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Oxytocin: Das Hormon Ihres Vertrauens

PHARMAZIE

 
Oxytocin

Das Hormon Ihres Vertrauens

Von Hannelore Gießen, München

 

Die Verwendung von Oxytocin in der Frauenheilkunde ist altbekannt. Es fördert die Kontraktion der Gebärmutter und den Milcheinschuss. Doch das Hypophysenhormon ist auch im Gehirn aktiv. Dort schafft es Vertrauen in die Mitmenschen – auch wenn diese es nicht verdient haben.

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Oxytocin (griechisch: schnelle Geburt) bewirkt eine Kontraktion der Gebärmuttermuskulatur und löst damit die Wehen aus. Zudem stimuliert es den Milchfluss. Doch Oxytocin steuert nicht nur Körperprozesse, sondern auch die menschliche Psyche.

 

»Erste Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Oxytocin und dem sozialen Bindungsverhalten lieferte 1997 eine Studie des amerikanischen Wissenschaftlers Tom Insel«, sagte Professor Dr. Anna Buchheim, Klinische Bindungsforschung des Universitätsklinikum Innsbruck, auf dem Internationalen Kongress über Theorie und Therapie von Persönlichkeitsstörungen. Der Biologe habe eng verwandte Arten von Wühlmäusen untersucht, wobei eine Spezies, die Präriewühlmaus, in einer festen lebenslangen Partnerschaft lebte, während die Bergwühlmaus ständig ihre Sexualpartner wechselte und sonst kaum Kontakt zu Artgenossen hatte.

 

Die Verhaltensunterschiede führte der Wissenschaftler auf den unterschiedlichen Hormonhaushalt in den Gehirnen der Tiere zurück: Präriewühlmäuse hatten wesentlich mehr Rezeptoren für Oxytocin im Gehirn als die verwandte Spezies. Zudem ließ sich das unterschiedliche Verhalten modulieren. Injizierte der Wissenschaftler in die Gehirne der Bergwühlmäuse Oxytocin, gingen diese eine Bindung ein. Blockierte er dagegen bei Präriewühlmäusen die Oxytocin-Rezeptoren, verloren diese ihre Partnertreue.

 

Soziale Bindung wird verstärkt

 

Diese Erkenntnisse inspirierten den Ökonom Ernst Fehr der Universität Zürich, zu untersuchen, inwieweit Oxytocin das Sozialverhalten von Menschen beeinflusst. Der Durchbruch kam im Jahr 2005 mit einer Veröffentlichung im Fachmagazin »Nature« (435, 673-676). In einem »Vertrauens- und Risikospiel« ließen Fehr und seine Mitarbeiter 49 Probanden Geldgeschäfte tätigen. Dabei übergab jeweils ein »Investor« eine von ihm gewählte Geldsumme an einen »Treuhänder«. Einige der Investoren bekamen vor Beginn des Spiels Oxytocin-Spray in die Nase verabreicht. Es zeigte sich, dass diese Spieler insgesamt mehr Geld investierten als jene, die einen Placebo-Spray bekamen. Dieser Einfluss von Oxytocin war jedoch nicht einfach Folge einer generell gesteigerten Risikobereitschaft. Das Hormon entfaltete seine Wirkung nur, wenn es um zwischenmenschliche Kontakte ging. Spielten die Investoren mit einem Computer, verhielten sich beide Gruppen gleich.

 

Dass das »geschenkte Vertrauen« unter Oxytocin selbst einem offenkundigen Vertrauensmissbrauch standhält, konnten die Forscher nun in einem leicht modifizierten Experiment zeigen (Neuron 58,  2008, 639-650). Nach der Hälfte der Spielzeit erhielten die Probanden die Mitteilung, inwiefern sich ihr Vertrauen in die Treuhänder gelohnt hat oder nicht. Im Placebo-Arm wurden die Probanden daraufhin deutlich zurückhaltender, wenn sie zuvor betrogen worden waren. Dagegen vertrauten die Probanden im Oxytocin-Arm darauf, dass sich die zukünftigen Geschäfte besser entwickeln werden. Auch hier hatte Oxytocin keine Wirkung, wenn das Gegenüber ein Computer war.

 

Zudem konnten die Forscher erstmals aufzeigen, welche Veränderungen eine Oxytocingabe im Gehirn auslöst. Während des Experiments zeichneten sie mittels eines funktionellen Magnetresonanz-Tomographen die Hirnaktivitäten der Probanden auf. Wie sich zeigte, ging das sinkende Vertrauen der Placebogruppe mit einer verstärkten Aktivierung der Amygdalae (der sogenannten Mandelkerne) und des dorsalen Caudatus einher. Diese Hirnregionen spielen bei der Entstehung von Angst (Amygdala) und bei der Verhaltensanpassung nach einem Negativ-Erlebnis (Caudatus) eine wichtige Rolle. Bei den Oxytocin-Probanden fand diese Aktivierung nicht statt.

 

Hoffnung für Autisten und Borderliner

 

Aktuell geht die Züricher Arbeitsgruppe der Frage nach, ob Oxytocin den Erfolg einer Verhaltenstherapie bei sozialer Phobie steigern kann. Verglichen mit Placebo lassen unter der Hormongabe tatsächlich bei vielen Patienten Schwitzen, Tachykardie und eine beschleunigte Atmung nach. Doch fehlen noch Langzeituntersuchungen, um von einem dauerhaften Erfolg sprechen zu können.

 

Etliche Studien haben inzwischen bestätigt, dass das Neuropeptid zwischenmenschliche Beziehungen intensiviert. Buchheim stellte eine Pilotstudie ihrer eigenen Arbeitsgruppe vor: Eine Gruppe von 25 Studenten, die anhand verschiedener Tests als primär unsicher gebunden eingestuft worden waren, betrachtete eine Reihe neutraler Bilder wie »Ein Kind steht am Fenster«. Diese Stimuli waren mit verschiedenen möglichen Interpretationen verknüpft, beispielsweise »das Kind ist einsam«, »das Kind lenkt sich mit Lesen ab«, oder »das Kind ist neugierig und fragt seine Mutter, ob es zum Spielen rausgehen dürfe«. Während die erste Aussage für eine unsichere Bindung spricht, steht letztere für Sicherheit.  Die Studenten konnten nun entscheiden, mit welchem Satz sie sich am besten identifizieren konnten. Unter Oxytocin reagierten 18 der 25 Probanden deutlich bindungssicherer als ohne die Hormongabe.

 

»So vielversprechend alle diese Versuche sind, noch sind sie reine Forschungsarbeit«, betonte Buchheim. Von einem klinischen Einsatz sei man noch weit entfernt. Doch könne Oxytocin in Zukunft eventuell als Add-on in der Therapie von Patienten mit Autismus, sozialer Phobie oder Borderline-Störungen angewendet werden.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 34/2008

 

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