Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

Zika und Mikrozephalie: Schwierige Beweisführung

NACHRICHTEN

 
Zika und Mikrozephalie: Schwierige Beweisführung
 


Ist die Zunahme der Fälle von Mikrozephalie bei Neugeborenen in Brasilien tatsächlich auf die Verbreitung des Zika-Virus zurückzuführen? Diese Frage kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht sicher beantwortet werden. Auf der Nachrichtenseite «Nature News» erklärt Erika Check Hayden, warum: Zu vieles rund um den Erreger und seine mögliche Rolle als Auslöser des Geburtsfehlers ist noch unbekannt.
 
So gibt es etwa bislang noch keinen breit eingesetzten Test auf die Infektion. Da diese meist relativ mild verläuft, könnten viele Mütter, die an bisherigen Studien teilgenommen haben, mit dem Virus infiziert gewesen sein, ohne dass das jemals nachgewiesen wurde. Auch ist nicht geklärt, wie das Zika-Virus die Mikrozephalie auslösen könnte. Der Erreger selbst oder Antikörper gegen ihn wurden zwar mittlerweile im Fruchtwasser, im Gehirn oder in der Rückenmarksflüssigkeit bei 15 Föten oder Neugeborenen mit Mikrozephalie nachgewiesen. Ein Beweis für einen Kausalzusammenhang zwischen der Infektion und dem Defekt ist das jedoch nicht. Diesen wollen Forscher nun mit Tiermodellen erbringen.
 
Unklar ist auch, in welchem Zeitraum einer Schwangerschaft eine Zika-Infektion möglicherweise die Hirnentwicklung des Kindes stört. Ein solcher vulnerabler Zeitraum könnten beispielsweise die ersten beiden Schwangerschaftsmonate sein, in denen sich die wichtigen Strukturen des Gehirns ausbilden. Da die große Mehrheit der Zika-infizierten Schwangeren gesunde Kinder zur Welt bringt, könnten aber auch noch andere Faktoren eine Rolle spielen.
 
Während diese offenen Fragen nun in großen Studien untersucht werden sollen, ist auch das Ausmaß des Mikrozephalie-Anstiegs noch ungewiss. Bis zum 2. Februar 2016 waren von 4783 Verdachtsfällen 1113 untersucht worden, in 404 Fällen lag tatsächlich eine Mikrozephalie vor. Doch womit vergleicht man das? Im «Morbidity and Mortality Weekly Report» der US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention wiesen Forscher um die brasilianische Genetikerin Dr. Lavinia Schüler-Faccini Ende Januar darauf hin, dass die bisher für Brasilien zugrunde gelegte Prävalenz von 0,5 Fällen pro 10.000 Lebendgeburten höchstwahrscheinlich zu niedrig ist. Eigentlich sei mit 1 bis 2 Fällen pro 10.000 Neugeborene zu rechnen. Dass aufgrund des geschärften Problembewusstseins nun mehr Fälle entdeckt werden als zuvor, ist wahrscheinlich richtig, doch scheint das allein den Anstieg nicht vollständig zu erklären.
 
Was auch immer die Nachforschungen zum Zusammenhang zwischen dem Zika-Virus und Mikrozephalie ergeben: Die betroffenen Kinder und ihre Familien – die häufig zur ärmeren Bevölkerungsschicht zählen – brauchen besondere Unterstützung. Denn Mikrozephalie geht mit neurologischen Symptomen einher, zu denen Entwicklungsverzögerungen und Krampfanfälle zählen können. Laut einer kürzlich im Fachjournal «JAMA Ophthalmology» veröffentlichten Arbeit sind auch spezifische Augenschäden bei betroffenen Kindern in Brasilien beobachtet worden. Dazu gehören Pigmentstörungen der Retina und Schäden am Sehnerv, wie die Autoren Dr. Lee Jampol und Dr. Debra Goldstein berichten. Sie empfehlen, Neugeborene mit Mikrozephalie routinemäßig auf solche Augenschäden zu screenen. (am)
 
 
DOI: 10.1038/530142a («Nature News»)
DOI: 10.15585/mmwr.mm6503e2 («Morbidity and Mortality Weekly Report»)
DOI: 10.1001/jamaophthalmol.2016.0284 («JAMA Ophthalmology»)
 
 
11.02.2016 l PZ
Foto: Fotolia/Butch
 

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 

Weitere Nachrichten

 


Glücksspielsucht: Experten wollen Prävention fördern

Menschen mit Glücksspielsucht und ihre Angehörigen sollten öfter die Beratungsstellen um Hilfe bitten. Dazu hat heute in Potsdam...



Deutsche Unfallchirurgen: Vorbereitung auf Terroropfer

Die deutschen Unfallchirurgen und die Bundeswehr bereiten sich gemeinsam auf die Versorgung von Terroropfern vor. Kriegswaffen wie...



Millionen Menschen sterben wegen verschmutzter Luft

An den Folgen übermäßiger Luftverschmutzung sterben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) jährlich mehr als sieben Millionen...



Kassen vergeben die Hälfte aller Lose exklusiv

Die exklusive Vergabe von Rabattlosen ist bei den Krankenkassen nach wie vor beliebt: In den ersten acht Monaten 2016 zielten rund 52...

 
 

Digitale Arbeit: DGB warnt vor wachsenden Risiken
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat die Politik aufgefordert, Risiken für die Gesundheit durch digitale Arbeit einzudämmen. Die...

Arzneiverordnungsreport: AOK kritisiert Preispolitik
AOK-Chef Martin Litsch fürchtet mit Blick auf den Referentenentwurf des Arzneimittel-Versorgungsstärkungsgesetzes (AM-VSG) um die...

Pakistan: Erneut groß angelegte Polio-Impfaktion
Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen sollen in Pakistan binnen drei Tagen 37 Millionen Kinder gegen Polio geimpft werden. Tausende...

Brandenburg: «Wir erwarten faire Honorierung»
«Die Patienten und die Gesellschaft dürfen von uns Apothekern eine hohe Leistungsqualität erwarten. Im Gegenzug erwarten wir eine faire...

Pfizer: Keine Aufspaltung der Sparten
Der US-amerikanische Pharmakonzern Pfizer hat Gedankenspiele zur eigenen Aufspaltung vorerst ad acta gelegt. Derzeit wolle man die zwei...

Nach Urteil: «Welle der Unsicherheit» bei Patientenverfügungen
Die Deutsche Stiftung Patientenschutz hat dem Gesetzgeber vorgeworfen, den Bürger bei der Erstellung von Patientenverfügungen allein zu...

Bund will Zulassungsregeln für Heilpraktiker verschärfen
Die Bundesregierung erwägt nach Medienberichten strengere Zulassungsregeln für Heilpraktiker. Damit würden die Hürden für neue...

Verhütung: Unter Umständen zwei Pillen danach notwendig
Zur Verhütung einer Schwangerschaft nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr werden unter anderem Levonorgestrel-haltige Notfallkontrazeptiva...

Medikationsplan: Apotheker sehen Schwachstellen
Ab dem 1. Oktober haben gesetzlich Krankenversicherte, die dauerhaft mindestens drei verordnete Arzneimittel einnehmen, Anspruch auf einen...

Sprachstörungen: Ursache immer klären!
Sprachstörungen, auch Aphasien genannt, sind immer eine rote Flagge, die Ursache dafür muss geklärt werden. Das machte der Notfallmediziner...

Volksleiden Nykturie: Oft ist es ein Alarmsignal
Häufiges nächtliches Wasserlassen, die Nykturie, kann ein Warnsignal für eine behandlungsbedürftige Erkrankung sein. «Fälschlicherweise...

Gesetzentwurf nach KBV-Skandal: Neue Vorschriften in Sicht
Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) zieht Konsequenzen aus dem Skandal um hohe Pensionszahlungen und rechtswidrige...

Legal Highs: Umfassendes Verbot beschlossen
Der Bundestag hat ein umfassendes Verbot von modernen künstlichen Drogen verabschiedet. Bisher konnten die Hersteller von sogenannten Legal...

Zahngesundheit: An die Dritten denken!
Gesunde Zähne hat bekanntermaßen nur, wer sie regelmäßig und richtig putzt. Oft übersehen wird aber, dass auch bei Teil- und Vollprothesen...

Noch mehr Meldungen...

PHARMAZEUTISCHE ZEITUNG ONLINE IST EINE MARKE DER

 












DIREKT ZU