bestimmtes Lebensmittel quasi magische Heilwirkung entfaltet.«


Übergewicht in Deutschland

Von Daniela Hüttemann / Erwachsene in Deutschland bringen immer häufiger zu viel Gewicht auf die Waage, bei den Schulanfängern ist dagegen ein leichter Abwärtstrend zu beobachten. Dem 13. Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) zufolge sind 59 Prozent der Männer und 37 Prozent der Frauen in Deutschland zu dick.

 

»So dick war Deutschland noch nie«, schreibt die DGE in einer begleitenden Pressemitteilung. Beim Start in die Rente gelten drei Viertel aller Männer als übergewichtig (74,2 Prozent) und mehr als die Hälfte der Frauen (56,3 Prozent). Die DGE beruft sich dabei auf Daten des Statistischen Bundesamts.

 

Bei den Schulanfängern ist dagegen ein leicht rückläufiger Trend zu beobachten. Je nach Bundesland wogen 8,2 bis 12 Prozent der Erstklässler zu viel; von ihnen waren 2,8 bis 5,3 Prozent adipös. Die DGE schreibt dies einer gestiegenen Problemwahrnehmung und besserer Kita- und Schulverpflegung zu. Für Letztere hat die DGE 2009 Qualitätsstandards entwickelt, die jedoch laut Bericht nur 30 Prozent der Kitas als Basis für die Verpflegung nutzen. Die Zahlen für Übergewicht im Kindes- und Jugendalter befänden sich immer noch auf einem hohen Niveau, betont die DGE und wirbt daher um mehr vorbeugende Maßnahmen gegen Übergewicht. /


Am Beispiel des Chiasamens lasse sich das gut zeigen. »In Mexiko isst den heute kein Mensch mehr. Dort gilt Chiasamen als langweilig.« In Deutschland werde er dagegen als Superfood gehandelt. Dabei habe er verglichen mit dem einheimischen Leinsamen keinerlei Vorteile. Der gelte aber wiederum hier als langweilig – und koste deshalb etwa 5 bis 10 Prozent weniger als Chiasamen. Abgesehen vom Preis sind auch gesundheitliche Bedenken gegenüber solchen als Superfood gehypten Lebensmitteln angebracht. So werde etwa Chiasamen aufgrund der hohen Nachfrage mittlerweile viel in China angebaut und sei dann oft mit Schadstoffen belastet.

 

Gesunde Mischkost

 

Statt auf einzelne exotische Lebensmittel zu setzen, sollten Ernährungsbewusste lieber zu den guten alten deutschen Lebensmitteln wie Grünkohl und Rosenkohl greifen, riet Hauner. Er empfehle eine Mischkost aus Gemüse, Obst, Vollkornprodukten, fettarmen Fleisch- und Wurstwaren, Milch und Milchprodukten. Fertiggerichte enthielten oft zu viel Salz, Zucker und Fett und seien deshalb zu meiden. Da viele Menschen nicht regelmäßig selbst kochen, müsse der Außer-Haus-Verzehr gesünder gestaltet werden.

 

Damit ließe sich vermutlich viel gegen das stetig steigende Durchschnittsgewicht der Bevölkerung ausrichten (siehe Kasten). Eine weitere wichtige Maßnahme wäre die Anerkennung der Adipositas als Erkrankung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). Die Weltgesundheitsorganisation hat Adipositas bereits im Jahr 2000 als chronische Erkrankung definiert, viele Länder haben diese Einstufung übernommen und es gibt auch eine entsprechende Position in der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10). Doch in Deutschland steht die Anerkennung noch aus – weil sich der G-BA aus politischen Gründen weigert, vermutet Hauner. Wäre Adipositas offiziell eine Krankheit, hätten Millionen Patienten hierzulande Anspruch auf Kostenübernahme von Therapien. Das wollten die Krankenkassen verhindern.

 

Dabei würde eine Anerkennung der Adipositas als Krankheit mittel- und langfristig Geld sparen, weil gewichtsreduzierende Therapien Folgeerkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Fettleber, Gicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs verhindern könnten. »Momentan bekommen Ärzte weder für die Diagnose noch für die Therapie der Adipositas ein Honorar. Erst wenn bereits Folgeschäden da sind, können diese therapiert werden«, bemängelte Hauner. Der Anerkennung als Krankheit steht jedoch die auch bei Ärzten noch weitverbreitete Auffassung im Weg, dass der Patient an seinem Zustand selbst schuld ist. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 07/2017

 

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