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Entzündungsmarker: Ein Einzelwert reicht nicht

MEDIZIN

 
Entzündungsmarker

Ein Einzelwert reicht nicht

Von Christina Hohmann

 

Einen sicheren Entzündungsparameter gibt es nicht. Um akute oder chronische Entzündungen zu erkennen, werden verschiedene Blutwerte wie die Blutsenkungsgeschwindigkeit und die Konzentration des C-reaktiven Proteins bestimmt.

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Verschiedene Parameter weisen unspezifisch auf Entzündungen im Körper hin. Hierzu gehören neben der Erhöhung der Körpertemperatur auch der Anstieg der Leukozytenzahl sowie die Konzentrationen verschiedener Plasmaproteine. Typischerweise kommt es nach Gewebsschädigungen bei Verletzungen oder Infektionen zu einer unspezifischen Immunreaktion, der sogenannten Akute-Phase-Reaktion. Weiße Blutkörperchen setzen dabei Botenstoffe wie Interleukine oder Interferone frei, die über die Blutbahn in die Leber gelangen. Dort aktivieren sie die Synthese von etwa 30 Plasmaproteinen, die auch als Akute-Phase-Proteine bezeichnet werden. Neben dem C-reaktiven Protein (CRP) sind dies unter anderem saures α1-Glykoprotein, Haptoglobin, Coeruloplasmin und Fibrinogen. Die Akute-Phase-Proteine haben verschiedene Aufgaben im Entzündungsgeschehen: Fibrinogen steigert zum Beispiel die lokale Thrombusbildung, Haptoglobin bindet freies Hämoglobin und transportiert es vom Entzündungsherd weg, und Coeruloplasmin hemmt die Bildung freier Sauerstoffradikale.

 

C-reaktives Protein

 

Ein klassischer Vertreter der Akute-Phase-Proteine ist das C-reaktive Protein. Seinen Namen bekam es, weil es an C-Polysaccharid der Zellwand von Streptococcus pneumoniae binden kann. Es heftet sich aber auch an weitere Bakterien, Pilze und Parasiten und kennzeichnet diese für die Phagozytose. Der Komplex aus Antigen und CRP wird dann von Fresszellen beseitigt. Auf diese Weise lässt sich auch Zellmüll, der etwa bei Nekrosen auftritt, entfernen. Zudem stimuliert der Antigen-CRP-Komplex das Komplementsystem.

 

Die Synthese des Proteins in der Leber wird hauptsächlich durch Interleukin-6 angeregt. Dabei steigt die CRP-Konzentration bereits sechs bis zehn Stunden nach dem schädigenden Ereignis zum Teil bis auf das 1000-Fache an. Die CRP-Reaktion tritt damit deutlich schneller ein als die Veränderung in der Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG), die früher als Standard in der Entzündungsdiagnostik galt. Zudem normalisieren sich die Werte nach Ende der Erkrankung schneller, weshalb der CRP-Wert in der Diagnostik dem BSG-Wert überlegen ist.

 

Die CRP-Konzentration kann schon erhöht sein, wenn noch kein Fieber aufgetreten ist und die Leukozytenzahl noch unauffällig ist. Daher ist die CRP-Konzentration noch vor der Körpertemperatur und der Leukozytenzahl der wichtigste Parameter beispielsweise bei Verdacht auf Blinddarm-, Gallenblasenentzündung oder Atemwegsinfekt. Bestimmt wird die CRP-Konzentration zur Diagnostik und Verlaufskontrolle entzündlicher Prozesse sowie zur Kontrolle einer antibiotischen Therapie. Als normal gelten für Erwachsene Werte unter 10 mg/l. Erhöhte Werte können ganz unterschiedliche Ursachen haben. Die Höhe des Anstiegs kann dabei Hinweise auf das Ausmaß der Erkrankung geben. CRP-Werte zwischen 10 und 50 mg/l weisen auf lokale bakterielle Infekte, chronisch entzündliche Prozesse wie Tuberkulose oder Erkrankungen des rheumatoiden Formenkreises sowie lokale Gewebsnekrosen (Herzinfarkt) hin. Werte über 50 mg/l können auf schwere bakterielle Infektionen, Schübe bei chronischen Entzündungen (Morbus Crohn) oder große Gewebsnekrosen, wie sie etwa bei akuter Pankreatitis oder nekrotisierenden Tumoren auftreten, zurückgehen.

 

Der CRP-Wert kann auch genutzt werden, um virale von bakteriellen Infektionen zu unterscheiden. Denn bei bakteriellen Infekten steigt der Wert deutlich stärker als bei viralen. Ein Problem bei diesem Parameter ist jedoch, dass eine Lebersynthesestörung einen Anstieg des CRP-Wertes verhindert, weshalb in diesem Fall Entzündungen nicht zu erkennen sind. Dennoch ist er der geeignetste Marker für Entzündungen. Er muss jedoch im Zusammenspiel mit anderen Parametern, vor allem der Körpertemperatur, und den klinischen Symptomen betrachtet werden.

 

Blutsenkungsgeschwindigkeit

 

Ein weiterer wichtiger Entzündungsparameter ist die Blutsenkungsgeschwindigkeit. Sie wird in der Regel nach der Westergren-Methode bestimmt. Hierfür wird Venenblut im Verhältnis 4 zu 1 mit Natriumcitratlösung gemischt, um die Gerinnung zu verhindern. Das Gemisch wird in ein Glasröhrchen mit Millimetergraduierung gefüllt und senkrecht aufgestellt. Die zellulären Bestandteile des Blutes sinken nach unten. Nach ein beziehungsweise zwei Stunden wird die Höhe der zellfreien Säule von Blutplasma abgelesen und in Millimeter angegeben.

 

Die Geschwindigkeit des Sedimentierens hängt dabei von der Zusammensetzung der Plasmaproteine ab. Sind vermehrt Moleküle vorhanden, die Blutzellen miteinander verbinden, so sinken die Aggregate schneller als die Einzelzellen: Die Blutsenkungsgeschwindigkeit ist dann erhöht.

 

Die in der Literatur angegebenen Normwerte schwanken erheblich und variieren auch nach Geschlecht und Alter. Laut Pschyrembel sollten Männer unter 50 Jahren einen Wert von unter 15 mm und über 50 Jahren unter 20 mm aufweisen. Für Frauen (unter 50 Jahren) gilt ein BSG von unter 20 mm und für ältere ein Wert von unter 30 mm als normal.

 

Erhöhte Werte weisen auf akute oder chronische Entzündungen, Tumore, Autoimmun- und rheumatische Erkrankungen hin. Zudem kann eine Störung des Proteinhaushalts (Dysproteinämie) aufgrund eines nephrotischen Syndroms oder einer Lebererkrankung auftreten. Falsch hohe Werte können bei Gesunden zum Beispiel prämenstruell, in der Schwangerschaft oder durch die Einnahme oraler Kontrazeptiva auftreten. Auch eine Anämie oder Leukämie kann die BSG erhöhen.

 

Da verschiedene Ursachen für einen erhöhten BSG-Wert bestehen, ist er als Entzündungsmarker nur mäßig geeignet. Um akute Entzündungen zu diagnostizieren, sollten weitere Parameter bestimmt werden.

 

Leukozytenzahl

 

Ein weiterer Hinweis auf Entzündungen sind erhöhte Leukozytenzahlen. Die Zellen werden auch als weiße Blutkörperchen bezeichnet, da sie keinen Blutfarbstoff besitzen und sich bei einer Färbung des Blutausstrichs nicht anfärben lassen. Sie gehören zum Immunsystem und sind dort Teil der spezifischen und unspezifischen Immunabwehr. Sie spielen daher eine wesentliche Rolle bei Infektionen, Entzündungen, allergischen Reaktionen und Autoimmunerkrankungen. Bestimmt wird die Leukozytenzahl im Rahmen des kleinen Blutbilds (siehe dazu Blutbild: Was die Zellzahlen verraten, PZ 05/2008).

 

Ein Mikroliter Blut enthält normalerweise zwischen 4000 und 10.000 Leukozyten. Werte über 10.000 Blutkörperchen pro Mikroliter gehen in der Regel auf Entzündungen, Infektionen und Sepsis zurück. Aber auch maligne Tumoren, Herzinfarkt, akuter Blutverlust, Knochenmarkserkrankungen oder Verbrennungen kommen als Ursache infrage.

 

Immunglobuline

 

Hilfreich kann es unter anderem auch sein, die Menge an Immunglobulinen im Blutserum zu ermitteln, so zum Beispiel zur Verlaufskontrolle von chronischen Infektionen, zur Diagnose chronisch entzündlicher Effekte, Autoimmunerkrankungen und chronischen Leberschäden. Auch bei einer erhöhten Infektanfälligkeit und bei Verdacht auf Antikörper-Mangel-Syndrome ist eine Immunglobulin-Analyse indiziert.

 

Erhöhte Konzentrationen der fünf verschiedenen Immunglobulin-Klassen IgA, IgD, IgE, IgM und IgG gehen auf verschiedene Ursachen zurück. So weist eine erhöhter IgG-Wert auf Autoimmunerkrankungen, chronische Infektionen und Hepatitis hin. Hohe IgA-Werte können auf Infektionen der Haut, Atemwege, des Darms oder eine Leberzirrhose zurückgehen. Akute Virusinfektionen oder eine biliäre Zirrhose können einer erhöhten IgM-Konzentration zugrunde liegen. Der IgE-Wert steigt dagegen an, wenn allergische Erkrankungen oder ein Parasitenbefall, etwa durch Würmer, vorliegt.

 

Von geringer Bedeutung für die Diagnostik von Entzündungen sind weitere Akut-Phase-Proteine wie zum Beispiel α1-Antitrypsin. Das Protein hemmt Trypsin und andere Serinproteasen. Die normale Konzentration im Blut liegt bei etwa 83 bis 199 mg/dl. Erhöhte Werte gehen meist auf akut entzündliche Prozesse, akute Schübe von chronisch entzündlichen Erkrankungen und Tumoren (vor allem Bronchialkarzinom) zurück. Auch in der Schwangerschaft und unter Estrogenbehandlung steigt die Konzentration an. Zur Diagnostik von Entzündungen wird die α1-Antitrypsin-Konzentration selten herangezogen, weil andere Werte geeigneter sind. Doch sie wird bestimmt, um einen erblichen α1-Antitrypsinmangel zu diagnostizieren.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 37/2008

 

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