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Cannabis: Droge oder Arznei?

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Cannabis: Droge oder Arznei?
 


Die Versammlung der Landesapothekerkammer Rheinland-Pfalz wartete in diesem Jahr mit einem besonderen Programmpunkt auf: Rund 90 Minuten diskutierte Kammerpräsident Andreas Kiefer mit fünf Experten und den Delegierten der Apothekerkammer über Cannabis als Arzneimittel und als Rauschdroge.
 
Ausgangspunkt der Diskussion war der Referentenentwurf, der laut «Welt am Sonntag» der Bundesregierung vorliegt, den die Diskutanten aber nicht im Detail kannten. Dieser sieht vor, den Anbau und Handel von Cannabis zur Schmerztherapie in die Hände einer staatlichen Stelle zu geben. Zu diesem Zweck soll eine sogenannte Cannabisagentur eingerichtet werden. Die Gesamtkoordination soll beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte angesiedelt werden. Nicole Besic-Molzberger, drogenpolitische Sprecherin der Grünen im Landtag von Rheinland-Pfalz, begrüßte den Entwurf: «Die Bundesregierung muss endlich ihren ideologischen Käfig verlassen und den medizinischen Zugang dringend verbessern.» Sie hoffe allerdings, dass der Referentenentwurf nicht zu kurz greife. Eine Kostenübernahme müsse zwingend gewährleistet sein. Besic-Molzberger forderte die Bundesregierung auf, für den Einsatz von Medizinal-Hanf klare Strukturen zu schaffen. Wer baut an? Wer darf abgeben? Wer bekommt ihn? Vor diesem Hintergrund sei sie gegenüber einer Legalisierung auch als Rauschdroge aufgeschlossen. Voraussetzung sei, dass die Abgabe kontrolliert in «Cannabisfachgeschäften» und keine Abgabe an Jugendliche erfolge. Zudem forderte Besic-Molzberger intensivere Forschung auf dem Gebiet Cannabis. Dies sei Aufgabe der Industrie.
 
«Ökonomisch gesehen hat es für eine Firma überhaupt keinen Sinn, Cannabis als Arzneimittel auf den Markt zu bringen», setzte Dr. Volker Christoffel, Christoffel Scientific Consulting, dagegen. Der Biochemiker forschte intensiv sechs Jahre lang an der Droge Cannabis und schätzt das Gefährdungspotenzial insgesamt als eher gering ein. Sollte Cannabis als Arzneimittel zugelassen werden, gelten für die Droge alle für Arzneimittel zulassungsrelevanten Anforderungen. Dies koste viel Geld, zumal Cannabis über 400 Inhaltsstoffe hat. Zur Frage Cannabis als Rauschdroge positionierte sich Christoffel ähnlich wie die drogenpolitische Sprecherin der Grünen.
 
Dr. Peter Cremer-Schaeffer, Leiter der Bundesopiumstelle, mahnte dringend zur Versachlichung der öffentlichen Diskussion: «Cannabis ist kein Arzneimittel, auf das wir 150 Jahre gewartet haben.» Der Palliativmediziner verwies darauf, dass sowohl auf den Arzt als auch auf den Apotheker eine neue Verantwortung zukomme. Bislang stellte die Bundesopiumstelle eine Ausnahmeerlaubnis zur Selbsttherapie aus. Der Referentenentwurf sehe aber zukünftig eine Verschreibungsfähigkeit vor. Des Weiteren spreche der Referentenentwurf nicht von Cannabis als zugelassenem Arzneimittel. «Wie wollen Sie als Apotheker die Qualität sicherstellen?» Cremer-Schaeffer begrüßte zwar die Entscheidung der Bundesregierung, diese könne jedoch nur ein Zwischenschritt sein.
 
Diesem Statement schloss sich Kiefer an. «Die erforderliche pharmazeutische Qualität von Cannabis-Drogen könne nur bei kontrolliertem Anbau mit regelmäßiger Qualitätskontrolle garantiert werden», so der Kammerpräsident. Um die Information und Beratung der Patienten sicherzustellen, sollte Cannabis zur medizinischen Verwendung ausschließlich in der Apotheke abgegeben werden dürfen. Die DAC/NRF-Kommission erarbeite gerade eine Monografie zu Cannabis sativa, berichtete Kiefer.
 
Mit dem Problem der Qualität sieht sich Suchtmediziner Wolf-Dieter Hofmeister bereits jetzt schon in seiner Sucht-Ambulanz konfrontiert. Je nach Herkunftsland oder Eigenanbau schwanke die Tetrahydrocannabinol-Konzentration gewaltig. Auch er zeigte sich gegenüber einer Legalisierung durchaus aufgeschlossen, sofern eine kontrollierte Abgabe über die Apotheke gewährleistet sei und ausschließlich an Erwachsene erfolge.
 
Dr. Bernd Werse vom Centre for Drug Research an der Universität Frankfurt am Main sieht in Cannabis eine Pflanze, an der sich die Geister scheiden, «da die Droge weltweit bekannt ist und im Vergleich zu anderen Drogen eine milde Wirkung hat.» Dementsprechend sei die Hemmschwelle, sie auszuprobieren, gering. Der Soziologe zeigte kein Verständnis für das strikte Verbot. Mit einem kontrollierten Zugang könne ein Großteil des Schwarzmarktes ausgetrocknet werden. (kg)
 
23.11.2015 l PZ
Foto: Fotolia/Jaroslav Moravcik
 

 

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