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Hauptsache Mord

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Mozart

Hauptsache Mord

von Ulrike Abel-Wanek, Frankfurt am Main

 

Mozarts Krankheiten und sein früher Tod beschäftigen die Nachwelt seit mehr als 200 Jahren. Er war ein hoch begabtes Wunderkind, ein besessenes Arbeitstier, eine schillernde Figur. Schon kurz nach seinem jähen Ende wurde in einer ersten Biografie über die scheinbar mysteriösen Umstände seines Ablebens spekuliert.

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Das Gerücht, Mozart (1756 bis 1791) sei vergiftet worden, machte den nur 35 Jahre alt gewordenen Komponisten über seine Musik hinaus noch interessanter. Hauptsache Mord: Sein erster Biograf, Franz Xaver Niemeczek, führte Mozarts Tod 1798 zwar auf seine kräftezehrende, nächtliche Kompositionsarbeit zurück, sodass sein »fein organisierter Körper« darunter leiden musste. Er schloss aber auch nicht aus, dass sein Ende vielleicht doch »künstlich befördert war«. Schon damals gab es Spekulationen, der angeblich neidvolle Konkurrent Antonio Salieri (1750 bis 1825) oder die Freimaurer, denen Mozart beigetreten war, könnten ihre giftigen Finger mit im Spiel gehabt haben. Heute, zu seinem 250. Geburtstag, sind sich Mozartkenner einig: Diese nie bewiesenen Annahmen sind vom Tisch.

 

Dafür tauchen neue Theorien zu seiner Krankheitsgeschichte auf: Das Genie mit Hang zur Fäkaliensprache hätte am Tourette-Syndrom gelitten, einer psychischen Störung, die mit multiplen Tics und dem Ausstoßen »schmutziger« Wörter einhergeht. Bipolar gestört soll er außerdem gewesen sein, der kreative Außenseiter, der hochfahrende Gefühlsausbrüche genauso kannte wie tiefe Depression. »Alles falsch«, ist Professor Dr. Eckart Altenmüller überzeugt. Der Leiter des Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover sieht keine Hinweise auf multiple Tics bei Mozart. Außerdem sei das Tourette-Syndrom keinesfalls vereinbar mit seinen Höchstleistungen am Klavier, schon gar nicht mit den motorischen. Das Köchelverzeichnis listet über 600 Werke aus den rund 30 Schaffensjahren des Schnell- und Vielschreibers auf: vom kurzen Singspiel bis zu Don Giovanni und der Zauberflöte, die bis heute auf keinem Opernspielplan fehlen. Für seine letzten drei Sinfonien, jede für sich gewaltig und komplex, brauchte er gerade mal zwei Monate. Der leidenschaftliche Billardspieler komponierte sogar, während sein Queue die Kugel des Gegners aus dem Spiel kickte. Die deftigen Worte, die die Tourette-Theoretiker beflügelten, schrieb Wolfgang Amadeus an das »Bäsle«, Maria Anna Thekla: »...dreck! dreck! O dreck! O süßes wort! dreck! schmeck! auch schön! dreck, schmeck! dreck! leck! o charmante! ...« Beweise für das Tourette-Syndrom? Kernig formulierte Korrespondenz findet sich auch bei Goethe und Beethoven - ein üblicher Sprachgebrauch in jener Zeit.

 

Kerngesund ist Mozart aber nie gewesen. Regelmäßig plagten ihn Katarrhe, Zahnschmerzen, Migräne und Fieber, mit viel Glück überstanden er und seine fünf Jahre ältere Schwester »Nannerl« die Pocken. Nur die beiden blieben von insgesamt sieben Mozartkindern am Leben. Und das, obwohl Vater Leopold (1719 bis 1787) seine musikalischen Wunderkinder früh einem anstrengenden Leben aussetzte. 1762 unternahm er mit ihnen die erste Reise nach Wien, wo der kleine Wolfgang die Kaiserin Maria Theresia mit seinem Klavierspiel beeindruckte. Es folgten Reisen kreuz und quer durch Europa, allein drei nach Italien, aber auch nach Frankreich und England. Wie gefährlich das Reisen damals war zeigt der plötzliche Tod von Mozarts Mutter in Paris, als sie ihren 22-jährigen Sohn auf einer Frankreich-Reise begleitete. Ein fieberhafter Infekt raffte die 57-Jährige dahin, geschwächt von mörderischen Kutschfahrten, dem Hausen in verlausten Gasthöfen, verschmutztem Wasser und schlechter Verpflegung.

 

Als Kenner der Krankheits- und Arzneimittellehre seiner Zeit hatte Leopold Mozart eine Menge von Medikamenten und Rezepturen gesammelt, die er in einer Reiseapotheke ständig mit sich führte und seinem oft kränkelnden Sohn verabreichte. Schwarzpulver, unter anderem bestehend aus Hirschhorn, Myrrhen, Korallen, Regenwürmern, Froschherzen und Plazenta, wurde gegen Fieber, Schmerzen sowie zur Blutreinigung eingesetzt. Abführ- und Brechmittel waren ebenfalls wichtig, versprach man sich doch davon, den pathophysiologischen Vorstellungen des 18. Jahrhunderts folgend, eine Verhütung oder Befreiung von krank machenden Stoffen (materia peccans). Weiter enthielt die Mozartsche Apotheke Margrafen- und Digestivpulver, Pulvis antispasmodicus Hallensis, Spilman Hansl Pilullen, fantasievolle Gemische mit Stoffen aus der mittelalterlichen Dreckapotheke. Wolfgang war von Kindheit an daran gewöhnt, diese Medikamente einzunehmen. Immer wieder litt er an unbestimmten Krankheiten, vermutlich Infekten. Dazu war er überarbeitet, erschöpft, finanziell ständig in der Klemme, auch durch teure Kuren seiner Frau Konstanze.

 

Er starb schließlich innerhalb von zwei Wochen. Hände und Füße waren bis zur Unbeweglichkeit geschwollen, er litt unter Erbrechen und heftigem Hautausschlag. Todesursache war vermutlich ein rheumatisches Entzündungsfieber - aus heutiger Sicht ein akuter Gelenkrheumatismus mit äußerst schmerzhaften Schwellungen. Im 18. Jahrhundert war es ein Sammelbegriff für Krankheiten, die man im Einzelnen diagnostisch nicht voneinander abgrenzen konnte. Magen-Darm-Erkrankungen fielen ebenso darunter wie Herz- und Lungenleiden, sogar Zahnschmerzen. Eine akute bakterielle oder virusbedingte Infektion könnte ebenso zu der tödlichen Krankheit geführt haben wie Nierenversagen. Auf jeden Fall hielten seine Ärzte es für nützlich, ihn zur Ader zu lassen - wahrscheinlich ein fataler Fehler: Mozart nahm unentwegt Hausmittel aus der väterlichen Apotheke, darunter auch Brechweinstein (Kaliumantimonyltartat). Heute weiß man: Sonst verträgliche Dosierungen von Antimonsalzen können in Verbindung mit einem Aderlass tödlich sein, da mit dem Blut medikamentenbindendes Eiweiß verloren geht.


Literatur

  1. Die Krankheiten großer Komponisten, Band 2. F. H. Franken. Florian-Noetzel-Verlag, Wilhelmshaven, 2. Auflage 2000. ISBN 3-7959-0420-X. EUR 21.
  2. Mozart der Spieler. C. Prokop. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2005, ISBN 3-7618-1816-5. EUR 12,95
  3. Broschüre zur Ausstellung: Bach und Mozart - Opfer der Medizin des 18. Jahrhunderts? Apothekenmuseum Leipzig, 2000.

Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 04/2006

 

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