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Gendermedizin: Der kleine Unterschied

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Gendermedizin

Der kleine Unterschied


Von Dirk Keiner / Frauen können nicht einparken, Männer nicht zuhören – der Geschlechterunterschied wird seit jeher, zuweilen belustigend, thematisiert. Nun rückt er auch zunehmendend in den Fokus der Gesundheitsversorgung. Denn das weibliche Geschlecht ist ein unabhängiger Risikofaktor für unerwünschte Arzneimittelwirkungen.

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Die Medizin steht im dritten Millen­nium vor einer neuen Herausforderung: der Gendermedizin. Unter diesem Begriff finden inzwischen geschlechterspezifische Aspekte in vielen klinischen Gebieten vermehrt Berücksichtigung. Die Weltgesundheitsorganisation unterstützt bereits seit 1997 eine geschlechtsspezifische Betrachtung von Gesundheit und Erkrankungen (Gender Mainstreaming). Epidemiologisch zeigen sich Unterschiede zwischen den Geschlechtern unter anderem in der Krankheitshäufigkeit und -ausprägung sowie in den Folgen von Erkrankungen, dem Risikoverhalten und dem Umgang mit Gesundheit und Krankheit. Neben dem biologischen Geschlecht gibt es neurophysiologische Unterschiede.




Mit steigendem Alter machen sich Krankheitsunterschiede zwischen Mann und Frau immer stärker bemerkbar.

Foto: Fotolia/Westend61


Die demografische Entwicklung führt derzeit schon zu einem größeren weiblichen Patientenanteil in der primärärztlichen Versorgung. Frauen stellen circa 55 Prozent der Krankenhauspatienten, in der Kardiologie liegt der weibliche Patientenanteil bei 65 Prozent, in geriatrischen Kliniken bei 62 Prozent, in Alten- und Pflegeheimen bei über 70 Prozent. Auch in pharmazeutischen Betreuungsstudien in öffentlichen Apotheken ist der Patien­tinnenanteil hoch, was mit der Demografie und der allgemein höheren Frequenz an weiblichen Apothekenbesuchen begründet wird. Die Beratungszeit bei teilnehmenden Männern war geringfügig höher, allerdings nicht statistisch signifikant. In epidemiologischen Studien ist der Frauenanteil meist höher als in klinischen Studien.

 

Die pharmazeutische Auseinandersetzung mit geschlechterspezifischen Unterschieden dient der Identifikation von Risikogruppen, zum Beispiel Erkrankungsprävalenzen, und Risikomerkmalen, zum Beispiel Arzneimittelgruppen oder Rauchen. Die Gender­medizin als Teil einer modernen, individualisierten Medizin umfasst viele Bereiche der Gesundheitsversorgung (siehe Kasten) und hat alle Fachgebiete der Medizin erreicht.

 

Am besten untersucht ist die Kardiologie. In Bezug auf die medikamentöse Therapie bestehen geschlechtsspezifische Aspekte vor allem hinsichtlich der Verträglichkeit und dem Risiko von Nebenwirkungen. So sind Frauen beispielsweise anfälliger für arzneimittelinduzierte QT-Verlängerungen und Elektrolytveränderungen wie Hyponatriämie und Hypokaliämie. Dosisbezogene unerwünschte Arzneimittel­ereignisse dominieren bei Frauen innerhalb der arzneimittelbezogenen Probleme.


Gendermedizin

Gendermedizin befasst sich mit den Unterschieden aber auch Gemeinsamkeiten bei Gesundheitserhaltung und Krankheitsentwicklung sowie Therapie- und Betreuungsmöglichkeiten von Männern und Frauen.


Die klinische Datenbasis für Geschlechterunterschiede bei der medikamentösen Therapie wird immer breiter. Seit Änderung der GCP-Verordnung mit der zwölften AMG-Novelle im Jahr 2004 ist im Rahmen der klinischen Prüfung seit 2005 die Geschlechterverteilung so zu wählen, dass mögliche geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Wirksamkeit oder Unbedenklichkeit des geprüften Arzneimittels festgestellt werden. Dadurch wird der Gender bias nivelliert und die klinische Evidenz erhöht.

 

Im Rahmen der seit 2011 für alle neuen Medikamente obligatorischen Nutzenbewertung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) muss die pharmazeutische Industrie eine geschlechtsspezifische Auswertung ihrer Zulassungsstudien einreichen. Diese veröffentlichten Daten finden sich im Modul 4 des Arzneimitteldossiers. Bisher hat der G-BA allerdings in keinem Fall therapierelevante Unterschiede gefunden.

 

Für neu zugelassene Arzneimittel finden sich geschlechterspezifische Hinweise und Analysen vermehrt in der Fachinformation, auch wenn keine therapeutischen Konsequenzen daraus resultieren. Im europäischen öffentlichen Beurteilungsbericht EPAR sind ebenfalls geschlechterspezifische Aspekte zu finden. Der verstärkte Erkenntnisgewinn von Geschlechterunterschieden trägt wesentlich dazu bei, Defizite bei der Anwendung in der medizinischen Praxis und folglich in der Erstellung von Leitlinien abzubauen.

 

Frauen erhalten mehr Arzneimittel

 

Interessante Erkenntnisse zur geschlechtsspezifischen Arzneimittelanwendung liefern Bevölkerungsbefragungen und Krankenkassendaten. Bei Patienten älter als 65 Jahre belegen Krankenkassendaten einen Geschlechterunterschied bei potenziell inadäquaten Medikamenten (PIM). Die altersstandardisierte Prävalenz lag bei Frauen mit 32 Prozent höher als bei Männern mit 23,3 Prozent. Dass Frauen mehr Arztkontakte haben und dadurch auch mehr Arzneimittel verordnet bekommen, ist schon lange bekannt. Dementsprechend liegen die GKV-Verordnungsausgaben für Arzneimittel bei Frauen höher.


Geschlechterunterschiede im Medikationsmanagement  
Polypharmazie (> 5 Arzneimittel) Frauen > Männer 
Quote potenziell inadäquater Medikamente (PIM) Frauen > Männer 
Nebenwirkungsrate Frauen > Männer 
Sturzrisiken/-häufigkeit Frauen > Männer 
Selbstmedikation Frauen > Männer 
Arzneimittelmissbrauch Frauen > Männer 
Orale Bioverfügbarkeit Frauen > Männer 
Rauchen Frauen < Männer 
Alkoholkonsum Frauen < Männer 
Adhärenz bei Glaukomtherapie (Augentropfen) Frauen > Männer 
Adhärenz bei antiretroviraler Therapie Frauen < Männer 
Adhärenz antihypertensiver Therapie Frauen < Männer 

Im Arzneimittelreport der Barmer GEK 2014 lag das Durchschnittsalter von Frauen bei 47,7 Jahren, das der Männer bei 42,2 Jahren. Mit der altersbedingten höheren Krankheitslast steigen die Ausgaben. Betrachtet man die verschriebenen Arzneimittelkosten nach Geschlecht und Alter, bekommen pro Kopf Männer höhere Arzneimittelmengen verordnet. Manche Erkrankungen treten bei Frauen durch Änderungen des Hormonhaushaltes später auf, bespielsweise Herzerkrankungen.

 

Aussagen zur Selbstmedikation finden sich in der bevölkerungsrepräsentativen Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1) mit einer Zielpopulation im Alter von 18 bis 79 Jahren. Der Anteil derjenigen mit Selbstmedikation lag bei Frauen höher als bei Männern. Bei beiden Geschlechtern steigt mit zunehmendem Alter die Prävalenz von Selbstmedikation sowie auch von verschriebener Medikation an.

 

Analysen des Klinikums Nürnberg bestätigen deutliche Genderunterschiede bei der Aufnahmemedikation im Anteil an OTC-Arzneimitteln zur Erhaltung der Leistungsfähigkeit (Frauen 8,6 Prozent, Männer: 4,7 Prozent), an Schlafmitteln (10,1 versus 6,7 Prozent), und an Antidepressiva (21,5 versus 12,4 Prozent). Ebenso war der Anteil sonstiger Arzneimittel mit Abhängigkeitspotenzial bei Frauen mit 12,5 Prozent höher als bei Männern (8,1 Prozent). Die Anwendungsprävalenz bei der Selbstmedikation nimmt mit steigendem Sozialstatus zu.




Foto: Fotolia/fotomek


Zudem gibt es regionale Unterschiede. In den neuen Bundesländern ist beispielweise die Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen höher als in den alten Bundesländern und dabei wiederum von Frauen höher als von Männern. Das zeigte der Zahnreport 2014. Hier werden unterschiedliche soziale Einflüsse bei der Zahnvorsorge als Grund angeführt. In Bildungseinrichtungen wie Kindergarten und Schule der ehemaligen DDR wurden Zahnpflege und Prophylaxe ernster genommen und konsequenter vermittelt als im Westen. Während sich für die Arzneimittelanwendung insgesamt keine sozialschichtspezifischen Unterschiede zeigen, ist für die Selbst- und verschriebene Medikation ein Sozial­gradient zu erkennen.

 

Gendermedizin gehört ins Pharmaziestudium

 

Das Ziel, die Versorgungsqualität der Patienten zu verbessern, lässt sich nur erreichen, wenn geschlechterspezifische Unterschiede identifiziert und im klinischen Alltag berücksichtigt werden. Dazu ist eine stärke Sensibilisierung für dieses Thema notwendig und die Aufnahme in das Pharmaziestudium unabdingbar.


Die Ermittlung von Geschlechts­unterschieden in Dosierung, Wirksamkeit und Sicherheit ist ein essenzieller erster Schritt zur personalisierten Therapie. Im Medikationsmanagement sind geschlechterspezifische Unterschiede unbedingt zu beachten. Sie haben Auswirkungen auf die Arzneimitteltherapie und das Krankheitsmanagement. Dabei spielen verschiedene Aspekte eine Rolle (siehe Tabelle auf der vorigen Seite). Zum einen bestehen pharmakokinetische und pharmako­dynamische Unterschiede, zum anderen sind die Krankheitswahrnehmung und die Therapietreue zwischen den Geschlechtern sehr verschieden.

 

Schon jetzt ist eine Feminisierung des Alters festzustellen. Frauen sind anfälliger für arzneimittelbezogene Probleme und das weibliche Geschlecht stellt einen unabhängigen Risikofaktor für unerwünschte Arzneimittelwirkungen dar: Das Risiko liegt um den Faktor 1,5 bis 1,7 höher als bei Männern. Mögliche Effekte liegen in unterschiedlichen Medikamentenverschreibungen und in pharmako­kinetischen Parametern. Die Vigilanz für diese erhöhte Anfälligkeit gerade bei älteren Frauen muss verbessert werden. Die Apotheke kann dies durch die Berücksichtigung im Qualitätsmanagement umsetzen. Von Vorteil ist hier die offenere und gezieltere Kommunikation von Frauen, was die Problemidentifizierung durch die Apotheke wesentlich erleichtert. Im Medikationsmanagement sind Genderaspekte bei der Entwicklung von klinischen Behandlungspfaden, in Betreuungsstandards und der Arzneimittelauswahl stärker zu berücksichtigen und in die Versorgungspraxis von öffentlichen Apotheken wie Krankenhausapotheken zu überführen. /

 

Literatur beim Verfasser


Weitere Beiträge zur Gendermedizin folgen in den nächsten PZ-Ausgaben.



Beitrag erschienen in Ausgabe 41/2015

 

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