Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

Cannabiskontrollgesetz: Salomonische Lösung gefragt

NACHRICHTEN

 
Cannabiskontrollgesetz: Salomonische Lösung gefragt
 


Die Experten im Gesundheitsausschuss des Bundestags haben die Frage diskutiert, ob die kontrollierte Abgabe und der Konsum von Cannabis bald legal sein sollen. Einig waren sie sich nur in einem Punkt: Wie bisher kann die Drogenpolitik nicht weitergehen. Auslöser für die kontroverse Diskussion in Berlin ist der Entwurf des Cannabiskontrollgesetzes (CannKG) der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Dessen Ziel ist, Cannabis aus dem Strafrecht des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) herauszunehmen und einen kontrollierten, legalen Markt zu erlauben. Mit der Abgabe in speziellen Verkaufsstellen soll unter anderem die Qualität des Produktes garantiert werden. Gleichzeitig fordert die Partei einen stärkeren Jugendschutz.
 
Für einen Trugschluss hält Oberstaatsanwalt Jörn Patzak die Position der Fraktion, dass der Schwarzmarkt mit dem Verkauf über legale Cannabisfachgeschäfte regulierbar sei. Aufgrund des weiter bestehenden Bedarfs sei eher zu befürchten, dass sich um die Shops ein illegaler Umschlagplatz entwickele, wie es in den Niederlanden der Fall sei. Laut Patzak wird besonders dort der unreine Hochleistungs-Cannabis vertrieben. Zudem bewirke der Gesetzesentwurf auch im Hinblick auf den Jugendschutz genau das Gegenteil: «Aus strafrechtlicher Sicht handelt es sich um ein Lippenbekenntnis.» Während das BtMG die Abgabe, Verabreichung und Verbrauchsüberlassung der Droge an unter 18-Jährige als Verbrechen einstufe, sehe das CannKG lediglich Geld- oder Freiheitsstrafen bis zu fünf Jahren vor. «Damit bewegt sich die Strafandrohung nur knapp über dem Niveau von Bagatelldelikten wie einer Beleidung oder einem Hausfriedensbruch.» Das schrecke keinen Dealer ab, so der Experte.
 
Bernd Werse, Mitbegründer des Centre for Drug Research der Goethe-Universität, Frankfurt am Main, begrüßt hingegen den Entwurf der Partei. «Der Schwarzmarkt wird bei guter Regulierung nur einen kleinen Teil ausmachen.» Werse argumentierte in seiner Stellungnahme, im US-Bundesstaat Colorado habe sich der Cannabiskonsum seit seiner Legalisierung auch nicht erhöht. «Das heißt, es gibt keinen Zusammenhang zwischen Drogenpolitik und Cannabisprävalenz». Demnach funktioniere der Jugendschutz nach der Legalisierung genauso gut wie unter Illegalität.
 
Globaler betrachtete Georg Wurth, Inhaber des Deutschen Hanfverbandes, die Thematik. Die Liberalisierung der Cannabispolitik sei weltweit auf dem Vormarsch. In Kanada, Mexiko, vielen US-Staaten aber auch in Belgien, Spanien, Dänemark und der Schweiz würden neue Regelungen diskutiert. «Deutschland wird sich langfristig dem Trend nicht entziehen können.» Zudem werde die derzeitige Strafverfolgung von Cannabiskonsumenten in Deutschland von allen Fachleuten abgelehnt.
 
Für gescheitert hält auch der GKV-Spitzenverband die aktuelle Drogenpolitik. Doch eine Ausweitung des Konsums, wie es die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen vorsieht, sei auch unbedingt zu verhindern. Um möglichen Entwicklungsschäden Heranwachsender entgegenzuwirken, müsse besonders auf den Jugendschutz geachtet werden, so Experte Michael Ermisch von der Abteilung Arznei- und Heilmittel. Zudem wies er darauf hin, dass langfristiger Cannabiskonsum Angststörungen, Depressionen, Seh- und Sprachstörungen nach sich ziehen könne. «Die Folgekosten gehen dann zulasten der Gesetzlichen Krankenversicherung», sagte Ermisch.
 
Nach den Stimmen der Experten zu urteilen, scheint ein Umdenken und ein salomonische Lösung in der Cannabispolitik nötig. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ist jedenfalls vorbereitet, sollte das CannKG in Kraft treten. Das Institut soll dann die staatliche Cannabisagentur steuern, die den Anbau von Medizinalhanf überwacht. In diesem Zusammenhang hatte sich laut BfArM bereits ein Dutzend Landwirte gemeldet, die Interesse an einem möglichen Anbau haben. (je)
 
Mehr zum Thema Cannabis
 
17.03.2016 l PZ
Foto: Fotolia/Jaroslav Moravcik
 

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 

Weitere Nachrichten

 


Nebivolol: Herzschutz bei Chemotherapie

Der Betablocker Nebivolol kann bei Krebspatienten womöglich Schäden am Herzmuskel durch eine zytostatische Therapie mit Anthracyclinen...



Hecken: Homöopathie als Kassenleistung verbieten!

Josef Hecken will Krankenkassen verbieten, homöopathische Arzneimittel zu erstatten. Nach den Vorstellungen des Vorsitzenden des...



Impfung: Empfehlungen gegen Stress und Schmerzen

In ihren aktualisierten Empfehlungen gibt die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut (STIKO) erstmals auch Hinweise, wie Schmerz-...



Große Registerstudie: DOAK besser als Warfarin

Direkte orale Antikoagulanzien (DOAK) sind dem Vitamin-K-Antagonisten (VKA) Warfarin zur Prävention von Schlaganfällen bei Vorhofflimmern...

 
 

STIKO: Neue Empfehlungen zum Pneumokokken-Schutz
Die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut (STIKO) hat ihre Empfehlungen überarbeitet und im Epidemiologischen Bulletin 34/2016...

Eisenmangel macht schwaches Herz noch schwächer
Ein Eisenmangel ist bei Patienten mit Herzinsuffizienz häufig und verschlechtert die Prognose. Den zugrundeliegenden Mechanismus haben nun...

Tod nach alternativer Krebstherapie: Wirkstoff im Visier
Nach dem Tod von drei Patienten einer alternativen Krebs-Praxis am Niederrhein konzentrieren sich die Ermittler auf den...

Zika-Virus auch in Singapur
In Singapur haben sich mindestens 41 Menschen innerhalb des Landes mit dem Zika-Virus infiziert. Das ergaben neue Untersuchungen kranker...

AOC setzt sich durch: Stada-Aufsichtsratschef abgewählt
Der bisherige Aufsichtsratschef des Pharma-Konzerns Stada, Martin Abend, ist bei der Hauptversammlung des Unternehmens abgewählt worden....

Patientenversorgung: Barmer-Chef fordert mehr Effizienz
Der Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Christoph Straub, hat mehr Kontrolle und Effizienz in der Patientenversorgung angemahnt. «Wir...

Afghanistan: Eine Million Kinder mangelernährt
Eine Million afghanischer Kinder unter fünf Jahren sind nach Angaben humanitärer Helfer unterernährt – und nur ein Bruchteil von ihnen...

Stada: Schlagabtausch in Frankfurt
Jedes Jahr findet in Frankfurt am Main die Stada-Hauptversammlung statt. In den vorangegangenen Jahren waren die Veranstaltungen nur mäßig...

Withaferin A bei Mäusen gegen Übergewicht wirksam
Withaferin A, ein Inhaltsstoff der Schlafbeere (Withania somnifera), hat bei Mäusen mit diätinduzierter Adipositas (DIA) zu einer...

Modellprojekt in Sachsen: Diabetes-Test bei Babys
Neugeborene sollen künftig in Sachsen für ein Modellprojekt auf ihr Typ-1-Diabetes-Risiko getestet werden. Das Screening zu einer möglichen...

Chinoxaline: Möglicher Ansatz gegen Ebola gefunden
Wissenschaftler haben einen neuen Ansatz identifiziert, um Infektionen mit RNA-Viren zu bekämpfen: sogenannte Austritt-Inhibitoren, die die...

Stada: Gut besuchte Hauptversammlung
Die bevorstehende Kampfabstimmung um den Stada-Aufsichtsrat hat zu einer Rekordbeteiligung bei der Hauptversammlung geführt. Heute sind in...

Wespen: Unterschiede im Giftcocktail erkennen
Der Spätsommer ist Wespenzeit. Für Allergiker eine bedrohliche Situation, denn ein Wespenstich kann lebensgefährlich sein. Eine...

ARZ Haan: 2015 Zuwachs von 10 Prozent
Das Geschäftsjahr 2015 ist für Abrechnungsspezialist ARZ Haan gut gelaufen: Der Umsatz stieg um 10 Prozent auf 47,8 Millionen Euro, wie der...

GKV: Kassenplus im ersten Halbjahr
Die Finanzlage der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) hat sich zur Jahresmitte weiter verbessert. Die 118 Kassen verbuchten Ende Juni...

FXIa-Inhibitor: Gerinnungshemmer mit geringem Blutungsrisiko
Der ideale Gerinnungshemmer senkt das Risiko für Thrombosen, ohne das für Blutungen zu erhöhen. Diesem Ziel sind Wissenschaftler um Dr....

Noch mehr Meldungen...

PHARMAZEUTISCHE ZEITUNG ONLINE IST EINE MARKE DER

 












DIREKT ZU