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Herzerkrankungen: Auch ein soziales Problem

MEDIZIN

 
Herzerkrankungen

Auch ein soziales Problem


Von Annette Mende, Berlin / Im Osten Deutschlands sterben nach wie vor prozentual mehr Menschen an Herzerkrankungen als in den alten Bundesländern. Diesen schon seit Jahren bestehenden Trend bestätigt erneut der aktuelle Herzbericht. Neu ist, dass sich die Herausgeber dieses Mal auch intensiv mit der Ursachenforschung beschäftigt haben.

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»Es sind vor allem soziale Faktoren, die für die Unterschiede verantwortlich sind«, sagte Professor Dr. Andreas Stang vom Universitätsklinikum Essen bei der Vorstellung des Herzberichts in Berlin. Er ist Autor des entsprechenden Kapitels, das auf einer 2014 im »Deutschen Ärzteblatt« erschienenen Studie basiert (DOI: 10.3238/arztebl.2014.0530).

 




Zu einer guten Schulbildung gehört auch die Vermittlung von Gesundheitswissen. Hier besteht in den neuen Bundesländern teilweise Aufholbedarf.

Foto: Shutterstock/Andrey Popov



Geringer Bildungsgrad, Arbeitslosigkeit und eine prekäre soziale Lage seien etwa in Sachsen-Anhalt deutlich weiter verbreitet als in der alten Bundesrepu­blik. »Beobachtungsstudien haben gezeigt, dass drohende oder bestehende Arbeitslosigkeit sowie geringe Bildung Determinanten sind von Lebensstilfaktoren wie Rauchen, körperliche Inaktivität und ungesunde Ernährung«, sagte Stang. Diese wiederum führten direkt zu biomedizinischen Risikofaktoren wie Adipositas, Dyslipidämie, Typ-2-Diabetes und Bluthochdruck.


Ein Auftrag an die Politik

 

Um das Problem an der Wurzel zu packen, reiche es daher nicht, nur die biomedizinischen Faktoren zu diskutieren. »Das ist ein Auftrag an die Politik.« Die Arbeitslosigkeits- und Bildungsverlierer-Quoten zu senken, die Vermittlung von Gesundheitswissen in Schulen zu stärken und einen besseren Nichtraucherschutz durchzusetzen, sei ebenso Herzinfarktprävention wie die medizinische Prävention. Zu Letzterer gehöre es, noch nicht identifizierte Fälle von Bluthochdruck, Diabetes und Fettstoffwechselstörungen durch Vorsorge­untersuchungen zu entdecken und dann konsequent zu behandeln. »Die Zahl der unentdeckten Hochdruck­patienten und Diabetiker geht in die Millionen. Deshalb müssen gerade in diesen Regionen die Menschen für die Bedeutung der Messung von Bluthochdruck, Cholesterol und Blutzucker sensibilisiert werden«, sagte Stang.

 

Im Herzbericht ist zu lesen, dass die Herzinfarktsterblichkeit in Sachsen-Anhalt mit 99 Gestorbenen pro 100 000 Einwohner bundesweit am höchsten ist. Auch die anderen ostdeutschen Bundesländer Brandenburg (98), Sachsen (93), Thüringen (81) und Mecklenburg-Vorpommern (77) stehen sowohl im Vergleich mit Spitzenreiter Schleswig-Holstein (43) als auch mit dem Bundesdurchschnitt (64,4) deutlich schlechter da. Zugrunde gelegt wurden Zahlen aus dem Jahr 2013.

 

Frauen stärker gefährdet als Männer

 

Insgesamt betrug die Zahl der im Herzbericht erfassten Sterbefälle 217 211 oder 24,3 Prozent aller Todesfälle. Das ist gegenüber 2012 ein leichter Anstieg um 2,8 Prozent. Unter den ausgewählten Diagnosen war die Koronare Herzkrankheit (KHK), als Vorläuferkrankheit des Herzinfarkts, mit Abstand die prognostisch ungünstigste, gefolgt vom akuten Herzinfarkt und der Herzinsuffizienz.

 

Wie bereits in den Vorjahren haben Frauen eine deutlich höhere Sterblichkeit als Männer, insbesondere an Herzinsuffizienz, -rhythmusstörungen und -klappenkrankheiten. Bei der Herzinsuffizienz ist der Unterschied besonders drastisch: Bezogen auf 100 000 Einwohner starben 72,7 Frauen und 40 Männer. Woran das liegt, konnte Professor Dr. Thomas Meinertz, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung, in Berlin nicht sagen. »Die ungünstige Prognose für Frauen bei diesen Erkrankungen lässt sich nicht ohne Weiteres erklären und bedarf genauer Analysen.« Mögliche Gründe seien geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Wirkung von Medikamenten, in der Anatomie und im Hormonhaushalt. Außerdem eine Rolle spielen könnten psychosoziale Faktoren, zum Beispiel die Tatsache, dass Frauen im Alter häufig allein leben. /


Der Herzbericht

Den Herzbericht gibt jedes Jahr die Deutsche Herzstiftung zusammen mit den ärztlichen Fachgesellschaften für Kardiologie (DGK), Herzchirurgie (DGTHG) und Kinderkardiologie (DGPK) heraus. Anhand der umfassenden Darstellung der kardiologischen und herzchirurgischen Versorgung in Deutschland lassen sich regionale Unterschiede und Trends etwa bei der Häufigkeit und Sterblichkeit bestimmter Herzerkrankungen sowie bei der Versorgung erkennen. Unter www.herzstiftung.de/herzbericht (externer Link) ist er im Internet abrufbar.




Beitrag erschienen in Ausgabe 05/2016

 

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