Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

Der Mensch ist von weniger Bakterien besiedelt als gedacht

NACHRICHTEN

 
Der Mensch ist von weniger Bakterien besiedelt als gedacht
 


Im menschlichen Körper ist das Verhältnis bakterieller Zellen zu Körperzellen fast ausgeglichen. Diese These vertreten Ron Sender und Kollegen vom Weizmann-Institut in Rehovot, Israel, in einem aktuellen Beitrag auf der Wissenschaftsseite biorxiv.org. Sie widersprechen damit der gängigen Theorie, dass die bakteriellen Mitbewohner dem Menschen zahlenmäßig weit überlegen sind. Bislang war man nämlich davon ausgegangen, dass das Mikrobiom aus zehnmal mehr Bakterien besteht, als der menschlich Körper Zellen enthält. Sender und Kollegen taxieren die Bakterienzahl nun auf 3,9 x 1013 und die Zahl der Körperzellen auf 3,0 x 1013. Diese beiden Werte liegen so eng beieinander, dass «jeder Stuhlgang das Verhältnis zugunsten des Menschen kippen kann», so die Autoren.
 
Die Hypothese von der zehnfachen zahlenmäßigen Überlegenheit der Bakterien beruhte demnach auf einer sehr groben Schätzung, die in den 1970er-Jahren gemacht und danach immer wieder zitiert wurde – ohne dass die Autoren der Originalarbeit das je beabsichtigt hätten. Damals hatte man die Bakterienzahl pro Gramm Stuhl (1011) mit dem Volumen des Gastrointestinaltrakts (1 Liter) multipliziert. Bei einer angenommenen Dichte von 1 Gramm pro Milliliter ergab das 1014. Sender und Kollegen zufolge darf bei der Berechnung jedoch nur das Volumen des Colons (410 Milliliter) zugrunde gelegt werden, da die Bakterienkonzentration in den anderen Abschnitten des Magen-Darm-Trakts im Vergleich dazu verschwindend gering ist. Zudem betrage die Bakterienzahl pro Gramm Stuhl lediglich 0,9 x 1011, die Gesamtzahl der Zellen des Mikrobioms also 3,9 x 1013. Bakterien, die sich auf anderen Körperoberflächen wie Haut und Schleimhäuten finden, fallen demgegenüber mengenmäßig nicht ins Gewicht.
 
Auch die Zahl der Körperzellen wurde den Autoren zufolge in der Vergangenheit nicht korrekt geschätzt. Sie gehen davon aus, dass sechs Zelltypen zusammen 97 Prozent der Gesamtzellzahl ausmachen: Erythrozyten, Gliazellen, Endothelzellen, Fibroblasten, Blutplättchen und Zellen des Knochenmarks. Auf dieser Basis stellen sie ihre Berechnung an und kommen so zu den bereits erwähnten 3,0 x 1013 Zellen für einen Durchschnittsmenschen, also einen jungen, 1,70 Meter großen Mann mit 70 Kilogramm. Da Unterschiede bei den Fett- und Muskelzellen zwar hauptverantwortlich für die Varianz des Körpergewichts sind, aber zellzahlmäßig kaum eine Rolle spielen, sei dieser Wert sogar mehr oder weniger unabhängig vom Körpergewicht.
 
Die Autoren betonen, dass sie mit ihrer Studie keineswegs die biologische Bedeutung des Mikrobioms schmälern wollen. Sie wollen jedoch die Vorstellung über das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Bakterien- und menschlichen Zellen geraderücken, die so lange schon auf falschen Annahmen beruhte. (am)
 
DOI: 10.1101/036103
  
14.01.2016 l PZ
Foto: Fotolia/norman blue
 

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 

Weitere Nachrichten

 


Antibiotikaresistenzen: Koalition macht Ernst

Die Bundesregierung will in den kommenden vier Jahren 21 Millionen Euro für die Wirkstoffforschung bereitstellen. Im Haushaltsjahr 2017...



Zytostatika-Ausschreibungen: Expertengespräch im Bundestag

Der Bundestag hat sich in den Streit zwischen Krankenkassen und Apothekern um die Ausschreibung von Zytostatika eingeschaltet: Am 19....



AMG-Novelle: Endgültige Gesetzänderung erst im November

Der Gesundheitsausschuss des Bundestags hat am 28. September die vierte geänderte Fassung des sogenannten Arzneimittelgesetzes (AMG) in...



OTC-Markt: Arznei- und Gesundheitsmittel boomen

Vitamine, Mineralstoffpräparate und Nahrungsergänzungsmittel (NEM) gehören zu den in der Apotheke am häufigsten nachgefragten rezeptfreien...

 
 

ARMIN: Mehr als ein Medikationsplan
Patienten, die regelmäßig mindestens drei verschrei­bungs­pflichtige Arzneimittel einnehmen, haben ab dem 1. Oktober Rechtsanspruch auf...

Große Studie: Herzrisiko von NSAR neu beurteilt
Klassische nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) und Hemmer der Cyclooxygenase (COX) 2 können das Risiko für eine Herzinsuffizienz...

DAV und AXA vereinbaren Arzneiberatung
Ab Oktober können Vollversicherte Kunden der privaten Krankenversicherungen AXA und DBV in vielen Apotheken einen neuen Service in Anspruch...

Ärzte-Kritik an Gröhe wegen «Eingriff in die Selbstverwaltung»
Die Bundesärztekammer (BÄK) hat Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) massive Eingriffe in die Selbstverwaltung des Gesundheitswesens...

Neue Köpfe im BAH-Vorstand
Die Führungsspitze bleibt, eine Etage darunter gibt es neue Gesichter. Nach der Mitgliederversammlung des Bundesverbandes der...

Rivaroxaban: Neue Zweifel an Zulassungsstudie
Ging bei der Zulassungsstudie des Gerinnungshemmers Rivaroxaban (Xarelto®) alles mit rechten Dingen zu? Das «British Medical...

Private Krankenversicherungen: Höhere Beiträge in Sicht
Viele privat Krankenversicherte müssen nach einem Medienbericht bald mit zum Teil massiven Beitragserhöhungen rechnen. Nach Informationen...

Studie: Herzinfarkt-Vorwissen kann Leben retten
Wer Symptome eines Herzinfarkts kennt, kann im Ernstfall einen lebensrettenden Zeitvorsprung haben. Zu diesem Ergebnis kommt der Deutschen...

Ärzte und Kassen: Keine Finanzprobleme durch Flüchtlinge
Krankenkassen und Ärzteschaft sind Darstellungen der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry entgegengetreten, es gebe im deutschen Gesundheitssystem...

Medikationsplan: Fachärzte wollen Apotheker einbinden
Die Apotheker haben kürzlich mit Blick auf die für den 1. Oktober geplante Einführung des bundeseinheitlichen Medikationsplans erneut ihrem...

ZB Med: Die Linke sieht Zukunft düster
Gelingt der Deutschen Zentralbibliothek für Medizin (ZB Med) bis Ende 2019 der Umbau von der klassischen Bücherei zum modernen...

Leukämie: Alter Bekannter wird neues Target
Forscher haben ein neues Angriffsziel für Arzneistoffe zur Behandlung der akuten myeloischen Leukämie (AML) identifiziert. Wie ein von...

Arzneimittelverschrei­bungen: Apotheker darf ergänzen
Apotheker dürfen künftig ein Rezept um den fehlenden Vornamen und die Telefonnummer des verordnenden Arztes eigenverantwortlich ergänzen....

Masern in Amerika offiziell für ausgerottet erklärt
Der amerikanische Kontinent ist offiziell komplett frei von Masern. «Das ist ein historischer Tag für die Region und auch für die Welt»,...

Kerntransfer: Baby mit Erbgut dreier Menschen geboren
Unter Federführung US-amerikanischer Ärzte ist erstmals ein Baby zur Welt gekommen, das mittels Kerntransfer drei genetische Eltern hat....

Schulpsychologen: Bedarf erheblich höher als Angebot
In vielen Schulen ist die Versorgung mit Schulpsychologen aus Sicht ihres Berufsverbands nur mangelhaft. «Wir können in den letzten Jahren...

Glücksspielsucht: Experten wollen Prävention fördern
Menschen mit Glücksspielsucht und ihre Angehörigen sollten öfter die Beratungsstellen um Hilfe bitten. Dazu hat heute in Potsdam...

Noch mehr Meldungen...

PHARMAZEUTISCHE ZEITUNG ONLINE IST EINE MARKE DER

 












DIREKT ZU