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Toxiker: »Meine Arbeit macht mich krank«

MAGAZIN

 
Toxiker

»Meine Arbeit macht mich krank«


Von Ulrike Abel-Wanek / Viele Menschen klagen über Stress im Job. Schuld daran ist nicht immer das hohe Arbeitspensum. Die PZ sprach mit der Diplom-Psychologin Heidrun Schüler-Lubienetzki über sogenannte Toxiker, die die Arbeitsatmosphäre vergiften und ihren Kollegen das Leben schwer machen.

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PZ: Sie haben ein Buch über schwierige Menschen am Arbeitsplatz geschrieben. Warum bezeichnen Sie sie als Toxiker?

 

Schüler-Lubienetzki: Weil diese Menschen für andere Menschen Gift sind. Toxiker schädigen ihre Kollegen, Mit­arbeiter und sogar ihre Chefs. Hinzu kommt: Sie kosten die betroffenen Unternehmen richtig viel Geld.

 

Ich kenne diese Menschen aus den Schilderungen meiner Klienten. Seit mehr als 22 Jahren arbeite ich als Business Coach und berate Unternehmen. Ich habe mit über 2000 Führungs­kräften gearbeitet einschließlich der Teams, die dahinterstehen. Irgendwann kommt man dahinter, dass sich Strukturen hinter den Problemen gleichen – auch wenn die Unternehmen ganz unterschiedlich sind.

 

PZ: Woran erkenne ich einen Toxiker?

 

Schüler-Lubienetzki: Zunächst: Toxiker finden sich auf allen Ebenen, bei Kollegen und Mitarbeitern ebenso wie unter Vorgesetzten. Sie verfolgen ganz egoistisch ausschließlich ihre eigenen Ziele, torpedieren wenn nötig dafür auch die Ziele ihres Betriebs oder Unternehmens. Allerdings ist das oft ein schleichender Prozess. Der Toxiker sagt beim Vorstellungsgespräch ja nicht: Ich strebe nach Macht und werde die Kollegen so lange drangsalieren, bis ich erreicht habe, was ich will. Meistens sind diese Menschen ganz hervorragende Blender. Als Chef kann man aus dem Gespräch herausgehen und denken: So einen guten Kandidaten hatte ich lange nicht mehr. Toxiker-Persönlichkeiten polarisieren häufig sehr stark. Die einen hassen sie, die anderen lieben sie. Bei solchen Menschen lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

 

Charakteristisch für den Toxiker ist, dass er immer ganz bewusst und mit voller Absicht handelt. Es gibt auch Menschen, die sich unbewusst und unabsichtlich toxisch verhalten – zum Beispiel ein unerfahrener Abteilungsleiter oder überforderter Mitarbeiter. Um die geht es in unserem Buch aber nicht. Der Buchmarkt ist voll mit Ratgebern, die sich mit diesem Thema befassen.




Foto: Fotolia/Stephan Tournee


 PZ: Wann ist eine Arbeits­atmosphäre vergiftet?

 

Schüler-Lubienetzki: Wenn ich mich zum Beispiel frage: Ist das noch mein Unternehmen, in dem wir früher gemeinsame Ziele hatten, uns vertrauten und als Team zusammen für den Erfolg arbeiteten? Wenn die Büro-Wirklichkeit auf einmal ganz anders aussieht, ich mit Angst aus dem Haus gehe und das erste Aufeinandertreffen mit den Kollegen oder dem Chef fürchte.

 

Wenn ein Abteilungsleiter seine Mitarbeiter zum Beispiel vorsätzlich kränkt, Kompetenzen anzweifelt, immer mehr Zugeständnisse verlangt und versucht, sie auszubeuten, dann vergiftet das die Stimmung. Sein Verhalten ist rein egoistisch motiviert und lässt dem anderen keine Chance, sich zu entwickeln. Diese Egoismen gibt es aber auch im Team selbst. Hier wälzen toxisch motivierte Kollegen so viel wie möglich auf andere ab, wenn es beispielsweise um die Verteilung von Dienstplänen oder Vertretungen geht – und sind auch noch stolz darauf.

 

Auch vor anderen bewusst schlecht über Kollegen zu reden gehört zum toxischen Verhalten. Es kann bis zu dem Punkt gehen, dass der Toxiker Arbeitsergebnisse von Kollegen verfälscht beziehungs­weise ihre Arbeit komplett sabotiert.

 

PZ: Was treibt den Toxiker an, sich so zu verhalten?

 

Schüler-Lubienetzki: Wir sprechen in unserem Buch von der sogenannten dunklen Triade. Das ist eine unheilvolle Kombination aus Persönlichkeitsmerkmalen, die der Toxiker häufig aufweist. Er zeigt machiavellistische, narzisstische und psychopathische Persönlichkeitszüge. Diese sind übrigens überproportional häufig in Chefetagen zu finden. Auf den Punkt gebracht lauten die dazugehörigen Handlungsstrategien: Ich komme zum Ziel – um jeden Preis. Ich stehe im Mittelpunkt – um jeden Preis. Ich herrsche – um jeden Preis. Die Rede ist hier von der subklinischen Ausprä­gung dieser Persönlichkeitsmerkmale, nicht von klinisch-manifesten Störungen.

 

PZ: Toxiker sind nicht nur das Problem einzelner Unternehmen, sie verursachen auch große volkswirtschaftliche Schäden.

 

Schüler-Lubienetzki: Das Statistische Bundesamt schätzt die Krankheitskosten von psychischen Erkrankungen auf jährlich 29 Milliarden Euro. Die Ursachen für psychische Erkrankungen liegen teils im persönlichen, aber auch im beruflichen Umfeld. Insbesondere gestörte soziale Beziehungen im Job gelten als Auslöser, weniger die Bereiche Arbeitsinhalt oder -organisation. Bei psychischen Erkrankungen sprechen wir nicht von einer Woche Krankschreibung wegen Erkältung, sondern von langen Arbeitsausfällen, anschließenden Reha-Maßnahmen und Wiedereingliederungszeiten. Eine Herausforderung für jedes Unternehmen, insbesondere für die kleineren, die das schlecht kompensieren können.

 

Die sogenannte Gallup-Studie beschäftigt sich zudem mit der Frage, was demotivierte Mitarbeiter, die innerlich gekündigt haben, deutsche Unternehmen jedes Jahr kosten. Die Studie kommt auf rund 100 Milliarden Euro. Nur ein Teil der Kosten bezieht sich hierbei natürlich auf Toxiker. Einen Kostenanteil durch ihr Verhalten von 5 bis 10 Prozent halte ich aber für realistisch.

 

PZ: Wie geht man konkret mit toxischem Verhalten im Team um?

 

Schüler-Lubienetzki: Es gibt drei Strategien, die man zusammenfassen kann mit »Love it, change it or leave it«. Mit anderen Worten: Man arrangiert sich, man ändert die Situation oder lässt los und geht. Sich zu arrangieren ist keine Option für Führungskräfte, denn sie müssen das toxische Verhalten zum Wohle des Unternehmens auf jeden Fall unterbinden nach der Devise: change it.

 

Wer als Kollege über eine gut ausgebildete Resilienz verfügt, hat die besten Waffen gegen Toxiker. Man kann sich abgrenzen und sagen: Ich habe zwar einen unangenehmen Kollegen, passe aber auf, dass ich nicht Opfer seiner Machenschaften werde. Wenn ich nach Hause komme, kann ich abschalten. Ich kann sagen »love it«, weil ich den Job sonst inter­essant finde. Wer nicht so gut aufgestellt ist, nicht schlafen kann, Rücken- und Spannungskopfschmerz hat, sieht krisenhafte Situationen vielleicht eher als Last und weniger als Herausforderung an. Für ihn kann »leave it« die bessere Alternative sein. Dauerkonflikte mit einem Toxiker kosten viel Energie, die nicht jeder einsetzen kann und will.

 

PZ: Sind zwischenmenschliche Probleme im Job ein um sich greifendes Problem?

 

Schüler-Lubienetzki: Meine Erfahrungen sind nicht repräsentativ, ich habe ja nicht mit allen Unternehmen gesprochen. Dort, wo ich Kontakte habe und hatte, hat sich die Problematik aber verstärkt. Das persönliche Optimierungsverhalten hat zugenommen. Wie kann ich das meiste für mich herausholen? Das ist die Maxime des Toxikers, die sich in den vergangenen Jahren auch gesellschaftlich immer mehr verankert hat.

 

Das Beste gegen toxisches Verhalten ist eine vertrauensvolle Teamkultur, wenn man im Gespräch miteinander bleibt und eine klare Orientierung hat: Was ist erwünscht, wofür bekommt man positives Feedback? In Zeiten häufiger Umstrukturierungen und veränderter Rahmenbedingungen in Unternehmen kommt es jedoch leicht zu Orientierungslosigkeit. Dann hat ein Toxiker leichtes Spiel. Und es reicht ein Einziger, um ein ganzes Team auf den Kopf zu stellen. /

 

Heidrun Schüler-Lubienetzki, Ulf Lubienetzki:

Schwierige Menschen am Arbeitsplatz. Handlungsstrategien für den Umgang mit herausfordernden Persönlichkeiten.132 Seiten, Softcover. Springer 2015. ISBN 978-3-662-46441-0. EUR 24,99.



Beitrag erschienen in Ausgabe 40/2015

 

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