Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

Neuer Trend: Vaginale Impfung für Kaiserschnitt-Kinder

NACHRICHTEN

 
Neuer Trend: Vaginale Impfung für Kaiserschnitt-Kinder
 


In den USA ist bei Müttern, die ihr Kind per Kaiserschnitt zur Welt bringen, ein neuer Trend zu beobachten: Sie reiben ihr Kind mit Bakterien aus dem Scheidenmikrobiom ein. Dadurch soll sich das Darmmikrobiom der Neugeborenen besser entwickeln. Dass dies tatsächlich der Fall ist, weisen nun US-amerikanische Ärzte erstmals in einer kleinen Studie nach: Kaiserschnitt-Babys, die mit dem Scheidenmikrobiom der Mutter behandelt wurden, hatte ein vergleichbares Mikrobiom wie Kinder, die vaginal entbunden wurden, berichten sie im Fachjournal «Nature Medicine». Unbehandelte Kaiserschnitt-Kinder wiesen dagegen eine eingeschränkte Bakterienbesiedlung auf.
 
Mittlerweile wird in Industrienationen etwa ein Drittel aller Kinder per Kaiserschnitt entbunden. Die Kinder passieren somit nicht den Geburtskanal und kommen nicht mit der dortigen Bakterienbesiedlung der Mutter in Kontakt. Sie entwickeln ein Mikrobiom mit eingeschränkter Diversität, das eher der Hautbesiedlung der Mutter gleicht. Da sich in früheren Studien gezeigt hatte, dass Kaiserschnitt-Kinder im späteren Leben ein erhöhtes Risiko für eine Reihe von Erkrankungen wie Autoimmunerkrankungen und Adipositas aufweisen, kam die Vermutung auf, dass die eingeschränkte Darmbesiedlung eine Ursache hierfür sein könnte. Nach ersten Medienberichten zu diesem Thema setzte eine verstärkte Nachfrage bei werdenden Müttern nach einer «vaginalen Impfung» ihrer per Kaiserschnitt geborenen Kinder ein. Hierbei wird vor der Geburt mit sterilem Mull Scheidensekret der Mutter aufgefangen, mit der dann das Neugeborene nach dem Kaiserschnitt eingerieben wird – und zwar im Mund, in den Augen und auf der Haut.
 
Diese Methode haben Dr. Maria Dominguez-Bello von der New York University und Kollegen nun in einer Pilotstudie getestet. Sie rekrutierten sieben Mütter, die vaginal entbinden wollten, sowie elf Schwangere, bei denen ein Kaiserschnitt geplant war. Vier von diesen stimmten zu, ihr Kind vaginal impfen zu lassen. Die Mediziner nahmen mehr als 1500 Mikrobiom-Proben zu verschiedenen Zeitpunkten von verschiedenen Körperstellen sowohl der Mütter, als auch der Kinder in deren erstem Lebensmonat. Es zeigte sich, dass das Darmmikrobiom der vaginal geimpften Kaiserschnitt-Kinder angereichert war mit Lactobacillus- und Bacteroides-Stämmen, die auch bei den normal entbundenen Kindern zu finden waren. Diesen Mikroben, die bei unbehandelten Kaiserschnitt-Kindern dagegen kaum vorhanden waren, wird eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Immunsystems zugeschrieben.
 
Damit konnten die Forscher an einer kleinen Kohorte zeigen, dass sich das Darmmikrobiom bei Kaiserschnitt durch vaginales Impfen an das Mikrobiom nach natürlicher Geburt angleichen lässt. Inwieweit sich dadurch das Erkrankungsrisiko reduzieren lässt, ist allerdings unklar. «Wir wissen noch nicht, ob sich allein durch die Prozedur die Gesundheitsvorteile einer natürlichen Geburt erreichen lassen», sagt Dr. Jose Clemente vom Mount Sinai Hospital, der an der Untersuchung beteiligt war, in einer Mitteilung. Hierzu seien größere Studien mit Risikokindern für Autoimmunerkrankungen nötig.
 
Einzelne Experten sehen die «zunehmend populäre, aber unbewiesene» Methode kritisch: So warnt eine Gruppe von Forschern um Dr. Aubrey Cunnington im «British Medical Journal» vor den möglichen Infektionsrisiken. «Neugeborene können ernste Infektionen durch den Kontakt mit vaginalen Kommensalen und Pathogenen entwickeln, die die Mutter asymptomatisch in sich trägt.» Hierzu zählen B-Streptokokken, Herpes-simplex-Viren, Neisseria gonorrhoeae und Chlamydia trachomatis. In einigen Ländern würde nicht routinemäßig auf diese Erreger getestet. Selbst das geringe Infektionsrisiko einzugehen, sei nicht gerechtfertigt, solange der Nutzen nicht belegt ist. Hilfreicher im Sinne der Darmbesiedlung sei es, das Stillen zu fördern und Antibiotika-Behandlungen wenn möglich zu vermeiden. (ch)
 
DOI: 10.1038/nm.4039
DOI: 10.1136/bmj.i227
 
Mehr zum Thema Schwangerschaft
 
29.02.2016 l PZ
Foto: Fotolia/S. Kobold
 

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 

Weitere Nachrichten

 


ABDA-Aktion: 4000 Unterschriften pro Wahlkreis

Rund 1,2 Millionen Unterschriften haben die Apotheker in Deutschland von Dezember vergangenen Jahres bis Ende Februar in ihren Betrieben...



Neurodermitis: Biologika im Kommen

Patienten mit schwerer Neurodermitis könnten künftig von zielgerichteten Therapien profitieren, wie Professor Dr. Thomas Ruzicka von der...



Parlamentarischer Abend: Plädoyer für die Landapotheke

«Wir brauchen unsere Arzneimittelpreisverordnung.» Das betonte der Präsident des Landesapothekerverbands (LAV) Baden-Württemberg, Fritz...



Pulverimmunisierung: Impfen ohne Nadel

Ein neuer Weg der nadelfreien Impfung ist die epidermale Pulverimmunisierung (EPI). Dabei wird ein trockener Impfstoff auf...

 
 

Weltwassertag: Medikamentenreste belasten Trinkwasser
Medikamente können nach Ansicht der Wasserwirtschaft in Rheinland-Pfalz sowie in Hessen zu einer wachsenden chemischen Belastung für das...

Globalisierte Welt braucht bessere Gesundheitsversorgung
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Bedeutung einer verbesserten Gesundheitsversorgung in der globalisierten Welt hervorgehoben....

Bilanz wird neu berechnet: Stada verschiebt Jahresabschluss
Der von Finanzinvestoren umworbene Arzneimittelhersteller Stada verschiebt seine Bilanzvorlage um etwa eine Woche. Grund für die...

Stellenabbau: Mundipharma schließt Firmensitz in Limburg
Der Arzneimittelkonzern Mundipharma plant einen massiven Stellenabbau und will seinen Firmensitz in Limburg schließen. Von den derzeit 770...

Cannabis: Alte Arzneipflanze, moderne Forschung
Cannabis feiert in Deutschland gerade ein Comeback in der Medizin. Während in der westlichen Welt viel des alten Erfahrungswissens aus...

Studie: Land-Apotheken sind die aktivsten
Wie sich die Leistungen von Präsenzapotheken zwischen Stadt und Land unterschieden, hat das Institut für Handelsforschung (IFH) Köln unter...

GSK: Neubau für Impfstoffproduktion
Der Pharmahersteller Glaxo-Smith-Kline (GSK) erweitert seinen Produktionsstandort in Marburg um ein weiteres Gebäude. Ab 2020 will das...

«Größte jemals dokumentierte Serie von Geflügelpest»
Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) auf der Insel Riems in Mecklenburg-Vorpommern sieht keine Anzeichen für ein Abklingen der Vogelgrippe...

USA: Trump muss um Gesundheitsreform bangen
US-Präsident Donald Trump hat am Montag (Ortszeit) bei einer Kundgebung in Louisville im US-Bundesstaat Kentucky einen leidenschaftlichen...

In der ambulanten Pflege sind 87 Prozent Frauen beschäftigt
Pflege ist ein Teilzeit- und Frauenjob. Die Linken-Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann beklagte einen überproportional starken Zuwachs...

Studie: Spitzenwerte für deutsches Gesundheitssystem
Die Gesundheitsversorgung in Deutschland steht nach einer neuen Studie des Verbandes der Privaten Krankenversicherung (PKV) an der Spitze...

Cannabis-Kosten: Schmerzliga kritisiert Kassen
Die Deutsche Schmerzliga bemängelt, dass Krankenkassen sich nicht darauf festlegen wollen, medizinisches Cannabis dauerhaft zu bezahlen....

Zeitverlust durch Rabattverträge: Ärzte fordern Studien
Mediziner in Nordrhein-Westfalen verlangen Untersuchungen zu den Folgen von Arzneimittel-Rabattverträgen. Das  forderten am Wochenende die...

Adexa kritisiert SPD scharf
Weil die SPD einem Rx-Versandverbot nicht zustimmen will, sieht die...

Fachartikel: Hausärzte lesen kaum auf Englisch
Nur jeder siebte Hausarzt nutzt englischsprachige Publikationen, um sich medizinisch fortzubilden. Das ergab eine Online-Umfrage des...

Kapselherstellung: Kein Kinderspiel
Individuell hergestellte Rezepturen sind so gefragt wie noch nie. Allein in Westfalen-Lippe stellten die Apotheken im vergangenen Jahr fast...

Nykturie: Nicht immer ist die Prostata schuld
Wenn Männer nachts häufig Wasser lassen müssen, ist das oft ein Symptom eines benignen Prostatasyndroms (BPS). «Etwa 80 Prozent der Männer...

Medienkonsum: Wie viel tut mir gut?
Die digitale Welt um uns herum verändert sich – und wir uns mit ihr. Wir seien zumindest geistig konstant online, unsere Aufmerksamkeit...

Cannabis auf Rezept: Ärztekammerchefin fordert Augenmaß
Die Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen und Vizepräsidentin der Bundesärztekammer, Martina Wenker (Foto), sieht bei der Freigabe von...

Noch mehr Meldungen...


PHARMAZEUTISCHE ZEITUNG ONLINE IST EINE MARKE DER

 












DIREKT ZU