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Krebs: Hilfe bei der Arztsuche

MEDIZIN

 
Krebs

Hilfe bei der Arztsuche

Von Nicole Schuster

 

Die Diagnose Krebs ist ein Schock. Wer den Kampf gegen die Krankheit aufnimmt, will bestmöglich behandelt werden. Die Wahl des Arztes spielt für den Heilungserfolg eine wesentliche Rolle.

 

Die Nachricht kommt meist wie aus heiterem Himmel: »Sie haben Krebs.« Betroffene sind geschockt, von Niedergeschlagenheit und Angst ergriffen, hadern mit der Situation. Irgendwann kommt Hoffnung auf und der Wille, gegen den Krebs zu kämpfen. Doch mit dem Willen allein ist es nicht getan. Studien zeigen, dass in Deutschland die Überlebensprognose einer Krebserkrankung auch von der Wahl der Klinik abhängt. Bei einigen Tumorerkrankungen ist dies nach dem Stadium, in dem der Krebs entdeckt wird, der zweitwichtigste Prognosefaktor.

 

Ein Beispiel ist Darmkrebs. In Deutschland erkranken jährlich 73.000 Menschen an einem Darmkarzinom, und circa 28.000 Menschen sterben daran. Wie die Heilungschancen aussehen, hängt entscheidend davon ab, von welchem Arzt und in welcher Klinik sich Patienten behandeln lassen. Der Oldenburger Chirurg Professor Dr. Hans-Rudolf Raab hat in einer vergleichenden Studie die Überlebensraten bei Kolonkarzinom untersucht. Das Ergebnis gibt zu denken: Insgesamt schwankten die Heilungsraten zwischen 31 und 72 Prozent. Im frühsten Stadium gilt Darmkrebs als vollständig heilbar. Trotzdem gibt es in Deutschland Kliniken, bei denen 33 Prozent der Patienten sterben, die in diesem frühen Stadium diagnostiziert worden sind. Befindet sich der Krebs bereits in Stadium drei und haben sich Metastasen in den Lymphknoten gebildet, überleben die Krankheit in einigen Zentren nur ein Drittel, in anderen aber doppelt so viele Patienten. Metastasen in der Leber kamen früher einem Todesurteil gleich. Bei operablen Lebermetastasen und einem Chirurgen, der auf Eingriffe an der Leber spezialisiert ist, hat er eine Chance von bis zu 40 Prozent, geheilt zu werden.

 

Ähnlich sieht es beim Eierstockkrebs aus. In Deutschland treten jedes Jahr fast 10.000 Neuerkrankungen auf. Diese Krebserkrankung der Frau ist besonders tückisch, da sie in frühen Stadien oft symptomlos verläuft. Erst wenn der Krebs weiter fortgeschritten ist, machen sich unspezifische Anzeichen wie ein Druckgefühl im Unterbauch, Appetitlosigkeit, Übelkeit oder Aszites bemerkbar. Gefährlich ist, wenn der Tumor das Ovar durchbricht und Tochtergeschwülste in der Bauchhöhle bildet. Das Ovarialkarzinom liegt bei Frauen unter den gynäkologischen Krebserkrankungen auf Platz eins der Todesursachen. Die leitliniengetreue Therapie fußt auf den beiden Säulen Operation und Chemotherapie. In einer 2005 veröffentlichten Studie der Kommission Ovar von der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO-Ovar) um den Teamleiter Andreas du Bois kam heraus, dass nur 35 Prozent der im Frühstadium diagnostizierten Frauen in deutschen Kliniken »State-of-the-art« behandelt worden sind. In ihrer Studie haben die Wissenschaftler 476 Patientinnen, die im dritten Quartal 2001 die Diagnose Eierstockkrebs erhalten hatten, drei Jahre lang beobachtet. Sie haben dazu auf Daten von 165 Kliniken zurückgegriffen, die an der Studie teilgenommen hatten. Gemessen am international anerkannten Standard verliefen nur bei vier von zehn Frauen operativer Eingriff und Chemotherapie optimal.

 

Qualitätskriterien für Kliniken

 

Als Qualitätsmerkmal einer Klinik machten die Wissenschaftler beim Ovarialkarzinom das Merkmal »Studienteilnahme« aus: Die Behandlung in Kliniken, die an medizinischen Studien teilnehmen, erwies sich als vorteilhafter gegenüber Nicht-Studien-Kliniken. In Zahlen ausgedrückt: In Studien-Kliniken überlebten 72 Prozent die ersten zwei Jahre, in anderen Kliniken nur 64 Prozent. Die Größe der Klinik hat sich in der Studie als wenig ausschlaggebend erwiesen. Die Kommission rät daher Patientinnen, sich nach Kliniken zu erkundigen, in denen sie an Studien teilnehmen können. Informationen dazu bietet die »Kommission Ovar« auf ihrer Internetseite an (www.ago-ovar.de).

 

Einen Leitfaden für die Arzt- und Kliniksuche hat der Krebsinformationsdienst (KID) des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg erstellt, den sich Betroffene auf der Internetseite des Krebsinformationsdienstes (www.krebsinformationsdienst.de/wegweiser/iblatt/index.php) herunterladen können. Erste und für viele Patienten wichtigste Kontakt- und Vertrauensperson ist der Hausarzt. Dieser ist selten auf Krebsbehandlungen spezialisiert. Seine Rolle ist es, als Vermittler zu wirken. Er koordiniert Überweisungen zu Spezialisten und Kliniken und sammelt Befunde und Laborergebnisse. Patienten sollten an dieser Stelle klären, bei welchem Arzt die Praxisgebühr für gesetzlich Versicherte zu entrichten ist und wer Krankmeldungen für den Arbeitgeber oder Antragstellungen bei Versicherungen ausstellt. Anstelle des Hausarztes kann auch ein Facharzt oder eine Klinikambulanz die Koordination der Behandlung übernehmen.

 

Einen »Facharzt für Krebs« gibt es in Deutschland nicht. Bei der Suche nach Fachärzten rät der Krebsinformationsdienst, auf Spezialisierungen im Bereich Onkologie oder Weiterbildungen wie »Medikamentöse Tumortherapie« zu achten. So ausgebildete Mediziner führen bestimmte Behandlungen bei Krebspatienten, zum Beispiel eine Chemotherapie, ambulant durch. Patienten können sich bei regionalen Ärztekammern, kassenärztlichen Vereinigungen oder Fachgesellschaften nach Spezialisten erkundigen.

 

Dr. Regine Hagmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Krebsinformationsdienst, weiß, dass viele Patienten bei der Arzt- und Klinikwahl verunsichert sind. »Die Frage nach Spezialsten erreicht uns oft«, sagte sie gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung. Der KID stellt auf seinen Internetseiten eine Linksammlung zu Therapieeinrichtungen zur Verfügung und bietet an, bei der Suche nach geeigneten Ärzten und Kliniken zu unterstützen. Patienten können sich telefonisch oder per E-Mail an den Krebsinformationsdienst wenden. Ganz einfach ist das aber nicht. »Der eine Spezialist oder die eine Spezialklinik für eine bestimmte Erkrankung beziehungsweise eine bestimmte Behandlung gibt es nicht«, sagte Hagmann. In Beratungen verweist der KID auf spezialisierte Organzentren. »Bei einigen Krebsarten wie Prostata-, Darm- oder Mammakarzinom gibt es Organzentren, die auf die Behandlung spezialisiert sind. Die deutsche Krebsgesellschaft zertifiziert diese Zentren.« Patienten können sich auf der Internetseite der Gesellschaft über diese Zentren informieren und Angebots- und Adresslisten bekommen. Die Qualitätssicherung soll außerdem gesetzlich durch die Einführung der Mindestmengen-Regelung gewährleistet sein. Bei bestimmten Behandlungen wie Stammzelltransplantationen, komplexen Eingriffen an der Bauchspeicheldrüse oder Speichelröhre sowie bei bestimmten Leberoperationen muss eine Klinik eine Mindestmenge an Eingriffen pro Jahr vorweisen können. Kliniken, die die erforderlichen Mindestmengen nicht erreichen, dürfen seither die entsprechenden Leistungen nicht mehr erbringen. Diese Mindestmengen-Regelung gilt auch für die Behandlung von privat krankenversicherten Patienten.

 

Alle Krankenhäuser der Regelversorgung müssen Qualitätsberichte offenlegen. »Eine Transparenz ist für Patienten trotzdem nur unzureichend gegeben«, sagte Hagmann. Als Kriterien für die Auswahl der Klinik hat der Krebsinformationsdienst daher eine Checkliste zusammengestellt: Hat die Klinik Erfahrung mit der jeweiligen Krebserkrankung? Behandelt sie getreu der aktuellen medizinischen Leitlinien? Arbeitet sie mit Forschungsverbänden zusammen, führt sie medizinische Studien durch? Bietet sie eine Ambulanz an, in der Patienten ohne stationären Aufenthalt oder in der Nachsorge behandelt werden können? Hat die Einrichtung eine Zulassung als reguläres Krankenhaus, sodass die Krankenkassen die Kosten übernehmen? Aus persönlichen Gründen und wenn aus medizinischer Sicht nichts dagegen spricht, kann die Nähe zum Wohnort ein entscheidendes Auswahlkriterium sein.

 

Unter den Kliniken gibt es verschiedene, auf die Bedürfnisse von Tumorpatienten spezialisierte Einrichtungen. Zu sogenannten Tumorzentren schließen sich Kliniken einer Stadt oder Region zusammen und kooperieren eng in Diagnostik und Behandlung von Krebspatienten. Standard sind eine interdisziplinäre Arbeitsweise, eine Vernetzung mit der Forschung sowie gemeinsam getragene Angebote, die der Information oder sozialen Betreuung dienen können. Aus den USA stammt die Idee des »Comprehensive Cancer Center«, einer Koordinationsstelle aller onkologischen Aktivitäten an einer Institution, beispielsweise einer Uniklinik. Der Vorteil für den Patienten liegt darin, dass ihm Wege erspart bleiben und Behandlungsmöglichkeiten zentral angeboten werden.

 

Zusätzliche Hilfe

 

Eine Krebserkrankung wirft darüber hinaus noch viele weitere Fragen auf: Mache ich nach der Therapie eine Rehabilitation? Wie geht es zu Hause weiter? Brauche ich therapeutische Hilfe oder Unterstützung im Alltag? Ebenso brauchen die Angehörigen sehr oft Hilfe, denn auch für sie ist die Erkrankung eine Herausforderung. Einfluss auf den Therapieerfolg hat daher nicht zuletzt die soziale und psychosoziale Betreuung des Patienten und seiner Familie. Zur seelischen Gesundheit können bei Frauen schon kleine praktische Hilfestellungen beitragen, zum Beispiel welche Wäsche sie mit einer amputierten Brust am besten tragen. Hier kann der Hausarzt ein wertvoller Ansprechpartner sein und Pflegedienste, Physiotherapeuten und andere Ansprechpartner empfehlen. Auch an regionale Krebsberatungsstellen sowie Selbsthilfegruppen können sich Patienten wenden. Speziell im Fall des Mammakarzinoms finden Frauen individuelle Unterstützung beim Mammanetz, einer Initiative von Betapharm (www.mammanetz.de). Die Initiative berät, schult und begleitet Frauen über alle Behandlungsstationen hinweg, von der Erstdiagnose bis zur Nachsorge. Die Helfer gehen dabei nach der Methode des Case-Managements (Fall-Management) vor. Sie betrachten den individuellen Fall und stimmen ihre Hilfsangebote speziell auf die Bedürfnisse dieser Patientin ab. Ziel ist, dass sich die erkrankte Frau allein auf ihre Genesung konzentrieren kann. Eine wertvolle Hilfe bietet auch hier der Krebsinformationsdienst: Den kostenlosen Telefoninformationsdienst, täglich von 8 bis 20 Uhr, bei dem alle Fragen rund um das Thema Krebs von geschulten Mitarbeitern kompetent und einfühlsam beantwortet werden.

 

Viele Experten raten Patienten bei der Diagnose Krebs vor allem eins: Keine Panik! Wichtig ist, nichts zu überstürzen und sich Zeit zu geben, ausreichend Informationen einzuholen, sich um Hilfen für den Alltag zu bemühen und einzelne Behandlungsoptionen zu prüfen. Denn von der Wahl der richtigen Ansprechpartner kann nichts Geringeres abhängen als das eigene Überleben.


Links

www.dkfz.de

www.tumorzentren.de

www.onkozert.de

www.ago-ovar.de

www.eierstock-krebs.de

www.mammanetz.de

www.darmkrebs.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 35/2008

 

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