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Tablettensucht: Warum vor allem Frauen?

PHARMAZIE

 
Tablettensucht

Warum vor allem Frauen?

Von Hannelore Gießen, München

 

Eineinhalb Millionen Menschen in Deutschland sind abhängig von Medikamenten, die meisten von Benzodiazepinen. Mehr als eine Million lebt in einer Grauzone des Missbrauchs. Vor allem Frauen sind von der verborgenen Sucht betroffen.

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Laut Schätzungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtgefahren wird rund ein Drittel aller Schlaf- und Beruhigungsmittel nicht wegen akuter medizinischer Probleme verordnet, sondern um eine Sucht aufrechtzuerhalten oder um Entzugserscheinungen zu vermeiden.

 

Zwei Drittel aller Medikamente mit Suchtpotenzial werden von Frauen eingenommen. »Am Anfang der Medikamentenabhängigkeit steht meist Bequemlichkeit, die zu einer zunächst unbewussten Fehlanwendung führt«, erklärte Matthias Bastigkeit, Fachdozent für Pharmakologie, bei einem interdisziplinären Suchtforum in München. Werde die Fehlanwendung bewusst, könne sich der Weg in einen kontinuierlichen Missbrauch fortsetzen und einer psychischen und physischen Toleranz den Weg bereiten, so der Apotheker im Folgenden.

 

Schlucken und schweigen

 

Bei Medikamentenabhängigkeit ist das Einstiegsmuster völlig anders als bei Alkohol. Dabei spiegelt die Wahl des Wirkstoffs die Persönlichkeit des Konsumenten wider: Wer zu Beruhigungsmitteln greift, versucht Stress dadurch zu begegnen, dass er sich isoliert und entspannt. Menschen, die Stimulanzien nehmen, reagieren auf eine feindliche und bedrohlich erlebte Umgebung mit verstärkter Aktivität.

 

Weibliche Sucht hat ein anderes Gesicht als männliche. Während Männer eher durch Versagensängste oder bei dem Bestreben, aggressive Impulse unter Kontrolle zu bringen, in eine Abhängigkeit geraten, setzt das »Immer-funktionieren-müssen« viele Frauen unter Druck. Anpassung um jeden Preis, Missachtung, gepaart mit durchgängigem Leistungsdruck, bahnen einer Abhängigkeit den Weg. Frauen fühlen sich oft in besonderer Weise zuständig für soziale Beziehungen in Beruf und Familie. Eigene Bedürfnisse werden in den Hintergrund gestellt, melden sich jedoch später als Schlafstörungen, Unruhe und Kopfschmerzen. Trägt eine Frau zudem nicht ausreichend bewältigte Lebenskonflikte mit sich oder leidet an den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, so kann ein abhängiges Verhalten Teil einer Lebensstrategie werden. Schlucken und Schweigen ist ein Schema, das sich Frauen oft von Generation zu Generation weitergeben. Die gesellschaftliche Diskriminierung von Frauen verstärke sich noch, wenn sich eine Abhängigkeit entwickelt hat, so Bastigkeit.

 

Für das Entstehen einer Arzneimittelabhängigkeit sind drei grundlegende Faktoren entscheidend:

 

das pharmakologische Suchtpotenzial einer Substanz, die Dosis und Anwendungsdauer sowie eventuell eine Kombination mit anderen Substanzen
die »innere Griffnähe«, zu der Selbstwertgefühl, Frustrationstoleranz und Belastbarkeit gehören, aber auch das Modell der Eltern beim Umgang mit Konflikten
die »äußere Griffnähe«, bei der die Verfügbarkeit der Substanz ebenso eine Rolle spielt wie der Einfluss der Werbung.

 

Besonders Benzodiazepine, Sedativa, Serotin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und Schmerzmittel werden missbräuchlich angewandt, so Bastigkeit. Am häufigsten sind es Benzodiazepine, von denen Menschen abhängig geworden sind: 1,2 Millionen in Deutschland, überwiegend Frauen.

 

Kurzfristig eingesetzt, sind Benzodiazepine unverzichtbar. Gerade in der Psychiatrie haben sie den Fortschritt erst möglich gemacht. Aber: Schon nach wenigen Wochen der Einnahme kann sich eine Abhängigkeit entwickeln. Reboundphänomene bei abruptem Absetzen werden meist als fortbestehende Symptomatik fehlgedeutet.

 

Für ältere Menschen sind Benzodiazepine besonders problematisch: Sie erhöhen das Sturzrisiko um bis zu 50 Prozent, leisten einer Inkontinenz Vorschub und machen vergesslich. Vor allem Benzodiazepine mit langer Halbwertzeit bergen ein hohes Risiko. Der Klassiker Diazepam ist erst nach mehr als 70 Stunden zur Hälfte abgebaut. Die Folge: Der Arzneistoff kumuliert im Körper, Nebenwirkungen häufen sich. »Nur der großen therapeutischen Breite der Benzodiazepine ist es zu verdanken, dass die Zahl der kausalen Todesfälle gering ist«, informierte Bastigkeit. Wenn Benzodiazepine verordnet werden, dann sollten Substanzen mit kurzer Wirkdauer wie Triazolam oder Temazepam gewählt werden.

 

Die 4 K-Regel

 

Für die Verordnung von Benzodiazepinen hat die Bundesärztekammer prägnante Kriterien entwickelt:

 

klare Indikation
kleine, korrekte, der Indikation angepasste Dosis
kurze Anwendung
kein abruptes Absetzen

 

Auch wenn der verschreibende Arzt für die Problematik sensibilisiert ist, kann ein Missbrauch nicht immer verhindert werden. Manche Patienten ziehen von einem Arzt zum anderen, wechseln ständig die Apotheke und entgehen somit der Aufmerksamkeit.

 

Es gebe, so Bastigkeit, vermutlich keine Benzodiazepinabhängigkeit ohne vorangegangenes Trauma. Eine Studie aus dem Jahr 2002 zeigt, dass bei bis zu 67 Prozent der Frauen, die wegen ihrer Abhängigkeit behandelt wurden, eine sexuelle Traumatisierung in der Kindheit vorliegt, bei Männern sind es 29 Prozent.

 

Ein Drittel der Patientinnen hatte in ihrer Kindheit körperliche Gewalt erfahren. Als Folge traumatischer Erfahrungen leiden Frauen vermehrt unter Schuldgefühlen und Angststörungen, die sich in Schlafproblemen, aber auch in Somatisierungsstörungen niederschlagen.

 

Alternativen zu den »Benzos«

 

Benzodiazepinabkömmlinge wie Zolpidem, Zopiclon oder Zaleplon scheinen ein günstigeres Risikoprofil als die klassischen Benzodiazepine aufzuweisen. Sie werden deshalb heute vorrangig vor Benzodiazepinen als Schlafmittel eingesetzt. Missbrauchsfälle wurden bisher nur vereinzelt berichtet, allerdings liegt noch kein sehr langer Erfahrungszeitraum mit diesen Substanzen vor. Um das Risiko, abhängig zu werden, niedrig zu halten, kann bei Schlafstörungen eine Intervalltherapie gewählt werden: Das Medikament wird nur jeden zweiten Tag oder sogar nur zweimal pro Woche eingenommen.

 

Doxylamin und Diphenhydramin werden häufig in der Selbstmedikation eingesetzt. »Die therapeutische Breite dieser Substanzen ist um ein Vielfaches geringer als die der Benzodiazepine«, warnte Bastigkeit. Zudem weisen sie parasympatholytische Begleiteffekte auf und sind deshalb kontraindiziert bei tachykarden Herzrhythmusstörungen, Engwinkelglaukom und Prostataadenom.

 

Missbräuchlich angewandt würden auch Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, so Bastigkeit. Nähmen gesunde Menschen SSRI ein, um ihre Stimmung zu verbessern, könne die aus dem Überangebot an Serotonin resultierende Euphorie einem Missbrauch bis hin zu einer Abhängigkeit den Boden bereiten.

 

Die zweite große Gruppe nach den Benzodiazepinen, von denen Menschen in Deutschland abhängig werden, sind Schmerzmittel. Analgetika werden missbräuchlich meist nicht wegen Schmerzen, sondern wegen diffuser Befindlichkeitsstörungen eingenommen - zu 70 Prozent von Frauen. Massive Unterschiede zwischen den Geschlechtern zeigen sich beim Verbrauch von Schmerzmitteln bereits in der Altersgruppe von 18 bis 20 Jahren.

 

Oft stehen am Anfang eines Missbrauchs tatsächlich häufige Kopfschmerzen. Während sich eine Migräne fast immer medikamentös gut behandeln lässt, sollten bei Spannungskopfschmerzen möglichst wenige Medikamente eingenommen werden. Aus einem Spannungskopfschmerz kann sich sonst ein Schmerzmittelkopfschmerz entwickeln, wobei das Risiko eines Medikamenten-induzierten Kopfschmerzes bei mehr als 15 Tabletten pro Woche beginnt.

 

Die Grundregel für Schmerzmittel in der Selbstmedikation lautet: Analgetika nicht länger als an drei aufeinander folgenden Tagen und nicht häufiger als an zehn Tagen im Monat einnehmen.

 

Im Apothekenalltag werden häufig Schmerzmittel gewünscht. Oft ist es das Apothekenteam, das frühzeitig einen sich anbahnenden Missbrauch erkennen und ein Abgleiten in die Sucht verhindern kann.


Wann liegt eine Tablettensucht vor?

Eine Medikamentenabhängigkeit liegt nach den ICD- (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) 10-Kriterien der Weltgesundheitsorganisation vor, wenn während des vergangenen Jahres drei oder mehr der folgenden Merkmale gleichzeitig vorhanden waren:

 

  1. ein starker Wunsch oder eine Art Zwang, Medikamente zu konsumieren
  2. verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge der Medikamenteneinnahme
  3. ein körperliches Entzugssymptom bei Beendigung oder Reduktion der Medikamenteneinnahme
  4. Entwicklung einer Toleranz: um die gleiche Wirkung hervorzurufen, sind zunehmend höhere Dosen erforderlich
  5. fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügungen oder Interessen zugunsten der Medikamenteneinnahme
  6. erhöhter Zeitaufwand, um das Medikament zu beschaffen, es einzunehmen und sich von den Folgen zu erholen
  7. anhaltende Medikamenteneinnahme trotz eindeutig schädlicher Folgen

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Beitrag erschienen in Ausgabe 25/2008

 

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