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Doc Morris: Video-Apotheke reloaded

POLITIK & WIRTSCHAFT

 
Doc Morris

Video-Apotheke reloaded


Von Daniel Rücker / Die Versandapotheke Doc Morris plant, das Konzept der Video-Apotheke zu reanimieren. In kleinen Dörfern, wo es keine Apotheke gibt, soll dieser Service die Versorgung mit Medikamenten sicherstellen. Die Idee ist nicht neu. Und an ihr sind schon einige gescheitert.

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In dem Dorf Hüffenhardt bei Heidelberg gibt es seit gut einem Jahr keine Apotheke mehr. Der Besitzer der Brunnen-Apotheke hatte seinen Betrieb aufgegeben und Nachfolger blieben aus. Offenbar waren die Verdienstmöglichkeiten in der 2000-Seelen-Gemeinde zu unattraktiv. Doc Morris möchte nun den Retter spielen. Wie das niederländische Unternehmen mitteilte, wil es in den leerstehenden Apothekenräumen eine Video-Kabine einrichten und einen Abgabeautomaten für häufig abgegebene Arzneimittel aufstellen.




Auf dem Land ist die nächste Apotheke oft weit entfernt. Doc Morris will in kleinen Dörfern mit Video-Apotheken punkten.

Foto: Fotolia/julia_sergeeva


Beraten werden die Hüffenhardter per Video-Schaltung von einem in den Niederlanden ansässigen Apotheker des Versenders Doc Morris. Nach der Beratung können die Patienten OTC-Arzneimittel und bei Vorlage eines gültigen Rezeptes auch ein Sortiment verschreibungspflichtiger Arzneimittel am Automaten ziehen. Der Apotheker am anderen Ende der Video-Leitung kann dabei kontrollieren, ob der Automat tatsächlich das richtige Arzneimittel herausgibt. Bezahlt wird dann an dem in den Automaten integrierten EC-Karten-Lesegerät.

 

Idee mehrfach gescheitert

 

Der Hüffenhardter Bürgermeister Walter Neff und Doc-Morris-Vorstand Max Müller halten das Konzept für futuristisch. Neff: »Dank des digitalen Fortschritts können sich die Hüffenhardter zukünftig wieder von Angesicht zu Angesicht persönlichen Rat bei ihrem Apotheker holen und mit den wichtigsten Medikamenten direkt vor Ort versorgen.«

 

Tatsächlich neu ist das Konzept nicht. Im Gegenteil, die Geschäftsidee ist mehr als sechs Jahre alt und bereits mehrfach gescheitert. Im Oktober 2009 hatte der Unternehmer Ulrich Baudisch in einer Sparkassenfiliale im hessischen Massenheim seine sogenannte Cobox aufgebaut. Die Kommunikation zwischen Apotheker und Patient lief auch damals schon über eine Video-Schaltung. Das Rezept wurde aber noch nicht gescannt, sondern vom Personal der an das System angeschlossenen Apotheke abgeholt und dann dem Patienten ins Haus geliefert. Besonders erfolgreich war Baudisch nicht. Die Bundesregierung und das Bundesland Hessen hatten zwar durchaus Sympathie für die Cobox, er verdiente damit aber kein Geld. Im Juli 2011 war Baudischs Cobox AG pleite.

 

Visavia-Automat verboten

 

Etwas näher an dem vermeintlich neuen Konzept von Doc Morris war der vom Kommissionierer-Hersteller Rowa entwickelte Apotheken-Automat Visavia. Er kam im Jahr 2008 auf den Markt. Im Jahr 2010 verbot das Bundesverwaltungsgericht den Automaten. Ein solches Abgabeverfahren genüge nicht den gesetzlichen Dokumentationspflichten des Apothekers. Er müsse die Angaben auf dem Rezept bei der Abgabe des Arzneimittels abzeichnen und eventuelle Änderung­en unterschreiben, argumentierten die Richter. Dies sei bei einer automatisierten Abgabe über ein Terminal nicht möglich.

 

Zwei Jahre später initiierte das Bundesland Rheinland-Pfalz ein Modellprojekt mit Visavia. Der Erfolg blieb aus. Im Jahr 2014 wurde das Projekt beendet. Im Gegensatz zur Cobox stand der Visavia unmittelbar an der Apotheke und war mit dem Kommissionierer verbunden. Die Patienten konnten das gewünschte Arzneimittel direkt mitnehmen.

 

Es ist nachvollziehbar, dass Bürgermeister Neff die Pläne von Doc Morris begrüßt. An dem Visavia-Urteil von 2010 wird er aber kaum vorbeikommen. Zwar soll auch das baden-württembergische Wirtschaftsministerium an dem Konzept interessiert sein, rechtlich erscheint die Sache aber eindeutig.

 

Das Unternehmen Doc Morris dürfte die hohen juristischen Hürden kennen (lesen Sie dazu auch Rx-Boni: BGH erteilt Doc Morris Absage). Das Wirtschaftsministerium und die Hüffenhardter Stadtverwaltung womöglich nicht. Vermutlich müssen die Hüffenhardter auch in Zukunft in den Nachbarort fahren, wenn sie Arzneimittel benötigen. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 09/2016

 

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