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Serie: Apothekerberufe: »Man muss an seine Vision glauben«

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Serie: Apothekerberufe

»Man muss an seine Vision glauben«


Von Christina Müller / Der Herr im eigenen Haus sein – das ist für viele Apotheker ein erstrebenswertes Ziel. Wer keine Offizin leiten möchte, der findet mit ein bisschen Inspiration auch andere Wege. So wie Dr. Benjamin Seibt: Der Pharmazeut hat kürzlich ein Unternehmen gegründet, das sich auf Gendiagnostik spezialisiert hat.

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PZ: Warum sollten Menschen ihre Gene analysieren lassen?

 

Seibt: Wir wissen heute, dass nicht jeder Wirkstoff bei jedem Patienten gleich effektiv ist. Mit der Pharmakogenomik können wir ermitteln, ob jemand ein rapid, slow oder poor Metabolizer ist, also ob und wie schnell er Arzneistoffe verstoffwechselt. Das kann die Auswahl von Medikamenten individuell beeinflussen. Bekommt zum Beispiel eine Brustkrebspatientin Tamoxifen, ist es enorm wichtig zu wissen, ob das Prodrug über das Enzym CYP2D6 auch tatsächlich in die aktive Form überführt werden kann. Das können wir mithilfe der Pharmakogenomik vorhersagen.

 

PZ: Ein anderes Feld ist die prädiktive Gendiagnostik. Was hat es damit auf sich?

 




Der Firmenstandort liegt am sogenannten Bonner Bogen. Das neu entwickelte Areal am Rheinufer beherbergt unter anderem Büros, Restaurants und Hotels.

Foto: Seibt


Seibt: Bei der prädiktiven Gendiagnostik analysieren wir ebenfalls die DNA und schauen, wie hoch das Risiko des Kunden für bestimmte Erb­krankheiten ist. Das können einfache Krankheiten wie Laktoseintoleranz oder Gluten­unverträglichkeit sein, aber auch Alzheimer oder Krebs. In einigen Fällen können die Betroffenen etwa durch Änderung des Lebensstils den Ausbruch der Krankheit verzögern oder sogar verhindern. Ein Beispiel: Wenn ich weiß, dass ich zu Thrombosen neige, kann ich bei einem längeren Flug sehr leicht vorbeugen.

 

PZ: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, speziell in diesem Bereich ein ­Unternehmen zu gründen?

 

Seibt: Ich habe nach meinem Studium in der pharmazeutischen Chemie an der Uni Bonn promoviert. Meine Arbeit war aber eher pharmakologisch ausgerichtet und hatte hauptsächlich mit Genen zu tun. Danach habe ich eine Weltreise gemacht und bin in San Francisco einem Mann begegnet, der auch gern reiste, seine Frau aber nicht. Er sagte mir, dass er gern wüsste, ob er eines Tages Alzheimer bekommen würde – und ob er demnach mehr Zeit mit seiner Frau verbringen oder die Welt lieber ohne sie erkunden sollte. Dieser Gedanke hat mich fasziniert.

 

PZ: Wie sind Sie weiter vorgegangen?

 

Seibt: Ich habe anschließend meinen Post-Doc in Australien absolviert und habe in dieser Zeit die Idee nach und nach weiterentwickelt. Später habe ich meine Geschäftspartnerin Dr. Anke Schiedel angesprochen und konnte sie überzeugen, mit mir zusammenzuarbeiten. Während wir unseren Businessplan erarbeiteten, sind wir auf das Gendiagnostik-Gesetz und damit unsere rechtlichen Grenzen gestoßen. Also ­haben wir mit Dr. Bettina Mecking eine Rechtsanwältin ins Boot geholt, die sich auf das Medizinrecht spezialisiert hatte. Mit Unterstützung der Kolleginnen habe ich die Firma ­gegründet.

 

PZ: Gibt es eine Eigenschaft oder eine Fähigkeit, die Ihnen dabei besonders genutzt hat?

 

Seibt: Ja, mein Organisationstalent. Strukturiertes Arbeiten ist auf jeden Fall ein ganz entscheidender Faktor, wenn man sich selbstständig machen möchte.

 

PZ: Inwiefern können Sie heute die Kenntnisse aus dem Pharmaziestudium noch anwenden?

 

Seibt: Die Inhalte aus dem Studium sind in vielen Punkten noch relevant. Vor allem, wenn es um die Verstoffwechselung von Arzneimitteln geht. Wenn man nicht weiß, was Tamoxifen ist, dass es ein Prodrug ist, wie es im Körper wirkt und metabolisiert wird, ist es nicht besonders vielversprechend, ein Unternehmen im Bereich Pharmakogenomik zu gründen.

 

PZ: Wie sieht Ihr persönlicher Alltag aus?

 

Seibt: Mein Unternehmen hat vor zwei Monaten den Betrieb aufgenommen, da muss man sich natürlich erstmal ein funktionierendes Netzwerk aufbauen. Daher ist ein großer Aspekt meiner Arbeit momentan, Ärzte zu treffen und ihnen die Pharmakogenomik näherzubringen. Wir bekommen aber auch schon viele Anfragen, entweder direkt von den Kunden oder von den behandelnden Medizinern.

 

PZ: Halten Sie diese Sparte für ­zukunftsträchtig?




Seibt bei der Arbeit im Labor. In der Hand hält er einen DNA-Chip, den er gleich in das Sequenziergerät einlegen wird, vor dem im Hintergrund seine Kollegin steht. Innerhalb weniger Stunden liefert das Gerät das Ergebnis.

Foto: Seibt


Seibt: Absolut. Ich halte die Pharmakogenomik für den wichtigsten neuen Zweig in der Pharmazie. Viele Arzneimittel zielen auf spezielle Gendefekte ab, allen voran die neuen Onkologika. Deshalb gehört für mich die Pharmakogenomik auch unbedingt in Apothekerhände. Mein Wunsch ist, dass es eines Tages einen Fachapotheker für Pharmakogenomik gibt.

 

PZ: Haben Sie sich – abgesehen von der Promotion – speziell fortgebildet?

 

Seibt: Neben meinen wissenschaftlichen Stationen, etwa in Barcelona und Melbourne, habe ich privat einige Kurse belegt, um meine wirtschaftlichen Kenntnisse zu vertiefen. Mittlerweile bin ich sogar Dozent für Pharmakoökonomie an der Rheinischen Fachhochschule in Köln.

 

PZ: Haben Sie einen Tipp für junge Kollegen, die sich mit einer tollen Idee verwirklichen möchten?

 

Seibt: Sich selbstständig zu machen erfordert sehr viel Energie. Man muss bedingungslos an seine Vision glauben und darf sich durch Rückschläge nicht entmutigen lassen. Darüber hinaus ist es wichtig, andere von seiner Idee zu überzeugen und zum Mitmachen zu bewegen. Alleine wird es kaum einer schaffen, es gehört immer auch ein starkes Team dazu. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 10/2016

 

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