Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

Magersucht und Bulimie: Essen als Problem

TITEL

 
Magersucht und Bulimie

Essen als Problem


Von Nicole Schuster / Essstörungen sind die häufigste psychische Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen. Unbehandelt können sie chronisch verlaufen und sogar tödlich enden. Je nach Schweregrad ist eine ambulante oder stationäre Therapie erforderlich. Auch die Familie sollte einbezogen werden.

ANZEIGE


Die Frage nach dem »richtigen« Körpergewicht und die Angst, dick zu sein, beschäftigen schon Kinder. Die verzerrte Wahrnehmung vieler Jugendlicher bezüglich der Figur zeigt ein Blick ins Internet. Dort verhöhnen sie ungehemmt Freunde oder Prominente, die auf einem Bild ein bisschen mehr auf den Rippen haben. Gleichzeitig entstehen gerade unter jungen Frauen fragwürdige Trends, etwa die »Thigh Gap«, bei der eine Lücke zwischen den Oberschenkeln sichtbar sein muss, wenn sich die Person gerade und mit geschlossenen Beinen hinstellt. In den offiziell verbotenen Pro-Ana- (»für« Anorexia nervosa) und Pro-Mia-Foren (»für« Bulimia nervosa) verherrlichen Betroffene die Magersucht und die Ess-Brech-Sucht und wetteifern darin, wie man am besten so wenig wie möglich isst oder am effizientesten Nahrung ­erbricht. Viele Kinder und Jugendliche werden dadurch stark verunsichert und wissen gar nicht mehr, was ein gesundes Körpergewicht eigentlich ist.




An Magersucht erkranken vor allem junge Frauen.

Foto: Fotolia/Westend61


BMI und Perzentilen

 

Experten ziehen zur Beurteilung des Körpergewichts den Body Mass Index (BMI) heran (Tabelle 1). Dieser berechnet sich aus dem Körpergewicht in Kilogramm dividiert durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat: BMI = Körpergewicht [kg] : Körpergröße [m]2.

 

Je nach Alter sind Unter-, Normal- und Übergewicht unterschiedlich definiert und noch mal in verschiedene Schweregrade unterteilt. Ein Schwachpunkt des BMI ist, dass er das Verhältnis von Fett- und Muskelmasse nicht ausreichend berücksichtigt. Da Muskeln mehr wiegen als Fett, können sehr muskulöse Menschen bei einem geringen Fettanteil einen BMI im Bereich des Übergewichts oder sogar der Adipositas haben.

 

Anstelle des BMI-Werts dienen bei Kindern und Jugendlichen die BMI-Perzentilen als Richtwert. Sie berücksichtigen die sich im Lauf des Wachstums verändernde Körperzusammensetzung (1, 2).

 

Immer mehr junge Menschen erkranken

 

Die obsessive Beschäftigung mit dem eigenen Gewicht kann zu einem ­gestörten Essverhalten führen. Auch wenn die allgemeine Wahrnehmung suggeriert, dass Essstörungen zunehmen, lässt sich ein Anstieg zumindest wissenschaftlich nicht bestätigen.

 

Eine Studie zeigte 2005, dass von 1988 bis 2000 die Rate an Anorexie-Fällen relativ konstant geblieben ist, während die Inzidenz der Bulimie vor allem um das Jahr 1996 anstieg, dann aber wieder abfiel (3, 4). Eine niederländische Studie kam 2015 zu ähnlichen Ergebnissen (5). Möglicherweise spielen für das Auf- und Abebben gesellschaftliche Faktoren eine Rolle. Beispielsweise fällt die Zunahme der ­Bulimie in den 1990er-Jahren mit der Krankheitsbeichte der verstorbenen Prinzessin Diana zusammen (3).


Tabelle 1: Einteilung des Gewichts

Einteilung BMI (kg/m2) 
Untergewicht
hochgradig
mäßiggradig
leichtgradig 

< 16
16 bis 16,99
17 bis 18,49 
Normalgewicht 18,50 bis 24,99 
Übergewicht 25 bis 29,99 
Adipositas
Grad I
Grad II
Grad III 

30 bis 34,99
35 bis 39,99
≥ 40 

Quelle: S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Essstörungen (Stand: 12/2011; derzeit in Überarbeitung)


Auffällig ist, dass unter den Patienten immer mehr junge Menschen sind. Das höchste Erkrankungsrisiko haben sowohl für Anorexia nervosa als auch für Bulimia nervosa junge Frauen im ­Alter von zehn bis 19 Jahren (4). Bei einem Ausbruch vor oder während der Pubertät können die Folgen besonders schlimm sein, da die natürliche körperliche Entwicklung zum Stillstand kommen kann. Wie bei älteren Patienten gilt auch hier, dass die Krankheiten zum Tod, etwa durch Kreislaufversagen oder Herzstillstand, führen können.

 

Magersucht: Je weniger, desto besser

 

Die bekannteste Essstörung ist die Magersucht oder Anorexia nervosa. Schätzungen zufolge sind in Deutschland etwa 1 Prozent der erwachsenen Frauen und 0,3 Prozent der Männer erkrankt (6). Für Kinder und Jugendliche liegen nur wenige Daten vor. Eine amerikanische Studie stellte 2012 eine Prävalenz von etwa 0,3 Prozent für Mädchen und Jungen zwischen 13 und 18 Jahren fest (7). Eine hohe Dunkelziffer ist anzunehmen.

 

Patienten mit Anorexie versuchen zwanghaft, durch restriktives Essverhalten Gewicht zu verlieren und/oder ein starkes Untergewicht zu behalten. Für die Diagnose muss das individuelle Gewicht mindestens 15 Prozent unter dem bezogen auf Geschlecht, Größe und Alter zu erwartenden Gewicht ­liegen. Das entspricht bei Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahren in etwa dem Unterschreiten der 10. BMI-Altersperzentile und bei Erwachsenen einem BMI unter 17,5 kg/m2 (3).


Fit, fitter, krank

Bislang weniger bekannt sind die Sportmagersucht Anorexia athletica und das krankhafte »Gesundessen« Orthorexia nervosa.

 

Anorexia athletica äußert sich mit Symptomen ähnlich wie bei Magersucht, wobei ein starker Zwang zur körperlichen Betätigung besteht. Die Störung betrifft vor allem Leistungssportler, die dadurch erfolgreicher werden wollen. Ein wichtiger Unterschied zur Anorexia nervosa soll darin bestehen, dass die Betroffenen keine Körperschema-Störung haben und nach intensiven Trainingsphasen wieder normal essen können. Das gestörte Essverhalten in Kombina­tion mit extremer körperlicher Betätigung ist jedoch eine immense Belastung mit Folgen wie Osteoporose, Amenorrhö bei Frauen und Leistungsabfall aus Energiemangel (15).

 

Eine Orthorexia nervosa ist dadurch gekennzeichnet, dass Betroffene geradezu besessen versuchen, nur »Gesundes« zu essen und eine regelrechte Angst vor anderen Lebensmitteln entwickeln. Mangelernährung und Untergewicht sind eine häufige Folge. Die körperlichen Auswirkungen können sich ähnlich wie bei der Anorexia nervosa unter anderem als Osteopenie, Anämie, Hormonstörungen und Bradykardie äußern (16, 17).


Sowohl gesellschaftliche Faktoren wie das Schlankheitsideal in westlichen Ländern als auch eine genetische Prädisposition begünstigen die Entstehung der Magersucht. Die Patienten sind häufig perfektionistisch veranlagt und haben ein geringes Selbstwertgefühl. Auf biologischer Ebene gibt es Hinweise für mögliche Störungen im Belohnungssystem und der Affekt­regulation. Zudem könnten Auslöser innerhalb der Familie eine Rolle spielen. Die Krankheit bricht möglicherweise so oft in der Pubertät aus, da die Jugendlichen versuchen, sich dadurch abzugrenzen, Selbstkontrolle auszuüben und ihre eigene Identität zu bilden.

 

Auch Probleme mit den pubertätsassoziierten körperlichen Veränderungen können eine Rolle spielen. Sportarten, die ästhetisch geprägt sind, etwa Gymnastik, Eiskunstlauf oder Ballett und Tanz können das Erkrankungsrisiko erhöhen, ebenso solche wie Boxen oder Judo, bei denen es Gewichtseinschränkungen je nach Klasse gibt, oder auch Ausdauersport (1, 3). Es gibt sogar eine Störung namens Sportmagersucht (Kasten).

 

Fixiert auf (Nicht-)Essen



Zu den wichtigsten Symptomen gehört, dass die Gedanken der Patienten pausenlos um Essen, Kalorien und Gewicht kreisen und ihr Interesse stark eingeschränkt ist. Ihr Essensplan ist in der Regel restriktiv; kalorienhaltige, fettreiche und zuckerhaltige Lebensmittel sind verboten. Rituale wie ex­trem langsames Kauen oder ewiges Hinauszögern des Essens kommen hinzu. Nahrungsentzug verursacht ein ­Gefühl von Euphorie, Leichtigkeit und Hochstimmung, während sie Essen als Versagen empfinden.

 

Um weiter abzunehmen und auf keinen Fall an Gewicht zuzulegen, treiben die Betroffenen oft exzessiv (Ausdauer-)Sport, induzieren selbst Erbrechen oder missbrauchen Abführmittel (Tabelle 2). Hier liegen Überschneidungen zur Bulimia nervosa vor. Experten teilen daher die Anorexia nervosa in einen restriktiven und einen bulimischen Typ ein (1, 2, 3).

 

Die massive Unterernährung führt dazu, dass bei Kindern die pubertäre Entwicklung verzögert eintritt oder zum Stillstand kommt. Bei Mädchen bleibt die Regelblutung aus oder setzt erst gar nicht ein. Die Knochen verlieren an Substanz und das Risiko, später an Osteoporose zu erkranken, steigt. Herzschlag und Stoffwechsel verlangsamen sich, Blutdruck und Körpertemperatur sinken, die Betroffenen frieren ständig, werden anfälliger für Infek­tionen und verlieren sogar an Hirn­substanz. Magen-Darm-Beschwerden, etwa Verstopfung, und eine gestörte Regulation des Hunger- und Sättigungsgefühls sind weitere häufige Folgen. Zeichen einer starken Unterernährung sind die Bildung einer Lanugo-­Behaarung, also kleinen flaumartigen Härchen am Rücken, während die Haare am Kopf eher ausfallen, sowie brüchige Nägel und trockene Haut.

 

Zu den möglichen seelischen Folgen gehören ein starkes Kontrollbedürfnis, erhöhte Ängstlichkeit und der Zwang, sich ständig mit anderen zu vergleichen. Auch Geiz, Selbsthass und Schuldgefühle sowie depressive Verstimmungen können auftreten (1, 3, 8).

 

Magersucht nur schwer heilbar




Kein Gramm zu viel essen und alles unter Kontrolle behalten: Das ist für viele Anorexie-Patienten das Wichtigste.

Fotos: Shutterstock/Mihai Simonia (links),Fotolia/Westend61


Die therapeutischen Grenzen und Möglichkeiten beschreibt Professor Dr. Tanja Legenbauer von der LWL Universitätsklinik Hamm für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bochum. »Um gesund zu werden, müssen die Patienten genau das tun, was ihnen die meiste Angst macht und sie partout zu vermeiden suchen – nämlich essen und zunehmen.«

 

Psychotherapie ist die Behandlungsmethode der Wahl. Bei Kindern und ­Jugendlichen sollte die Familie in die Therapie eingebunden werden. Die Wirksamkeit von Psychopharmaka ist bei Anorexie nicht belegt. Das atypische Antipsychotikum Olanzapin wird manchmal (befristet und off-label) ­eingesetzt, zum Beispiel bei exzessivem Bewegungsdrang und starkem Grübeln.

 

Ohne klare Krankheitseinsicht und den Willen, gesund zu werden, können Ärzte den Betroffenen nicht dauerhaft helfen. Selbst wenn ihnen bewusst ist, wie bedrohlich ihr Zustand ist, ist eine Genesung schwierig. Eine Körperschema-­Störung, also das Gefühl, auch im ausgemergelten Zustand (zu) dick zu sein, wirkt sich krankheitserhaltend aus.

 

»Ein Ziel der Therapie ist es, die negativen irrationalen Überzeugungen hinsichtlich Essen und Körper zu bearbeiten und eine Gewichtszunahme zu belohnen«, erklärt die Expertin. »Je kürzer die Erkrankungsdauer ist, desto besser sind im Allgemeinen die Erfolgsaussichten.« Faktoren wie ein sehr niedriges Gewicht, komorbide psychische Störungen oder starke familiäre Belastungen seien prognostisch negativ.

 

Eine Gewichtszunahme ist für die Behandlung der meisten körperlichen Auswirkungen des Untergewichts am wichtigsten. Komorbide psychische Störungen bedürfen aber meist einer gesonderten Therapie. »Es kann sogar zu einer Verschiebung der Symptome kommen. Wenn sich die Essstörung bessert, können sich beispielsweise Zwangssymptome verstärken«, so die Expertin. Das liege daran, dass zugrundeliegende Probleme noch nicht auf­gearbeitet seien und Fertigkeiten zur Bewältigung des Alltags fehlen.

 

Eine Rückfallprophylaxe ist erforderlich, da Patienten nach einer ambulanten oder stationären Therapie oft nicht lange stabil bleiben. Nur 50 bis 75 Prozent genesen langfristig. Bei etwa 14 Prozent chronifiziert die Krankheit. Innerhalb von 20 Jahren versterben fast 15 Prozent. Die Mortalität bei Anorexia nervosa ist damit die höchste unter den psychischen Erkrankungen (1, 3, 9).

 

Bulimie: Leben zwischen Kühlschrank und Toilette

 

Zur Häufigkeit der Ess-Brech-Sucht bei Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren liegen Daten aus Amerika vor; danach sind etwa 0,9 Prozent der Mädchen und 0,3 Prozent der Jungen betroffen (7). Die Patienten sind oft perfektionistisch veranlagt, leiden aber gleichzeitig unter starken Selbstzweifeln. Auch das Verdrängen von körperlichen Bedürfnissen sowie ein familiäres Umfeld, in dem ein gestörter Umgang mit Konflikten besteht, können die Krankheitsentstehung begünstigen.


Tabelle 2: Häufige gegensteuernde Maßnahmen (Purging-Verhalten)

Maßnahme Besonderheit 
Erbrechen nach den Mahlzeiten 
Abführen nicht-indizierte Einnahme von Laxanzien 
Sport exzessive körperliche Anstrengung, zum Beispiel Joggen, Sit-ups, Liegestützen, Fahrradfahren, Treppensteigen 
Andere Verhaltensweisen Beispiele: Tätigkeiten im Stehen und bei Kälte ausführen anstelle im Sitzen und Warmen; schwer tragen; Kalorienhaltiges, zum Beispiel Süßigkeiten, nur kauen, aber nicht runterschlucken, sondern ausspucken (»chew and spit«) 

Sehr viele der Betroffenen sind Frauen, meist normal- oder nur leicht unter- oder übergewichtig – und damit klinisch unauffällig. Es ist kennzeichnend, dass sie die meiste Zeit sehr kontrolliert, oft auch restriktiv essen und kohlenhydrat- und fettreiche Lebensmittel meiden. Der stete Verzicht und die Verbote resultieren in regelmäßigen, teilweise mehrmals täglich und in aller Heimlichkeit stattfindenden ­Essattacken.

 

Die Anfälle unterscheiden sich von normalem Heißhunger darin, dass Patienten zwanghaft und in kürzester Zeit immens große Mengen an Lebensmitteln zu sich nehmen, dabei die Kontrolle verlieren und nicht aufhören können. Wut, Ärger oder Langeweile können Essanfälle auslösen; diese können aber auch geplant sein. Betroffene warten dann Zeiten ab, zu denen sie alleine und ungestört sind.

 

Nach den Attacken versuchen sie, das Essen wieder »rückgängig« zu machen. Typisch ist das Induzieren von Erbrechen (Tabelle 2). Eltern können auf die Krankheit aufmerksam werden, wenn der Nachwuchs nach den Mahlzeiten sofort auf die Toilette verschwindet. Manchmal entdecken sie Spuren des Erbrechens (1, 2, 3).

 

Hamsterbacken und Zahnerosionen




Heimliche Essattacke im Bad

Foto: Shutterstock/Photographee.eu


Ähnlich wie die Magersucht schadet die Bulimie dem Körper auf vielfältige Weise. Die beim Erbrechen aufsteigende Magensäure zerstört allmählich die Zahnsubstanz. Wichtig ist eine angepasste Zahnpflege (Kasten). Die Ohrspeicheldrüsen schwellen an und es bilden sich »Hamsterbacken«. Schwielen an den Fingern können verraten, dass sich die Patienten diese in den Hals stecken, um Erbrechen auszulösen.

 

Eine gefährliche und potenziell lebensbedrohliche Folge ist, dass der Elektrolythaushalt aus dem Gleichgewicht gerät, was unter anderem die Funktion von Herz und Nieren beeinträchtigt. Auch das Füllverhalten und der Transport von Nahrung im Magen sowie das Gefühl von Hunger und Sättigung kommen durcheinander. Seelische Folgen oder Begleiterkrankungen können sich als Depressionen, Angst- oder Zwangsstörungen, selbstverletzendes Verhalten und bisweilen im Missbrauch anderer Substanzen, etwa Alkohol oder Drogen, äußern.

 

Das anfallsartige Verschlingen großer Nahrungsmengen hinterlässt Ekel vor sich selbst, Schuldgefühle und ist zudem eine finanzielle Belastung (1, 3, 8, 10). Um das Essen zu finanzieren, bringen Jugendliche oft ihre ganzen Ersparnisse auf, entwenden mitunter von ihren Eltern Geld oder begehen Ladendiebstähle. Neben dem Verheimlichen und Leugnen der Krankheit ist dies ein weiterer Vertrauensbruch innerhalb der Familie (11).


Zahnpflege bei Bulimie

Beim Erbrechen greift die aufsteigende Magensäure den Zahnschmelz an. Es drohen bleibende Schäden durch Zahnerosionen. Die Kariesgefahr steigt.

 

Patienten mit Bulimie sollten nicht sofort nach dem Erbrechen die Zähne putzen, um nicht die oberste aufgeweichte Schicht zu entfernen. Besser ist es, den Mund mit einer neutralisierenden Flüssigkeit, etwa einer Lösung mit Natriumbikarbonat, Backpulver oder Antacida auszuspülen. Fluoridiertes Mundwasser und einmal wöchentlich Fluoridgel schützen die Zähne. Aufhellende Zahncremes oder Bleaching-Methoden greifen sie hingegen an. Auch saure Getränke und Speisen belasten die Zähne.

 

Erstes Warnsignal kann eine erhöhte Sensibilität sein. Auch wenn es schwerfällt, sollten sich bulimische Patienten einem Zahnarzt anvertrauen (1).


»Zur Behandlung der Bulimie ist die kognitive Verhaltenstherapie das Mittel der Wahl«, erklärt Legenbauer. Ziel sei es, einen gesünderen Umgang mit den Auslösern der Essanfälle zu erlernen. Auch das Ernährungsverhalten außerhalb der Anfälle sollte sich ändern. Anstelle restriktiv zu essen, sollen die Betroffenen zu einer regelmäßigen und ausreichenden Nahrungsaufnahme zurückfinden und einen maß- und genussvollen Umgang mit den »verbotenen« Lebensmitteln erlangen (1, 3).

 

Eine Behandlung mit Antidepressiva kann positiv wirken. Zugelassen ist ­Fluoxetin, das auch eine begleitende ­Depression bessern kann. Am besten wirksam soll eine Kombination aus ­Psychotherapie und antidepressiver Medikation sein.

 

Binge Eating: Essanfälle ohne Gegenmaßnahmen

 

Die Binge-Eating-Störung gilt seit der aktuellen fünften Auflage des Klassifikationssystems Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders ­(DSM-V) als eigenständige Diagnose. Essattacken ohne Hunger sind – ähnlich wie bei der Bulimie – kennzeichnend, Gegenmaßnahmen bleiben aber aus. Nach dem übermäßigen Essen leiden die Patienten unter Scham, Schuld, schlechtem Gewissen oder Ekel – auch vor sich selbst. Die Ernährung außerhalb der Anfälle ist meist normal und nur selten restriktiv. Die Betroffenen nehmen zwangsläufig zu und sind oft übergewichtig.

 

Von Binge Eating sind Schätzungen zufolge zwischen 1 und 5 Prozent der Jugendlichen betroffen. Neben einem Mangel an Zuneigung im Elternhaus sollen genetische Anlagen das Risiko erhöhen.

 

In einer Psychotherapie können die Patienten lernen, ihr Essverhalten zu kontrollieren und Auslöser für Essanfälle auf andere Weise zu bewältigen. Bei Erwachsenen sind auch medikamen­töse Ansätze möglich, Studiendaten für Jugendliche gibt es noch nicht. Die Prognosen gelten als günstiger im ­Vergleich zu anderen Essstörungen (1, 3, 13, 14).


Betroffene ansprechen: Wie geht’s richtig?

Wenn das Apothekenpersonal den Verdacht hegt, dass ein Jugendlicher essgestört sein könnte, empfiehlt es sich, die Vermutung zunächst im Team zu besprechen. Entscheidet man sich dafür, ihn anzusprechen, sollte das die Kollegin oder der Kollege tun, der den besten Kontakt zu ihm hat. Das Gespräch sollte nicht mit direkten Fragen wie »Hast du Magersucht?« beginnen. Stattdessen sollte der Apothekenmitarbeiter aus der Ich-Form berichten, dass ihm Veränderungen aufgefallen seien, die ihm Sorge bereiten. Warnungen oder gar Drohungen sollten unterbleiben.

 

Viele Betroffene reagieren zunächst abweisend und leugnen, dass es ein Problem gibt. An dieser Stelle ist es gut, auf lokale Beratungsangebote hinzuweisen und den Jugendlichen zu ermuntern, die Eltern einzubeziehen. Bei starker Abmagerung kann es aus Fürsorgepflicht erforderlich sein, dass die Apotheke die Eltern anspricht.

 

Hilfreich kann es sein, Jugendliche auf neue Techniken wie Apps hinzuweisen – die natürlich keine Psychotherapie ersetzen können. Die kleinen Programme können aber einen gesünderen Umgang mit dem Essen durch ständige Erinnerungen und Motivationen unterstützen. Zum Austausch mit anderen Betroffenen und Experten eignen sich Angebote im Internet, etwa Selbsthilfeforen oder eine professionell angeleitete Online-Therapie.

 

Trotz anfänglicher Ablehnung sind viele Betroffene dankbar, wenn sie ­Zuwendung und Hilfe erhalten (19).

 


Sind Magersucht und Co. Suchterkrankungen?

 

Bei der Frage, ob Essstörungen zu den Abhängigkeitserkrankungen zählen, gehen die Meinungen auseinander. Es gibt es zahlreiche Gemeinsamkeiten, beispielsweise in der Neurobiologie. »Hirnuntersuchungen zeigen, dass es bei Heroinsüchtigen ähnliche Aktivierungsmuster gibt wie bei Menschen mit Essstörungen«, erklärt Professor Dr. Felix Tretter, zweiter Vorsitzender der Bayerischen Akademie für Suchtfragen in Forschung und Praxis e. V. in München. Bei beiden Krankheitstypen fühlen sich Patienten von einem inneren Drang getrieben, schämen sich wegen ihres Verhaltens und verleugnen ihr Problem vor anderen.

 

Essstörungen ordnen die meisten Experten dennoch weder als substanzgebundene Sucht noch als Verhaltenssucht ein. So fehle zumindest bei der Magersucht der Lustaspekt, der typisch für eine Abhängigkeitserkrankung sei. »Ein Unterschied zur typischen sub­stanzgebundenen Sucht besteht darin, dass Essen keine gravierende Bewusstseinsveränderung wie psychoaktive Substanzen auslöst«, so der Psychiater und Neurologe.

 

Eine weitere Gemeinsamkeit: Bei Abhängigkeitserkrankungen wie bei Essstörungen kann eine nicht geringe Zahl der Patienten nicht geheilt werden. Dann müsse man einen Weg finden, sich mit der Krankheit zu arrangieren, die gesundheitlichen Folgen mit ärztlicher Hilfe möglichst gering zu halten und trotz der Einschränkungen ein einigermaßen befriedigendes Leben führen zu können. Um eine Verherrlichung der Essstörung wie in der Pro-Ana- und Pro-Mia-Gemeinschaft handle es sich dabei nicht, betont Tretter. Vielmehr gehe es um das Verständnis, dass manche Krankheiten so hartnäckig sind, dass sie zum Leben irgendwann dazugehören müssen.

 

Den Körper lieben

 

Da es so schwer ist, eine Essstörung zu heilen, ist Prävention besonders wichtig. Wegen der vielfältigen Auslöser der Krankheiten muss auch die Vorbeugung in verschiedenen Bereichen ansetzen.

 

Eine positive Streitkultur in der Familie und ein offener Umgang auch mit negativen Gefühlen wie Wut oder Traurigkeit können verhindern, dass Kinder andere Wege suchen, um mit starken Emotionen fertig zu werden. Eltern sollten zudem einen gelassenen Umgang mit dem eigenen Körper und Gewicht vorleben und nicht ständig selbst Diät halten oder die eigene Figur kritisieren. Kinder und Jugendliche sollten lernen, gängige Schönheitsideale zu hinterfragen, und wissen, dass die bewunderten Stars meist nur durch starke Bearbeitung der Fotos so toll wirken.

 

Ein liebevoller und wertschätzender Umgang mit dem eigenen Körper ist ebenso wichtig wie ein positives Körperbewusstsein. Dazu können beispielsweise Tanz- oder Bewegungstherapie beitragen. Leistungen sollten in der Familie nicht zu hoch bewertet werden. Wenn Kinder denken, dass sie perfekt sein müssen, um geliebt zu werden, können sie dies auch auf die Figur beziehen. Nur scheinbar banal: Eine gute Esskultur mit regelmäßigen, ausgewogenen gemeinsamen Mahlzeiten ist wichtig (1, 3, 12). /

 

Literatur bei der Verfasserin


Die Autorin

Nicole Schuster studierte zwei Semester Medizin in Bonn, dann Pharmazie und Germanistik in Bonn und später in Düsseldorf. Während ihres Studiums machte sie Praktika bei verschiedenen wissenschaft­lichen Verlagen. Nach dem zweiten Staatsexamen und der Approbation 2010 absolvierte Schuster ein Aufbaustudium in Geschichte der Pharmazie in Marburg und arbeitet seitdem an ihrer Dissertation zu traditionellen pflanzlichen Heilmitteln.

 

Nicole Schuster

Zimmererstraße 9

92318 Neumarkt

nicole.m.schuster@gmx.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 10/2016

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 












DIREKT ZU