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Rechts oder links: Was Hänschen falsch lernt

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Rechts oder links

Was Hänschen falsch lernt


Von Ulrike Abel-Wanek / Linkshänder wurden lange Zeit auf die rechte Hand umgeschult, zum Teil mit drastischen Methoden. Diese Zeiten sind vorbei. Viele umgestellte Erwachsene kämpfen jedoch noch mit den Folgen. Hier kann eine Rückschulung helfen.

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»Zu uns in die Praxis kommen pro Woche rund 40 Menschen, die Fragen zur Händigkeit haben«, sagt Patricia Willikonsky, Mitinhaberin des Fon-Instituts, einem Zentrum für Sprechkunst, Sprech- und Ergotherapie im Raum Stuttgart. Eltern mit Kleinkindern kämen ebenso wie Jugendliche und Rentner, um sich zur sogenannten Händigkeit beraten zu lassen.

 




Foto: Fotolia/Nailia Schwarz


Als Händigkeit bezeichnet man die Überlegenheit einer Hand. Bei der Frage, ob man die linke oder rechte für motorische Handlungen bevorzugt, spielt die Genetik eine große Rolle. Aber auch Einflüsse der Umwelt, der Erziehung und Normvorstellungen prägen den Anteil der Links- und Rechtshänder in einer Gesellschaft. Die Angaben über den Linkshänderanteil in der Bevölkerung sind schwankend. Während ältere Arbeiten eher zu niedrigeren Prozentzahlen tendierten, finden sich in jüngeren Untersuchungen Zahlen bis zu 50 Prozent. Statistiken gehen von durchschnittlich mindestens 10 bis 15 Prozent aktiven Linkshändern in der Bevölkerung aus. Ihre Zahl wird steigen, weil die Linkshändigkeit zunehmend ausgelebt wird. Viele umgeschulte Linkshänder haben sich bei früheren Erhebungen nicht als solche bezeichnet und sind deshalb oft nicht als Linkshänder in Statistiken eingegangen.

 

Beim Schreiben, Zeichnen, Schneiden oder Spielen aktivieren Rechtshänder Areale der linken Hirnhemisphäre, bei Linkshändern verhält es sich umgekehrt. Auf Rechtshandgebrauch umgeschulte Erwachsene aktivieren beim Schreiben jedoch nicht nur die linke, sondern beide Hemisphären – mit gesteigerter Aktivität auf der rechten Hirnseite.* Sie zeigen also beim Schreiben mit der rechten Hand weiterhin die Merkmale einer Linkshändigkeit. »Das heißt, Linkshänder kann man nicht wirklich umschulen«, sagt Johanna Barbara Sattler, Psychotherapeutin und Begründerin der ersten Linkshänderberatung in Deutschland. Werde es trotzdem versucht, blieben die Schaltstellen nach wie vor in der dominanten rechten Hirnhälfte bestehen und es käme zu einer erhöhten Anforderung durch vermehrten Energieeinsatz in beiden Hemisphären. »Die Umschulung der Händigkeit zum Schreiben ist ein massiver Eingriff in die Funktionen des menschlichen Gehirns«, so Sattler – mit zum Teil gravierenden gesundheitlichen Folgen.

 

Legasthenie und Händigkeit

 

Das Gefühl, »irgendwie nicht richtig« zu sein, ließ Martina B. ihr Leben lang nicht los. Die 45-jährige Geschäftsfrau wurde als linkshändiges Kind auf die rechte Hand umgeschult – und ihr Leben lang als Legasthenikerin eingestuft. Noch in den 1960er- und 70er-Jahren banden Eltern und Lehrer die linken Hände der Kinder auf den Rücken, gipsten sie ein oder straften den Gebrauch des »nicht schönen Händchens« mit Schlägen. Alles mit dem Ziel, dem Kind seine natürliche Prägung auszutreiben. »Die Umschulung ist wie eine Vergewaltigung des Hirns«, ist Willikonsky überzeugt. Den Menschen, die nicht mit ihrer dominanten Hirnhälfte agierten, gingen wichtige Ressourcen verloren, weil sie nur auf einen kleineren Pool ihrer Fähigkeiten Zugriff hätten. Die Folgen von Umschulung der Händigkeit reichten von Gedächtnis- und Lese-Rechtschreib-Störungen über Konzentrationsschwierigkeiten bis zu Sprachauffälligkeiten. Auch psychische Probleme wie Unsicherheit, Minderwertigkeitskomplexe und Zurückgezogenheit könnten Folgen der Erfahrung sein, nicht so sein zu dürfen, wie man ist.

 

Weniger stottern durch Rückschulung

 

Willikonsky bietet in ihrer Praxis Rückschulungen für umgestellte Linkshänder an. Für viele Klienten, die einen Zusammen­hang zwischen dem erzwungenen Rechtshandgebrauch und ihren Problemen vermuteten, sei die Rückschulung wie »ein Befreiungsschlag«. Schon nach drei Sitzungen schaffte es Martina B., einen fehlerfreien Text mit links zu schreiben. Der gleiche Text mit rechts geschrieben war voller Flüchtigkeitsfehler.

 

Auch eine Studentin, die sich aufgrund ihrer Stotterproblematik seit Jahren in logopädischer Behandlung befand, profitierte von einer Rückschulung. Als Kind wurde die Linkshänderin auf die rechte Schreibhand zwangs­umgestellt. Nach 40 Schulungsstunden besserte sich ihr Stottern deutlich. Selbst emotional angespannte Ereignisse, bei denen das Stottern üblicherweise massiv auftrat, überstand die Klientin problemlos. Ohne einen einzigen verbalen Hänger schaffte sie beispielsweise die mündliche Verteidigung ihrer Masterarbeit.

 

Fast jeder, der eine Umschulungsproblematik bei sich feststelle, möchte sich auf die dominante Hand zurückschulen lassen, weiß Sattler. Motive dafür seien, mit der Händigkeits-Umstellung aufgetretene intellektuelle und emotionale Schwierigkeiten möglichst zu überwinden. »Eine Rückschulung kann helfen, will aber auch gut überlegt sein«, warnt Willikonsky. Das Training mit der »neuen« Hand sei ein komplexer und langer Prozess. Dabei könnten alte Wunden aufreißen und belastende Erinnerungen an den zurückliegenden erzwungenen Umstellungsprozess wach werden. »Eine Rückschulung kann deprimieren oder das Selbstbewusstsein angreifen, wenn die gewünschten Erfolge ausbleiben oder Rückschritte auftreten«, so die Ergotherapeutin. Bei psychisch angegriffenen Klienten sollte sie möglichst in Zusammenarbeit mit einem Psychotherapeuten erfolgen.

 

Doch nicht jeder Rückschuler, der in die Praxis käme, hätte hohen Leidensdruck. Zu ihren Klienten zähle auch ein in seiner Jugend auf die rechte Hand umgestellter Rentner, so Willikonsky. Er hatte in seinem Leben keine spürbaren Probleme mit seiner Rechtshändigkeit. Trotzdem will er es nun endlich wissen: wie es ist, seiner eigentlichen Veranlagung nach mit der linken dominanten Hand zu schreiben. /

 

* Siebner, Hartwig R. und andere 2002: Long-Term Consequences of Switching Handedness: A Positron Emission Tomography study on Handwriting in »Converted« Left-Handers. In: The Journal of Neuroscience, April 2002, 22(7): 2816–2825.



Beitrag erschienen in Ausgabe 45/2015

 

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