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Krebspatienten: Was ist schuld am Chemobrain?

MEDIZIN

 
Krebspatienten

Was ist schuld am Chemobrain?


Von Nicole Schuster / Zytostatika können bei Brustkrebs Leben retten. Als scheinbare Nebenwirkung beschreiben einige Patientinnen kognitive Defizite, ein Phänomen, das auch als sogenanntes Chemobrain bekannt ist. Studien zeigen jedoch, dass die Störungen schon vor der Behandlung bestehen. Die genaue Ursache ist unklar.

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Moderne Therapien ermöglichen es, dass immer mehr Frauen Brustkrebs überleben. Trotz körperlicher Rehabilitation fühlen sich viele von ihnen lange Zeit nicht voll einsatzfähig. Ein Grund kann eine noch recht unerforschte Erscheinung sein, die die kognitiven Fähigkeiten betrifft und sich klinisch in einem von Patientinnen als Chemo­brain – zu Deutsch Chemogehirn – bezeichneten Zustand äußert.

 

Die Betroffenen können sich schlecht konzentrieren, vergessen vieles, leiden an Wortfindungsstörungen und anderen kognitiven Einschränkungen. Die Auswirkungen auf den Alltag können massiv sein und beispielsweise zu einer verminderten Berufsfähigkeit, Problemen bei der Selbstversorgung und sozialer Isolation führen.




Konzentrationsprobleme und andere kognitive Einschränkungen nach einer Chemotherapie bezeichnet man als Chemobrain. Der Name legt einen ursächlichen Zusammenhang mit den verabreichten Zytostatika nahe, der jedoch nicht belegt ist.

Foto: Fotolia/drubig-photo


Das Phänomen geriet erstmals 1995 in den Fokus von Wissenschaftlern. Damals zeigte eine Untersuchung, dass drei Viertel von erfolgreich behandelnden Brustkrebspatientinnen über Einbußen der kognitiven Fähigkeiten klagten. Es folgten weitere Studien, bei denen sich der Anteil der Betroffenen zwischen 15 und mehr als 60 Prozent bewegte. Da diese Untersuchungen methodische Schwächen aufwiesen und beispielsweise die kognitiven Fähigkeiten nur im Verlauf der Therapie, nicht aber vorher untersuchten, ist ihre Aussagekraft eingeschränkt.

 

Zytostatika unter Verdacht

 

Zytostatika wie Anthrazykline, Taxane oder Cisplatin erschienen zunächst als Auslöser naheliegend. »Für verschiedene dieser Medikamente sind neurotoxische Nebenwirkungen durchaus bekannt«, sagte Professor Dr. Dirk Jäger vom Nationalen Centrum für Tumor­erkrankungen in Heidelberg der PZ. Zwar beziehen sich die beschriebenen Giftwirkungen in der Regel auf die peripheren Nerven und äußern sich etwa als Störungen des Tast- oder Berührungssinns oder der Feinmotorik; eine schädigende Wirkung auf das Zentralnervensystem lässt sich aber nicht ausschließen. Es liegen sogar Hinweise dafür vor.

 

So stellte eine Forschergruppe aus New York in Laborexperimenten fest, dass Zytostatika bestimmte Zelltypen im Gehirn schädigen können. Im Tierexperiment zeigte sich zudem, dass die Neurogenese, also die Neubildung von Nervenzellen im Gehirn, bei Mäusen nach Medikamentengabe beeinträchtigt war. Andere Studien ergaben, dass bestimmte Gehirnareale oder Aktivitäten bei behandelten Patientinnen verändert waren. Die Bedeutung dieser Forschungsergebnisse ist noch unklar.

 

Neben Zytostatika stehen auch andere Behandlungen als mutmaßliche Ursache in Verdacht, etwa endokrine Therapien (Antihormontherapien) gegen hormonell bedingte Krebsarten. Eine ausbleibende Estrogenwirkung im Gehirn könnte hier möglicherweise die kognitiven Einschränkungen auslösen. Allerdings kann auch das die Befunde nicht abschließend erklären, da die Störungen auch nach Strahlentherapien und längeren Narkosen auftreten.

 

Weitere Studien stellen den Zusammenhang mit der Chemotherapie infrage, unter anderem die Längsschnittstudie COGITO (Cognitive Impairment in Therapy of Breast Cancer), deren Ergebnisse Forscher der LMU München um Dr. Kerstin Hermelink 2007 im Fachjournal »Cancer« veröffentlichten (DOI: 10.1002/cncr.22610). Sie hatten mehr als 100 Brustkrebspatientinnen mit speziellen neuropsychologischen Tests vor, während und nach der Chemotherapie untersucht. Hier stellte sich heraus, dass einige Frauen ihre kognitive Leistung während der Therapie sogar verbessern konnten. Bei der Mehrheit blieben messbare Effekte allerdings ganz aus. Die Psychologin Hermelink hält die Gabe von Zytostatika daher nicht mehr für den alleinigen Auslöser.

 

Darauf weist auch eine andere Studie unter ihrer Leitung hin, die in diesem Jahr im »Journal of the National Cancer Institute« erschien (DOI: 10.1093/jnci/djv099). Hier waren schon vor der Behandlung etwas schlechtere kognitive Leistungen bei den Brustkrebspatientinnen im Vergleich mit einer Kontrollgruppe feststellbar. »Vermutlich erhöht die Chemotherapie bei einigen Frauen das Risiko für die kognitiven Defizite«, sagte Hermelink gegenüber der PZ. »Aber auch die seelische Last, an Krebs erkrankt zu sein, die Auswirkungen auf das normale Alltagsleben, krankheitsbedingte Veränderungen im Körper – etwa erhöhte Spiegel an Zytokinen – und eine schlechte Prognose könnten sich auf die kognitive Leistungsfähigkeit auswirken.«

 

Stress durch die Erkrankung

 

Ein Hinweis auf psychologische Faktoren lässt sich vielleicht auch aus ländervergleichenden Daten zur Häufigkeit des Chemobrain ableiten. Denn während sich die Therapiestandards meist gleichen, unterscheiden sich die Lebenssituationen oft erheblich. »In den USA leiden besonders viele Patientinnen unter kognitiven Defiziten im Zusammenhang mit einer Krebs­erkrankung. Hier spielt möglicherweise existenzieller Stress, hervorgerufen durch die häufig fehlenden sozialen Absicherungen im Krankheitsfall, eine ausschlaggebende Rolle«, vermutet Hermelink.




Eine Krebserkrankung bedeutet existenzielle Ängste und somit enormen Stress. Möglicherweise ist das der wahre Auslöser des Chemobrains.

Foto: Fotolia/igor


Extremer Stress wirkt sich wegen der hohen Cortisol-Ausschüttung messbar auf das Gehirn aus. Befunde wie eine Verkleinerung bestimmter Hirnareale, eine verminderte Neurogenese und eine verringerte kognitive Leistungsfähigkeit könnten sich ebenfalls mit Stress erklären lassen. Sollte sich die Annahme erhärten, dass Stress eine wesentliche Rolle spielt, wäre das Erlernen von gezielten Entspannungsmethoden eine Möglichkeit der Prävention. Nicht ganz außer Acht gelassen werden sollte auch, dass Krebs-begünstigenden Faktoren, etwa Rauchen oder einer schlechten Ernährung, oft ein schädigender Einfluss auf kognitive Fähigkeiten zugeschrieben wird.

 

Keine bleibenden Schäden

 

Bleibende Schäden brauchen Betroffene wohl nicht zu befürchten. Darauf lässt eine jüngst im »British Journal of Cancer« erschienene Veröffentlichung einer Arbeitsgruppe um Professor Dr. Robert Zachariae von der Universitätsklinik Aarhus in Dänemark hoffen (DOI: 10.1038/bjc.2015.243). Die Forscher befragten in einer epidemiologischen Studie fast 2000 Frauen sieben bis neun Jahre nach einer Brustkrebsoperation nach verschiedenen kognitiven Beschwerden. Als Ergebnis hielten sie fest, dass es keine signifikanten Unterschiede gab zwischen Frauen, die eine Chemo- oder endokrine Therapie erhalten hatten, und denen, die keine systemische Therapie bekommen hatten. Noch dazu unterschieden sich die Werte nicht von denen einer gesunden Normstichprobe.

 

Hermelink wertet dies als Mut machendes Ergebnis für die Betroffenen: »Patientinnen müssen wahrscheinlich nicht mit längerfristigen kognitiven Problemen rechnen, weder durch Chemo- oder endokrine Therapie noch durch die Erkrankung selbst.« Ärzte sollten Klagen über kognitive Defizite dennoch ernst nehmen. Frauen, bei denen diese Störungen im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung auftreten, könnten beispielsweise eher zu Depressionen neigen. Auch negative Gefühle wie Scham und Schuld, Ärger oder Feindseligkeit scheinen bei ihnen häufiger aufzutreten. Das durch die Krankheit verursachte Leid kann sich zudem bisweilen auch als posttraumatische Belastungsstörung auswirken, die dann auch die kognitiven Leistungen beeinträchtigt.

 

Dies alles sind klinisch relevante Störungen, die einer psychologischen Behandlung bedürfen und grundsätzlich therapierbar sind. Ein Chemobrain könnte ein Hinweis sein, dass eine Frau hier Hilfe braucht. Ärzte sollten sich allerdings nicht nur auf Brustkrebs­patientinnen konzentrieren. Wenn auch die kognitiven Einschränkungen bei ihnen am besten untersucht sind, zeigen Studien, dass diese etwa bei Hodenkrebs-, Leukämie- oder Lymphom-Patienten ebenso auftreten. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 36/2015

 

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