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Wissenschaft: Forschen ohne Tierversuche

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Wissenschaft

Forschen ohne Tierversuche


Von Anna Hohle / Zellkulturen, Biochips, Computermodelle: Wissenschaftler haben sich in den vergangenen Jahren einiges einfallen lassen, um Medikamente und Chemikalien nicht länger an Tieren testen zu müssen. Trotzdem sind einige Forscher der Meinung, dass medizinischer Fortschritt ohne Tierversuche nicht möglich ist. Andere kritisieren diese Haltung: Ihnen zufolge wird jedes einzelne Versuchstier unnötig gequält.

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Jedes Jahr werden in Deutschland rund 3 Millionen Tiere für wissenschaftliche Versuche eingesetzt. Ein Großteil davon sind Ratten und Mäuse, aber auch Kaninchen, Meerschweinchen, Vögel, Fische und sogar Hunde und Katzen dienen als Testobjekt für Substanzen oder medizinische Eingriffe. Ob dieser massenhafte Einsatz von Tieren angebracht ist, wird immer wieder diskutiert. Unter Forschern, Ärzten und auch in der Allgemeinbevölkerung finden sich erbitterte Gegner genauso wie Befürworter des Tierversuchs.




Vor allem Mäuse und Ratten werden häufig in der Forschung eingesetzt. Inzwischen gibt es allerdings vielversprechende Alternativen zu Tierversuchen.

Foto: picture alliance/dpa-Zentralbild


Ob es überhaupt gerechtfertigt ist, ein Tier zu töten, um möglicherweise einen Menschen zu retten, ist eine moralische Frage, die eher in der Philosophie als in der Medizin verortet ist. Organisationen wie Ärzte gegen Tierversuche (ÄgT) beantworten sie mit Nein, gehen aber noch einen Schritt weiter: Tierversuche seien nicht nur aus moralischer, sondern auch aus medizinischer Sicht abzulehnen, lautet ihre These. Denn es gebe genügend Methoden, die ohne Versuchstiere auskommen und dabei bessere und zuverlässigere Ergebnisse liefern.

 

Mini-Organismus

 

Als besonders vielversprechend schätzen Forscher derzeit die Arbeit mit sogenannten Biochips ein. Für die Methode werden Mikro-Computerchips mit menschlichen Zellen, etwa Lungen-, Nieren- oder Nervenzellen, besetzt. Die Zellen bilden Fortsätze und treten entweder von selbst miteinander in Kontakt oder werden durch Mikro-Schläuche verbunden. So geben sie Auskunft über Stoffwechselvorgänge oder zeigen an, welche Abbauprodukte im Körper entstehen.

 

»Biochips sind eine Art Mini-Organismus, der das Zusammenwirken von verschiedenen menschlichen Organen simuliert«, sagt die Biologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin bei ÄgT, Silke Strittmatter. »Das funktioniert wie ein winziger Mensch: eine Revolution in der tierversuchsfreien Forschung.« Selbst verschiedene Geschlechter und Altersstufen ließen sich mithilfe der richtigen Zellen nachahmen.

 

Aber auch ohne Computerchips werden Substanzen statt am Tier im Reagenzglas (in vitro) getestet. Am häufigsten kommen hier menschliche Zellen oder Organe etwa aus Operationen zum Einsatz, aber auch Hühnereier, Bakterien, Pilze oder Pollen kommen als Testmaterial infrage. Längst zum wissenschaftlichen Standard geworden sind Chemikalientests an nachgebauten Hautzellen. Früher wurden dieselben Prüfungen standardmäßig an Kaninchen durchgeführt. Oft testen Forscher Medikamente auch an humanen Leberzellen, um zu erfahren, wie eine Substanz in diesem Organ abgebaut wird. Neben den Tests an organischem Material versprechen auch technische Methoden wie Computermodelle, Hochdruckflüssigkeitschromatografie und Immunfluoreszenztests Erfolg in der tierversuchsfreien Forschung.

 

In der Vergangenheit gab es bereits zahlreiche positive Beispiele für den Erfolg dieser Methoden: So werden monoklonale Antikörper heute nicht mehr im Bauch von Mäusen gezüchtet, sondern mithilfe von Bakterien produziert. Der Pyrogentest auf entzündlich wirkende Stoffe in Infusionen und Impfstoffen wird ebenfalls nicht mehr wie lange üblich an Kaninchen, sondern an menschlichem Blut durchgeführt.

 

Beispiel Contergan

 

ÄgT zufolge sind all diese Methoden nicht nur Alternativen zum Tierversuch, sondern weit effektiver als dieser. Immerhin lieferten sie genaue und wiederholbare Ergebnisse, was Tierversuchen nicht gelinge. Durch Tiertests komme es immer wieder zu dramatischen Fehlergebnissen, da der tierische und der menschliche Organismus einfach zu verschieden seien, so die Organisation. Der Contergan®-Skandal sei das berühmteste Beispiel: Bei verschiedenen Tierarten habe das Mittel im Test keine teratogene Wirkung gezeigt, ganz anders sah es beim Menschen aus.

 

Auch Asbest gegenüber sind Menschen 300-mal empfindlicher als Ratten, weshalb die Gefährlichkeit der Substanz jahrzehntelang unterschätzt wurde. Paracetamol dagegen ist Standardmittel in der Humanmedizin, aber giftig für Katzen. »Die Übertragung von Ergebnissen aus Tierversuchen auf Menschen ist immer ein unkalkulierbares Risiko für uns Verbraucher«, sagt Strittmatter.




Mithilfe von Zellkulturen können Forscher heute in vielen Fällen die Verträglichkeit von Arzneimitteln und Chemikalien testen.

Foto: Foto picture alliance / ZUMA Press


Das sehen die Befürworter von Tierversuchen ganz anders. Zwar sei es richtig, dass Tierversuche nie eins zu eins auf den Menschen übertragen werden können, heißt es etwa bei der Deutschen Forschungs­ge­mein­schaft (DFG). Dennoch hätten sie in der Vergangenheit wichtige Erkenntnisse erbracht, etwa in den Bereichen Immunologie und Transplantationsmedizin. Ohne Versuche an Hunden wäre der DFG zufolge die Wirkung des Insulins nicht entdeckt worden. Dasselbe gelte für die Entwicklung der Magnet­resonanz­tomografie. Auch in der Stammzell- und Genomforschung sei man nach wie vor auf Tierversuche angewiesen. Tumoren ließen sich ebenfalls nur im lebenden Organismus beobachten.

 

Solche Versuche zugunsten von Alternativmethoden gänzlich aufzugeben, sei eine Wunschvorstellung, heißt es in einer DFG-Publikation. »Das komplexe Zusammenwirken von Organen und Geweben kann nicht vollständig durch künstliche Systeme ersetzt werden.« Der gänzliche Verzicht auf Tierversuche würde den medizinischen Fortschritt drastisch verlangsamen, so die Organisation.

 

Viele Wissenschaftler plädieren deshalb dafür, Substanzen oder Behandlungen mit tierversuchsfreien Methoden zu prüfen, soweit es möglich ist, parallel aber weiter an Tieren zu testen. Ähnliches gibt auch das Gesetz vor: In Deutschland darf zumindest theoretisch kein Tierversuch durchgeführt werden, wenn es eine wissenschaftlich fundierte, erprobte Alternative gibt. Auch gilt das sogenannte 3R-Prinzip (replace, reduce, refine), das Forschungs­unter­nehmen vorschreibt, Tierversuche wo immer möglich zu ersetzen, die Zahl der Versuchstiere zu minimieren und deren Leid zu mindern.

 

ÄgT zufolge werden dennoch nach wie vor sinnlos Tierversuche durchgeführt. »92 Prozent aller an Tieren getesteten Medikamente scheitern später sowieso in der klinischen Prüfung am Menschen – das sagt doch viel darüber aus, wie unzuverlässig diese Methode ist«, sagt Strittmatter. Gerade wenn es um die Veröffentlichung ihrer Arbeit in Fachzeitschriften gehe, griffen außerdem viele Forscher auf eigentlich überflüssige Tierversuche zurück. »Das krampfhafte Festhalten am Tierversuch hat oft nicht mal wissenschaftliche Gründe, es basiert einfach auf Tradition.« Müssten sich etablierte Tierversuche heute unabhängig an tierversuchsfreien Methoden messen, würden sie den Vergleich verlieren, davon ist die Biologin überzeugt.

 

Menschliche Faktoren

 

In Tierversuchen werde außerdem völlig vernachlässigt, dass auch explizit menschliche Faktoren wie Ernährung, Stress und Umwelteinflüsse zu Krankheiten führen. Mithilfe von Epidemiologie und Obduktionen ließe sich etwa über typische Zivilisationskrankheiten mehr herausfinden als durch unsinnige Versuche an adipös gezüchteten Mäusen, argumentiert ÄgT. Nach Meinung der Organisation wären Gelder, die in solche Forschung gehen, weit besser in der Prävention angelegt.

 

Strittmatter und ihre Mitstreiter haben jedoch nur wenig Hoffnung, dass sich in Sachen Tierversuche in naher Zukunft etwas ändern wird. Die tierversuchsfreie Forschung werde jährlich nur mit 4 Millionen Euro gefördert, Forschung an Tieren dagegen mit Milliarden, heißt es in einer ÄgT-Broschüre. Allein die DFG habe einen Jahresetat von circa 2,7 Milliarden Euro, größtenteils aus Steuergeldern. Außerdem würden sich insbesondere Arzneimittelhersteller mit Tierversuchen rechtlich absichern. »Auch weiterhin werden viele Tiere leiden, ohne dass daraus ein medizinischer Nutzen entsteht«, so Strittmatter. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 21/2015

 

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