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AMNOG-Bilanz: Kassen in der Kritik

POLITIK & WIRTSCHAFT

 
AMNOG-Bilanz

Kassen in der Kritik


Von Jennifer Evans / Ein Drittel der neu auf den Markt gebrachten Medikamente haben keinen zusätzlichen Nutzen für Patienten, sagen die Kassen. Diese Beurteilung sagt nichts über den therapeutischen Stellenwert eines Arzneimittels aus, entgegnet die Industrie. Streit gibt es auch um die Datenweitergabe über das Arztinformationssystem.

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Der Streit um Kosten und Nutzen von Arzneimitteln ist in der vergangenen Woche erneut entfacht: Seit 2012 haben der Spitzenverband der Gesetz­lichen Krankenversicherung (GKV) und die Arzneimittelhersteller für 129 neue Medikamente Preisverhandlungen geführt. Nur 44 dieser Präparate hatten einen klar nachweisbaren Zusatznutzen. 

 




Besser als die anderen? Viele Innovationen bekommen keinen Zusatznutzen zugesprochen. In einigen Fällen ziehen Hersteller daraus die Konsequenz, die Präparate vom Markt zu nehmen.

Foto: Fotolia/OFC Pictures


41 zeigten in einer neuen Untersuchung des GKV-Spitzenverbands keinen weiteren Vorteil gegenüber der Vergleichstherapie. Der Rest der überprüften Arzneimittel hatte nur für einen Teil der Patienten einen Zusatznutzen. Diese Ergebnisse gehen aus einem Bericht der Funke Mediengruppe hervor. Bewertet wurden darin vor allem Medikamente, die bei Krebserkrankungen, Infektionserkrankungen oder Diabetes mellitus zum Einsatz kommen.

 

Preis je nach Zusatznutzen

 

Seit Einführung des Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetzes (AMNOG) im Jahr 2011 müssen Hersteller den Zusatznutzen eines neuen Medikaments nachweisen. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) bewertet diesen und seine Beurteilung ist schließlich der Ausgangspunkt für Preisverhandlungen zwischen Herstellern und GKV-Spitzenverband. Bis das Verhandlungsergebnis im ersten Jahr nach Markteintritt auf dem Tisch liegt, legt der Hersteller den Preis fest.

 

Ursprünglich sollten mit diesem Verfahren die jährlichen Medikamentenausgaben um 2 Milliarden Euro gedrosselt werden. Tatsächlich waren es laut Kassenangaben in den vergangenen fünf Jahren aber nur 2,5 Milliarden Euro insgesamt. Die AMNOG-Bilanz der Kassen ist trotzdem positiv: Der Vizechef des GKV-Spitzenverbands, Johann-Magnus von Stackelberg, betonte in dem Bericht, dass man mit diesem Bewertungsverfahren »die Spreu vom Weizen« trennen könne.

 

Zudem fordert der Spitzenverband weiterhin IT-Lösungen, um niedergelassenen Ärzten detaillierte Daten zum Zusatznutzen bereitzustellen. Alle zwei Wochen könnten diese über ein Update der Praxissoftware übermittelt werden, so von Stackelberg. Bestenfalls geschehe die Informationsweitergabe an Ärzte und Apotheker sogar über eine neutrale Stelle – ohne Einfluss der Pharmaindustrie.

 

Die Behauptung der Kassen, jedes dritte neue Medikament habe keinen Zusatznutzen, hält der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) für »irreführend und falsch«. BPI-Hauptgeschäftsführer Henning Fahrenkamp: »Bei mehr als 70 Prozent der Patientengruppen, für die der Gemeinsame Bundesausschuss den Zusatznutzen als nicht belegt sieht, ist er aus rein formalen Gründen zu seinem Urteil gekommen. Über den therapeutischen Stellenwert des Medikaments für einen einzelnen Patienten sagt diese Beurteilung nichts aus.« Sie bedeute lediglich, dass der G-BA den Zusatznutzen nicht höher eingestuft habe als die von ihm festgelegte Vergleichstherapie. Für bestimmte Patientengruppen könne es dennoch eine Alternative darstellen.

 

Alternativen sind wichtig

 

Auch das seitens der Kassen vorgeschlagene Arztinformationssystem lehnt der BPI ab. Fahrenkamp: »Es wäre das Ende der ärztlichen Therapiefreiheit und der Einstieg in ein kassengelenktes Arztsteuerungssystem.« Vielmehr brauche es einen integrierten und transparenten Ansatz, der den Arzt in seiner Entscheidungsfindung – auch mithilfe der Hersteller – unterstütze.

 

Auch der Verband der forschenden Pharmaunternehmen (vfa) spricht von einer »völlig unangemessenen« Kampagne der Krankenkassen gegen gleichwertige Arzneimittel. Demnach schade ein Mangel an Behandlungsalternativen der Therapiequalität in Deutschland. Etwa für die HIV-Therapie oder die Behandlung von neurologischen Erkrankungen sei ein breites Spektrum wichtig, so vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer. »Es darf keine Einheitstherapie für unterschiedliche Patienten geben.« /



Beitrag erschienen in Ausgabe 02/2017

 

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