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Prostatakarzinom: Neue Therapien für Männer

TITEL

 
Prostatakarzinom

Neue Therapien für Männer


Von Gudrun Heyn / Viele Patienten mit Prostatakarzinom haben eine gute Prognose. Doch es gibt auch schwere Verläufe. Dank der Entwicklung neuer Medikamente sind die Betroffenen inzwischen gut behandelbar.

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In Deutschland leben rund 720 000 Männer mit einem Prostatakarzinom (PCa). Ihre Behandlung erfolgt risikoadaptiert und stadiengerecht. Bei manchen Männern reicht eine aktive Überwachung (Active Surveillance) oder ein beobachtendes Abwarten (Watchful Waiting). Bei anderen Patienten ist eine chirurgische Behandlung, Strahlen-, Hormon- und/oder Chemotherapie indiziert.




Grafik 1: Querschnitt durch den männlichen Unterleib. Die Prostata umschließt den oberen Teil der Harnröhre.

Wenn der Tumor in einem fortgeschrittenen Krankheitsstadium nicht mehr auf einen Androgenentzug anspricht, hatten die Patienten noch vor wenigen Jahren eine besonders schlechte Prognose. »Ärzte konnten kaum mehr als die Symptome der Betroffenen lindern«, sagte Professor Dr. Jürgen Breul vom Loretto Krankenhaus, Freiburg, auf dem 14. pharmazeutisch-onkologischen Kongress NZW-München (2015). Heute stehen für diese Patientengruppe gleich mehrere Therapieoptionen zur Verfügung. Dazu gehören das Zytostatikum Docetaxel sowie Arzneistoffe, die in den letzten fünf Jahren neu zugelassen wurden. Ihre Einführung hat die Gesamtüberlebenszeit deutlich verlängert und die Lebensqualität der Männer verbessert. Bislang gibt es jedoch noch keine verbindliche Empfehlung, unter welchen Bedingungen sie in welcher Reihenfolge einzusetzen sind.

 

Häufigster Krebs des Mannes

 

Das Prostatakarzinom ist mit 65 000 Neuerkrankungen pro Jahr die häufigste bösartige Tumorerkrankung des Mannes (1). Bei der Diagnosestellung sind sie im Durchschnitt 69 Jahre alt.

 

Die meisten Tumore entstehen in der Peripherie der kastaniengroßen, 20 g schweren Vorsteherdrüse (Grafik). Im Frühstadium verspüren die Betroffenen meist keine Symptome. Erst später treten Miktionsstörungen mit kleinen Harnmengen und Schmerzen beim Wasserlassen auf. Auch nächtlicher Harndrang und ein schwacher Harnstrahl (durch Obstruktion) können auf ein PCa hinweisen. Erektionsstörungen und Blut im Urin sind weitere mögliche Symptome. Im fortgeschrittenen Stadium kommt es zu Metastasen, vor allem in den Lymphknoten und den Knochen. Knochenschmerzen und Knochenbrüche sind mögliche gravierende Folgen.




Histologisches Bild von Prostatakrebszellen

Foto: Superbild


Da PCa in der Regel langsam wachsen, führen die Tumore bei vielen Männern nicht zum Tod (1). Autopsiestudien zeigen zudem, dass latente Karzinome weit verbreitet sind. Je nach Alter wird bei einem bis zwei Dritteln der verstorbenen Männer ein Prostatakarzinom gefunden, das zu Lebzeiten keine klinische Symptomatik gezeigt hat. Bei 85-jährigen Verstorbenen liegt die Nachweishäufigkeit bei bis zu 85 Prozent (2). Doch es gibt auch schnell wachsende, aggressive Tumore. So sterben in Deutschland jährlich etwa 12 000 Männer an einem Prostatakarzinom (1).

 

Bislang sind nur wenige Risikofaktoren für die Entwicklung dieses Tumors bekannt. Dazu gehören ein höheres Lebensalter und eine erbliche Veranlagung. Ist ein Verwandter ersten Grades betroffen, verdoppelt sich das Risiko; sind mehrere Verwandte ersten Grades erkrankt, ist das Risiko um das 5- bis 11-Fache erhöht (3). Externe Faktoren spielen möglicherweise als Treiber der Erkrankung eine wichtige Rolle. So zeigen epidemiologische Untersuchungen, dass die Prostatakarzinom-Häufigkeit bei Asiaten ansteigt, wenn sie in die USA auswandern. In der zweiten Generation entspricht sie der der amerikanischen weißen Männer (2). Vermutet wird, dass dafür neue Ernährungsgewohnheiten mitverantwortlich sind.

 

Von der Früherkennung zur Prognose




Prostata erkrankt? Probleme beim Wasserlassen können ein Hinweis sein.

Foto: Fotolia/Kzenon


Zur Früherkennung eines PCa haben Männer ab 45 Jahren einmal pro Jahr Anspruch auf eine kostenlose Tastuntersuchung ihrer Prostata. Die Kosten für einen PSA-Test (PSA: Prostata spezifisches Antigen) übernehmen die Krankenkassen dagegen nicht. Mit seiner Hilfe können auch Tumore entdeckt werden, die noch nicht tastbar sind. Doch eine erhöhte PSA-Konzentration im Blut deutet nur auf eine Veränderung der Prostata hin, nicht auf Krebs. So ist nach wie vor umstritten, ob das Risiko einer Überdiagnose größer ist als der Nutzen des Tests.

 

Die endgültige Diagnose eines bösartigen Prostatatumors ermöglicht erst eine Biopsie. Danach erfolgt eine Risikoeinschätzung, denn nicht alle betroffenen Männer müssen mit einer Einschränkung ihrer Lebenserwartung oder Lebensqualität rechnen (4). Unter den lokal begrenzten Tumoren gilt es diejenigen zu erkennen, bei denen die Patienten schwere Symptome entwickeln werden und/oder schneller versterben. In die Bewertung fließen drei Parameter ein: die histologischen (feingeweblichen) Merkmale des Tumors (Gleason Score), die Konzentration von PSA im Blut und das Tumorstadium (TNM-Klassifikation), das mittels bildgebender Verfahren ermittelt wird.

 

Lokale Tumoren sind prognostisch günstig

 

In einem frühen Krankheitsstadium mit lokal begrenztem, prognostisch günstigen PCa ist die aktive Überwachung die schonendste Strategie. Erst bei einem nachgewiesenen Progress des Tumors erfolgt eine operative oder strahlentherapeutische Behandlung. Ziel ist die Heilung des Mannes. Laut der S3-Leitlinie Prostatakarzinom ist eine kurativ intendierte Intervention auch dann zu bevorzugen, wenn Patienten von einer frühzeitigen Behandlung besonders profitieren (4).




Die radikale Entfernung der Prostata (Prosta­tektomie) ist eine wichtige Therapieoption bei einem lokal begrenzten Krebs.

Foto: Superbild


Therapieoptionen sind die komplette Entfernung der Prostata (radikale Prostatektomie), die perkutane Strahlen- oder die Low-dose-rate(LDR)-Brachytherapie. Letztere wird auch als Seed-Implantation bezeichnet, da dabei kleine radioaktive Quellen (Seeds) mit Jod-125 oder Palladium-103 dauerhaft in die Prostata eingebracht werden.

 

Ein anderes Tumormanagement empfehlen die Autoren der Leitlinie für Patienten mit einer günstigen Tumorprognose, deren Lebenserwartung aufgrund des Alters und ihrer Komorbidität voraussichtlich weniger als zehn Jahren beträgt. Ihnen soll statt einer kurativen Therapie eine langfristige Beobachtung angeboten werden. Das sogenannte Watchful Waiting beinhaltet, falls erforderlich, eine symptomorientierte Therapie. 2011 wurde jeder fünfte Patient auf diese Weise beobachtet (5).

 

Lokal fortgeschrittene und metastasierte PCa

 

In Deutschland leiden derzeit rund 52 000 Männer an einem metastasierten Prostatakarzinom. In diesem Stadium ist eine Heilung nicht mehr möglich (4).




Die Langzeit­therapie eines ­Prostatakarzinoms erfordert eine ­regelmäßige Überwachung beim Arzt.

Foto: Fotolia/­jamrooferpix


Vor allem das Hormon Testosteron beziehungsweise sein Metabolit Dihydrotestosteron treiben das Tumorwachstum und die Metastasierung voran. Eine wichtige Rolle spielt dabei das natürliche Gonadotropin-Releasing-Hormon (GnRH). Beim Mann wird es im Hypothalamus des Gehirns etwa alle 120 Minuten pulsatil freigesetzt. Dies führt über die Aktivierung von GnRH-Rezeptoren in der Hypophyse zur Biosynthese der Gonadotropine Luteinisierendes Hormon (LH) und Follikelstimulierendes Hormon (FSH) und ihrer Abgabe in das Blut. In den Hoden stimuliert LH die Bildung des Androgens Testosteron, FSH die Spermatogenese.

 

Therapie der Wahl bei einem hormonabhängigen PCa im metastasierten Stadium ist die Androgendeprivation (ADT: androgen deprivation Therapy, hormonablative Therapie). Aber auch zur Behandlung von lokalen, prognostisch ungünstigen oder lokal fortgeschrittenen Tumoren empfiehlt die Leitlinie eine ADT. Sie sollte zusätzlich zu ­einer perkutanen Strahlentherapie vor und/oder nach einer radikalen Prostatektomie (neo- und/oder adjuvant) erfolgen. Die Senkung des Testosteron-Spiegels auf Kastrationsniveau (unter 50 ng/dl) ist zudem eine Option für Patienten mit lokal begrenztem Tumor, die eine kurative Therapie ablehnen. Der Hormonentzug kann durch die parenterale Applikation von GnRH-Analoga (LHRH-Analoga), GnRH-Antagonisten (LHRH-Antagonisten) oder durch die operative Entfernung der Hoden (Orchiektomie) erfolgen.

 

Therapie durch Hormonentzug

 

Zur Androgenunterdrückung sind derzeit lang wirkende GnRH-Analoga ­Mittel der Wahl. Die Depotpräparate werden als Suspensionen oder Implantate alle vier Wochen oder in mehrmona­tigen Abständen subkutan oder intramuskulär injiziert.




Der PSA-Wert kann anzeigen, ob ein Tumor noch auf die hormonablative Therapie anspricht.

Foto: Shutterstock/Sherry Yates


GnRH-Analoga wie Buserelin, Goserelin, Leuprorelin und Triptorelin unterdrücken bei einer kontinuierlichen und längerfristigen Applikation die Testosteronproduktion der Hoden. Innerhalb von drei bis vier Wochen ab Therapiebeginn sinkt der Testosteronspiegel auf Kastrationsniveau. Diese Wirkung beruht auf einer chronischen Überstimulierung der hypophysären GnRH-Rezeptoren. Deren Aktivität und die Ausschüttung von LH und FSH nehmen daraufhin ab. In der Folge sinkt die testikuläre Testosteronproduktion, nicht aber die in den Nebennieren.

 

Zu Beginn der Therapie steigt jedoch die Testosteronproduktion, da die Wirkstoffe GnRH-Analoga sind. Dieses »Flare-Phänomen« kann bis zu einer Woche andauern, das Tumorwachstum anregen und Metastasen aktivie­ren. Knochenschmerzen, neurologische Ausfallerscheinungen, erschwertes Urinieren, Nierenversagen und kardiovaskuläre Todesfälle aufgrund von Thrombosen können die Folge sein (3). Mögliche Nebenwirkungen der Langzeittherapie sind Hitzewallungen, Osteoporose sowie Verlust von ­Libido und Potenz.

 

GnRH-Antagonisten wie Degarelix ermöglichen dagegen eine ADT ohne initiales Flare-Phänomen. Ihre Wirkung beruht auf einer kompetitiven, rever­siblen Bindung an die hypophysären ­GnRH-Rezeptoren. Infolge der Rezeptorblockade steigen die Serumtesto­steronspiegel nicht an. Die Medikamente werden ausschließlich subkutan injiziert. Zu den Nebenwirkungen gehören vor allem kardiovaskuläre Risiken. ­»GnRH-Antagonisten werden daher vergleichsweise selten eingesetzt, vermutlich aber auch deshalb, weil die monatliche Injektion sehr schmerzhaft ist«, sagte Professor Dr. Bertrand Tombal vom Saint-Luc Hospital, Brüssel, bei der European Cancer Conference ECC 2015 in Wien (6).

 

Verschiedene Indikationen für Antiandrogene

 

Auch peroral bioverfügbare Antiandrogene (Androgenrezeptorblocker) haben in der Therapie des fortgeschrit­tenen hormonabhängigen PCa ihren Stellenwert. Sie sind weniger wirksam als GnRH-Analoga und -Antagonisten, beeinträchtigen das sexuelle Interesse und die körperliche Leistungsfähigkeit jedoch weniger. Substanzen wie Bicalutamid, Flutamid und Cyproteron hemmen kompetitiv die Wirkung von Androgenen an Androgenrezeptoren der Zielorgane Hoden und Prostata. Zu den möglichen Nebenwirkungen gehören Gewichtsschwankungen, Depressionen, Kopfschmerzen und Schwindel.




Grafik 2: Therapieverlauf bei einem Mann mit kastrationsresistentem Prostatakarzinom (reales Beispiel). Aus der Kurve ist ablesbar, wann der Patient nicht mehr auf die Therapie ansprach. Cabazitaxel wurde wegen seines reduzierten Allgemeinzustands in verringerter Dosis (20 mg/m2) gegeben.

Modifiziert nach (9)


Antiandrogene haben verschiedene Anwendungsgebiete. Die gleichzeitige Gabe mit einem GnRH-Analogon in der Anfangsphase einer ADT soll das Flare-Phänomen mildern. Eine weitere Indikation ist die Behandlung von Hitzewallungen, die als unerwünschte Wirkung einer ADT auftreten. Androgenrezeptorblocker ermöglichen zudem eine maximale antiandrogene Therapie, wenn eine medikamentöse oder operative Kas­tration nur unzureichend erfolgreich ist. Dazu werden sie mit GnRH-Analoga kombiniert oder nach einer Orchiektomie eingesetzt.

 

Außerdem bieten sie eine Option, wenn eine medikamentöse oder operative ADT kontraindiziert ist oder eine orale Therapie bevorzugt wird. In höherer Dosierung ist etwa Bicalutamid zugelassen zur Behandlung von Patienten mit lokal fortgeschrittenem Prostatakarzinom und hohem Progressionsrisiko alleine oder adjuvant zu radikaler Prostatektomie oder Strahlentherapie.

 

Wachstum trotz Androgenblockade

 

Für eine begrenzte Zeit kann die chirurgische oder chemische Androgendeprivation ein Fortschreiten der Erkrankung aufhalten. »Doch im Durchschnitt kommt es bereits nach einem bis zwei Jahren zu einem Progress«, sagte Breul. Das bedeutet, dass der Tumor trotz der Hormonblockade weiterwächst. In Deutschland leiden rund 27 000 Männer an einem kastrationsresistenten Prostatakarzinom (CRPC); etwa die Hälfte hat stark belastende Symptome wie Schmerzen.

 

»Vor der Einführung des Zytostatikums Docetaxel in die Therapie betrug die mittlere Überlebenszeit der Kranken in diesem Stadium nur etwa ein Jahr«, berichtete Breul. Heute stehen mit den Substanzen Docetaxel, Abirateronacetat, Radium-223, Enzalutamid und Cabazitaxel mehrere wirksame Arzneistoffe zur Verfügung. Aufgrund ihrer unterschiedlichen Wirkmechanismen können sie nacheinander eingesetzt werden. Sobald ein steigender PSA-Wert anzeigt, dass der Patient nicht mehr auf die Therapie anspricht, erfolgt die Umstellung auf ein anderes Medikament (Grafik 2). Dadurch kann das Gesamtüberleben auf bis zu fünf Jahren verlängert werden.

 

In der Diskussion ist derzeit, welche Substanz zuerst und welche Substanzen in welcher Reihenfolge danach einzusetzen sind. Cabazitaxel ist dabei eine Ausnahme. Aufgrund der Zulassung und möglicher Nebenwirkungen wird das Taxan in der Regel als Letztes appliziert.

 

Zytostatika-, Hormon- und Radiotherapie

 

Docetaxel ist seit 2006 in Kombination mit Prednison oder Prednisolon zur ­Behandlung von Patienten mit meta­stasiertem CRPC zugelassen. Fällt der PSA-Wert unter der Therapie um mehr als 30 Prozent, haben die Patienten eine gute Chance auf eine Lebens­zeitverlängerung um durchschnittlich 22 Monate (9).

 

Das Zytostatikum aus der Gruppe der Taxane wirkt über eine gesteigerte Polymerisation von Tubulin zu stabilen Mikrotubuli. Dadurch kommt es zu einer abnormen Spindelbildung während der Mitose. Die übliche Dosierung einer Docetaxel-Infusion bei einem PCa beträgt 75 mg/m2 alle drei Wochen. Sehr häufige Nebenwirkungen sind etwa Neutropenie und neutropenische Infektionen, Anämie, Nausea und Emesis, Stomatitis, Diarrhö und Alopezie. »Aufgrund der Nebenwirkungen und neuer Studiendaten ist eine Dosierung von 50 mg/m2 alle zwei Wochen in der Diskussion«, sagte Breul. Im Off-label-Use wendet der Chefarzt des Loretto-Krankenhauses Freiburg dieses Schema bereits seit 2013 an, mit gutem Erfolg und geringerer Toxizität.




Knochen­metastasen, hier an der Hüfte, können massive Schmerzen aus­lösen und belasten die Patienten schwer.

Foto: Superbild


Wichtig zu wissen: Die Docetaxel-Infusionslösung ist übersättigt und kann daher mit der Zeit auskristallisieren, wenn sie nicht sofort verwendet wird. Wenn Kristalle sichtbar werden, darf die Lösung nicht mehr verwendet werden.

 

Abirateronacetat ist ein oral verfügbarer Hormonantagonist. In Kombination mit Prednison oder Prednisolon ist er – nach Versagen der Androgendeprivation – zugelassen zur Therapie des metastasierten CRPC vor einer Chemotherapie, wenn die Erkrankung asymptomatisch oder mild symptomatisch verläuft, sowie bei Männern, deren Erkrankung während oder nach einer Docetaxel-Chemotherapie fortschreitet. »Hintergrund der Entwicklung war die Erkenntnis, dass Tumore Pregnenolon und Progesteron nutzen können, um eigene Androgene herzustellen«, sagte Breul. Im Gewebe kastrationsresistenter Tumore ist eine gesteigerte Aktivität des Enzyms CYP-17 zu beobachten, das in Hoden und Nebennieren wesentlich an der Androgenbiosynthese beteiligt ist. Abirateronacetat wird im Körper zu Abirateron abgebaut, einem selektiven Inhibitor des Enzyms 17α-Hydroxylase/C17,20-lyase (CYP-17).

 

Bei Patienten, die mit Docetaxel vorbehandelt waren, verlängerte Abirateronacetat das Gesamtüberleben um 4,6 Monate gegenüber Placebo (COU-AA-301 Studie); bei Chemotherapie-naiven Patienten waren es 4,4 Monate (COU-AA-302-Studie). In der COU-AA-302-Studie erhielten auch 44 Prozent der Patienten des Placeboarms Abirateronacetat als Folgetherapie. Anlass des Therapiewechsels war ein erheblicher klinischer Vorteil. So verlängerte die Prüfsubstanz das progressionsfreie Überleben von 8,3 auf 16,5 Monate (7). Die Patienten brauchten zudem signifikant später Opioide gegen tumorbedingte Schmerzen. Zu den unerwünschten Wirkungen gehören Harnwegsinfektionen, Hypokali­ämie, Hypertonie und periphere Ödeme, aber auch Herzerkrankungen, ­Hepatotoxizität und Frakturen.

 

Empfohlene Dosis von Abirateronacetat sind 1000 mg/Tag (vier Tabletten). Bei der Abgabe sollten Apotheker darauf hinweisen, dass der Patient die Tabletten auf einmal und nicht zusammen mit Nahrungsmitteln einnimmt.

 

Das ebenfalls peroral bioverfügbare Enzalutamid ist ein starker Inhibitor des Androgenrezeptor-Signalwegs und blockiert mehrere Schritte in diesem Weg. Bei Patienten, die mit Docetaxel vorbehandelt wurden, zeigte Enzalutamid im Vergleich zu Placebo einen Vorteil im Gesamtüberleben von 4,8 Monaten (AFFIRM-Studie); bei Chemotherapie-naiven Patienten lag der Vorteil bei vier Monaten (PREVAIL-Studie).

 

Aufgrund der Ergebnisse einer Zwischenauswertung (Interimsanalyse) konnten auch in der PREVAIL-Studie ­Patienten des Placeboarms in den Enzalutamid-Arm wechseln. Bis eine Chemotherapie initiiert werden musste, hatten Patienten der Prüfgruppe im Vergleich zu Patienten des Placeboarms 17 Monate länger Zeit. Zudem zögerte die Behandlung notwendige Knochenbestrahlungen, das Auftreten von ­Frakturen und Änderungen der antineoplastischen Behandlung von Knochenschmerzen hinaus.

 

Enzalutamid ist wie Abirateron­acetat zugelassen bei Männern mit meta­stasiertem CRPC vor oder nach Chemotherapie (Docetaxel). Häufigste Nebenwirkungen sind Fatigue, Gelenk- und Kopfschmerzen, Hitzewallungen und Hypertonie.

 

Bei der Abgabe des Medikaments ist zu beachten, dass Enzalutamid die Bioverfügbarkeit zahlreicher Arzneimittel beeinflussen kann. Zugleich können starke CYP-2C8-Inhibitoren oder -Induktoren seine Bioverfügbarkeit beeinflussen. Enzalutamid (vier Kapseln à 40 mg) kann zu oder unabhängig von einer Mahlzeit eingenommen werden.

 

Radium-223 ist zur Behandlung von Patienten mit CRPC und symptomatischen Knochenmetastasen ohne bekannte Metastasen in den Eingeweiden zugelassen. Der Alphastrahler steht in Form von Radium-223-Chlorid zur langsamen intravenösen Injektion zur Verfügung. In Bereichen mit hohem Knochenumsatz wird er selektiv in den Knochen eingelagert. Vor allem in und um Knochenmetastasen bildet die radioaktive Substanz Komplexe mit dem Knochenmineral Hydroxylapatit. In den angrenzenden Tumorzellen führt die Strahlung zu Doppelstrangbrüchen der DNA. Die Reichweite der Alphateilchen ist mit weniger als 100 μm gering, sodass umgebendes normales Gewebe kaum geschädigt wird.

 

Die ALSYMPCA-Studie zeigte, dass die Therapie mit Radium-223 im Vergleich zu Placebo das Gesamtüberleben um durchschnittlich 2,9 Monate signifikant verlängerte und Knochenschmerzen lindern kann. Zu den Nebenwirkungen gehören Diarrhö, Übelkeit, Erbrechen, Thrombozytopenie und Neutropenie.

 

Cabazitaxel ist wie Docetaxel ein Taxan, dessen Wirkung auf einer Störung des Mikrotubuli-Netzwerks beruht. In Tierstudien war Cabazitaxel ­jedoch auch aktiv bei Tumormodellen, die nicht auf eine Chemotherapie einschließlich Docetaxel ansprachen.

 

Im Vergleich zu dem Topoisomerasehemmer Mitoxantron, der in der palliativen Situation eines CRPC zur ­Reduktion von Knochenschmerzen zugelassen ist, verbessert Cabazitaxel das Gesamtüberleben der Patienten um 2,4 Monate. Zugelassen ist das Taxan in Kombination mit Prednison oder Prednisolon zur Behandlung von Patienten mit CRPC, die mit Docetaxel vorbehandelt sind. Mögliche Nebenwirkungen der Infusion sind etwa Anämie, Leukopenie, Neutropenie, Thrombozytope­nie, Diarrhö in allen Schweregraden, aber auch Übelkeit, Erbrechen, Anorexie, Dyspnoe, Husten, Rückenschmerzen, Alopezie, Ermüdung und Kraftlosigkeit.


Blick in die Zukunft

 

Bislang ist das Potenzial der Therapien gegen das Prostatakarzinom nicht ausgereizt. So zeigten Studien, dass Patienten mit lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem PCa frühzeitig von einer Chemotherapie mit Docetaxel zusammen mit einer ADT profitieren (8).

 

Enzalutamid könnte demnächst in der neoadjuvanten Therapie von Hochrisikopatienten mit lokalisierten Tumoren eine wichtige Rolle spielen. In einer Phase-II-Studie reduzierte der Androgenblocker bei einem Teil der Patienten so deutlich die Tumorlast, dass Ärzte diskutieren, ob eine anschließende operative Entfernung der Prostata oder Strahlentherapie noch sinnvoll ist (6).

 

Da unterschiedliche Ablesevarianten der prä-mRNA des Androgenrezeptor-Gens (Splice-Varianten) zu einem unterschiedlichen Ansprechen auf Enzalutamid und Abirateronacetat führen, ist zudem ein Test auf eine bestimmte Variante, die Androgenrezeptor-Splicevariante-7 (ARV7), in Entwicklung. Er erkennt Patienten, die nicht von der Therapie profitieren (9), weil dieser Variante die Ligandenbindungsstelle fehlt und die Arzneistoffe somit wirkungslos bleiben. /

 

 

Literatur und Vorträge 

  1. Gesundheitsleitlinie Früherkennung von Prostatakrebs – Information für Männer. Leitlinienprogramm Onkologie der AWMF, DKG, Deutsche Krebshilfe (2015). www.leitlinienprogramm-onkologie.de.
  2. RKI, Prostataerkrankungen. GBE Heft 36, Stand 2007.
  3. EAU-Guidelines on Prostate Cancer. Eur Ass Urology (2015); www.uroweb.org.
  4. S3-Leitlinie Prostatakarzinom. Oktober 2014, AWMF-Register-Nummer 043/022OL.
  5. Hager, B., et al., Integrated prostate cancer centers might cause an overutilization of radiotherapy for low-risk prostate cancer: A comparison of treatment trends in the United States and Germany from 2004 to 2011. Radiotherapy and Oncology, Vol 115 (2015) 90-95, doi: 10.1016/j.radonc.2015.02.024.
  6. Professor Dr. Bertrand Tombal vom Saint-Luc Hospital, Brüssel, Belgien, Statement im Rahmen der European Cancer Conference ECC 2015 in Wien.
  7. Rothamel, M., et al., Deutlicher Wandel in der Therapie. Uro-News 18 (2014) 2-5.
  8. James et al., STAMPEDE Studie, http://abstracts.asco.org/156/AbstView_156_147721.html
  9. Professor Dr. Jürgen Breul, Loretto Krankenhaus, Freiburg: »Neue Therapieoptionen für Patienten mit kastrationsresistentem Prostatakarzinom«, Vortrag auf dem 14. phar­mazeutisch-onkologischen Fachkongress NZW-München 2015.


Die Autorin

Gudrun Heyn ist als freie Wissenschaftsjournalistin in Berlin tätig und behandelt vor allem Themen aus Medizin und Pharmazie. Nach ihrer journalistischen Ausbildung und Promotion hat sie in verschiedenen Forschungseinrichtungen, darunter am Kernforschungszentrum Karlsruhe und beim Niedersächsischen Landesamt für Bodenforschung gearbeitet. Sie erfüllte Lehraufträge an der Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg, und der Freien Universität, Berlin. In Fachpublikationen veröffentlichte sie Ergebnisse eigener Forschungen.

 

Dr. Gudrun

Heyn Ferbitzer Weg 33 B

13591 Berlin

E-Mail: gheyn@gmx.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 13/2016

 

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