Govi-Verlag
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NEUE ARZNEISTOFFE

86 Zytostatika


Erlotinib, Tarveca® Filmtabletten (Hoffmann-La Roche)

 

 

Laut einer aktuellen europaweiten Studie steht Lungenkrebs bei Männern an erster und bei Frauen nach Brust- und Kolonkarzinom an dritter Stelle der krebsbedingten Todesursachen. Da zum Zeitpunkt der Diagnose meistens schon Fernmetastasen vorhanden oder die Lymphknoten befallen sind, ist der Tumor nicht mehr operabel und somit nicht mehr heilbar. In der Regel wird eine Palliativmedizin eingeleitet, um das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen und die Symptome wie Husten, Atemnot und Schmerzen zu lindern. Allerdings ist die Ansprechrate und der lebensverlängerte Effekt der Chemotherapie bei NSCLC-Patienten gering und zusätzlich belasten Chemotherapie-assoziierte Nebenwirkungen wie Blutbildveränderungen, Beeinträchtigung der Nierenfunktion Haarausfall, Durchfall oder Hautausschlag die Betroffenen.

 

Beim nicht kleinzelligen Bronchialkarzinom liegt oft eine Überexpression des epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptors HER1/EGFR vor. Insofern stellt die Hemmung dieses Rezeptors eine viel versprechende, maßgeschneiderte Therapieoption (targeted therapy) dar. Erlotinib besetzt hoch selektiv und reversibel die Adenosintriphosphat (ATP)-Bindungsstelle der intrazellulären Tyrosinkinase(TK)-Domäne des epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptors. Dadurch wird die Phosphorylierung gehemmt und die Signalweiterleitung unterbrochen. Es kommt zur Hemmung der Proliferation, der Angiogenese, der Förderung der Apoptose und einer Erhöhung der Empfindlichkeit der Tumorzellen gegenüber Chemo- und Radiotherapie.

 

Die empfohlene Anfangsdosis ist einmal täglich 150 mg. Nach peroraler Gabe werden maximale Plasmaspiegel nach etwa vier Stunden erreicht. Die absolute Bioverfügbarkeit beträgt 60 Prozent. Erlotinib wird hauptsächlich in der Leber über die Cytochrom-Isoenzyme CYP3A4 und in geringerem Umfang über CYP1A2 metabolisiert. Bislang konnten drei Hauptstoffwechselwege identifiziert werden. Die Metaboliten, die durch O-Demethylierung einer oder beider Seitenketten gebildet werden, wiesen in präklinischen In-vitro-Studien sowie in Tumormodellen in vivo eine vergleichbare Wirksamkeit wie Erlotinib auf. Sie liegen im Plasma in Konzentrationen vor, die weniger 10 Prozent von Erlotinib ausmachen. Der Tyrosinkinase-Hemmer wird hauptsächlich in Form seiner Metaboliten über die Fäzes ausgeschieden.

 

Erlotinib ist zugelassen zur Behandlung von Patienten mit lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem nicht kleinzelligem Lungenkarzinom, bei denen mindestens eine vorausgegangene Chemotherapie versagt hat. Die Zulassung basiert auf den Ergebnissen einer internationalen Phase-III-Studie (BR.21-Studie) an 731 Patienten mit fortgeschrittenem NSCLC (New England Journal of Medicine, 353, 2005, 123-132). Die Patienten erhielten – nach Versagen wenigstens einer vorherigen Chemotherapie – entweder 150 mg Erlotinib als Monotherapie oder Placebo. Das Gesamtüberleben in der Gruppe der mit Erlotinib behandelten Patienten war mit einer Steigerung um 42,5 Prozent signifikant länger als das der Patienten der Placebogruppe (6,7 Monate versus 4,7 Monate). Nach einem Jahr lebten noch 31 Prozent der Erlotinib-Patienten, im Vergleich zu 22 Prozent in der Placebogruppe. Auch das progressionsfreie Überleben konnte von 8 auf 9,7 Wochen signifikant verlängert werden. Häufigste Nebenwirkungen waren Diarrhö (54 Prozent) und ein Hautauschlag (75 Prozent), der sich jedoch meist spontan oder nach einer Therapiepause zurückbildete. Typische Krankheitssymptome wie Husten (32,4 Prozent), Kurzatmigkeit (63,7 Prozent) und Schmerzen (46,1 Prozent) konnten unter Erlotinib häufiger und über einen längeren Zeitraum gelindert werden.

 


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