Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

Gefahren im Badeurlaub: Petermännchen und andere Überraschungen

PHARMAZIE

 
Gefahren im Badeurlaub

Petermännchen und andere Überraschungen

Von Nanna Y. Schürer

 

Jeden Sommer machen etwa 150 Millionen Badegäste schmerzhafte Bekanntschaft mit Feuerquallen, Korallen oder Seeigeln. Der Kontakt mit einigen giftigen Meeresbewohnern kann für den Menschen tödlich sein. Passiv giftige Tiere führen nach Verzehr zur Lebensmittelvergiftung, aktiv giftige bringen ihr Gift nach Verletzung über die Wunde in das Opfer.

ANZEIGE

 

Petermännchen gehören zu den giftigsten Fischen Europas und kommen an der Atlantik-Küste, im Mittelmeer und im Schwarzen Meer vor. Zur Laichzeit (Frühjahr, Sommer) suchen sie flache Gewässer auf und graben sich in Strandnähe ein. Ihre Rückenflosse ist mit vier bis acht Giftdrüsen versehen. Das Gift besteht aus hitzeempfindlichen Proteinen, Serotonin, Histamin und Trachinin.

 

Eine Vergiftung, meist durch Barfußlaufen in flachen Gewässern, verursacht heftige Schmerzen und lokale Gewebsnekrosen. Bei Verletzung muss die Wunde gereinigt und die Tetanusprophylaxe überprüft werden. Da Petermännchen insbesondere in Frankreich beliebte Speisefische sind, sollte beim Kauf darauf geachtet werden, dass sämtliche Dornen und Stacheln entfernt wurden.

 

Herzstillstand durch Steinfische

 

Steinfische leben in flachen Küstengewässern. Sie kommen im Indischen und Stillen Ozean vor. Das in Drüsen am Grunde der Rückenflossenstacheln produzierte Gift ist dem Schlangengift der Kobra sehr ähnlich. Es bewirkt Nervenlähmungen, Atemnot und Herzstillstand. Eine aktive Hyaluronidase dient als »spreading factor«, erweitert die Zellzwischenräume und erleichtert die Ausbreitung des Gifts (Stonustoxin).

 

Badende können auf die gut getarnten Fische treten. Erste-Hilfe-Maßnahmen umfassen die Desinfektion der Wunde, die Entfernung von Stachel und Geweberesten. Das Gift ist hitzelabil. Deshalb wird bei Verletzung die Heißwassermethode empfohlen: Der betroffene Körperteil wird in tolerierbar heißes Wasser (circa 45 °C) gehalten. In Australien wurde ein Gegengift (Commonwealth Serum Laboratories, Parkville) entwickelt, das bei rechtzeitiger Gabe lebensrettend sein kann.

 

Seeigel kommen in allen Weltmeeren vor. Sie leben verborgen in den Spalten von Riffen oder Felsen. Die meisten Seeigelarten verursachen durch ihre Stacheln Verletzungen, nur wenige Arten haben Greifzangen und Gift. Verletzungen an Seeigeln sind häufig. Therapiert wird ausschließlich symptomatisch.

 

Nesseltiere wie Quallen oder Polypen sind Tierarten, die bei Kontakt nesseln. Angriffspunkt der Gifte ist die Zellmembran, freigesetztes Neurotoxin wirkt auf die Natriumkanäle.

 

Während Quallen meist passiv in den Meeresströmungen mitschwimmen und ihre Tentakel frei nach unten hängen, sind Polypen durch ihre Basalscheibe fest auf einem Substrat verankert. Polypen treten oft in großen Kolonien auf.

 

Die Portugiesische Galeere kommt im tropischen Atlantik und in der Karibik vor. Ihre Tentakel sind mit Nesselkapseln (bis zu 1000/cm2) versehen. Die Nesselkapseln enthalten ein komplexes Gemisch toxischer Proteine: Elastasen, Endonukleasen, eine Kollagenase und das zytolytisch wirksame Physialiatoxin.

 

Bei Berührung zeigt sich auf der Haut ein an Striemen erinnerndes Verletzungsmuster, sofort setzt starker Schmerz ein. Im Vordergrund stehen lokale Hautveränderungen. Im Rahmen von Erste-Hilfe-Maßnahmen müssen zuerst die Tentakel entfernt werden. Eine spezifische Therapie gibt es nicht. In Australien werden vorbeugend immer wieder Strände gesperrt, da von Oktober bis Mai Portugiesische Galeeren zum Teil massenhaft auftreten.

 

Würfelqualle gefährlichstes Nesseltier

 

Die Kompassqualle kommt im Pazifik und tropischen Atlantik vor. Ihre Nematocysten (Nesselkapseln) beinhalten Enzyme (Esterasen, Proteasen, Hyaluronidasen) und kardio- sowie neurotoxisch wirksame Proteine. Erste-Hilfe-Maßnahmen umfassen die Entfernung der Tentakel und die Neutralisation mit Ammoniumbicarbonat (Backpulver).

 

Die Leuchtqualle kommt im Mittelmeer und im tropischen Atlantik vor. Ihre Nematocysten beinhalten ein Gemisch von Proteintoxinen. Erste-Hilfe-Maßnahmen umfassen die Entfernung der Tentakel und die Neutralisation mit einer Magnesiumsulfatlösung.

 

Die Würfelqualle ist im ganzen westlichen tropischen Pazifik verbreitet. Sie ist das gefährlichste Nesseltier, zumal sie sich in Küstennähe aufhält. In jedem Tentakel befinden sich Millionen von Nesselzellen, die aufgerollte Pfeile beinhalten. Diese durchdringen bei Berührung die Haut. Das in die Blutbahn gelangte Gift kann tödlich für den Menschen sein. Eine Erste-Hilfe-Maßnahme ist die Inaktivierung mit Haushaltsweinessig. Ein spezifisches Antiserum steht in Australien zur Verfügung.

 

Kegelschnecke feuert tödliche Pfeile

 

Schön gemusterte Kegelschnecken sind bei Sammlern sehr beliebt. Der Griff nach den besonders schönen Exemplaren aus den tropischen und subtropischen Gewässern des Indopazifiks musste aber schon oft mit dem Leben bezahlt werden. In ihrem Gehäuse sitzen Pfeile, die die Schnecke wie Harpunen auf ihre Opfer, Fische und Würmer, abfeuert.

 

Das aus mehr als 50 Einzelstoffen bestehende Gift dieser Geschosse ist auch für Menschen tödlich. Zu den isolierten neurotoxischen Substanzen gehören die α-, ω-, μ-, δ-Conotoxine. Das α-Conotoxin weist curareähnliche Wirkungen auf, ω-Conotoxin ist ein Calciumkanalantagonist und δ- sowie μ-Conotoxin greifen die Natriumkanäle der Muskelzellmembran an.

 

Besonders gefährlich ist das Gift des bis zu 15 cm großen Conus geographus. Bei Verletzung sind Lokalreaktionen minimal, die Einstichstelle wird gefühllos, mit der Zeit stellt sich eine Muskellähmung und in der Folge Atemlähmung ein. Primär kommen Erste-Hilfe-Maßnahmen zum Einsatz.

 

Die Myiasis-Fliege verursacht 0,7 Prozent der infektiösen Hautveränderungen bei Tropenrückkehrern. Die Weibchen legen zahlreiche Eier, bevorzugt auf sandigen Böden, teilweise aber auch auf Wäsche. Die geschlüpften Larven dringen bei Kontakt in die Haut ein.

 

Nach sechs bis zwölf Wochen entsteht eine schmerzhafte, furunkelartige Schwellung mit zentraler Atemöffnung. Aus dieser schlüpft die fertige Drittlarve der Fliege. Die Larven lassen sich nach chirurgischer Exzision mit einer Pinzette herausziehen. Verlauf und Inkubationszeiten unterscheiden sich je nach Fliegenart und Vorkommen.

 

Hakenwürmer treten weltweit auf. Übertragen werden die Larven vor allem beim Barfußlaufen an Stränden mit Hunde- oder Katzenkot. Die Larven dringen beim Fremdwirt meist an Händen und Füßen in die Haut. Bei ihrer Wanderung in die Dermis (wenige Millimeter bis einige Zentimeter täglich sind möglich) entstehen dann juckende, gewundene, entzündete Gänge (Hautmaulwurf-Befall, Larva migrans cutanea, Creeping eruption). Ohne Therapie sterben sie nach circa drei Wochen ab. Behandelt wird mit Thiabendazol-Salbe.

 

Gefahr vermeiden

 

Saugwürmer, beziehungsweise ihre Larven, sind Auslöser einer Badedermatitis. Der Lebenszyklus dieser Cerkarien beinhaltet das Vorkommen von Schnecken in Süßwasser-Badeseen. Die Cerkarien können auch in die menschliche Haut eindringen (Fehlwirt). Dort gehen sie jedoch kurz nach ihrer Invasion zugrunde und verursachen schließlich eine mit starkem Juckreiz verbundene Hautreaktion. Um die Risiken an Stränden und in Küstennähe möglichst gering zu halten, sollten Badeschuhe im Reisegepäck nicht fehlen.

 

 

Literatur

... bei der Verfasserin

 

 

Anschrift der Verfasserin:

Professor Dr. Nanna Y. Schürer

Universität Osnabrück

Sedanstraße 115

49090 Osnabrück

nschuere(at)uos.de


Weitere Themen im Ressort Pharmazie...

Beitrag erschienen in Ausgabe 23/2008

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 











DIREKT ZU