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Arzneimittelfälschungen: Ein Kilo Fake-Viagra bringt 90.000 Euro

POLITIK

 
Arzneimittelfälschungen

Ein Kilo Fake-Viagra bringt 90.000 Euro

Von Uta Grossmann

 

Der Internethandel mit Arzneimitteln ist für Professor Dr. Harald Schweim ein rotes Tuch. Er hält ihn für ein Einfallstor für Fälscher, die mit kriminellen Methoden hohe Gewinne einfahren – im Zweifel mit gesundheitsgefährdenden oder gar tödlichen Folgen. Unterdessen wächst die Zahl der Politiker, die den Versandhandel einschränken wollen.

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Harald Schweim schwenkte ein durchsichtiges Röhrchen mit Viagra-blauen Tabletten: Ein Werbegeschenk mit Lutschpastillen vom Pfizer-Stand sei das – und vielleicht die nächste Generation von Fälschungen des Potenzmittels. Ein Scherz, gewiss, aber mit ernstem Hintergrund. Professor Schweim warnte beim Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit vergangene Woche in Berlin eindringlich vor der Zunahme von Arzneimittelfälschungen. Er ist Inhaber des Lehrstuhls Drug Regulatory Affairs an der Universität Bonn und ehemaliger Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM).

 

Borsäure und Straßenfarbe

 

Würde ein von sexuellen Versagensängsten gebeutelter Mann im Glauben, es handele sich um Viagra, eine solche blau gefärbte Lutschpastille schlucken, passierte im Zweifel nichts – es wäre aber auch kein Schaden entstanden, vom sinkenden Selbstbewusstsein des Geplagten abgesehen. Anders bei Fälschungen, die unter abscheulichen hygienischen Umständen in Fälscherwerkstätten in Asien oder Lateinamerika produziert werden.

 

Schweim zeigte schockierende Bilder von Razzien in solchen Labors. Da waren Tabletten zu sehen, die selbst Fachleute nicht vom Original hätten unterscheiden können. Eine chemische Analyse ergab, dass sie Borsäure enthielten, mit gelber, bleihaltiger Straßenfarbe gefärbt und mit Fußbodenwachs überzogen waren.

 

In seinem Vortrag sprach Schweim von einem wachsenden Risiko, auch hierzulande an Arzneimittelfälschungen zu geraten. Das Problem ist seiner Aussage nach längst nicht mehr auf Entwicklungs- und Schwellenländer begrenzt, auch wenn es dort nach wie vor in erheblich größerem Ausmaß existiert. Aber Europa holt auf. An den Grenzen der Europäischen Union (EU) wurden im vergangenen Jahr nach Angaben der Europäischen Kommission 51 Prozent mehr gefälschte Medikamente abgefangen als 2006.

 

Für Kriminelle ist es lukrativer und technisch einfacher, Medikamente zu fälschen als illegale Drogen herzustellen. Die weltweite Nummer eins unter den Arzneimittelfälschungen, das Lifestyle-Präparat gegen Erektionsstörungen Viagra, bringt nach Angaben der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände auf dem Schwarzmarkt pro Kilogramm durchschnittlich 90.000 Euro. Ein Kilo Kokain ist für 65.000 Euro zu haben, ein Kilo Heroin für 50.000 Euro.

 

»Bei solchen Handelsspannen wundert es nicht, dass der internationale Schwarzmarkt mit gefälschten Arzneimitteln boomt«, so Magdalene Linz, Präsidentin der Bundesapothekerkammer. »Eine offene Flanke sind dabei dubiose Internetversender. Verbraucher können sich schützen, wenn sie ihre Arzneimittel nur bei einer niedergelassenen deutschen Apotheke beziehen.«

 

Auch Schweim hält den Internethandel für ein Einfallstor für Fälschungen. »Das Internet ist ein anarchistisches Medium«, sagte er. Verbraucher könnten unseriöse Internetapotheken nicht immer erkennen, wie sein Experiment mit der »Fake-Versand-Apotheke« gezeigt habe. Schweim hatte den Internetauftritt einer Versandhandelsapotheke nachgebaut und seine Studenten, Doktoranden und deren Familien als Testpersonen engagiert. Er fälschte das Impressum und das Gütesiegel des Bundesverbandes Deutscher Versandapotheken (BVDVA), beides Nachweise, anhand derer der Verbraucher die Seriosität des Angebots prüfen kann. Im Impressum gab er eine Telefonnummer in seinem Uni-Institut an. Anrufer erhielten so die »Bestätigung«, es handele sich um eine seriöse Versandapotheke.

 

Schweim zeigte, wie einfach es ist, den Eindruck von Glaubwürdigkeit zu erwecken – doch sein Experiment belegt auch, wie leicht sich Verbraucher täuschen lassen. So schrieb er etwa in die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB), der Sinn dieser Seite sei, den Kunden zu betrügen. Offenbar hat niemand die AGB gelesen, »die Leute bestellten einfach«, so Schweim. Er bot Online-Konsultationen mit einem vermeintlichen Arzt an und wunderte sich, welche intimen Details aus ihrem Privatleben die potenziellen Kunden dort offenbarten. Dabei sind solche Online-Konsultationen in Deutschland verboten.

 

Der Professor hält die Erlaubnis des Internethandels mit Arzneimitteln für einen Kardinalfehler. Illegale und kriminelle Versender segelten im Windschatten der legalen Versandapotheken. Deshalb wünscht sich der streitbare Professor, die Politiker sähen das ein und würden zumindest den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Medikamenten wieder verbieten.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 24/2008

 

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