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Mini-Polypille: Niedrige Dosis, großer Effekt

PHARMAZIE

 
Mini-Polypille

Niedrige Dosis, großer Effekt


Von Annette Mende / Ein möglicher neuer Ansatz in der Therapie von Patienten mit Hypertonie ist die Kombination mehrerer Wirkstoffklassen in sehr geringen Dosierungen. In einer kleinen Proof-of-Concept-Studie war eine entsprechende Mini-Polypille mit vier Wirkstoffen jetzt überaus erfolgreich.

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Die von australischen Forschern um Professor Dr. Clara Chow von der Universität Sidney getestete Fixkombination besteht aus dem AT1-Antagonisten Irbesartan, dem Calciumantagonisten Amlodipin, dem Diuretikum Hydrochloro­thiazid (HCT) und dem Betablocker Ateno­lol. Das Besondere daran ist, dass alle Wirkstoffe nur in einem Viertel der sonst üblichen Dosis enthalten sind: 37,5 mg Irbesartan, 1,25 mg Amlodipin, 6,25 mg HCT und 12,5 mg Atenolol.

 

Weniger Nebenwirkungen




Die Blutdruckeinstellung ist bei vielen Patienten trotz Therapie mangelhaft.

Foto: iStock/Andrey Popov


Den Anstoß zu dieser Studie gab die Beobachtung, dass Antihypertensiva bereits in der halben üblichen Dosis fast 80 Prozent ihrer Wirksamkeit entfalten. Zudem addieren sich die Wirkungen mehrerer blutdrucksenkender Arzneistoffklassen, während Nebenwirkungen mit der niedrigen Dosierung vermieden werden können. In einer früheren Studie hatte sich gezeigt, dass die Kombination von vier unterschiedlichen Antihypertensiva in der jeweiligen Vierteldosis stärker wirkte als jede Komponente einzeln in Normaldosis. Diese Studie war jedoch nicht placebokontrolliert gewesen (»Hypertension« 2007, DOI: 10.1161/ 01.HYP.0000254479.66645.a3).

 

An der aktuellen Untersuchung nahmen 18 Patienten mit unbehandelter Hypertonie teil. Der Blutdruck betrug zu Beginn durchschnittlich 154/90 mmHg bei Messung in der Arztpraxis beziehungsweise 140/87 mm Hg bei ambulanter 24-Stunden-Messung. Die Probanden erhielten randomisiert und doppelblind über vier Wochen entweder täglich eine Mini-Polypille oder Placebo. Nach einer Auswaschphase von zwei Wochen wurden die Gruppen getauscht: Diejenigen, die zuvor mit Verum behandelt worden waren, erhielten nun Placebo und umgekehrt.

 

Der placebobereinigte Effekt der Behandlung war beträchtlich. In der 24-Stunden-Messung sank der Blutdruck um 19/14 mmHg, in der Arztpraxis um 22/13 mmHg. Alle 18 Patienten erreichten unter Verum den Ziel-Blutdruckwert von weniger als 140/90 mmHg bei Messung in der Arztpraxis. Unter Placebo war das nur bei sechs Patienten der Fall (33 Prozent). Schwerwiegende Nebenwirkungen wurden keine berichtet.

 

Die Diskussion der Studie liest sich so, als hätten die Autoren selbst ihre Ergebnisse zunächst für zu gut gehalten, um wahr zu sein. »Wenn in kleinen Studien so große Effekte beobachtet werden, ist es besonders wichtig, die bisherige Evidenz hinzuzuziehen und das eigene Resultat im Zusammenhang zu betrachten«, schreiben sie im Fachjournal »The Lancet« (DOI: 10.1016/S0140-6736(17)30260-X). Die anschließende systematische Literaturrecherche gab ihnen aber recht. Es fanden sich 38 publizierte Studien mit insgesamt 5033 Teilnehmern, in denen ein einzelner Wirkstoff beziehungsweise eine Kombination aus zwei Substanzen in der jeweiligen Vierteldosis gegen Placebo getestet worden waren. Der blutdrucksenkende Effekt betrug 5/2 mmHg beziehungsweise 7/5 mmHg, ebenfalls ohne Nebenwirkungen.

 

»Die Ergebnisse unserer kleinen Studie sowie die früherer placebokontrollierter Untersuchungen legen nahe, dass die Vierfachkombination verschiedener Antihypertensiva in Vierteldosis zu einer klinisch relevanten Blutdrucksenkung führen kann«, lautet daher das Fazit der Forscher. Sie regen weitere Studien an, in denen sich das Konzept im direkten Vergleich mit einer den der­zeitigen Leitlinien entsprechenden Behandlung messen solle.

 

Hier gibt es bekanntlich Luft nach oben: Die meisten Patienten erhalten lediglich eine Monotherapie, die den Blutdruck im Durchschnitt jedoch nur um 9/5 mmHg senkt. Eine bei unzureichender Kontrolle in allen Leitlinien vorgesehene Intensivierung der Therapie durch Hinzunahme eines weiteren Wirkstoffs findet nicht immer statt. In der Folge ist der Blutdruck vieler Patienten nicht gut ein­gestellt, selbst wenn die Hypertonie bekannt ist und behandelt wird. Das hatte zuletzt eine große internationale Studie im Fachjournal »JAMA« gezeigt (2013, DOI: 10.1001/jama.2013.184182). / 



Beitrag erschienen in Ausgabe 07/2017

 

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