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Gender im Fokus: WoMen in Pharmazie und Medizin

TITEL

 
Gender im Fokus

WoMen in Pharmazie und Medizin

Von Christiane Berg

 

Männer sterben früher. Frauen leben länger, sind jedoch häufiger krank. Ob Herzinfarkt, Schlaganfall oder Depressionen: Frauen entwickeln spezifische Symptome. Sie reagieren zudem charakteristisch auf Medikamente.

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Der »kleine Unterschied« hat weitreichende Folgen für die körperliche und seelische Gesundheit von Mann und Frau. Geschlechterspezifische Differenzen beeinflussen die Entstehung und den Verlauf von Erkrankungen. Das neue Fachgebiet der Gender-Medizin rückt zunehmend in den Fokus der Forschung, Lehre und Fortbildung von Medizinern und Pharmazeuten. Denn eine nach Geschlecht differenzierte Diagnose und Therapie von Erkrankungen führt zu einer effektiveren und bedarfsgerechteren Gesundheitsversorgung von Mann und Frau. Die Kenntnis geschlechtspezifischer und somit auch psychosozialer und sozioökonomischer Aspekte von Gesundheit und Krankheit schärft die Sensibilität des Arztes und des beratenden Apothekers und hebt die Qualität der medizinischen und pharmazeutischen Betreuung. 

 

Umwelt oder Gene?

 

Immer häufiger finden die Fachtermini »Sex« und »Gender« im medizinischen Sprachgebrauch Verwendung. Sex beschreibt das biologische Geschlecht, das auf naturgegebenen weiblichen und männlichen Kennzeichen beruht. Gender hingegen meint das soziale Geschlecht, das sich aus kulturgebundenen Konventionen und Verhaltensweisen bildet. Sex und Gender haben Bedeutung nicht nur für die (Patho-)Physiologie, Diagnose und Therapie von Erkrankungen. Sie beeinflussen auch die Lebenserwartung. Frauen werden im Durchschnitt sechs Jahre älter als Männer.

 

Gemäß des biologischen Ansatzes der Gender-Medizin ist die höhere Lebenserwartung der Frau auf geschlechtsspezifische Unterschiede in Anatomie, Physiologie, Genetik und Hormonhaushalt zurückzuführen. Danach sollen Frauen unter anderem durch endogene weibliche Hormone sowie ihr zusätzliches, genetische Kompensationsmechanismen auslösendes X-Chromosom zum Beispiel vor ischämischen Herzkrankheiten, aber auch vor X-chromosomal vererbten angeborenen Stoffwechselerkrankungen wie Morbus Fabry besser geschützt sein.

 

Die Vertreter des verhaltensbedingten Ansatzes der Gender-Medizin führen als Auslöser der männlichen Übersterblichkeit das durch sozialen Stress bedingte männliche »Typ-A-Verhalten« mit Leistungsdruck, chronischem Zeitmangel, Hektik, beruflicher Überbelastung und Härte gegen den eigenen Körper an. Danach neigen Männer rollenbedingt zu riskanteren Verhaltensweisen, also zu Risikosportarten und somit Unfällen und Verletzungen. Tatsächlich starben in Deutschland 2005 fast dreimal mehr Männer als Frauen im Straßenverkehr.

 

Als mögliche Ursache für die Übersterblichkeit der Männer wird zudem ihr risikobehaftetes Gesundheitsverhalten diskutiert. Männer trinken mehr Alkohol als Frauen. Der im Vergleich zum weiblichen Geschlecht höhere Zigarettenkonsum im Verbund mit schlechter Ernährung und Übergewicht wird als weitere Ursache der erhöhten Sterblichkeit an Lungen- und Darmkrebs sowie Leberschäden und Herzversagen angeführt.

 

»Es ist vor allem die Erfüllung gesellschaftlicher Erwartungen an die Rolle des Mannes, die diesen früher sterben lässt«, sagt Professor Dr. Marc Luy, Wien, Autor der 2002 veröffentlichten bayerischen »Klosterstudie« in zwölf Ordenshäusern, in der geschlechtsspezifische Sterblichkeitsunterschiede in der Kloster- und Allgemeinbevölkerung verglichen wurden. In der Annahme, dass bei Menschen, die im Kloster leben, nicht-biologische Risikofaktoren nahezu ausgeschlossen werden können, hat der Demograf Kongregationsschriften, Professbücher, Friedhofsregister, Nachrufe und Karteikarten und somit die persönlichen Daten von 11.980 Nonnen und Mönchen (geboren zwischen 1588 und 1985) ausgewertet. Es hat sich gezeigt, dass Mönche deutlich länger leben als Männer der Allgemeinbevölkerung. 

 

Nach der mit zahlreichen Preisen ausgestatteten Untersuchung stimmt die Lebenserwartung bayerischer Nonnen mit der von Frauen in der Allgemeinbevölkerung bei genereller Reduktion der Sterblichkeit heute weitgehend überein. In früheren Zeiten starben Frauen zum Beispiel häufiger an Tuberkulose.

 

Während auch die Männer der Kloster- und der Allgemeinbevölkerung vor dem Zweiten Weltkrieg keinen signifikanten Unterschied in der Lebensdauer zeigten, haben Mönche ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine deutlich höhere Lebenserwartung. »Wären biologische Faktoren für die geschlechtsspezifischen Mortalitätsunterschiede verantwortlich, dann hätten diese auf alle Bevölkerungsgruppen den gleichen Einfluss ausüben müssen«, so Luy. Seine Schlussfolgerung lautet, dass verhaltens- und umweltorientierte Unterschiede im Lebensstil für das Ausmaß der männlichen Übersterblichkeit verantwortlich sind.  

 

Männer spezifisch ansprechen

 

Gene hin, Verhalten her: Als Ausdruck eines Männlichkeitsbildes, das keine Klagen und Schwächen kennt und daher zum Wegschauen und Verdrängen neigt, gilt zudem die mangelnde Inanspruchnahme medizinischer Leistungen und Vorsorgeuntersuchungen. Auch Therapieempfehlungen finden bei Männern oft kein Gehör. Frauen gehen nicht nur öfter zum Arzt oder in die Apotheke. Sie zeigen zudem eine bessere Compliance und nutzen Angebote der Primär- und Sekundärprävention engagierter als Männer.

 

Zu den vorrangigen Zielen der Gender-Medizin zählt daher nicht nur die vermehrte Einbindung von Frauen in klinische Studien zur Identifikation weiblicher Besonderheiten in der Pharmakotherapie. Diese hat sich zudem die stärkere Motivation der Männer zu Prävention und Früherkennung auf die Fahnen geschrieben. Gender-Mediziner plädieren für spezifische Informationskampagnen zur direkten Ansprache männlicher Zielgruppen. Mit »adressatengerechten Einladungsmodellen« lasse sich die Bereitschaft des starken Geschlechts, Gesundheitsprogramme zu nutzen, merklich erhöhen.

 

Bei der Ansprache von Männern sind sozialschichts- und berufsspezifische Faktoren zu berücksichtigen. Deutlichen Einfluss auf die Sterblichkeit haben auch der Beschäftigungs- (Arbeiter/Angestellter) und der Versicherungsstatus (pflichtversichert/freiwillig versichert) sowie der Bildungsgrad, sagt Jochen Geppert vom Gender Kompetenz Zentrum, Berlin. Da Männer zu einem ungünstigen Ernährungsverhalten neigen, sei es wichtig, gerade bei ihnen Ernährungsinteresse und -bewusstsein zu wecken. Es gilt, das »theoretische Potenzial für eine Reduktion der männlichen Sterblichkeit« zu nutzen, unterstreicht Luy.

 

Die Veränderung der durch Sozialisation bedingten Anforderungen an die »männliche Identität« und somit Verlängerung der Lebenszeit der Männer wird noch viel Zeit und (Beratungs-)Raum beanspruchen. Wahrscheinlich wird sich die Differenz in der Lebenserwartung von Mann und Frau in den nächsten Jahren auf andere Weise dramatisch verringern. So werden infolge von sozialem Stress, also Mehrfachbelastung in Job und Familie, sowie der Einnahme oraler Kontrazeptiva in Kombination mit steigendem Nikotinkonsum zunehmend mehr Frauen nicht nur durch Lungenkrebs, sondern auch durch Herzinfarkt aus dem Leben gerissen. Dennoch wird der Herzinfarkt noch immer als typische Männerkrankheit angesehen. Ein gefährlicher Irrtum, da mehr Frauen als Männer einen Infarkt nicht überleben.

 

Ausgeprägte Unterschiede

 

Rauchen, Fettstoffwechselstörungen, Hypertonie, Diabetes mellitus, Übergewicht, Bewegungsmangel: Die Risikofaktoren für Koronare Herzkrankheiten (KHK) differieren bei Männern und Frauen in ihrer Wertigkeit. So sind Gefäßschäden durch einen Diabetes mellitus bei Frauen sehr viel häufiger als bei Männern. Der Diabetes mellitus ist beim weiblichen Geschlecht mit einem zwei- bis dreifach höheren koronaren Risiko assoziiert. Wie die Hyperglykämie hat auch die Hypertriglyceridämie als koronarer Risikofaktor größere Bedeutung für das weibliche Geschlecht.

 

Unter den Hypertonikern entwickeln Frauen seltener eine KHK als Männer. Dagegen ist Nikotinabusus bei Frauen mit einem dreifach höheren Risiko für einen Myokardinfarkt verbunden. Eine Nikotinentwöhnung ist bei Frauen schwieriger als bei Männern. Als Erklärung dafür wird angeführt, dass Frauen mit dem Griff zur Zigarette oftmals auch versuchen, ihr Gewicht zu reduzieren beziehungsweise zu stabilisieren.

 

Geschlechterspezifische Unterschiede sind nicht nur in Entstehung, Verlauf und Prognose, sondern auch in Diagnose und Therapie der KHK zu verzeichnen. Laut Studien werden Frauen mit einem akuten Infarkt etwa 40 Minuten später als Männer ins Krankenhaus eingeliefert und dort oftmals nicht oder unzureichend therapiert. Ein häufig schleichender unspezifischer Schmerzbeginn, Kurzatmigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Schweißausbruch sowie Oberbauch- und Rückenschmerzen führen dazu, dass selbst Notfallärzte die Beschwerden oft falsch interpretieren. Bei der Diagnose Herzinfarkt orientieren sie sich nach wie vor an der »klassischen«, also männlichen Leitsymptomatik, die durch Engegefühl in der Brust und Todesangst sowie durch in den linken Arm ausstrahlende Schmerzen geprägt ist. Infarktpatientinnen erhalten Rehabilitationsmaßnahmen zudem im weitaus geringeren Maß als Männer.

 

Der weibliche Herzinfarkt ist prominentes Beispiel für die Notwendigkeit der Gender-Medizin, das viel Aufmerksamkeit in den Medien findet. Er könnte schon bald durch den weiblichen Schlaganfall aus den Schlagzeilen verdrängt werden. Ähnlich wie beim Herzinfarkt finden sich in Studien auch hier signifikante Unterschiede in der Diagnose und Therapie, in der Art der Vorerkrankungen sowie in der Schwere der Symptome.

 

Männer erleiden öfter einen Schlaganfall als Frauen. Diese sind jedoch meist stärker betroffen und bei Einlieferung in die Klinik häufiger komatös. Sie leiden mehr unter Aphasie und Plegie, also zentralen Sprachstörungen und vollständigen Lähmungen, sowie Schluckstörungen, Gesichtsfelddefekten und Inkontinenz. Unübersehbare Geschlechtsunterschiede bezüglich der zerebralen Lokalisation und Ausprägung spezieller kognitiver und körperlicher Funktionen und Defizite könnten bedeuten, dass Rehabilitationskonzepte für Frauen und Männer differieren müssen.

 

In einer europäischen Multicenterstudie zeigten sich signifikante Unterschiede im diagnostischen Aufwand bei Schlaganfall. Bei Männern wurden häufiger zerebrale Bildgebungen, Dopplersonografien der hirnversorgenden Arterien, Echokardiografien und Angiografien durchgeführt. Diskutiert wird, dass spezifische diagnostische Verfahren bei den schwerer betroffenen Frauen nicht umsetzbar waren oder unsinnig erschienen, da sie keine therapeutischen Konsequenzen gehabt hätten. Die Frühmortalität der Frauen war signifikant höher.

 

Die Erkenntnis scheint zu reifen, dass Männer und Frauen mit einem apoplektischen Insult nicht gleichartig zu betrachten sind. Dies lässt sich unter anderem an einer explosionsartigen Zunahme der Publikationen zu Gender-Aspekten in der Pathophysiologie und Therapie des Schlaganfalls ablesen.

 

Rätsel für Rheuma-Forschung

 

Wenn Frauen einen Schlaganfall erleiden, sind sie im Mittel beträchtlich älter als Männer. Nach der Menopause gleicht sich das weibliche Apoplexie-Risiko dem der Männer an. Unklar ist, inwieweit Estrogendefizite hier verantwortlich sind. Deutlich mehr wissen Rheumatologen über die Rolle der weiblichen Hormone bei der Entstehung von Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises.

 

Ob rheumatoide Arthritis, Sjögren-Syndrom, systemischer Lupus erythematodes, Multiple Sklerose, Morbus Bechterew, ankylosierende Spondylitis oder Fibromyalgie: 75 Prozent aller Patienten mit Autoimmunerkrankungen sind weiblich. Der Unterschied in der Häufigkeit der rheumatoiden Arthritis (RA) zwischen Männern und Frauen ist in der Zeit des Estrogen-Einflusses am größten und verschwindet in der Menopause, betont Privatdozentin Dr. Gabriele Riemekasten, Berlin.

 

Bekannt ist, dass die Estrogenspiegel in der Synovialflüssigkeit von RA-Patienten höher als zum Beispiel bei Patienten mit traumatischen Gelenkergüssen sind. Bekannt ist auch, dass Estrogene die Zellteilung der Fibroblasten der Gelenkinnenhaut anregen, was zur Pannusbildung und Erosion im entzündlichen Knochen führt. Testosteron scheint die Antikörperproduktion durch B-Zellen zu hemmen. So reduzieren orale Testosterongaben die Zahl der betroffenen Gelenke, den Schmerzmittelverbrauch und die CD4/CD8-Ratio, also das Verhältnis der Helfer- zu Suppressorzellen bei RA. Bei postmenopausalen Frauen mit RA verbessert intramuskulär gespritztes Testosteron die Schmerzen und die Lebensqualität.

 

Frauen sind häufig nicht nur für Männer, sondern auch für die Wissenschaft ein Rätsel. So ist unverständlich, warum sich die RA-Inzidenz bei Frauen halbiert, wenn sie Kontrazeptiva genommen haben. Die Gender-Forschung muss klären, warum eine Schwangerschaft die Erkrankung bessert, Stillen hingegen das Risiko für eine RA erhöht. Sie muss untersuchen, warum postmenopausale Frauen mit RA ohne den Einfluss von Estrogenen eine stärkere Gelenkzerstörung als prämenopausale Frauen aufweisen und die Hormonersatztherapie nicht nur Schmerzen und das Lebensgefühl verbessert, sondern auch Entzündungsparameter mindert.

 

Die gewonnenen Erkenntnisse sollten in das Design von Therapiestudien einfließen, die geschlechtspezifisch geplant, randomisiert und ausgewertet werden. Die Ära der Gender-Medizin hat auch für die Rheumatologie erst begonnen. 

 

Eigene Pharmakodynamik

 

Die besondere Chemie der Frauen umfasst nicht nur einen schwankenden Hormonhaushalt, sondern auch eine eigene Pharmakodynamik und -kinetik mit spezifischer Bioverfügbarkeit, Verteilung, Verstoffwechselung und Exkretion. Frauen wiegen in der Regel nicht nur weniger als gleich große Männer, sie haben auch eine andere Zusammensetzung von Muskeln, Proteinen und Wasser. Sie haben einen höheren Anteil an Körperfett, ein niedrigeres Plasmavolumen und eine geringere Organdurchblutung. Das Verteilungsvolumen und somit die notwendige Dosis für hydrophile Pharmaka sinkt, während es für lipophile Pharmaka steigt. Dies muss bei der Dosisfindung von Medikamenten berücksichtigt werden, sagt Dr. Frank Andersohn, Berlin.

 

Einige Beispiele: Die hepatische Clearance von Cyclosporin und Methylprednisolon ist bei Frauen um 20 bis 40 Prozent größer als bei Männern. Dies wird auf eine andere Cytochrom-P450-Ausstattung und -Aktivität zurückgeführt. Da der Gehalt an CYP2D6 in der Leber um 15 Prozent niedriger ist, haben Frauen bei gleicher Dosis höhere Plasmaspiegel des CYP-2D6-Substrats Metoprolol. Betablocker, die über CYP-2D6 abgebaut werden, führen bei Frauen häufiger zur Hospitalisierung aufgrund unerwünschter Wirkungen. Durch eine geringere renale Clearance erreichen Frauen bei gleicher Digoxin-Dosis höhere Plasmaspiegel, was Arrhythmien begünstigt. Auch wegen dieser Nebenwirkung kommen digitalisierte Frauen häufiger ins Krankenhaus als Männer.

 

Andersohn fordert die stärkere Berücksichtigung geschlechterspezifischer pharmakologischer Aspekte nicht nur in der Rheumatherapie und Kardiologie, sondern auch in der Onkologie. Gerade bei Substanzen mit enger therapeutischer Breite, zum Beispiel Zytostatika, ist eine gewichtsabhängige Dosisanpassung erforderlich.

 

Klinische Erfahrungen zeigen, dass Frauen bei der Gabe spezifischer Zytostatika, zum Beispiel bei der 5-Fluorouracil/Leukovorin-Therapie des kolorektalen Karzinoms, deutlich mehr toxische und unerwünschte Wirkungen hinnehmen müssen, dafür aber eine längere Überlebenszeit erreichen.

 

Gelten Übelkeit und Erbrechen als besonders belastende Symptome bei der Radio- und Chemotherapie, so sind Frauen viel häufiger betroffen als Männer. Sowohl klassische Antiemetika wie Metoclopramid als auch 5-HT-Antagonisten scheinen bei Frauen weniger wirksam zu sein. Sie reagieren jedoch empfindlicher auf Morphin. In großen Patientenkollektiven zeigte sich, dass Männer zur Schmerzfreiheit eine im Schnitt um mindestens 40 Prozent höhere Morphindosis benötigen. Frauen wiederum erleiden eine zum Teil doppelt so starke Atemdepression bei gleicher Dosierung.

 

Niedrigere Schmerzschwelle

 

Es ist ein Kennzeichen der Gender-Medizin, dass sie nicht nur viele offene Fragen zu lösen, sondern auch mit zahlreichen Widersprüchen zu kämpfen hat. So sind Frauen einerseits in der Lage, Schmerzen besser zu verarbeiten als Männer, da sie über bessere Coping-Strategien verfügen. Sie haben andererseits eine niedrigere Schmerzschwelle.

 

Gehirnscans mittels Positronen-Emissions-Tomografie (PET) zeigen, dass das männliche und das weibliche Gehirn bei gleichen Schmerzreizen unterschiedlich reagieren. Während bei Frauen stärker das für Emotionen und Gefühle verantwortliche limbische System aktiviert wird, zeigt das männliche Gehirn bei Schmerzreizen eine stärkere Aktivität in den kognitiven und analytischen Bereichen der Wahrnehmung.

 

Dies wird auf die unterschiedliche Sozialisation von Mann und Frau in ihrer Entwicklungsgeschichte zurückgeführt. Jagd und Verteidigung einerseits, Nachwuchspflege andererseits: Die Aktivierung der limbischen Gehirnareale führe seit jeher zu einer stärkeren Sorge der Frau um und somit Bindung an die Familie. Die Aktivierung der kognitiven Bereiche wecke bei Männern den Urinstinkt »Kampf« bei gleichzeitiger Freisetzung des Schmerz reduzierenden Testosterons.

 

Ob Rücken-, Kopf-, Nacken- oder Schulterschmerzen: Frauen sind mehr betroffen. Migräne tritt beim weiblichen Geschlecht dreimal häufiger auf. Wegen des quälenden Infernos unter der Schädeldecke müssen sich doppelt so viele Frauen wie Männer in Krankenhausbehandlung begeben.

 

Schmerzen sind bei Frauen nicht nur intensiver und länger anhaltend. Es sind auch mehr Körperareale betroffen. Auch treten bei Frauen in Zusammenhang mit Schmerzen öfter Angst, Depressionen und Schlafstörungen auf. Schmerz macht mehr Schmerz: Schmerztherapeuten betonen, dass gerade bei Frauen die rechtzeitige medikamentöse Schmerztherapie im Verbund mit einer Verhaltensänderung der Chronifizierung vorbeugen kann.

 

Mehrfachbelastung macht krank

 

Stichwort »Depressionen«: Doppelt so häufig wie Männer leiden Frauen an gedrückter Stimmung, Interesse- und Freudlosigkeit, Abnahme der Konzentration und des Selbstwertgefühls, Schuldgefühlen, Schlafstörungen und Appetitminderung. Zwar werden auch hier hormonelle Faktoren diskutiert. Doch weiß die moderne Gender-Medizin, dass es so einfach nicht ist. Erste Studien verweisen auf einen starken Zusammenhang zwischen Depressionen und (psycho)sozialen Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Armut oder mangelnde soziale Unterstützung.

 

Die Mehrfachbelastung durch Berufstätigkeit, Kindererziehung, Haushaltsführung und Pflege der älteren Generation ist mitverantwortlich für das Übermaß an Schmerzen und Depressionen bei Frauen, so Dr. Susanne Rabady und Dr. Erwin Rebhandl, Wien. Insbesondere die Pflege demenzkranker Angehöriger sei Ursache für psychische Überlastungsreaktionen und psychosomatische Beschwerden, betonen die Allgemeinmediziner. Studien belegen, dass pflegende Angehörige Gefahr laufen, häufiger psychisch und körperlich zu erkranken. 

 

Weibliche Lebensverläufe zeigen Brüche: Oftmals geben Frauen ihren Beruf für die Familie auf und richten sich nach den Bedürfnissen von Partner, Kindern sowie hilfe- und pflegebedürftigen Eltern und Schwiegereltern. Durch nicht kontinuierliche Erwerbsarbeit müssen sie deutlich niedrigere Erwerbseinkommen und Altersrenten hinnehmen und sind stärker auf Sozialhilfe angewiesen.

 

»Zwar mehren sich die Anzeichen, dass bei einer erfolgreichen gesellschaftlichen Integration der beschriebenen Aufgaben positive gesundheitliche Effekte für Frauen erzielt werden können. Allerdings gibt es in Deutschland markante strukturelle Defizite, die Frauen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf im starken Maß erschweren«, konstatieren Privatdozent Dr. Uwe Helmert und Professor Dr. Wolfgang Voges vom Zentrum für Sozialpolitik an der Universität Bremen.

 

Frauen greifen in erschreckendem Maß zu Schmerzmitteln, Antidepressiva, Beruhigungs- und Schlafmitteln als »frauenspezifische Suchtmittel« (siehe dazu Tablettensucht: Warum vor allem Frauen?). Dies ist der Versuch, nicht nur übermäßigen Strapazen im Privat- und Berufsleben, sondern oft auch posttraumatischen Belastungsstörungen durch physische Gewalt entgegenzuwirken, warnt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), Berlin. Jede siebte Frau erleidet ab ihrem 16. Lebensjahr mindestens einmal sexuelle Gewalt, jede zweite bis dritte wird Opfer körperlicher Gewalt.

 

Laut Drogen- und Suchtbericht 2008 des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) sind in Deutschland bis zu 1,5 Millionen Menschen abhängig von Medikamenten. Rund 70 Prozent sind Frauen. Der Konsum psychotroper Medikamente als »Überlebens-, Anpassungs- und Verarbeitungsstrategie« steigt mit dem Alter kontinuierlich an und ist bei Hochbetagten am höchsten. Die Mehrzahl der Medikamentenabhängigen sind ältere und hochbetagte Frauen.

 

Essstörungen als Abwehrsignal

 

Anorexia und Bulimia nervosa zählen zu den schwerwiegenden psychischen Erkrankungen, die mit einer Störung des Körperbildes, des Selbstwertgefühls und der eigenen Identität einhergehen. Laut BMFSFJ sind von diesen Essstörungen zu 90 Prozent Mädchen und junge Frauen betroffen. Die Prävalenz dieser Erkrankungen hat seit den 1970er-Jahren stark zugenommen und steigt dramatisch weiter an (siehe dazu Magersucht: Hungern bis ans Limit).

 

Die Erkrankten werden immer jünger. Fast 50 Prozent der Mädchen zwischen 11 und 13 Jahren haben bereits eine Diät gemacht. Circa 40 Prozent der normal- und untergewichtigen Mädchen zwischen 14 und 19 Jahren fühlen sich zu dick. Es ist markant, dass vor allem Frauen mit ihrem Gewicht unzufrieden sind.

 

Der Pathomechanismus von Essstörungen ist unbekannt. Doch sind bei den Betroffenen häufig typische Familienkonstellationen mit oftmals ausgeprägtem Leistungsideal der Eltern zu finden. So neigen die Familien von magersüchtigen Mädchen dazu, Probleme und Konflikte unter Wahrung von Pseudo-Harmonie nicht offen auszutragen. Magersüchtige Töchter entwickeln ihre Essstörung vorrangig in der Pubertät, um sich abzugrenzen. Viele betrachten das Fasten und die Gewichtsabnahme als einzige Möglichkeit, Selbstbestimmung zumindest über den eigenen Körper zu erzielen.

 

Ähnlich der anorektischen hat auch die bulimische Patientin meist eine sehr enge, oft pathologische Beziehung zur Familie und ist ständig bemüht, allen Rollenansprüchen gerecht zu werden. Was nicht gelingen kann: Nicht zufällig werden Ess-Brech-Anfälle von Psychologen als Widerspruch und Abwehr von Fremdbestimmung verstanden.

 

Ob übergewichtig, ess- und brech- oder magersüchtig: Die betroffenen Frauen und Mädchen haben meist wenig Zugang zu ihren eigenen Empfindungen und Ansprüchen. In dem Versuch, es allen recht zu machen, richten sie ihre Aggressivität schließlich gegen sich selbst.

 

Als Ursache der Zunahme von Essstörungen werden nicht nur psychologische Faktoren, sondern auch gesellschaftliche Wertvorstellungen und Erwartungen an die Rolle der Frau diskutiert. Schlankheit wird in westlichen Industrieländern gleichgesetzt mit Kompetenz, Selbstkontrolle, Erfolg, Akzeptanz und Schönheit. Das von der Modeindustrie, den Medien und der Werbung forcierte Körperideal setzt vor allem das weibliche Geschlecht unter Druck. Frauen wollen meist dünner sein als sie tatsächlich sind.

 

Das fatale Diätverhalten von Mädchen und Frauen in Kombination mit Laxantien- und Diuretika-Missbrauch ist Basis für die Entwicklung von Essstörungen wie Anorexia und Bulimia nervosa, unterstreichen Dr. Nina Ebner und Professor Dr. Gabriele Fischer, Wien. In nicht wenigen Fällen enden die Erkrankungen tödlich. Je nach Untersuchung wird eine Sterberate von fünf bis zehn Prozent angegeben.

 

Objektivität und Distanz wahren

 

Essstörungen, Depressionen und Medikamentenabhängigkeit sind wie Schmerz weiblich. Dringend erforderlich sind Analysen zum tieferen Verständnis der Ursachen sowie frauenspezifische Gesundheitskonzepte. Frauen brauchen mehr Information und Aufklärung, mit anderen Worten: offene Gespräche, in denen Hintergründe von Gesundheitsproblemen mitbedacht und Behandlungsstrategien gemeinsam erörtert werden. Der frauenzentrierten Beratung muss ein ganzheitliches Verständnis von Gesundheit zugrunde liegen, das die Belastungen in Arbeit, Beruf und Familie berücksichtigt und Gesundheit als Wohlbefinden und Stärkung der Selbsthilfekräfte begreift.

 

Gender-Medizin ist ein weites Feld. Das Geschlecht der PatientInnen hat Einfluss auch auf Art und Ablauf der ärztlichen Konsultation und Gesprächsführung. Neuere Untersuchungen zeigen, dass sich nicht nur Patient und Patientin, sondern auch Arzt und Ärztin in ihrem Kommunikations- und Untersuchungsverhalten unterscheiden. Danach erfahren Ärztinnen durch intensivere zwischenmenschliche Verständigung sehr viel mehr Hintergrundinformationen, die wiederum bedeutsam für das Verständnis des Krankheitsgeschehens sind. Ärzte können die unterschiedlichen Startbedingungen durch Kommunikationsschulung jedoch offenbar ausgleichen.

 

Wie Ärztinnen und Ärzte bringen auch Apothekerinnen und Apotheker ihre eigene Geschichte in die Begegnung mit Patienten und Patientinnen ein. Wie diese haben sie eine bestimmte Vorstellung von ihrer Rolle als Mann oder Frau, die wiederum von ihrer Biografie und ihrem kulturellen Hintergrund geprägt ist.

 

Je weniger die ärztliche und apothekerliche Haltung reflektiert und analysiert wird, desto stärker wirken sich die eigenen Rollenvorstellungen auf das heilberufliche Handeln aus. Desto eher kommt es zu Missverständnissen, suboptimalen Empfehlungen und gegebenenfalls zu Fehlentscheidungen. Unterbewusste Rollenklischees können die Kommunikation auf vielfältige Weise be- oder sogar verhindern. »WoMen« und somit auch ÄrztInnen und ApothekerInnen müssen sich mit dieser Tatsache auseinandersetzen, wollen sie unerwünschte und unreflektierte Einflüsse auf ihr Tun vermeiden.

 

Wesentlich für Ärzte und Ärztinnen sowie Apotheker und Apothekerinnen sind Objektivität und Distanz auch und gerade bei der medizinischen und pharmazeutischen Betreuung mehrerer Familienmitglieder. Der Umgang mit Krankheit und Gesundheit wird stark von der Ursprungsfamilie und der aktuellen Familiensituation geprägt. Professionalität beinhaltet die Fähigkeit, die pathogene Potenz innerfamiliärer, oftmals ebenfalls geschlechtsspezifischer Rollenzuordnungen zu erkennen.

 

Erkennen, verstehen, handeln: Für die erfolgreiche medizinische und pharmazeutische Betreuung ist es notwendig, nicht nur zu hören, was Patienten und Patientinnen äußern, sondern auch einzukalkulieren, was sie nicht von sich aus artikulieren und warum sie das nicht tun. Geschlechtsspezifische Ausprägungen und Erscheinungsformen von Symptomen sind in alle medizinischen und pharmazeutischen Überlegungen und Entscheidungen mit einzubeziehen.


Quellen und vertiefende Literatur

  1. Rieder, A., Lohff, B., (Hrsg.), Gender Medizin, Geschlechtsspezifische Aspekte für die klinische Praxis. Springer Verlag, Wien, 2004, und 2. überarb. Aufl., Juni 2008.
  2. Geppert, J., Kühl, J., (Hrsg.), Gender und Lebenserwartung. Gender Kompetenz Zentrum, Kleine Verlag Bielefeld 2006.
  3. Hochleitner, M., (Hrsg.), Gender Medicine. Ringvorlesung an der Medizinischen Universität Innsbruck, Facultas Verlag Wien 2008.
  4. Huber, J., Frauenspezifische Medizin. Wilhelm Maudrich Verlag Wien 2005.
  5. Vorträge von Privatdozentin Dr. Gabriele Riemekasten, Berlin, Dr. Marc Luy, Wien, und Dr. Frank Andersohn, Bremen, beim Frühjahrskongress der Apothekerkammer Schleswig-Holstein am 12. und 13. April 2008 in Damp.
  6. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), Bericht zur gesundheitlichen Situation von Frauen in Deutschland. Berlin 2001, www.bmfsfj.de

Die Autorin

Christiane Berg studierte Pharmazie an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel und wurde 1984 in der Abteilung Toxikologie des Zentrums Klinisch-Theoretische Medizin II (Leitung: Professor Dr. Otmar Wassermann) promoviert. Im selben Jahr ging sie als Redakteurin der Pharmazeutischen Zeitung nach Frankfurt am Main. Es folgte eine zweijährige Tätigkeit in einer Frankfurter PR-Agentur. Seit Gründung des norddeutschen Redaktionsbüros der Pharmazeutischen Zeitung 1989 lebt und arbeitet Berg in Hamburg. Die PZ-Redakteurin ist zudem Autorin von Patientenratgebern, die im Govi-Verlag erschienen sind, und schreibt regelmäßig auch für die Neue Apotheken Illustrierte und das PTA-Forum.

 

 

Anschrift der Verfasserin:

Dr. Christiane Berg

Alte Rabenstraße 8

20148 Hamburg

chris-berg(at)t-online.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 25/2008

 

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