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Toxoplasmose: Latente Gefahr für das Gehirn

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Toxoplasmose

Latente Gefahr für das Gehirn


Von Nicole Schuster / Infektionen mit Toxoplasma gondii waren bislang vor allem bei Schwangeren und Immunschwachen gefürchtet. Untersuchungen zeigen aber nun, dass der Parasit vor allem bei älteren, ansonsten gesunden Infizierten messbare Auswirkungen im Gehirn haben kann und die Gedächtnisleistung beeinträchtigt. Eine Langzeitstudie soll weitere Erkenntnisse bringen.

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Toxoplasma gondii ist ein einzelliger Parasit und gehört innerhalb der Gruppe der Protozoen zu den Apicomplexa. Es sind bislang drei Hauptgenotypen bekannt, die alle infektiös für den Menschen sind. Weltweit trägt etwa jeder dritte Mensch den Erreger in sich, in Deutschland sogar jeder zweite. Die Durchseuchungsquote steigt mit zunehmendem Alter. Während sie bei Frauen im gebärfähigen Alter meist kleiner als 50 Prozent ist, steigt sie bei den Über-50-Jährigen auf nahezu 70 Prozent an.

 




Durch engen Kontakt mit Katzen, aber auch über nicht durchgebratenes Schweinefleisch oder ungewaschenen Salat können sich Menschen mit Toxoplasma gondii infizieren.

Foto: Shutterstock/ Ronnachai Palas


Der Hauptwirt von Toxoplasma gondii sind Katzen. Ausschließlich im Darmepithel dieser Tiere kann sich der nur innerhalb von Zellen lebensfähige Parasit sexuell vermehren. Hierbei entstehen Oozysten, die befallene Katzen mit dem Kot ausscheiden und die von Zwischenwirten, dazu zählen Schlachtvieh, Geflügel aber auch der Mensch, aufgenommen werden können.

 

Gelangen die Oozysten in einen Zwischenwirt, entstehen zunächst replikative, asexuelle Parasitenstadien, sogenannte Tachyzoiten. Sie können sich in den Zellen nahezu aller Gewebe durch ungeschlechtliche Teilung vermehren. Nach einigen Zyklen geht die Wirtszelle zugrunde und setzt Parasiten frei, die weitere Zellen infizieren können. Das Immunsystem kann diesen Vorgang nach einer gewissen Zeit zwar stoppen, es gelingt aber nicht, Toxoplasma gondii restlos aus dem Körper zu entfernen. Der Erreger nistet sich in seiner Ruheform mit herabgesetztem Stoffwechsel, den Bradyzoiten, lebenslang in Nervenzellen ein und passiert dazu auch die Blut-Hirn-Schranke.

 

Kennzeichnend für diese latente inaktive Infektionsphase sind Zysten im Gehirn, in der Retina oder auch in der Skelett- und Herzmuskulatur, die mehrere Tausend Bradyzoiten enthalten können. In dieser Ruheform wartet der Parasit darauf, seinen Lebenszyklus zu vollenden und wieder in den Endwirt, die Katze, zu gelangen. Einige Tierversuche ließen bereits vermuten, dass der Parasit Verhaltensänderungen seiner Zwischenwirte auslösen kann. Dadurch scheinen beispielsweise Mäuse weniger Angst vor Katzen zu haben und werden leichter zur Beute für das Raubtier. Auch bei Menschen gab es schon frühere Hinweise, dass Toxoplasma gondii Vorgänge im Gehirn beeinflussen kann.

 

Kognitive Fähigkeiten und Lebensqualität sinken

 

Aktuelle Untersuchungen am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der Technischen Universität Dortmund (IfADo) haben gezeigt, dass eine Assoziation zwischen einer latenten Toxoplasmose und schlechteren Gedächtnis­leistungen im Alter besteht. Wissenschaftler untersuchten dazu die kognitiven Fähigkeiten von gesunden Probanden ab 65 Jahren, die sie nachträglich in zwei Gruppen mit je 42 Personen aufteilten. In der einen Gruppe waren Träger von Toxoplasma-gondii-Antikörpern, die anderen hatten noch keinen nachweislichen Kontakt mit dem Erreger gehabt. 




Der Einzeller Toxoplasma gondii kann unter anderem den Menschen infizieren, Hauptwirt ist aber die Katze.

Foto: CDC


Die Senioren sollten zunächst Fragen zu ihrer Lebens­situation und Lebensqualität beantworten und dann verschiedene Tests zu Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Konzen­trationsfähigkeit und Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung absolvieren. Es zeigte sich, dass die Leistungen des Arbeitsgedächtnisses von infizierten Teilnehmern schlechter waren als die von Probanden mit negativem Nachweis. Das berichteten die Forscher um Dr. Patrick Gajewski 2016 im Fachjournal »Biological Psychology« (DOI: DOI: 10.1016/j.biopsycho.2016.08.002). Aber auch innerhalb der Gruppe mit positivem Antikörper-Befund fanden die Wissenschaftler teils erhebliche individuelle Unterschiede. Zudem beurteilten die Träger von Toxoplasma gondii ihre körperliche, psychische und soziale Lebensqualität als schlechter als die Kontrollgruppe.

 

Gajewski vergleicht den Unterschied in der Arbeitsgedächtnisleistung zwischen Infizierten und Nicht-Infizierten mit dem zwischen gesunden jungen Erwachsenen und Senioren. Die Betroffenen merken davon in der Regel nichts. »Leichte Einbußen des Gedächtnisses fallen im Alltag nicht auf, da die Defizite zum großen Teil kompensiert werden können«, sagt der Diplom-Psychologe aus der Arbeitsgruppe »Altern, Kognition und Arbeit« des IfADo im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. Zudem seien gewisse Schwankungen in der Funktio­nalität des Arbeitsgedächtnisses völlig normal und könnten etwa tagesformabhängig auftreten.

 

Langzeitstudie läuft bereits

 

Die Wissenschaftler vermuten, dass der Parasit im Gehirn ein Ungleichgewicht im Botenstoffhaushalt von Dopamin und Norepinephrin verursacht. Um dies zu klären, sind aber noch weitere Forschungen erforderlich. Auch soll geprüft werden, ob ein Zusammenhang von Toxoplasmose und Demenz besteht.

 

Zunächst aber wollen die Wissenschaftler in einer Langzeitstudie untersuchen, ob die gefundene Beeinträchtigung des Arbeitsgedächtnisses möglicherweise den Beginn eines fortschreitenden Gedächtnisabbaus bedeutet. »Darauf könnte hindeuten, dass bei jungen Probanden zwar ähnliche Trends gefunden wurden, die Unterschiede zwischen infizierten und nicht infizierten Personen hier aber nicht statistisch signifikant waren«, erklärt Gajewski. Es sei nicht auszuschließen, dass eine lange Infektionsdauer notwendig sei, um Veränderungen im Nervensystem hervorzu­rufen. Auch könnten die Auswirkungen der latenten Toxoplasmose von einem altersbedingten Abbau der Hirnfunk­tionen begleitet beziehungsweise verstärkt werden.

 

Warum die infizierten Probanden ihr subjektives Wohlbefinden negativer bewerteten, lässt sich bislang nicht kausal erklären. »Wir wissen nicht, ob die schlechtere Lebensqualität eine direkte Folge der Infektion ist oder durch andere Faktoren vermittelt wurde«, sagt der Studienautor. Er hält es für denkbar, dass psychiatrische und Verhaltensveränderungen, mit denen der Parasit auch assoziiert wird, eine Rolle spielen könnten. So gibt es Hinweise darauf, dass der Parasitenbefall das Risiko für bestimmte Erkrankungen wie Schizophrenie oder Angststörungen und Suizidalität erhöhen kann.




Foto: Shutterstock/S-F



Bei Gesunden in der Regel symptomlos

 

Toxoplasma gondii gelangt meistens über Kontakt mit kontaminierter Erde oder den Genuss von kontaminiertem Wasser, Gemüse oder nicht durchgegartem Fleisch von befallenen Nutz­tieren in den menschlichen Körper. Eine Toxoplasmose verläuft bei gesunden Erwachsenen und Kindern in der Regel unbemerkt. Allerdings können im akuten Stadium unspezifische Anzeichen wie Gliederschmerzen, grippeähnliche Symptome oder eine Entzündung der Lymphknoten auftreten. Bei immunsupprimierten Personen kann es zur lebensgefährlichen zerebralen Toxoplasmose kommen, die sich klinisch als Enzephalitis äußert und mit Symptomen wie starken Kopfschmerzen, Fieber, Erbrechen, Abgeschlagenheit, zunehmender Verwirrung sowie Sprech- und Gehstörungen einhergehen kann.

 

Gefürchtet ist eine erstmalige Infektion während der Schwangerschaft, da der Parasit auf das Kind übergehen und es schädigen kann. Der Schweregrad möglicher Entwicklungsstörungen hängt von Faktoren wie Zeitpunkt der Infektion und der Erregermenge ab. Grundsätzlich gilt, dass der Embryo im frühen Schwangerschaftsstadium besonders gefährdet ist und es sogar zum Abort kommen kann.

 

Ärzte therapieren eine Toxoplas­mose nur in Ausnahmefällen, etwa bei Schwangeren, bei Immunschwachen oder wenn Manifestationen in den Augen auftreten. Präparate wie Spiramycin, Pyrimethamin, Sulfadiazin oder Clindamycin sind allerdings gegen die bradyzoitenhaltigen Zysten, die Ruheform des Parasiten, kaum wirksam.

 

Um eine Infektion zu vermeiden, sollte Fleisch nur ausreichend erhitzt verzehrt werden. Vor dem Essen sollten Obst und Gemüse mit Wasser gereinigt werden. Eine häufige Infektionsquelle ist der Kot von Katzen, mit dem Menschen etwa bei der Aufnahme von kontaminierter Nahrung oder durch den Kontakt mit Erde in Berührung kommen. Bei der Gartenarbeit ist es daher ratsam, Handschuhe zu tragen, um sich vor Schmutz- und Schmierinfektionen zu schützen. Kinder sollten nach dem Spielen im Freien die Hände gründlich waschen. Eine Ansteckung von Mensch zu Mensch ist mit Ausnahme der bereits geschilderten Übertragung auf das ungeborene Kind im Mutterleib nicht bekannt. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 02/2017

 

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