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Projektarbeit: Sichere Arzneimittel für Kinder

PHARMAZIE

 
Projektarbeit

Sichere Arzneimittel für Kinder

Von Sonja Christine Wolf

 

Auf Initiative der PharmHuman Stiftung entstand im Rahmen des Pharmaziepraktikums in der Apotheke und in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Städtischen Klinikums Braunschweig eine Projektarbeit zur Optimierung des Arzneimitteleinsatzes bei Kindern und Jugendlichen.

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Die Braunschweiger PharmHuman Stiftung fördert Projekte im In- und Ausland zur Gesundheitsförderung und zum Informations- und Erfahrungsaustausch in Gesundheitsfragen. Die 2005 von einer Apothekerin gegründete gemeinnützige Stiftung hat das Konzept erarbeitet und eine Pharmaziepraktikantenstelle finanziert. Als Mitunterstützer konnte die Kroschke Stiftung für Kinder gewonnen werden.

 

Am Städtischen Klinikum Braunschweig begleiten fünf Apotheker regelmäßig die ärztlichen Visiten auf sechs verschiedenen Stationen. Auf diese Weise können Ärzte, Pflegekräfte und Patienten vor Ort informiert werden. Dabei geht es auch um eine Optimierung der Medikation zur Vermeidung von Interaktionen und Nebenwirkungen. Auch die Kinderklinik wird regelmäßig von einer Apothekerin besucht, sodass die Mitarbeit einer Pharmaziepraktikantin vom Personal auf der Station sehr positiv aufgenommen wurde.

 

Kern des Projektes bildete eine dreimonatige Studie, bei der die Medikation der auf einer onkologischen Station behandelten Kinder systematisch erfasst und analysiert wurde. Die Auswertung erfolgte im Hinblick auf Indikationsgebiete, Applikationsformen und Zulassungsstatus der Medikamente.

 

Aus den gesammelten Daten konnten Erkenntnisse darüber gewonnen werden, welche Medikamente sich, unabhängig von ihrem Zulassungsstatus, zum Einsatz bei Kindern bewährt haben, welche Therapieschemata mit gutem Erfolg Anwendung finden und welche möglichen Alternativen es zum zulassungsüberschreitenden Einsatz (Off-Label-Use) bestimmter Arzneimittel gibt.

 

Retrospektive Untersuchung

 

Über einen Zeitraum von drei Monaten (November 2007 bis Januar 2008) wurde die Medikation aller Patienten erfasst, die sich wegen einer onkologischen Erkrankung auf einer Station des Städtischen Klinikums Braunschweig in Behandlung befanden. 14 Patienten mit verschiedenen malignen Erkrankungen wurden in die Untersuchung einbezogen, die häufigste Diagnose war die akute lymphoblastische Leukämie (ALL) bei 36 Prozent der Patienten.

 

Ein Großteil der auf Station eingesetzten Arzneimittel (80,4 Prozent) ist für Kinder und Jugendliche zugelassen, es verbleiben jedoch fast 20 Prozent, die trotz einer Zulassungsbeschränkung auf Über- 18-jährige auch auf der Kinderstation eingesetzt wurden.

 

Am häufigsten verordnet wurden Arzneimittel aus den Indikationsgebieten Analgetika, Zytostatika und Antiemetika mit jeweils circa 16 Prozent Anteil an den gesamten Verschreibungen. Darunter war Ondansetron der am meisten verordnete Wirkstoff mit 10,9 Prozent Verschreibungsanteil, gefolgt von Dexamethason, Ibuprofen und Metamizol.

 

Der Anteil der Off-Label-Verschreibungen pro Patient betrug durchschnittlich 12,7 Prozent. Die Verschreibung von Ondansetron machte den größten Off-Label-Anteil aus, daneben wurden 21 weitere Arzneistoffe außerhalb ihrer Zulassung verordnet, unter anderem Pantoprazol, Ibuprofen und Aprepitant. Der häufigste Grund für die Einstufung als Off-Label-Einsatz war eine Anwendung außerhalb des Zulassungsalters, als weitere Kriterien wurden die Dosierung oberhalb der Angaben in der Fachinformation oder die Anwendung bei einer nicht zugelassenen Indikation ermittelt.

 

Besonderheiten bei der Applikation

 

Am häufigsten wurden auf der onkologischen Kinderstation parenterale Darreichungsformen verwendet (50,2 Prozent der Verschreibungen), gefolgt von festen Peroralia. Diese Applikationsformen sind bei Kindern nicht Mittel der ersten Wahl, aus Mangel an kindgerechten Darreichungsformen bleibt jedoch häufig keine andere Wahl, wenn nicht die individuelle Herstellung einer Arzneiform in der Krankenhausapotheke erfolgen soll.

 

Die persönlichen Vorlieben eines jeden Kindes in Bezug auf die Arzneiform sollten berücksichtigt werden. So konnte zum Beispiel beobachtet werden, dass nicht alle Kinder die flüssige Arzneiform automatisch der Tablette oder Spritze vorziehen. Häufig kommt es auch auf den richtigen Geschmack an. Die Compliance kann in hohem Maße davon abhängen, ob ein Antibiotika-Saft zum Beispiel nach Banane oder nach Erdbeere schmeckt. Des Weiteren kann es durch die Chemotherapie zur Beeinträchtigung des Geruchs- und Ge-schmacksempfindens kommen.

 

EU-Verordnung für Kinderarzneimittel

 

Auch mehr als ein Jahr nach Inkrafttreten der EU-Verordnung für Kinderarzneimittel (EG Nr. 1901/2006) im Januar 2007 ist die Auswahl an Arzneimitteln, die für die Anwendung bei Kindern und Jugendlichen zugelassen sind, noch sehr gering. Für viele Wirkstoffe gibt es nach wie vor keine Fertiarzneimittel in adäquater Dosierung oder Darreichungsform.

 

Die europäische Zulassungsbehörde EMEA hat in Zusammenhang mit der EU-Verordnung eine Prioritätenliste erstellt, in der knapp 90 Wirkstoffe beziehungsweise Wirkstoffgruppen mit »Forschungsrückstand« aufgeführt sind. Hier bedarf es neben Daten zu Wirksamkeit und Pharmakokinetik vor allem der Entwicklung altersgerechter Darreichungsformen.

 

Die Anwendung nicht zugelassener Arzneimittel beruht vielfach auf Erfahrungswerten der Ärzte. Leider verbleibt dieses Wissen meist in der Praxis oder auf der Krankenhausstation, sodass kein Erfahrungsaustausch zugunsten der Patienten stattfinden kann. Die Einrichtung eines Netzwerkes zur Erfassung positiver Erfahrungen mit Arzneimitteln wäre eine denkbare Lösung. Bei Sammlung dieser Daten aus Kliniken in ganz Deutschland könnten Informationen darüber erlangt werden, wie häufig und mit welchem Erfolg ein Arzneimittel off label Anwendung findet. Für zukünftige Behandlungen hätten die Ärzte somit einen Anhaltspunkt, welches Arzneimittel sich in welcher Dosis bei einer großen Anzahl von Kindern als wirksam erwiesen hat. Damit könnte unnötiges »Experimentieren« vermieden werden.

 

Doch auch diese Maßnahmen gehen nicht das Grundproblem an: Es gibt zu wenig für Kinder zugelassene Arzneimittel, weil es zu wenig Studien mit Kindern gibt. Die ethische Problematik der Durchführung von Arzneimittelstudien mit Kindern soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Ein Weg, diese Situation kurzfristig zu verbessern, könnte darin bestehen, die Daten aus onkologischen Therapieoptimierungsstudien der pharmazeutischen Industrie zu veröffentlichen, damit diese zur Entwicklung kindgerechter Arzneiformen und Dosierungen verwendet werden  können.

 

Fazit

 

Die Arbeit eines Apothekers auf einer Krankenhausstation ist in Deutschland zurzeit noch die Ausnahme, sollte jedoch immer mehr zur Selbstverständlichkeit für den klinischen Pharmazeuten werden. In meinem praktischen Jahr durfte ich diese großartige Erfahrung machen. Anders als bei der Arbeit in der Krankenhausapotheke erlebt man auf der Station aus nächster Nähe die klinische Anwendung von Arzneimitteln, ihre Wirkungen und Nebenwirkungen. Im direkten Kontakt mit Patienten, Ärzten und Pflegepersonal lassen sich offene Fragen schon vor der Verschreibung eines Medikaments schnell und unkompliziert klären.

 

Meine Anwesenheit wurde von den Mitarbeitern auf Station sehr begrüßt und als Hilfe und Erleichterung empfunden. Nach Ablauf des halben Jahres wünschten sich alle die Fortsetzung der guten Zusammenarbeit zwischen Apotheke und Station. Die PharmHuman Stiftung hat bereits weitere Mittel zugesagt, sodass einer Weiterführung dieses vielversprechenden Projekts nichts im Wege steht.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 27/2008

 

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