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Obere Atemwegsinfekte: Leitlinien zur Behandlung 2.0

TITEL

 
Obere Atemwegsinfekte

Leitlinien zur Behandlung 2.0


Von Ludger Klimek / Analgetika, Dekongestiva, Phytopharmaka und isotone Nasenspülung: Dies sind die Säulen der leitliniengerechten Behandlung des oberen Atemweginfekts in der Apotheke.


Die europäische Leitlinie zur Behandlung der Rhinosinusitis ist zurzeit die aktuellste Therapieempfehlung von HNO-Ärzten für die Behandlung viraler Atemwegsinfektionen (»Erkältung«). Daneben existiert eine deutschsprachige Leitlinie, die auch die besondere Situa­tion im deutschen Gesundheitssystem berücksichtigt. Diese Leitlinien sind somit von immenser Bedeutung für die tägliche Apothekenpraxis. Anlässlich eines aktuell stattfindenden Updates zur deutschen Leitlinie erscheint eine Neubewertung für die Apotheke sinnvoll. Dabei geht es nur um den akuten oberen Atemwegs­infekt, nicht um chronische Formen. Rein formal gilt die Leitlinie für Erwachsene, aus medizinischer Sicht gelten die folgenden Empfehlungen für Kinder ab zwölf Jahren.




Abbildung 1: Rhinoskopie eines Patienten mit einer Virusinfektion der oberen Atemwege. Nasenmuschel und Nasenschleimhaut sind geschwollen und bilden große Sekretmengen

Wie kein anderer Symptomenkomplex werden Erkrankungen aus dem Formenkreis der Rhinitis, der Pharyngitis und Sinusitis mit Viren assoziiert. Die überwiegende Mehrzahl der Fälle von »banalem Schnupfen« und »Erkältung« – korrekt: akute obere Atemwegsinfekte oder akute Rhinosinusitis – wird durch Erkältungsviren verursacht. Etwa 200 unterschiedliche Virusarten wurden bisher identifiziert (1). Neben den klassischen Rhinoviren können Infektionen mit Vertretern der Corona-, Paramyxo-, Adeno- und Influenza-Viren zur Rhinitis führen. Allerdings sind bei 25 bis 30 Prozent der Patienten keine Erreger nachzuweisen (1). Man geht davon aus, dass zumin­dest für einen Teil dieser Infek­tionen bei Erwachsenen und Kindern bisher nicht charakterisierte Viren verantwortlich sind.




Abbildung 2: Akute Entzündung der Nasennebenhöhlen: Eitriges Sekret läuft aus der Kieferhöhle in die Nase.

Fotos: Klimek


Klinisches Erscheinungsbild

 

Klinisch ist ein viraler Infekt der oberen Atemwege meist als entzündliche Erkrankung von Nase, Nasennebenhöhlen und Rachen charakterisiert (1). Im engeren Sinn versteht man unter einer Rhinitis die entzündliche Veränderung der Nasenschleimhaut und unter einer Sinusitis die der Nasennebenhöhlen. Da nahezu ausnahmslos Nasen- und Nebenhöhlenschleimhäute gemeinsam betroffen sind, wird im Folgenden durchgängig von Rhinosinusitis gesprochen (1–5). Dieser Begriff wird synonym verwendet mit Begriffen wie Erkältung, banaler Schnupfen, Virusschnupfen, common cold oder grippaler Infekt.

 

Die gestörte Regulation der Entzündungsmechanismen der Nasen- und Nebenhöhlenschleimhäute spielt eine zunehmende Rolle für das pathophysiologische Verständnis. Die Produk­tion verschiedener Zytokine scheint bei den unterschiedlichen Formen der Rhino­sinusitis eine zentrale Bedeutung zu haben (6–10).

 

In Deutschland sind schätzungsweise 18 Prozent der Bevölkerung jährlich von einer akuten Rhinosinusitis betroffen (11). Typische lokale Symptome sind (Abbildungen 1 und 2):

 

  • nasale Obstruktion, Enge- oder Druckgefühl in Nase und Nasen­nebenhöhlen, gesteigerte antero­nasale oder retronasale Sekretion (postnasal drip: Nasensekret läuft den Rachen herunter),
  • Gesichtsschmerz oder -druck, Kopfschmerzen und Verminderung oder Verlust des Riechsinnes (1, 11).
     

Zudem können sich systemische Symptome wie Abgeschlagenheit, allgemeines Krankheitsgefühl und eventuell Fieber zeigen (3). Individuell variieren die Symptommuster häufig (2).




Hatschi! Die Symptome einer Erkältung kennt jeder.

Foto: Fotolia/ Klaus Epple


Welche Formen der Rhinosinusitis gibt es? Die aktuelle europäische Leit­linie verfolgt einen sehr pragmatischen Ansatz und unterscheidet lediglich anhand der Dauer der Erkrankung zwischen akuter und chronischer Rhino­sinusitis (Tabelle 1) (1). Die chronischen Formen müssen unbedingt von einem Spezialisten behandelt werden. Der für die Apotheke relevante akute Atemwegsinfekt wird wiederum untergliedert in virale und bakterielle Infekte.

 

Der akuten bakteriellen Rhinosinusitis geht in der Regel eine virale voraus. Die Schleimhautschwellung kann zur Verlegung der Ostien (Zugänge in den Nasen­neben­höhlen) mit sich anschließendem Sekretstau in den Nasennebenhöhlen führen (12). Die bakterielle Rhinosinusitis tritt mit einer zeitlichen Verzögerung lediglich bei etwa 0,5 bis 2 Prozent der Patienten auf und ist geprägt durch eine starke entzündliche Infiltration der Nebenhöhlenmukosa (Abbildung 3) (13, 14).

 

Diagnose des akuten Atemweginfekts

 

Die Diagnose einer Rhinosinusitis ist rela­tiv einfach. Folgende Beschwerden müssen vorhanden sein: zwei Symptome, eines davon verstopfte Nase oder verfärbtes Sekret, +/– stirnseitige Schmerzen/Kopfschmerzen +/– Riechstörung.

 

Eine weitere klinische Untersuchungsmöglichkeit beim Arzt ist eine Rhinoskopie (Nasenspiegelung). Eine apparative Diagnostik mit Röntgen oder Computertomografie ist dagegen nur in besonderen Fällen nötig. Da ein Erwachsener im Schnitt jedes Jahr zwei bis fünf Erkältungsperioden, Schulkinder sogar bis zu zehn durchstehen, sind die Patienten in der Regel bestens mit den Symptomen einer Erkältung vertraut (2). Somit ist die Diagnosestellung in der Apotheke möglich.

 

In den ersten drei bis vier Tagen kann man klinisch nur selten zwischen einer akuten viralen und der Frühphase einer akuten bakteriellen Rhinosinu­sitis unterscheiden (Tabelle 1). Nur bei Patienten mit ungewöhnlich schwerer Erkrankung oder bei Komplikationen außerhalb der Nasennebenhöhlen, zum Beispiel Schmerzen im Bereich der Augen oder Beteiligung der umgebenden Gewebe und Knochen, sollte man unmittelbar von einer bakteriellen Erkrankung ausgehen. Kommt es nach initialer Erholung erneut zu einer Verschlechterung, dann spricht dieser biphasische Verlauf ebenfalls für eine akute bakterielle Rhinosinusitis (2).


Tabelle 1: Klinische Einteilung der akuten viralen und akuten bakteriellen sowie der chronischen Rhinosinusitis des Erwachsenen; nach (1)

Rhinosinusitis Dauer der Symptome, Charakteristik 
akut Symptomatik unter zwölf Wochen mit vollständigem Rückgang der Symptome 
akut viral Symptomdauer kürzer als zehn Tage 
akut bakteriell Zunahme der Symptome nach fünf Tagen oder Fortdauer der Symptome nach zehn Tagen, Gesamtdauer unter zwölf Wochen 
chronisch Symptomatik länger als zwölf Wochen ohne zwischen­zeitlich vollständigen Rückgang der Beschwerden 

Die Diagnose einer bakteriellen Erkältung (Rhinosinusitis) wird aufgrund des Verlaufs der Erkrankung (Krankheitsdauer und -intensität) gestellt. Die initiale Behandlung ist vorerst gleich. Bei Verdacht auf eine bakterielle Rhinosinusitis nach Erstbehandlung sollte der Patient an einen Arzt verwiesen werden.

 

Prognose

 

Die akute virale Rhinosinusitis verläuft in der Regel selbstlimitierend und bessert sich meist innerhalb von sieben bis zehn Tagen (1, 2, 4). Neuere Studien belegen, dass Antibiotika bei einer nicht mikrobiologisch abgeklärten akuten Rhinosinusitis eine deutlich eingeschränkte Wirksamkeit zeigen (15).

 

In seltenen Fällen kann eine akute Rhinosinusitis auch zu Komplikationen außerhalb der Nasennebenhöhlen führen, zum Beispiel orbitale und endokranielle Komplikationen, Beteiligung der umgebenden Weichteilgewebe und Knochen. In diesen Fällen ist ein Facharzt heranzuziehen (2, 1).

 

Die Tatsache, dass die Erkrankung in den allermeisten Fällen selbstlimi­tierend und viral bedingt ist, hat unmittelbaren Einfluss auf die (Erst-) Behandlungsempfehlung der Leitlinien­autoren.




Abbildung 3: Patient mit akuter bakterieller Rhinosinusitis. In der Computertomografie (CT) zeigt sich eitriges Sekret in beiden Kieferhöhlen (Pfeile).

Foto: Klimek


Eine kausale Therapie bei einer viralen Erkrankung der oberen Atemwege ist nur angezeigt bei besonders schweren Verläufen, beispielsweise bei einer »echten Grippe« durch Influenza-Viren. Die Betroffenen leiden in der Regel unter einem sehr drastischen Erkrankungsverlauf (plötzlich auftretend, hohes Fieber, schweres Krankheitsgefühl) und sollten ärztlich behandelt werden.

 

Neben einer symptomatischen Therapie (Analgetika, Dekongestiva) kommen Virustatika (Neuraminidase-Inhibitoren) infrage. Die Inhibitoren Oseltamivir und Zanamivir werden häufig sehr kritisch gesehen, wenngleich es bisher keine Alternativen zur Behandlung von Risikopatienten und schwer Kranken gibt (16). Hier gilt es eine ärztliche Abwägung zu treffen – auch angesichts des hohen Neben­wirkungs­potenzials.

 

Bei der banalen »Erkältungskrankheit« ist eine kausale Therapie nicht angezeigt. Der symptomatischen Therapie zur Verbesserung der Lebens­qualität der Patienten kommt somit besondere Bedeutung zu (1).

 

Goldstandard zur Therapie

 

Die europäische Leitlinie bewertet die Evidenz einzelner Therapieoptionen anhand der verfügbaren klinischen Studien und gibt eine pragmatische und praktikable Expertenempfehlung. Für die Apotheke relevant ist dabei ein Entscheidungsbaum zur Erstbehandlung des akuten oberen Atemweginfekts (Grafik, modifiziert nach (1)). Empfohlen werden – für Kinder ab zwölf Jahren – folgende symptomatische Therapie­optionen:

 

  • Analgetika/nicht steroidale Anti­rheumatika (NSAID),
  • Dekongestiva
  • einige pflanzliche Arzneimittel,

  • und die Nasenspülung mit Kochsalzlösung.


Analgetika

 

Ein Cochrane Review aus dem Jahr 2013 wertete neun Studien mit 1069 Teilnehmern aus. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass NSAID wie Ibuprofen effektiv Symptome wie Abgeschlagenheit oder Erkältungsschmerzen (Kopf-, Hals-, Ohren-, Gliederschmerzen) lindern. Die Effekte auf die Atemwege sind nicht eindeutig (17). Dennoch konnte zum Beispiel Ibuprofen bei Erkältung das Symptom »Niesen« signifikant stärker lindern als Placebo (18).




Sieben bis zehn Tage: So lange dauert eine akute virale Rhinosinusitis meistens.

Foto: Fotolia/Halfpoint


Ähnliche Ergebnisse liegen vor für Paraceta­mol und ASS. So wurde zum Beispiel in einer klinischen Studie bei Patienten mit einem oberen Atemwegsinfekt eine gute fiebersenkende sowie kopf- und gliederschmerzstillende Wirkung beider Wirkstoffe bestätigt. Einzig Halsschmerzen wurden in dieser Untersuchung durch Paracet­amol nicht signifikant gelindert (19).

 

Somit sollten OTC-Analgetika zur Behand­lung von infektbedingter Ab­geschlagenheit und Schmerzen empfohlen werden (Tabelle 2). Eine Besonderheit der deutschen Leitlinine ist die Erwähnung von Diclofenac (2). In klinischen Vergleichsstudien bei Patienten mit Symptomen eines grippalen Infekts ist Diclofenac vergleichbar mit Ibuprofen, wenngleich numerisch etwas schlechter wirksam (20).

 

Da es sich bei einer »Erkältung« um eine entzündliche Erkrankung von Nase und Nebenhöhlen handelt, sprechen pharmakologische Gesichtspunkte für die Einnahme eines entzündungshemmenden Analgetikums.

 

Dekongestiva

 

Sowohl lokal wirksame als auch systemische Dekongestiva sind prinzipiell geeignet zur symptomatischen Behandlung einer verstopften Nase bei Erkältung (Tabelle 2). Dies bestätigt auch der aktuellste Cochrane-Review (21). Sie reduzieren das von Patienten als besonders lästig empfundene Symptom der nasalen Obstruktion, was in aussagekräftigen Studien belegt wurde (22–25).

 

Die ältere deutsche Leitlinie spricht sich primär für lokale Dekongestiva aus (2). Die neuere europäische hingegen empfiehlt abschwellende Nasentropfen und Sprays nicht und bevorzugt systemisch wirkende Präparate (1). In der Apotheke ist es schier unmöglich, zwischen einer isolierten Rhinitis und einer Rhinosinusitis zu unterscheiden. Daher ist ein systemisches Dekongestivum prinzipiell einem lokalen vorzuziehen, um auch eine Wirksamkeit auf die Ostien und eine Belüftung der Nasennebenhöhlen zu gewährleisten.

 

Von den zahlreichen oralen α-Mimetika liegen für Pseudoephedrin solide Daten zur Erkältungsbehandlung vor (26–28). Diese zeigen einen deut­lichen schleimhautabschwellenden Effekt. Kombinationen von Analgetika und Dekongestiva (Pseudoephedrin und Paracetamol) konnten in klinischen Studien sogar synergistische Effekte auf Symptome der Erkältung zeigen (29). Alle α-Mimetika haben vor allem dosisabhängige kardiovaskuläre Nebenwirkungen. Pseudoephedrin scheint ein vergleichsweise günstiges Sicherheitsprofil aufzuweisen (1, 25). In Deutschland ist es in Kombinationsarzneimitteln, zum Beispiel mit Ibuprofen oder ASS, zur Behandlung von Erkältungsbeschwerden verfügbar.




Grafik: Leitliniengerechte Behandlung der akuten Rhinosinusitis bei Erwachsenen; modifiziert nach (1)

Die positive Einschätzung der europäischen Leitlinienautoren zu lokalen und systemisch wirkenden Dekonges­tiva basiert auf einer umfassenden wissen­schaftlichen Analyse der verfügbaren Wirksamkeits- und Sicherheitsdaten der Cochrane-Gesellschaft. Dazu wurden sieben Placebo-kontrollierte klinische Studien mit insgesamt 740 Teilnehmern ausgewertet (eine Studie mit Oxymetazolin lokal, eine zu Phenylpropanolamin, eine zu Norephedrin oral, vier Studien mit Pseudoephedrin oral). Die Analyse zeigt, dass eine kurzzeitige Therapie mit oralen oder lokalen Dekongestiva die Erkältungssymptome lindert und Nebenwirkungen nicht häufiger auftraten als unter Placebo (21).

 

Für die weiteren in Kombinationspräparaten enthaltenen Dekongestiva (Phenylephrin, Ephedrin) kann aufgrund mangelnder Daten keine abschließende Beurteilung getroffen werden. Für Phenylephrin sind die Ergeb­nisse aus klinischen Studien bisher widersprüchlich (30).

 

Im Update der deutschen Leitlinie ist von einer deutsch-europäischen Harmonisierung der Dekongestiva-Empfehlung auszugehen.

 

Ausgewählte pflanzliche Arzneimittel

 

Für die traditionelle chinesische Medizin wird aufgrund unzureichender Daten explizit keine Empfehlung ausgesprochen (1). Die Datenlage für Echinacea-haltige Präparate ist widersprüchlich; deren Anwendung wird zur Therapie nicht empfohlen (1).

 

Cineol und Myrtol, aber auch Pelargonium-Extrakte kommen zur Therapie viraler Atemwegsinfekte infrage (Tabelle 2). In klinischen Studien konnten im Vergleich zu Placebo die Symptome bei einer akuten viralen Rhinosinusitis ab dem vierten Tag gelindert werden (1). Auch die Kombination aus fünf Pflanzenextrakten (Enzian, Schlüsselblume, Sauerampfer, Holunder und Eisenkraut) konnte in einer neueren, Placebo-kontrollierten klinischen Studie positive Effekte auf die Symptome einer akuten Rhinosinusitis zeigen. Die Effektstärke war vergleichbar mit der Stärke der Wirkstoffe, die in der europäischen Leitlinie bereits diskutiert wurden (Cineol, Myrtol, Pelargonium) (31).

 

Zu beachten ist, dass die Effektstärke der genannten Therapeutika nicht sehr groß war und die Wirkung erst mit Verzögerung einsetzte (vier bis sieben Tage). Die deutsche Zulassungsbehörde erachtete die klinische Relevanz der Pelargonium-Extrakte als nicht ausreichend, um sie zur Behandlung von Infekten der oberen Atemwege zulassen zu können. Dennoch gelten diese ausgewählten pflanzlichen Arzneimittel als angemessene und wirksame Apothekenempfehlung, auch ergänzend zur akut symptomatischen Therapie.

 

In der deutschen Leitlinie wird außer­dem Bromelain genannt. Jedoch beruht diese Einschätzung vor allem auf sehr alten Daten. Bromelain zusätzlich zur Standardtherapie (Antibiotika bei bakterieller Rhinosinusitis) ergab eine leichte Symptomlinderung (2).

 

Nasenspülung mit Kochsalzlösung

 

Nasenduschen und -spülungen können den Patienten zusätzlich empfohlen werden, sollten aber wegen ihres geringen Effekts nicht als alleinige Maßnahme angewendet werden. Zu dieser Einschätzung kommt die europäische Leitlinie (1). Die deutsche Leitlinie gibt ein positives Votum zur Nasenspülung ausschließlich bei chronischer Rhino­sinusitis ab, nicht aber bei akuten Formen (2). Es sollte nur mit isotonischen (Meerwasser-)Lösungen gespült werden.


Tabelle 2: Medikamente zur Behandlung von Erkältungssymptomen

Wirkstoffgruppe Wirkstoffe (Beispiele) 
Analgetika Ibuprofen, Paracetamol, ASS 
lokal wirksame Dekongestiva (Sprays, Tropfen) Tramazolin, Oxymetazolin, Xylometazolin 
systemische Dekongestiva (Tabletten, Saft) Pseudoephedrin, Phenylephrin, Ephedrin 
pflanzliche Arzneimittel Myrtol/Cineol, Pelargonium-sidoides-Extrakte, Fünffach-Kombination aus Enzianwurzel, Schlüsselblumenblüten, Ampferkraut, Holunder­blüten und Eisenkraut, Bromelain 

Beide Bewertungen basieren auf einem Cochrane-Review aus 2010, in dem drei klinische Studien mit 618 Teilnehmern ausgewertet wurden (32). Aller­dings wurden in keiner Studie eindeu­tig positive Ergebnisse durch Nasenspülung im Vergleich zu Placebo oder Vergleichsbehandlungen erzielt. In einer kleinen Studie mit Kindern war kein Unterschied zwischen den drei Behandlungs­armen (Phenylephrin-haltige Tropfen, Nasenspülung und Kochsalz-Tropfen) nachzuweisen (33). Eine weitere Studie bei Erwachsenen zeigte vermehrt Nebenwirkungen durch eine hypertone Kochsalzlösung, ohne einen zusätzlichen Nutzen für die erkälteten Patienten zu beweisen (34). Nur eine Studie konnte leichte positive Effekte durch Nasenspülung auf einen Symptomscore bei Kindern zeigen. Erschwerend kommt hinzu, dass alle Patienten bereits Nasenspray, Expektoranzien und Analgetika (sogenannte Standardtherapie) erhalten hatten (35).

 

Weitere Therapieoptionen für die Selbstmedikation

 

Neu ist in der europäischen Leitlinie die positive Bewertung von Grippemitteln (Kombinationspräparaten) ganz generell (1). Es handelt sich um eine sehr inhomo­gene Gruppe unterschiedlicher Kombinationen (Analgetika-Dekongestiva und/oder Antihistaminika).

 

Die positive Bewertung beruht auf einem Cochrane-Report von 2012 (36). Insgesamt wurden 27 randomisierte kontrollierte Studien aus den Jahren 1967 bis 2007 ausgewertet. Die Studienpopulationen waren meist klar definiert (»common cold« = Erkältung) und die Effekte der unterschiedlichen Kombinationspräparate waren erstaunlich klar und stark.




Nasenspülung jein – und wenn, dann nur mit isotonischer Kochsalzlösung

Foto: Fotolia/Dan Race


Bei der Auswahl eines Kombinationspräparats muss in der Apotheke folglich entschieden werden, welches Präparat für den jeweiligen Patienten geeignet ist. Dekongestiva-haltige Mittel zum Befreien von Nase und Nebenhöhlen sind in der Regel zu bevorzugen. Antihistaminika-haltige Kombinationen sollten nur empfohlen werden bei einer bekannten allergischen Komponente der Erkrankung (1). Auch die deutsche Leit­linie verweist darauf, dass Antihistaminika ausschließlich bei nachgewiesener allergischer Rhinitis eine probate Option sind (2).

 

Positiv erwähnt werden in der europäischen Leitlinie auch zusätzlich (Empfehlungsgrad A) in Deutschland nicht zugelassene Ipratropium-haltige Nasensprays und ausgewählte Probiotika zur Prophylaxe (nicht zur Therapie) eines viralen oberen Atemwegsinfekts (1, 37). Aufgrund seines anticholinergen Wirkmechanismus, der mit einer gewünschten Austrocknung der Nasenschleimhaut einhergeht, wird Ipratropium vor allem bei Fließschnupfen (Rhinorrhoe) eingesetzt. Die prophylaktische Wirkung von Probiotika, vor allem Lactobazillen und Bifidobakterien, gegen Atemwegsinfekte wurde dabei auf der Basis eines Cochrane-Reports von 2011 bewertet. Die Inzidenz von oberen Atemwegsinfektionen sank demnach im Beobachtungszeitraum (Odds-ratio 0,58). Die Dauer der Krankheitsepisoden unterschied sich jedoch nicht.

 

Die deutsche Leitlinie empfielt keine weiteren OTC-Optionen (2).

 

Behandlung beim Arzt

 

Was macht der Arzt, wenn die Erkrankung länger als zehn Tage anhält? Sind die Kriterien für eine akute bakterielle Rhinosinusitis erfüllt, kann der Arzt eine Antibiose erwägen. Eine Antibiose ist aber kein Muss! Die sehr umfangreiche Datenlage zur antibiotischen Behandlung der akuten bakteriellen Rhinosinusitis zeigt nur einen geringen Nutzen gegenüber Placebo. Die am häufigsten in Studien verwendeten Substanzen sind Amoxicillin, Amoxicillin mit Clavulansäure, Cefuroxim-Axetil und Levofloxacin/Moxifloxacin (1).




Foto: Shutterstock/David Franklin


Stark empfohlen von beiden Leitlinien wird die Therapie mit topischen Steroi­den (Fluticason, Mometason, Beta­methason) alleine oder in Kombination mit Antibiotika – sowohl bei akuten bakteriellen Erkrankungen als auch bei chronischen Formen (1, 2).

 

Verbessern sich die Symptome nicht (48 Stunden nach Antibiotika­gabe oder nach 14 Tagen Steroidbehandlung), führt an einer Vorstellung bei einem HNO-Spezialisten kein Weg vorbei. Dann ist eine umfangreiche Diagnos­tik indiziert (1).

 

Zusammenfassung

 

Die Erkältungsbehandlung hat einen immensen Stellenwert in der Gesundheitsversorgung, und die Apotheke nimmt dabei eine wichtige Schlüsselrolle ein. Die europäische Leitlinie stellt die derzeit aktuellste Therapieempfehlung zur Erkältungsbehandlung dar, sowohl für Apotheker und Hausärzte als auch für HNO-Spezialisten. Sie empfiehlt in der Grundversorgung eine Diagnostik des oberen Atemwegs­infekts lediglich anhand der Leitsymptome und des zeitlichen Verlaufs der Erkrankung.

 

Da die Erkrankung in der Regel selbstlimitierend ist, steht die symptomatische Behandlung mit Analgetika, Dekongestiva, pflanzlichen Arzneimitteln und isotoner Nasenspülung im Vordergrund. Neu für den deutschsprachigen Raum sind die positive Bewertung von Kombinationsarzneimitteln und die Präferenz systemischer vor lokalen Dekongestiva. Eine Kombination der unterschiedlichen Therapeutika scheint sinnvoll und kann befürwortet werden.

 

Die Selbstmedikation ist beendet bei einem dramatischen Verlauf der Erkrankung (starkes Fieber, Einfluss auf Organsysteme außerhalb der Nebenhöhlen) oder wenn die Symptome länger als zehn Tage anhalten oder sich nach fünf Tagen Behandlung nicht merklich bessern. /

 

Literatur beim Verfasser


Tipps für die Apothekenpraxis

Fünf und zehn Tage: Die Grenzen der Selbstmedikation!

 

Folgt man dem Behandlungsschema der europäischen Leitlinie zur Behandlung des oberen Atemweginfekts (Grafik), so ergibt sich für die Apotheke ein klar definierter Zeitraum, in dem Erkältungskrankheiten in der Selbstmedikation behandelt werden sollten. Bessern sich nach fünf Tagen die Symptome nicht (gleichbleibend oder sogar stärker werdend) oder halten sie länger als zehn Tage an, muss der Patient an seinen Hausarzt verwiesen werden. Es handelt sich wahrscheinlich um eine (gegebenenfalls zusätzliche) bakterielle (Super-)Infektion (1).

 

Diese eindeutige Definition des Zeitraums für die Selbstmedikation ist ein klarer Mehrwert für die professionelle Zusammenarbeit von Arzt und Apotheker.

 

Welche Kontraindikationen und Risikogruppen sind zu beachten?

 

Alle diskutierten Therapieoptionen haben ein sehr gutes Nutzen-Risiko-Profil. Für einige Patientengruppen sind Kontraindikationen zu berücksichtigen. Bei pflanzlichen Arzneimitteln sind dies überwiegend Unverträglichkeiten und Allergien. Die Wahl des Analgeti­kums sollte sich an der Präferenz des Patienten orientieren, da dieser in der Regel am besten weiß, welches Schmerzmittel ihm normalerweise hilft.

 

Bei Patienten mit schwerer Hyper­tonie und schweren Herz-Kreislauf-Erkrankun­gen sollten Dekongestiva zurückhaltend eingesetzt werden. Dies gilt sowohl für lokale als auch für syste­mische Mittel, da das Nebenwirkungsprofil dieser Wirkstoffe beinahe identisch ist (21). Die Patienten sollten auch bei einer Erkältung ärztlich therapiert werden. Eine Hypertonie, die bereits ärztlich überwacht und eingestellt ist, stellt aber in der Regel kein Problem für ein lokales oder systemisches Dekongestivum dar.

 

Können unterschiedliche Arz­nei­mit­tel gleichzeitig empfohlen werden?

 

Im Vordergrund der Therapie steht die Besserung der Lebensqualität des Patienten, da eine Erkältung in der Regel selbstlimitierend ist (1). Somit sollte unmittelbar eine Therapie zur schnellen Linderung der verstopften Nase und Nebenhöhlen und der erkältungsbedingten Schmerzen eingeleitet werden. Gleichwohl kann sehr gut ein pflanzliches Arzneimittel zusätzlich empfohlen werden. Die Kombination aus unmittelbarer und zeitlich versetzter Symptomlinderung ist ein proba­ter Therapieansatz für die Selbstmedikation und kann aus ärzt­licher Sicht befürwortet werden.

 

Es ist sogar davon auszugehen, dass Dekongestiva eine bessere Wirksamkeit der pflanzlichen Arzneimittel begünstigen könnten. Da systemische Dekongestiva die Ostien erweitern, werden die Nebenhöhlen besser belüftet und das gelöste Sekret kann besser abfließen. Ein klinischer Nachweis dieses postulierten Synergismus steht jedoch aus. Auch isotone Nasenspüllösungen können bei entsprechendem Patientenwunsch empfohlen werden, zusätzlich zu Analgetika, Dekongestiva und pflanzlichen Arzneimitteln.


Der Autor

Ludger Klimek fertigte nach dem Medizinstudium von 1987 bis 1992 eine wissenschaftliche Arbeit im Forschungslabor der Klinik für HNO-Heilkunde und Plastische Kopf- und Halschirurgie der RWTH Aachen an. Bis 1999 war er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Oberarzt an der HNO-Universitätsklinik Mainz tätig. Er ist Facharzt für HNO-Heilkunde mit den Zusatzbezeichnungen Allergologie, Umweltmedizin und Plastische Operationen. Professor Klimek leitet das Zentrum für Rhinologie und Allergologie in Wiesbaden.

 

Professor Dr. Ludger Klimek

Zentrum für Rhinologie und Allergologie

An den Quellen 10

65183 Wiesbaden

www.allergiezentrum.org



Beitrag erschienen in Ausgabe 39/2015

 

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