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Migräne: Neues Wirkprinzip zur Prophylaxe

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Migräne

Neues Wirkprinzip zur Prophylaxe


Von Verena Arzbach, Mannheim / Zur Prophylaxe häufiger Migräneattacken könnte es bald einen neuen Therapieansatz geben. Monoklonale Antikörper gegen das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) können ersten Studienergebnissen zufolge die Häufigkeit von Anfällen wirksam reduzieren, berichteten Mediziner beim Deutschen Schmerzkongress in Mannheim.

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CGRP gilt als einer der wichtigsten Botenstoffe in der Pathophysiologie von Migräneattacken. Der proinflammatorisch wirksame Neurotransmitter wird während eines Migräneanfalls unter anderem aus Fasern des Trigeminus-Nervs freigesetzt. Durch Andocken an seinen Rezeptor löst er eine starke Gefäßdilatation arterieller Blutgefäße im Gehirn aus.

 

CGRP als Target

 

»Im vergangenen Jahr ist es Forschern gelungen, neuartige CGRP-Blocker zur Migräneprophylaxe zu entwickeln«, sagte Privatdozent Dr. Uwe Reuter, Leiter der Kopfschmerzambulanz an der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Berliner Charité, bei der Pressekon­ferenz zum Deutschen Schmerzkongress in Mannheim. Es handelt sich hierbei um monoklonale Antikörper gegen die Oberflächenstruktur von CGRP beziehungsweise gegen den CGRP-Rezeptor, die die Weiterleitung des Signals blockieren.




Frauen sind deutlich häufiger von Migräne geplagt als Männer.

Foto: Fotolia/Light Impression


CGRP ist kein unbekanntes Target bei der Migränebehandlung: Vor einigen Jahren hatte man große Hoffnungen auf die Wirkstoffklasse der CGRP-Rezeptor-Antagonisten gesetzt. Der Wirkstoff Telcagepant etwa zeigte in Studien eine gute Wirksamkeit bei der Behandlung akuter Migräneattacken. Der Arzneistoff befand sich in Phase III der klinischen Prüfung, schaffte es jedoch aufgrund einiger Fälle von Leberwerterhöhungen als Nebenwirkung nicht bis zur Zulassung. Basierend auf der Beobachtung, dass eine kurz wirksame Blockade des CGRP-Rezeptors akute Migräne-Schmerzen gut behandelt, habe man die Hypothese aufgestellt, dass eine über Tage bis Wochen anhaltende Blockade von CGRP oder seines Rezeptors das Auftreten von Migräneattacken verhindern kann, führte Reuter aus.

 

Vier Kandidaten in klinischen Studien

 

Laut dem Neurologen sind vier verschiedene monoklonale Antikörper, drei gegen CGRP und einer gegen den CGRP-Rezeptor, in placebokontrollierten, randomisierten, doppelblinden Phase-II-Studien in den USA und Europa bisher an insgesamt 1150 Personen mit episodischer Migräne getestet worden – mit vielversprechenden Ergebnissen. Die Probanden, zu rund 80 Prozent weiblich, litten an vier bis 14  Tagen pro Monat unter Migräne.

 

Alle vier Substanzen führten nach zwölf Wochen Behandlungsdauer zu einer signifikanten Reduktion der Mi­gräneattacken um 3,4 bis 6,7 Tage pro Monat, berichtete Reuter. In der Placebogruppe betrug die Reduktion zwischen 2,3 und 4,6 Tagen. Bei 46 bis 77  Prozent der Patienten wurde die Migränehäufigkeit um mehr als 50 Prozent gesenkt. Unerwünschte Wirkungen, darunter Infektionen der oberen Atemwege, Müdigkeit oder Schmerzen an der Einstichstelle, traten in den Verum- und Placebogruppen etwa gleich häufig auf und wurden in der Regel als leicht eingestuft. »Natürlich müssen die Wirkstoffe noch an einer größeren Patienten-Kohorte getestet werden«, schränkte Reuter ein. Phase-III-Studien sollen noch in diesem Jahr starten.

 

»Wir stufen diese neuen Substanzen, die speziell zur Vorbeugung von Migräne entwickelt wurden, als erfolgreich und hoffnungsvoll ein«, betonte Professor Dr. Martin Marziniak, Chefarzt der Neurologie am kbo-Isar-Amper-Klinikum München-Ost. Die neuen Medikamente hätten weniger belastende Nebenwirkungen als die bisher zur Prophylaxe episodischer Migräne-Attacken eingesetzten Betablocker oder Antiepileptika. Sie werden direkt in die Vene oder in das Unterhautfettgewebe injiziert und, abhängig von ihrer Halbwertszeit, ein- oder zweimal im Monat verabreicht. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 44/2015

 

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