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Medikationsmanagement: »Mehr Zeit für den Patienten«

POLITIK & WIRTSCHAFT

 
Medikationsmanagement

»Mehr Zeit für den Patienten«


Von Ev Tebroke, Lichtentanne / Was auf Bundesebene mit Blick auf das geplante E-Health-Gesetz noch diskutiert wird, ist mancherorts bereits Realität: Das Medikationsmanagement für Patienten. Anja Leistner, Inhaberin der Mariannen-Apotheke in Lichtentanne, und Axel Stelzner, Allgemeinmediziner vor Ort, betreuen gemeinsam Patienten mit Polymedikation.

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PZ: Sie beide haben im Rahmen der Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen (ARMIN) im Frühjahr 2015 an der Präpilotierung zum geplanten Medikationsmanagement teilgenommen. Dabei ging es vor allem um die jeweilige Aufgabenverteilung. Warum beteiligen Sie sich an dem Modellversuch?

 




»Die Unterstützung des Apothekers ist wertvoll.«Allgemeinmediziner Axel Stelzner

Stelzner: ARMIN hilft bei Mehrfachmedikation, die Arzneimitteltherapiesicherheit zu verbessern. Wie viele Kollegen auch habe ich für meine Patienten schon bisher Medikationspläne erstellt. Das ist aber zeitaufwendiger, als wenn ich in Zukunft auf einer gemeinsamen elektronischen Plattform mit dem Apotheker auf dessen Entwurf für einen solchen Plan zurückgreifen kann.

 

PZ: Wo sehen Sie die Vorteile des gemeinsamen Medikationsmanagements?

 

Stelzner: Wenn die technische Anbindung an das sichere Netz der Kassenärztlichen Vereinigungen läuft, werden der Medikationsplan und das Medikationsmanagement die hausärztliche Arbeit erheblich erleichtern. Der Apotheker leistet eine große Unterstützung, indem er die Medikation erfasst, insbesondere auch dem Arzt nicht bekannte OTC-Produkte, einen Interaktionscheck macht und das Ergebnis auf dem Medikationsplan ablegt. Der Arzt kann dann jederzeit darauf zugreifen und den Medikationsplan finalisieren.

 

PZ: Wie arbeiten Sie jetzt zusammen?




»Hier kann ich meine fachlichen Kompetenzen zeigen.«Apothekerin Anja Leistner

Fotos: PZ/Tebroke


Leistner: Bei der Präpilotierung waren zwei eingeschriebene Patienten beteiligt, da wurde alles analog getestet: Der Medikationsplan wurde erstellt, die relevanten Patientendaten erfasst, alles per Hand. Aktuell testen zwölf Arzt-Apotheker-Pärchen den technischen Prozess der digitalen Umsetzung. Vom Apothekerverband haben wir die Information, dass im Frühjahr 2016 die Ergebnisse vorliegen sollen.

 

PZ: Wo liegen für Sie als Apothekerin die Vorteile bei dem Projekt? Zunächst haben Sie doch auch mehr Arbeit.

 

Leistner: Ich kann als Apothekerin genau das einbringen, weshalb ich Pharmazie studiert habe. Nämlich nicht, um mich um Rabattverträge zu kümmern oder Kostenvoranschläge zu bearbeiten, sondern um dem Patienten im Medikationsdschungel wirklich zu helfen. Hier kann ich meine fachliche Kompetenz zeigen und mit Leben füllen.

 

PZ: Wie viele Beteiligte gibt es mittlerweile bei dem Projekt?

 

Stelzner: In Sachsen beteiligen sich insgesamt 217 und in Thüringen 347 Kollegen und auf Apothekerseite je 471 in Sachsen und Thüringen. Die Arztzahlen sind niedriger, weil noch einige technische Hürden zu überwinden sind. Das Ganze bekommt noch mal einen erheblichen Schub, wenn am konkreten Beispiel demonstriert werden kann, dass ARMIN den Praxisalltag deutlich erleichtert. Mir haben auch Kollegen über die Schulter geschaut und das Projekt dann als eine gute Sache eingeschätzt. Etliche haben sich anschließend auch bei ARMIN eingeschrieben.

 

PZ: Warum zögern viele Ärzte?

 

Stelzner: Das liegt an der Erfahrung, dass Neuerungen den Praxisalltag oft komplizierter machen. Deshalb die Zurückhaltung. Meine Kollegen fassen aber dann sehr schnell Vertrauen, wenn die Praktikabilität deutlich wird. Ich kann es mir auch nicht leisten, mir etwas aufzuhalsen, was mich mehr Zeit kostet. Diese brauche ich für den Patienten selbst. Deshalb ist die Unterstützung der Apotheker so wertvoll, weil ich dadurch mehr Zeit für meine Patienten habe.

 

PZ: Der Hausärzteverband äußerte die Sorge, Ärzte würden ihre Therapiehoheit abgeben.

 

Stelzner: Ich halte diese Bedenken für vordergründig. Sie sind überhaupt nicht nachvollziehbar. Der Erhalt der Therapiefreiheit des Arztes ist mit ARMIN völlig gewährleistet.

 

PZ: Wie erleichtert die Kooperation konkret den Alltag?

 

Leistner: ARMIN ist das einzige Projekt, bei dem Sie die Daten zur Arzneimitteltherapie so komplettiert erhalten. Wir haben die Selbstmedikation, die Ärzte haben die ganzen klinischen Daten des Patienten vorliegen, die Diagnosen, Blutparameter, Rx-Medikamente. Außerdem sollen etwas zeitverzögert auch alle Verordnungen von Fachärzten auf dem Medikationsplan vermerkt werden.

 

PZ: Wie hoch ist für Apotheker der Zeitaufwand für die Erstellung und Aktualisierung eines Medikationsplans?

 

Leistner: Der Zeitaufwand für die Erstellung ist größer als wir es erwartet hätten. Man muss das ganze Team darauf einstellen: Welche ARMIN-Patienten gibt es, wann sind Termine zur Erstellung eines Medikationsplans? Für die Analyse braucht es im Schnitt bestimmt eine Stunde Zeit. Kleinere Apotheken müssten dann sicher über einen weiteren Mitarbeiter nachdenken. Wenn der Medikationsplan einmal steht, ist die Ergänzung schnell ins System eingearbeitet.

 

PZ: Was halten Sie von den Plänen, dass nur der Arzt den Medikationsplan erstellen darf, nicht aber der Apotheker?

 

Stelzner: Bei ARMIN wird die Schnittstelle zwischen dem Arbeitsbereich des Apothekers und dem des Arztes deutlich verbessert. Am Ende muss immer der Arzt das Ergebnis verantworten. Deswegen behalte ich mir auch das letzte Wort vor, welcher Medikationsplan dem Patienten ausgehändigt wird. Dabei muss es bleiben. Wenn man diesen Grundgedanken negieren würde, sehe ich Probleme. Der Apotheker macht das, was er gelernt hat, gut und richtig. Aber der Arzt hat eine andere Ausbildung, die für den Medikationsplan und den Therapieerfolg auch unverzichtbar ist.

 

PZ: ARMIN geht einen Schritt weiter als es die Regierung im E-Health-Gesetz festlegen will. Da kann auch der Apotheker den Medikationsplan auf Wunsch des Patienten erstellen.

 

Leistner: Der Medikationsplan ist in Felder aufgeteilt, sodass jeder weiß, wo er was eintragen darf und wo nicht. Der Apotheker ist nicht zuständig für den Grund der Medikation und auch nicht zuständig für die Dosierung und letztlich nicht für die Unterschrift. Das ist ganz genau geregelt bei ARMIN. Das richtet sich ganz klar nach der Therapiehoheit. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 47/2015

 

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