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Diabetes: Migranten gezielt schulen

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Diabetes

Migranten gezielt schulen


Von Christina Hohmann-Jeddi, Düsseldorf / Diabetes in den Griff zu bekommen ist schwierig – das gilt besonderes für Menschen mit Migrationshintergrund. Denn bei ihnen können Sprach­barrieren und kulturelle Besonderheiten Schulungen erschweren und den Therapieerfolg gefährden. Experten fordern daher kultursensible Schulungen und mehr fremdsprachige Materialien.

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Fast ein Fünftel aller in Deutschland lebenden Menschen haben einen Migrationshintergrund. Schätzungen zufolge sind 600 000 von ihnen an Diabetes erkrankt. Wie die Patienten versorgt sind und welche Herausforderung sich in der Praxis bei der Therapie ergeben, war Thema eines Symposiums auf der Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) in Düsseldorf.

 

Sprachliche und kulturelle Besonderheiten sollten in Schulungen mit berücksichtigt werden. So beeinflusst die Kultur zum Beispiel das Verständnis von Krankheit, Gesundheit und von Gesundheitsvorsoge, auch die Ernährungsgewohnheiten sind anders, erklärte Faize Berger von der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Migranten der DDG. Noch stünden nicht ausreichend Informations- und Schulungsmaterialien in Fremdsprachen zur Verfügung, die auf die kulturellen Besonderheiten eingehen. Es sei ein Anliegen der DDG, dass auch Menschen aus anderen Kulturräumen effizient geschult werden.




Essen hat einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert in der türkischstämmigen Bevölkerung. Auch Süßigkeiten sind sehr beliebt.

Foto: Fotolia/zoryanchik


Essen hat hohen Stellenwert

 

Tendenziell ist die Versorgung von Diabetikern mit Migrationshintergrund schlechter und ihre Schulungsrate niedriger als die deutscher Patienten, wurde auf dem Kongress deutlich. Zum Teil geht dies auf Sprachbarrieren zurück. Diese lassen sich zum Beispiel mithilfe von Dolmetschern überwinden, was aber einige Organisation verlangt. Häufig zum Einsatz kommen Laiendolmetscher, meist aus dem Umfeld der Patienten. Fremdsprachige Diabetesberaterinnen können Patienten in ihrer Muttersprache schulen. So zum Beispiel Ayse Ünal, die auf dem Kongress die Besonderheiten der türkischstämmigen Bevölkerung vorstellte.

 

Bei dieser habe das Essen einen hohen Stellenwert. Es hat einen gesellschaftliche Funktion, ist zudem ein Zeichen der Gastfreundschaft und gilt als Gesundmacher. Positiv sei, dass ausschließlich frisch gekocht werde. »Negativ ist dagegen, dass auch häufig über den Hunger gegessen wird«, berichtete die türkischstämmige Diabetesberaterin aus Gelsenkirchen. Gefrühstückt werde in der Regel zwischen 9 und 11 Uhr, das Mittagessen falle häufig aus und das Abendessen komme ab 17 Uhr auf den Tisch – »mit offenem Ende«. Als Snacks gebe es häufig Mandeln, Kerne und Dörrobst wie Rosinen und Datteln.

 

Bevorzugte Kohlehydrate sind Brot und Backwaren aus Weißmehl, Bulgur und Nudeln. »Der Brotverzehr liegt mit 168 kg pro Kopf und Jahr in der Türkei deutlich höher als in Deutschland, wo jeder durchschnittlich 87 kg pro Jahr konsumiert«, so Ünal. Brot werde zu jeder Mahlzeit gegessen, da in den Köpfen fest verankert sei, dass man ohne Brot nicht satt wird. Türkischstämmige Patienten auf Vollkornprodukte umzustellen, sei schwierig.

 

Neben den Ernährungsgewohnheiten sind auch das Krankheits- und Therapieverständnis durch die Kultur beeinflusst. Im muslimischen Raum wird Krankheit als Schicksal aufgefasst. Es herrscht die Überzeugung, die Erkrankung komme von Gott und »Gott wird es auch wieder richten«, machte Ünal deutlich. Zum Teil zeige sich auch eine Verdrängung und Negation der Erkrankung. So vermieden einige Patienten Messungen, um die hohen Blutzuckerwerte nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen.

 

Unterschiede zeigten sich auch in Bezug auf die Prävention. So sei Sport in der türkischen Kultur nicht üblich und eher mit negativen Assoziationen verbunden. »Hier gibt es zu wenig Angebote, die sich speziell an Menschen mit Migrationshintergrund richten«, stellte Ünal fest. Ihr Fazit: Um Diabetiker mit Migrationshintergrund effizient zu schulen, bräuchte es Einzelschulungen, wenn nötig in der Muttersprache und mit muttersprachlichen Materialien. Kultursensible Beratung sollte in alle Disease-Management-Programme aufgenommen werden.

 

Anpassung der Chronikerprogramme





In Deutschland leben etwa 15,8 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Etwa 600 000 leiden an Diabetes.

Foto: picture alliance/Sueddeutsche Zeitung Photo


Reinhard Brücker von der Krankenkasse Viactiv (ehemals BKK Vor Ort) vertrat die Ansicht, dass für Chroniker mit Migrationshintergrund keine speziellen Programme aufgelegt werden müssen. Es sei aber erforderlich, die vorhandenen Programme an die kulturellen Unterschiede anzupassen. Zur gesundheitlichen Situation der 15,8 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland gebe es nur spärliche Daten, kritisierte Brücker. »Detaillierte Studien fehlen.« Fest stehe, dass diese Gruppe häufiger als der Bundesdurchschnitt Arbeitsunfälle erleide, aber seltener Reha-Maßnahmen in Anspruch nehme.

 

Ein Grund dafür könnte sein, dass sprachliche Defizite den Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen erschweren und sich negativ auf das Arzt-Patienten-Verhältnis auswirken. Zudem sei das Krankheitsverständnis ein anderes. Deutsche zeigten ein naturwissenschaftliche Krankheitsverständnis und eine aktive Herangehensweise an die Therapie. Türkischstämmige Patienten dagegen verstünden Krankheit als von Gott gegebenes Schicksal und zeigten daher eine eher passive, erduldende Einstellung.

 

In der Viactiv Krankenkasse werde derzeit Kulturkompetenz aufgebaut, unter anderem indem verstärkt Personal mit Migrationshintergrund eingestellt wird. Zudem arbeite man daran, kulturelle Unterschiede in den Versorgungsprogrammen zu berücksichtigen, berichtete Brücker. Er plädierte dafür, in ganz Deutschland Bedarfsschwerpunkte für Menschen mit Migrationsschwerpunkt zu definieren, nicht von einzelnen Krankenkassen, sondern gemeinsam. »Kultursensitive Programme sollten kein Wettbewerbsbaustein sein«, sagte Brücker.

 

Fasten bei Diabetes

 

Auf einen speziellen religiösen Aspekt der Diabetikerberatung, das Fasten im Ramadan, ging Dr. Mahmoud Sultan ein, Leiter einer diabetologischen Schwerpunktpraxis in Berlin Kreuzberg. »Grundsätzlich können Diabetiker fasten, wenn sie nicht bereits Folgeerkrankungen entwickelt haben«, sagte Sultan. Unter Umständen könne sich der Nahrungsverzicht positiv auf den Stoffwechsel auswirken. So sei die Kohlenhydrat-Reserve des menschlichen Organismus auf etwa 400 Gramm beschränkt. Nach wenigen Tagen Fasten sänken die Blutzuckerwerte und bei Typ-2-Diabetikern reduziere sich die Insulinresistenz. So sei beispielsweise modifiziertes Fasten, bei dem Eiweiß erlaubt ist, eine Möglichkeit, die Insulinresistenz zu durchbrechen.

 

Im Ramadan ist der Nahrungsverzicht religiös motiviert, durch ihn soll der Körper dem Geist unterworfen werden. Im neunten Monat des islamischen Kalenders sind gläubigen Muslimen die Aufnahme von Flüssigkeiten oder Nahrung sowie das Rauchen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang untersagt. Ausgenommen sind von diesem Fastengebot neben Kindern, Schwangeren, Stillenden, menstruierenden Frauen, geistig Behinderten und Reisenden auch chronisch Kranke. Diabetiker müssten daher im Ramadan gar nicht fasten, viele täten es dennoch freiwillig, berichtete Sultan.

 

Über die mit dem Fasten bei Diabetikern verbundene Morbidität und die Mortalität gebe es kaum epidemiologische Daten. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2004 habe aber gezeigt, dass im Ramadan die Zahl der gefährlichen Hypoglykämien um den Faktor 7,5 bei Typ-2-Diabetikern und um den Faktor 5 bei Typ-1-Diabetikern erhöht war (»Diabetes Care«, DOI: 10.2337/dia care.27.10.2306).

 

Vor dem Fasten sollten Diabetiker unbedingt ihren Arzt fragen, ob ihr Gesundheitszustand es zulässt. Zudem muss die Therapie angepasst werden. So sollten Patienten orale Antidiabetika, die vor dem Essen einnehmen, im Ramadan tagsüber weglassen und abends vor dem Fastenbrechen eingenommen werden. Schnell wirksame Insuline werden angepasst an die Kohlenhydratmenge vor jeder Mahlzeit appliziert. Wer auf Basalinsuline eingestellt ist, sollte diese beibehalten.

 

Insgesamt ist es nötig, den Blutzuckerwert im Ramadan häufiger zu kontrollieren als üblich und besonders aufmerksam für Anzeichen von Hypoglykämien zu sein. Empfehlungen zur Umstellung der Therapie haben Experten im Jahr 2010 im Fachjournal »Diabetes Care« zusammengestellt (DOI: 10.2337/dc10-0896). »Den meisten Patienten gelingt die Umstellung der Therapie ohne größere Probleme«, berichtete der Diabetologe. Wer sich an die Anweisungen des Arztes hält, kann sicher fasten. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 48/2015

 

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