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Geschwisterkinder: Frühzeitige Unterstützung hilft

MEDIZIN

 
Geschwisterkinder

Frühzeitige Unterstützung hilft


Von Brigitte M. Gensthaler, Holzkirchen / Geschwister behinderter oder chronisch kranker Kinder stehen in der Familie meist im Schatten. Andererseits müssen sie oft schon in jungen Jahren viel Verantwortung übernehmen. Das kann auf Dauer krank machen.

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In Deutschland leben rund zwei Millionen Kinder und Jugendliche mit einem schwer chronisch kranken oder behinderten Geschwisterkind. Die Fürsorge für das kranke Familienmitglied beansprucht die meisten Eltern so sehr, dass die gesunden Kinder weniger Aufmerksamkeit erfahren. Sie sollen aber ständig »funktionieren«, weil Bruder oder Schwester die Familie schon genügend auf Trab halten.

 

Trotz der Bereicherung, die das Leben mit einem kranken Kind bringt, ist die Situation für viele gesunde Geschwister sehr belastend. Darauf machte die Stiftung FamilienBande bei ihrer Fachtagung in Holzkirchen bei München aufmerksam. Um mehr Aufmerksamkeit für das Thema zu wecken, gehe die Stiftung jetzt verstärkt in die Öffentlichkeit, sagte Herlinde Schneider, Leiterin der Kommunikation Novartis Deutschland und Mitglied des Stiftungsvorstands, zu Beginn der Tagung, die in Kooperation mit dem Institut für Sozialmedizin in der Pädiatrie, Augsburg, stattfand.




Der Alltag mit einem behinderten oder chronisch kranken Geschwisterkind bereichert, kann aber auch belasten.

Foto: Fotolia/denys_kuvaiev


Erfahrungen aus den USA

 

Egal ob geistige Behinderung, Entwicklungsstörungen oder ein körperliches Leiden wie Krebs oder Asthma: Die Erkrankung eines Kindes betrifft immer die ganze Familie, auch die Großeltern. Es seien »Kinder mit besonderen Bedürfnissen«, sagte Don Meyer, Direktor des amerikanischen Sibling Support Projects, der den Begriff »behinderte Kinder« nicht gebrauchen will. Hilfs­angebote müssten immer die ganze Familie in den Blick nehmen, aber »oft gehen die Geschwister leer aus«.

 

In den USA hat die Unterstützung von Geschwisterkindern eine lange Tradition. 1982 wurde der erste »Sibling Workshop«, kurz Sibshop, an der Universität von Washington angeboten. Inzwischen werden mehr als 400 Sibshops in mehreren Ländern veranstaltet. »Wir bringen Kinder zusammen, die das gleiche Schicksal haben, und vermitteln Spaß. Denn das ist die Sprache, die alle Kinder verstehen.« In den kindgerecht aufgebauten Workshops werde ein bunter Mix aus Spielen, Gesprächen und Vorträgen angeboten, erklärte Meyer. Die Kinder können sich mit eigenen Beiträgen einbringen und ihre Freuden und Sorgen mit anderen Betroffenen teilen. »Sie erfahren viel Aufmerksamkeit und Geduld, finden Unterstützung durch Gleichaltrige und können Selbstvertrauen entwickeln.« In der Regel sind die Teilnehmer zwischen 8 und 13 Jahren alt; es gebe aber auch mehr und mehr »Teenshops«. Finanziert werden die Angebote oft über private Spenden und Organisationen.

 

Dass sich das Engagement lohnt, zeigte eine Studie der Universität Washington, bei der Erwachsene befragt wurden, die als Kind Sibshops besucht haben. »Mehr als 90 Prozent fühlten sich dadurch positiv bestätigt«, sagte Meyer. Drei Viertel hätten angegeben, dass die Workshops ihr Leben beeinflusst haben.


FamilienBande

Ziel der 2012 gegründeten und von Novartis unterstützten Stiftung FamilienBande ist es, Geschwister von chronisch kranken oder behinderten Kindern und ihre Eltern zu unterstützen. In Deutschland haben rund 140 Einrichtungen mehr als 240 Angebote für Geschwisterkinder im Programm. Diese reichen von Themengruppen, Betreuungs-, Spiel- oder Freizeitangeboten, Bildungsseminaren und Treffen nur für Geschwisterkinder bis hin zu therapeutischer Arbeit. www.stiftung-familienbande.de bietet einen Überblick.


»Wenn Geschwisterkinder gut unterstützt werden, werden sie später dafür sorgen, dass das Kind mit besonderen Bedürfnissen in Würde leben kann. Denn Geschwister haben im Leben die längste Beziehung zueinander.« Diese Beziehung könne sich über Jahrzehnte erstrecken. Wenn die Eltern die Pflege nicht mehr leisten können, übernähmen viele Geschwister die Fürsorge.

 

Vom Schattenkind zum Erwachsenen

 

Wie wichtig die frühe Unterstützung ist, zeigte auch der Beitrag von Sascha Velten bei der Tagung. Velten, selbst ein Geschwisterkind, betreibt den Blog www.erwachsene-geschwister.de und organisiert Treffen und regionale Stammtische für erwachsene Geschwister.

 

Geschwisterkinder müssten früh lernen, Entscheidungen zu treffen und immer wieder in die Elternrolle zu schlüpfen, sagte Velten. Sie könnten viele Erfahrungen machen, die andere Kinder nicht haben, zum Beispiel mit Ärzten, Krankenhäusern oder im Umgang mit einem Rollstuhl. Viele seien sehr hilfsbereit und übernähmen schnell Aufgaben. Aber: »Manche Kinder stehen viel im Hintergrund, es sind Schattenkinder.«

 

Etwa 35 Jahre lang habe er kein Problem mit seinem behinderten Bruder verspürt und habe sich selbst als gering belastet eingestuft, berichtete Velten. »Dann kam der Zusammenbruch.« Mit Panik­attacken kam er in eine Klinik. Nach Reha und Therapie habe er beschlossen, Kontakt zu anderen erwachsenen Geschwisterkindern zu suchen und gründete den Blog. »Es kostet viel Energie, dem behinderten Bruder oder der Schwester ein gutes Leben zu ermöglichen.« Der regelmäßige Austausch mit anderen Betroffenen sei hier sehr hilfreich. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 39/2015

 

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