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PHARMAZIE

 
Niacin

Weniger Flush dank passendem Partner

Von Sven Siebenand

 

Bereits in den 1950er-Jahren verordneten Ärzte zur Veränderung des Blutfettspiegels Niacin. Die Anwendung setzte sich jedoch aufgrund der Nebenwirkungen, vor allem der häufig beobachteten plötzlichen Hitzewallungen mit Gesichtsrötung, nie ganz durch. Nun erhält Niacin einen Kombinationspartner, der diese Reaktion verhindert.

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Niacin, Nicotinsäure oder Vitamin B3: Verschiedene Namen für ein und denselben Lipidsenker sind geläufig. Die Substanz reduziert unter anderem LDL-Cholesterol, Gesamtcholesterol sowie Triglyceride und erhöht die Werte des HDL-Cholesterols. Das kann die Progression einer koronaren Herzkrankheit verlangsamen und kardiovaskuläre Ereignisse vermindern. Wie Niacin das Lipidprofil im Plasma beeinflusst, ist noch nicht vollständig geklärt. Studien legen nahe, dass der G-Protein-gekoppelte Rezeptor GPR 109A im Wirkmechanismus eine wichtige Rolle spielt. Letztlich könnte die Freisetzung freier Fettsäuren aus dem Fettgewebe blockiert werden. Anderen Erklärungsansätzen zufolge ist die Hemmung der De-novo-Lipogenese oder der Veresterung von freien Fettsäuren zu Triglyceriden in der Leber für die Wirkung mitverantwortlich.

 

Weitgehend geklärt ist, warum es nach Niacin-Einnahme häufig zu einer kurzzeitig verstärkten Durchblutung der Haut, die mit Rötung und Hitzegefühl einhergeht, kommt. Der sogenannte Flush wird über die Freisetzung von gefäßerweiterndem Prostaglandin D2 (PGD2) in der Haut vermittelt. Wissenschaftler konnten nachweisen, dass PGD2 über DP1, einen von zwei Rezeptoren für PGD2, eine Schlüsselrolle spielt. Auch der GPR109A-Rezeptor scheint am Entstehen dieser Nebenwirkung, welche die Compliance bei der Einnahme von Niacin erheblich einschränkt, beteiligt zu sein.

 

EU-Zulassung für Kombimittel

 

Vor Kurzem hat die europäische Zulassungsbehörde EMEA dem Pharmaunternehmen MSD die Zulassung für ein verzögert freisetzendes Präparat erteilt, das eine Wirkstoffkombination aus 1000 mg Niacin und 20 mg des Flush-Blockers Laropiprant enthält. Tredaptive® soll laut Herstellerangaben ab September 2008 auf dem Markt verfügbar sein. Laropiprant fungiert als potenter und selektiver Antagonist am DP1-Rezeptor und verhindert damit die Niacin-induzierte Gefäßerweiterung. Auf das Lipidprofil hat der Wirkstoff keinen Einfluss.

 

Die Kombination der beiden Wirkstoffe ist ein Schritt zum Erfolg, die galenische Formulierung ein weiterer. Die Tabletten enthalten die beiden Wirkstoffe in zwei voneinander getrennten Schichten. Nach der Einnahme wird zunächst Laropiprant freigesetzt und blockiert die Prostaglandin-Rezeptoren. Das Niacin wird erst danach ins Blut abgegeben, sodass es zwar seine lipidsenkende Wirkung ausüben kann, aber nicht mehr so schnell zu Gesichtsrötungen führt. Diese Galenik impliziert, dass Patienten die Tabletten nicht teilen, zerkleinern oder zerkauen dürfen. Um bei Auftreten eines möglichen Flushes die Beschwerden nicht zu verstärken, sollten auch Alkoholika oder Heißgetränke zum Zeitpunkt der Einnahme gemieden werden.

 

Die empfohlene Anfangsdosis beträgt in den ersten vier Wochen eine Tablette pro Tag. Anschließend wird die Dosis auf zwei Tabletten pro Tag erhöht. Ratsam ist es, die Tabletten abends mit dem Essen oder vor dem Schlafengehen einzunehmen. Patienten mit Leberschäden, aktivem Magengeschwür oder Arterienblutung dürfen das Kombinations-Präparat nicht einnehmen.

 

Zugelassen ist Tredaptive zur Behandlung von Fettstoffwechselstörungen, zum Beispiel bei Patienten mit kombinierter Dyslipidämie. Diese ist durch Erhöhung von LDL-Cholesterol und Triglyceriden sowie niedriges HDL-Cholesterol gekennzeichnet. Ein weiteres Indikationsgebiet ist die Behandlung der primären Hypercholesterinämie.

 

Weniger Flush-Episoden

 

Das neue Präparat wird zusammen mit einem Statin verordnet, wenn die alleinige Anwendung des HMG-CoA-Reduktase-Hemmers nicht ausreichend wirksam ist. Eine Monotherapie kommt nur dann infrage, wenn eine Statintherapie nicht möglich ist.

 

In klinischen Studien senkte das Mittel erwartungsgemäß LDL-Cholesterol und Triglyceride und erhöhte das HDL-Cholesterol. Interessanter sind jedoch die Studienergebnisse zur Auswirkung auf die Flush-Symptomatik. So hatten Patienten, die das Kombipräparat erhielten, signifikant weniger mittelschwere bis schwere Flush-Episoden als Patienten, die ein Niacin-Präparat mit modifizierter Freisetzung einnahmen.

 

In einer gepoolten Analyse von vier kontrollierten Studien mit mehr als 4700 Patienten brachen etwa 7 Prozent der mit Niacin und Laropiprant behandelten Patienten die Behandlung aufgrund von Flush-Episoden ab. In der Vergleichsgruppe der mit modifiziert freigesetztem Niacin behandelten Patienten lag der entsprechende Anteil bei mehr als 16 Prozent.

 

Die Gabe von Acetylsalicylsäure, die vor der Einnahme anderer Niacin-Präparate häufig empfohlen wird, ist übrigens nicht nötig. Untersuchungen zeigten, dass zusätzliches ASS die Flush-Episoden nicht weiter senkt als Tredaptive allein.

 

FDA fordert weitere Belege

 

Ende April 2008 hat die amerikanische Zulassungsbehörde FDA die Zulassung des in den USA unter dem Handelsnamen CordaptiveTM vermarkteten Kombinationspräparates vorerst abgelehnt. Sie fordert weitere Belege für Sicherheit und Wirksamkeit des Präparats. Kürzlich schlug die Behörde dem Hersteller Merck & Co. vor, die Ergebnisse aus der sogenannten THRIVE (treatment of HDL to reduce the incidence of vascular events)-Studie abzuwarten. Diese werden allerdings erst für 2013 erwartet. Der US-Konzern kündigte an, die Gespräche mit der FDA fortzuführen und hofft darauf, doch früher einen Zulassungsantrag stellen zu können.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 30/2008

 

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