Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

Kammer: EuGH-Urteil gefährdet Patientensicherheit

NACHRICHTEN

 
Kammer: EuGH-Urteil gefährdet Patientensicherheit
 


Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) zur Rx-Preisbindung erregt weiter die Gemüter. Bei der Versammlung der Apothekerkammer Mecklenburg-Vorpommern am gestrigen Mittwoch nannte Kammerpräsident Georg Engel (Foto) den Richterspruch «völlig unverständlich» und «streckenweise grotesk». Es sei ein Widerspruch, dass der EuGH selbst in seiner Urteilsbegründung die Versandapotheken zu Apotheken zweiter Klasse degradiert habe, sagte Engel in Schwerin.
 
In dem Urteil heiße es, dass «traditionelle Apotheken grundsätzlich besser als Versandapotheken in der Lage sind, Patienten durch ihr Personal vor Ort zu beraten und eine Notfallversorgung mit Arzneimitteln sicherzustellen». Allein, weil Versandapotheken mit ihrem eingeschränkten Leistungsangebot eine solche Versorgung nicht sicherstellen können, müsse ihnen der Marktzugang gewährt werden, zitierte Engel das Urteil aus Luxemburg. «Natürlich können Versandapotheken den Apotheken vor Ort das Wasser nicht reichen», so Engel. «Klar können sie das nicht. Sie sind ja nicht da, wenn es darauf ankommt, mit Menschen zu reden und sich in direktem Kontakt ihrer Probleme anzunehmen.»
 
Engel schilderte neben der persönliche Beratung und Betreuung unter anderem die Notfallversorgung, die Herstellung individueller Rezepturarzneimittel, die Versorgung mit BtM,  kühlkettenpflichtigen Arzneimitteln und Impfstoffen sowie die Identifikation und den Ausschluss von Interaktionen bei Polymedikation als Leistungen, die in der Apotheke vor Ort erbracht würden und diese unersetzbar machten.
 
«Der EuGH sieht offenbar keine hinreichenden Belege dafür, dass sich der von ihm geschaffene ruinöse Rx-Preiswettbewerb nachteilig auf die traditionelle Apotheke auswirken wird. Das zeigt, wie wenig er sich mit der sozialen Bedeutung und den tatsächlichen wirtschaftlichen Grundlagen der Institution Apotheke in Deutschland auseinandergesetzt hat», so der Kammerpräsident. Er kritisierte weiter, dass Versandapotheken als «Mindestleister» durch das EuGH-Urteil in die Lage versetzt würden, den «finanziellen Rahm abzuschöpfen», während die Apotheken vor Ort gezwungen seien, Gemeinwohlpflichten bei oft unzureichender Honorierung zu erfüllen. «Es bleibt ein Geheimnis des EuGH, wie die durch das Urteil geschaffene fatale Wettbewerbskonstellation ohne Auswirkungen auf die qualifizierte flächendeckende Versorgung der Bevölkerung bleiben soll.»
 
Engel machte überdies deutlich, dass «Arzneimittel keine Brötchen, Batterien oder gar Genussmittel sind, auf die man beliebig Rabatte geben kann». Die Einnahme eines Arzneimittels sei immer auch mit Risiken verbunden. Das akzeptierte Risiko müsse der Schwere der Erkrankung angemessen sein. «Wirtschaftliche Anreize durch Rx-Boni konterkarieren nicht nur jedes Bemühen um Patienten- und Arzneimitteltherapiesicherheit. Sie bringen auch grundlegende sozialpolitische Steuerungsinstrumente der GKV ins Wanken.»
 
Erfreut zeigte sich der Kammerpräsident, dass den meisten deutschen Gesundheitspolitikern die Risiken und negativen Auswirkungen des EuGH-Urteils offenbar bewusst seien. Als beste Lösung erscheine auch ihm die Beschränkung des Arzneimittelversands auf nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel. Dieser Beschränkung wehe allerdings ein «scharfer publizistischer Wind» entgegen. Doch die mediale Öffentlichkeit müsse verstehen, dass die Unterbindung des Rx-Versands im Sinne des Patientenschutzes sei. Nicht zufällig, betonte Engel, sei der Rx-Versandhandel in 21 von 28 EU-Ländern verboten.
 
Zufrieden zeigte sich der Kammerpräsident damit, dass die Vor-Ort-Apotheken auf das Urteil bislang nicht mit in Deutschland nach wie vor verbotenen Preisnachlässen reagierten. Hier gelte es, weiter Disziplin zu wahren. Im Sinne des Patienten- und Verbraucherschutzes müsse alles daran gesetzt werden, die Strukturen des deutschen Apothekensystems zu erhalten. «Verhindert werden muss, dass diese Strukturen durch internationale Kapitalgesellschaften zerstört und auf dem Altar des grenzüberschreitenden Warenverkehrs geopfert werden.» (cb)
 
Mehr zum Thema EuGH zur Preisbindung
 
01.12.2016 l PZ
Foto: PZ/Berg
 

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 

Weitere Nachrichten

 


Apothekenmarkt droht Umbruch, Politik schaut zu

Der Angriff der ausländischen Versandapotheken droht den Apothekenmarkt in Deutschland komplett aufzumischen, wenn die Politik nicht...



Hepatitis C: Zwei neue Präparate in den Startlöchern

Der Ausschuss für Humanarzneimittel der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) hat zwei neue Kombinationspräparate zur Behandlung von...



Gesundheitskompetenz: Apotheker als Lotsen

Damit Patienten sich über ihre Gesundheit besser auskennen und entsprechende Informationen leichter verstehen, sind Apotheken eine ideale...



Acht neue Präparate: Anstrengende Woche für die EMA

In der zu Ende gehenden Woche war der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) alles andere als...

 
 

Celesio: Durchwachsenes Ergebnis
Der international agierende Pharmagroß- und Einzelhändler Celesio hat im Geschäftsjahr 2017 einen Konzernumsatz von rund 20,6 Milliarden...

Tag des Cholesterins: Lipoprotein-(a)-Wert checken lassen!
Anlässlich des heutigen Tags des Cholesterins weist die Deutsche Lipid-Liga in einer Pressemitteilung darauf hin, den Blutfettwert...

Krebsmittel als Orphan Drugs: Kostentreiberei?
Pharmaunternehmen beantragen für neue Krebsmittel immer häufiger eine Zulassung als Orphan Drug, um sich der frühen Nutzenbewertung zu...

Prognose: Lebenserwartung steigt auf über 90 Jahre
In diesem Jahr geborene Mädchen könnten im Schnitt älter als 90 Jahre werden. Das berichtet das Statistische Bundesamt heute in Wiesbaden....

Psychisch kranke Eltern: Kinder besser versorgen!
Der Bundestag hat die Bundesregierung aufgefordert, für eine bessere Versorgung von Kindern psychisch kranker Eltern zu sorgen. Das...

112: Notärzte als Notnagel
Im lebenswichtigen Einsatz der Notärzte geht es um Minuten - und das immer öfter. «Der Rettungsdienst wird immer häufiger zu Notfällen...

Zwangsbehandlung: Bundestag schließt Gesetzeslücke
Eine ärztliche Zwangsbehandlung von psychisch kranken Patienten ist künftig auch außerhalb geschlossener Einrichtungen möglich. Ein...

Tausende Ebolafälle durch sichere Bestattungen verhindert
Freiwillige Helfer des Roten Kreuzes haben einer neuen Studie zufolge während der Ebola-Krise in Westafrika zwischen knapp 1500 und gut...

Studie arbeitet Nazi-Erbe der Gesundheitsministerien auf
Wie sind die Gesundheitsministerien der BRD und der DDR nach dem Krieg mit dem schweren Erbe der Nationalsozialisten umgegangen? Nach...

EMA-Sitz: Entscheidung über neuen Standort im November
Die deutschen Bewerberstädte Bonn und Frankfurt am Main werden erst im November erfahren, ob sie nach dem Brexit eine der aus London...

Der Medikationsplan – das Phantom
Der papiergebundene Medikationsplan ist weitgehend nutzlos und kommt in der Praxis nur selten zum Einsatz. Darin sind sich Ärzte, Apotheker...

Noch mehr Meldungen...

PHARMAZEUTISCHE ZEITUNG ONLINE IST EINE MARKE DER

 












DIREKT ZU