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Zuckerintoleranzen: Mit Karenz beschwerdefrei

TITEL

 
Zuckerintoleranzen

Mit Karenz beschwerdefrei


Von Annette Immel-Sehr / Viele Menschen sind überzeugt, bestimmte ­Lebensmittel nicht zu vertragen; oft lautet die Eigen­diagnose dann Allergie. Tatsächlich ist eine Lebensmittelallergie vergleichsweise selten. Viel häufiger sind andere Ursachen. Die Beschwerden können beispielsweise darauf beruhen, dass der Körper bestimmte Zucker nicht oder nur begrenzt verwerten kann.

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Unter dem Begriff »Zuckerunverträglichkeiten« wird eine Reihe von nicht-immunologischen Erkrankungen zusammengefasst (Grafik). Gemeinsam ist ihnen, dass ein Zucker, der mit der Nahrung aufgenommen wird, nicht resorbiert oder nicht verstoffwechselt wird. Der nicht resorbierte Zucker gelangt in den Dickdarm, wo er osmotisch wirkt und/oder von Darmbakterien zu kurzkettigen Fettsäuren, Methan, Kohlendioxid und Wasserstoff verstoffwechselt wird. Das Beschwerdebild ist oft ähnlich: Diarrhö, Meteorismus, Flatulenz sowie Bauchschmerzen und -krämpfe. Die Beschwerden setzen oft schon 30 Minuten nach der Mahlzeit ein und können sechs bis neun Stunden anhalten. Nachts und bei Nahrungs­karenz sind die Betroffenen dagegen meist beschwerdefrei.




Mechanismen der nicht-immunologisch vermittelten Unverträglichkeit von Kohlenhydraten (KH); modifiziert nach (1); GALT: Galactose-Transferase

Die häufigsten Intoleranzen treten bei Lactose, Fructose und Sorbitol auf. Es wird geschätzt, dass 7 bis 20 Prozent der Bevölkerung Lactose nicht vertragen, 15 bis 25 Prozent nicht Fructose und 8 bis 12 Prozent nicht Sorbitol (1).

 

Da Beschwerden wie Flatulenz, Diarrhö und Bauchschmerzen sehr unspezifisch sind, haben die Betroffenen oft einen langen Leidensweg hinter sich, bis die Ursache ihrer Beschwerden geklärt wird. Diagnostisch abzugrenzen sind beispielsweise Nahrungsmittelallergien, Reizdarmsyndrom, chronische Infektionen und eine bakterielle Überwucherung des Dünndarms.

 

Eine medikamentöse Behandlung ist nicht möglich. Die Therapie besteht ­darin, die Aufnahme des betreffenden Zuckers zu vermeiden oder zu reduzieren beziehungsweise die Zusammensetzung der Mahlzeiten zu verändern. Dabei muss die Kost vielseitig und schmackhaft bleiben und es darf keine Mangelversorgung mit Vitaminen oder Mineralstoffen entstehen. Apotheker sollten Kunden mit entsprechenden Symptomen abraten, auf eigene Faust eine Ernährungstherapie durchzuführen und einfach bestimmte Lebensmittel vom Speiseplan zu streichen. Eine langfristig einseitige Ernährungsweise schränkt nicht nur die Lebensqualität ein, sondern birgt immer auch die Gefahr, dass ein Nährstoffmangel entsteht – wenn die Betroffenen beispielsweise rigoros auf Milch und Milchprodukte oder Obst und Gemüse verzichten.

 

Somit steht die fundierte Diagnose immer an erster Stelle. Danach sollte ein Ernährungsberater hingezogen werden, der den Betroffenen über einige Wochen bei der Ernährungsumstellung begleitet.

 

Von diesen Unverträglichkeiten sind die hereditäre Fructose-Intoleranz und die Galactosämie abzugrenzen, die auf einer anderen Pathophysiologie beruhen und zu wesentlich schwereren Symptomen führen.

 

Diagnose in der Ausatemluft

 

Bei Verdacht auf Zuckerunverträglichkeit sollte der Betroffene über mindestens eine Woche ein Ernährungs- und Symptomprotokoll schreiben, um den Verdacht zu präzisieren. Zur genauen Abklärung dient dann meist ein Atemtest, bei dem der Wasserstoffgehalt in der ausgeatmeten Luft gemessen wird. Wasserstoffgas entsteht im menschlichen Körper nur aus dem Stoffwechsel der Darmflora. Ein Teil davon wird durch Diffusion resorbiert und über die Lunge abgeatmet.




Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfall gehören zu den typischen Anzeichen einer Zucker-Unverträglichkeit.

Foto: Fotolia/absolutimages


Zu Beginn des Tests wird der Wasserstoffgehalt in der Ausatemluft bestimmt. Danach trinkt der Patient zügig 300 ml einer Testlösung, die je nach Fragestellung 50 g Lactose, 25 g Fructose oder 5 bis 10 g Sorbitol enthält. Im Abstand von 30 Minuten wird dann über drei Stunden der Wasserstoffgehalt in der Ausatemluft gemessen. Steigt die H2-Ausatmung deutlich an und treten zudem die gewohnten ­Beschwerden auf, gilt der Befund als pathologisch.

 

Zu einem falsch negativen Befund kommt es bei sogenannten »H2-Non-Producern«, die aufgrund der individuellen Zusammensetzung ihrer Darmflora keinen Wasserstoff bilden. Dies lässt sich kontrollieren, indem der Atemtest mit Lactulose wiederholt wird. Da Lactulose nicht resorbiert und vollständig im Dickdarm metabolisiert wird, ist ein Anstieg der Werte zu erwarten. Bleibt dieser aus, ist der Betreffende tatsächlich ein Non-Producer. Für die Diagnose müssen dann entweder andere Testverfahren oder nur die klinische Symptomatik herangezogen werden (2).

 

Dagegen kann eine bakterielle Fehlbesiedelung des Dünndarms Symptome wie bei einer Zucker-Intoleranz auslösen und einen positiven Ausatemtest bewirken (Kasten).

 

Lactose (Milchzucker) ist ein Disaccharid aus Galactose und Glucose, das nicht resorbiert wird. Erst nach der Spaltung in die Monosaccharide kann der Körper die Zuckerbausteine verwerten. Dieser Schritt erfolgt durch das ­Enzym Lactase in den Zellen des Bürstensaums des Dünndarms.

 

Lactose-Intoleranz

 

Für Säuglinge ist es äußerst wichtig, Milchzucker zur Energiegewinnung und als Galactose-Quelle nutzen zu können. Nach der Stillzeit benötigt der Mensch die Lactase allerdings nicht mehr unbedingt. Daher nimmt ihre Aktivität ab oder kommt ganz zum Erliegen – jedenfalls bei der überwiegenden Mehrheit der Weltbevölkerung. Bei Völkern, die seit Langem Milchviehzucht betreiben, setzten sich allerdings vor etwa 5000 bis 10 000 Jahren Genveränderungen durch, die es den Menschen ermöglichten, auch als Erwachsene noch Milch zu trinken. Dies war vermutlich ein Überlebensvorteil, da den Menschen somit eine weitere Quelle für Flüssigkeit, Kalorien und Vitamin D zur Verfügung stand (3).

 

Derartige Genvarianten findet man bei nordeuropäischen Völkern sowie bei afrikanischen und arabischen Nomadenstämmen (4). Die Fähigkeit, Milchzucker zu verstoffwechseln, ist demnach in der Weltbevölkerung unterschiedlich verteilt und variiert zudem innerhalb der ethnischen Gruppen. Was in unseren Breiten als Erkrankung gilt, ist weltweit betrachtet die Normalität.

 

Bei Europäern kann die Lactase-Aktivität im Lauf des Lebens abnehmen. Dies kann zur Folge haben, dass Erwachsene Milch irgendwann nicht mehr gut vertragen.

 

Nicht immer symptomatisch




Säuglinge und Kleinkinder vertragen Milch meist gut. Mit zunehmendem Alter kann die Lactose-Verträglichkeit abnehmen.

Foto: Fotolia/st-fotograf


Verliert der Körper die Fähigkeit, Lactose zu verdauen, führt das nicht zwangsläufig zu Beschwerden. Erst wenn die Lactase-Aktivität mehr als 50 Prozent abgenommen hat, treten Verdauungsprobleme auf. Zudem beeinflussen Variablen wie Magenentleerungs- und Dünndarmtransitzeit sowie Zusammensetzung der Darmflora, ob es überhaupt zu Beschwerden kommt (1). ­Daher unterscheiden Ernährungsmediziner zwischen Lactose-Maldigestion (symptomfrei) und Lactose-Intoleranz (Symptome). Schätzungsweise bei einem Drittel der Menschen mit verringerter Lactase-Aktivität treten Beschwerden auf (4).

 

Zudem wird diskutiert, ob eine ­Lactose-Intoleranz auch andere als gastrointestinale Symptome auslösen kann, beispielsweise Kopfschmerzen, Schwindel, Gedächtnisstörungen oder Arrhythmien. Diese könnten auf toxische Metaboliten aus der Lactose-Fermentation im Dickdarm zurückzuführen sein (4).

 

Relativ häufig ist die Lactose-Intoleranz Folge einer Darmerkrankung oder -schädigung (sekundäre Lactose-Intoleranz). Ursachen können beispiels­weise Zöliakie, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Darmoperationen, Strahlentherapie oder Magen-Darm-Infektionen sein. Wird die Grunderkrankung erfolgreich therapiert, normalisiert sich der Lactose-Abbau in der Regel wieder. Falls das nicht möglich ist, sollte die Lactose-Intoleranz konsequent behandelt werden, da sie den Krankheitsverlauf der Grunderkrankung meist negativ beeinflusst und die Lebensqualität erheblich belastet.

 

Extrem selten liegt ein Lactase-Mangel schon bei der Geburt vor (kongenitaler Lactase-Mangel oder Alactasie). Dies führt bereits im Säuglings­alter zu schweren Gedeihstörungen, da das Baby die Muttermilch nicht aus­reichend verwerten kann. Die Kinder benötigen eine lactosefreie Kost.


Bakterielle Fehlbesiedelung des Dünndarms

Normalerweise ist der Dünndarm kaum von Bakterien besiedelt. Unter bestimmten Umständen kann es jedoch zu einer bakteriellen Überwucherung kommen, beispielsweise bei exokriner Pankreasinsuffizienz, insuffizienter Salzsäureproduktion, verzögerter Transitzeit oder großen Dünndarmventrikeln (2). Die Symptome können denen einer Zuckerintoleranz ähneln: Diarrhö, Flatulenz und Leibschmerzen. Die Betroffenen bemerken, dass die Beschwerden nach dem Verzehr bestimmter Lebensmittel besonders stark sind und vermuten deswegen eine Nahrungsmittelunverträglichkeit. Der H2-Atemtest ist positiv, denn die pathologisch angesiedelten Bakterien verstoffwechseln Zuckermoleküle zu Wasserstoff, bevor diese resorbiert werden können.

 

Bei Verdacht auf eine bakterielle Dünndarmbesiedelung wird der Atemtest mit Glucose wiederholt. Normalerweise wird Glucose vollständig im proximalen Dünndarm resorbiert und erreicht nicht den Dickdarm. Nur bei bakterieller Fehlbesiedelung des Dünndarms kann sie unter H2-Bildung abgebaut werden (2).

 

Die Beschwerden verschwinden, wenn die im Dünndarm siedelnden Bakterien, beispielsweise mit Neomycin, eradiziert werden (4).


Ernährung nicht unnötig einschränken

 

Milcheiweißallergiker müssen strikte Karenz einhalten, da eine allergische ­Reaktion schon bei kleinsten Eiweißmengen auftreten kann. Der Hinweis »Kann Spuren von Milch enthalten« ist für Menschen mit Lactose-Intoleranz dagegen nicht von Bedeutung. Hier gestaltet sich die Diät deutlich moderater.




Das dürfen auch Menschen mit Lactose- Intoleranz essen: Hartkäse.

Foto: DAK


Menschen mit Lactose-Intoleranz müssen fast nie vollständig auf Milchprodukte verzichten, da sie in der Regel eine gewisse Menge von Lactose vertragen – schätzungsweise bis zu 12 g pro Tag (4). Nur selten kommt es bereits bei sehr geringen Lactose-Mengen unter 3 g zu Unverträglichkeitsreaktionen (5). Unter diesem Aspekt sind die Lactose-Mengen in Tabletten in der Regel kein Problem.

 

Therapeutisch ist trotzdem eine gut durchdachte Ernährungsumstellung erforderlich. Dazu empfiehlt sich ein stufenweises Vorgehen. Es beginnt mit einer Karenzphase, in der der Betroffene etwa drei Wochen lang möglichst vollständig auf Lactose verzichtet. Damit sollte er beschwerdefrei werden. 




Das dürfen auch Menschen mit Lactose- Intoleranz essen: lactosefreies Brot.

Foto: Fotolia/Marco2811


Ist dies nicht der Fall, ist die Diagnose zu hinterfragen. Um den Gastrointestinaltrakt in der Karenzphase möglichst zu schonen, ist eine leichte Vollkost empfehlenswert. Bei dieser Kostform verzichtet man auf Lebensmittel, Gerichte oder Zubereitungsverfahren, die erfahrungsgemäß schwer verdaulich oder reizend sind, beispielsweise blähende, scharfe und fettreiche Speisen.

 

Nach der Karenzphase beginnt die Aufbauphase. Schrittweise werden Lactose-haltige Lebensmittel wieder in die Ernährung aufgenommen und ihre Verträglichkeit dokumentiert.

 

Nach und nach findet der Betroffene seinen individuellen Schwellenwert und relevante Einflussfaktoren. Er lernt unter Anleitung des Ernährungsberaters lactosereiche, -arme und -freie Lebensmittel kennen (Tabelle 1). In der Beratung ist auch auf »versteckte« Lactose hinzuweisen, die in zahlreichen Lebensmitteln als Zusatzstoff enthalten ist. Enthält ein Lebensmittel Milch und Milchprodukte (einschließlich Lactose), muss dies unabhängig von der Menge auf der Packung angegeben werden. Seit Ende des letzten Jahres muss diese Information auch bei sogenannter loser Ware für den Verbraucher verfügbar sein, also beispielsweise an der Back­waren- und Fleischwarentheke, im Restaurant und in der Kantine.

 

Um eine vielseitige Ernährung zu ermöglichen und keinen Nährstoffmangel zu riskieren, ist es sinnvoll, die ­individuell mögliche Lactose-Menge auszuschöpfen. Gerade die Versorgung mit Calcium ist bei Lactose-Intoleranz gefährdet. Daher enthalten alternative »Milche« aus Soja oder Hafer oft einen Calciumzusatz. Mittlerweile gibt es aber auch in jedem größeren Supermarkt lactosefreie Kuhmilch und daraus hergestellte Produkte zu kaufen. Dieser Milch wurde bereits in der Molkerei Lactase zugesetzt. Durch die Spaltung des Milchzuckers in Glucose und Galactose entsteht der leicht süßliche Geschmack der lactosefreien Kuhmilch.

 

Zudem sind viele herkömmliche Milchprodukte per se lactosefrei oder -arm. Dies betrifft Sauermilchprodukte wie Dickmilch oder Joghurt, bei denen Milchsäurebakterien einen Teil des Milchzuckers in Milchsäure umgewandelt haben, sowie Hartkäse (Tabelle 1). Für die Calciumversorgung ist es wichtig, dass die Betroffenen verstehen, dass sie nicht grundsätzlich auf Milchprodukte verzichten müssen.

 

Im realen Leben, beispielsweise bei einem Fest oder auf Reisen, ist es oft nicht möglich, die Zusammensetzung einer Mahlzeit zu beeinflussen. In diesen Fällen ist die Einnahme eines ­Lactase-Präparats unmittelbar vor dem Verzehr empfehlenswert. Die richtige Dosierung zu wählen, ist allerdings mitunter schwierig, da diese von der ­individuellen Lactase-Restaktivität und der Zusammensetzung der Mahlzeit abhängt.


Tabelle 1: Lactosegehalt ausgewählter Lebensmittel; Auswahl nach (8)

Lebensmittel Lactose (g/100 g) 
Lactosegehalt < 1 g/100 g*  
Bitterschokolade (75 Prozent Kakao) 0 bis 0,5 
Mozzarella 0,5 bis 2 
Brie 0,5 
Butter 0,1 bis 1 
Camembert 0,1 bis 1 
Feta-Käse (45 Prozent Fett) 0,5 bis 0,7 
Lang gereifter Hartkäse (zum Beispiel Gouda, Tilsiter, Bergkäse) 0 bis 0,4 
Parmesan 0,06 
Ricotta 0,3 bis 1 
Lactosegehalt < 1 bis 5 g/100 g  
Buttermilch 4 bis 5 
Hüttenkäse 
Magerquark 3 bis 4 
Nuss-Nougat-Creme 1,5 bis 3 
Sauerrahm (15 Prozent Fett) 3,2 
Joghurt 3,2 bis 4,5 
Vollmilch 4,6 bis 4,8 
Lactosegehalt > 5 g/100 g  
Eiscreme 6 bis 7 
Schmelzkäse (45 Prozent Fett i. Tr.) 6,3 
Milchschokolade 9,5 
Kondensmilch 9 bis 13 

*) bei Lactose-Intoleranz meistens verträglich


Fruchtzucker-­Unverträglichkeit

 

Fructose wird im menschlichen Darm vor allem über das Glucose-Transportsystem GLUT-5 in der Bürstensaummembran aufgenommen. Anders als bei Glucose, die im oberen Duodenum vollständig resorbiert wird, ist die Resorptionskapazität für Fructose begrenzt. Die Resorptionsgrenze ist normalerweise erreicht, wenn der Mensch auf einmal mehr als 35 bis 50 g Fructose zu sich nimmt. Diese Menge ist zum Beispiel in einem halben Liter Traubensaft oder 200 g Datteln enthalten. Flutet mehr Fruchtzucker schnell an, ist das Transportsystem bald überlastet: Fructose gelangt in den Dickdarm und führt dort auf osmotischem Weg zur Diarrhö (Apfelsaft-Durchfall). Wird Fructose dagegen zusammen mit Ballaststoffen aufgenommen, steigt die Fructosemenge im Dünndarm nur langsam an und das Transportsystem wird nicht überlastet.

 

Die Kapazität von GLUT-5 ist zudem keine starre Größe, sondern wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst, ­insbesondere von gleichzeitig aufgenommenen Nährstoffen. Sie steigt in An­wesenheit von Glucose oder Aminosäuren und sinkt bei Alkoholkonsum, fettarmer Kost sowie beim Verzehr von Sorbitol, das den Transporter blockiert (1).

 

Für die Beratung in der Apotheke ist wichtig: Auch Acarbose und andere osmotisch wirksame Substanzen wie Mannitol und Xylitol senken die Kapazität des Transporters (1).

 

Von Fructose-Malabsorption spricht man erst, wenn die Aufnahmekapazität weniger als 25 g Fructose beträgt und typische Symptome auftreten (6). Ursache ist ein Defekt am GLUT-5. Keinesfalls darf man die Malabsorption verwechseln mit der lebensbedrohlichen hereditären Fructose-Intoleranz (Kasten).


Hereditäre Fructose-Intoleranz

Die Fructose-Malabsorption ist nicht zu verwechseln mit einer hereditären Fructose-Intoleranz. Zugrunde liegt ein seltener Enzymdefekt, der mit einer Häufigkeit von 1:20 000 bis 1:30 000 bei Neugeborenen diagnostiziert wird. Ein Defekt am Enzym Aldolase B hat zur Folge, dass Fructose-1-Phosphat im Körper nicht abgebaut werden kann und in Leber, Niere und Dünndarm kumuliert. Bei Zufuhr von Fructose, auch in Form von Zwei- oder Mehrfachzuckern, kommt es zu Bauchschmerzen, Erbrechen und Hypoglykämie. Langfristig treten Gedeihstörungen sowie Leber- und Niereninsuffizienz auf.

 

­Betroffene müssen lebenslang eine streng fructosearme Kost einhalten.


Fructose-Zufuhr modifizieren

 

Fruchtzucker spielt in unserer Ernährung zunehmend eine Rolle. Zum einen essen viele Menschen viel Obst. Zum anderen findet sich Fructose aufgrund verschiedener technologischer Vorteile in vielen Nahrungsmitteln. In Form von Sirup (Maissirup) wird sie beispielsweise häufig als Süßungsmittel eingesetzt. So wundert es nicht, dass eine Fructose-Malabsorption immer öfter diagnostiziert wird (5).

 

Zur Therapie wird eine Fructose-modifizierte Kost angestrebt. Konkret bedeutet dies, die Zufuhr von Fructose möglichst wenig einzuschränken, aber durch eine Kostumstellung deren Verträglichkeit zu verbessern.

 

Wie bei der Lactose-Intoleranz beginnt die Ernährungsumstellung mit einer Karenzphase. Dabei wird die Fructose-Zufuhr auf weniger als 10 g pro Tag begrenzt. Weitere Zuckeralkohole und Alkohol sollen vermieden werden (1). Wenn Beschwerdefreiheit erreicht ist, kann mit der Test- und Aufbauphase begonnen werden, in der fructosehaltige Lebensmittel schrittweise wieder in die Ernährung aufgenommen werden. Dabei geht es nicht nur um die verträgliche Gesamtmenge an Fructose, sondern auch um die Testung verschiedener Kombinationen. So ist es zum Beispiel günstig, Obst nicht isoliert, sondern mit Eiweiß, zum Beispiel in Joghurt oder Quark, aufzunehmen. Durch die langsamere Abgabe des Speisebreis vom Magen an den Dünndarm flutet die Fructose langsam an und das Transportsystem wird nicht überfordert.

 

In der Test- und Aufbauphase geht es auch darum, dem Patienten die ­Bedeutung des Glucose-Fructose-Verhältnisses in einem Lebensmittel zu erklären. Denn Glucose stimuliert den GLUT-5-Transporter. Deshalb werden Bananen (Glucose-Fructose-Verhältnis 1,5 : 1) bei Fructose-Malabsorption oft besser vertragen als Lebensmittel mit einem relativ höheren Fructose-Anteil, zum Beispiel Äpfel mit einem Glucose-Fructose-Verhältnis 1 : 3 (Tabelle 2). Auch die bewusste Erhöhung der Glucosemenge in gesüßten Speisen kann die Verträglichkeit verbessern. Die Einnahme von Xylose-Isomerase (Nahrungsergänzungsmittel) kann die Umwandlung von Fructose zu Glucose im Darm unterstützen und damit das Transportsystem entlasten (1).


Tabelle 2: Fructose-, Glucose-, Saccharose- und Sorbitolgehalt pro 100 Gramm Obst (frisch und getrocknet) und Obstsaft; X: keine Werte vorliegend; Auswahl nach (9)

Lebensmittel (100 g) Fructose (g) Glucose (g) Saccharose (g) Sorbitol (g) 
Frischobst     
Ananas 2,4 2,1 7,8 
Apfel 5,7 2,0 2,5 0,5 
Aprikose 0,9 1,7 5,1 0,8 
Birne 6,7 1,7 1,8 2,2 
Dattel 24,9 25,0 13,8 1,4 
Erdbeere 2,2 2,2 1,0 0,03 
Kirsche, süß 6,3 7,1 0,2 
Kiwi 4,6 4,3 0,2 
Pflaume 2,0 3,4 3,4 1,4 
Obstsäfte     
Apfelsaft 6,4 2,4 1,7 0,6 
Traubensaft 8,3 8,1 0,2 
Orangensaft 2,5 2,6 3,4 
Trockenobst     
Apfel 27,8 9,8 12,3 2,5 
Aprikose 4,9 9,7 28,7 4,6 
Pflaume 9,4 15,7 15,8 6,6 
Feige 23,5 25,7 5,9 
Rosinen 33,2 32,0 1,9 0,9 

Lebensbedrohliche Galactose-Intoleranz

 

Etwa eines von 40 000 Kindern kommt mit einem angeborenen Enzymmangel zur Welt, der zu einer Störung des ­Galactose-Stoffwechsels und damit zu einer erhöhten Konzentration von ­Galactose im Blut führt (Galactosämie). Meist geht dies auf einen partiellen oder vollständigen Mangel an Galac­tose-1-Phosphat-Uridyltransferase zurück.

 

Bei der leichten Verlaufsform kommt es zu Gedeihstörungen, Leber- und Milzvergrößerung sowie Linsentrübung. Schwere Formen gehen mit schweren Leber- und Nierenfunktionsstörungen einher und können zerebrale Schäden verursachen. Unabhängig von der Verlaufsform der Galactosämie müssen alle Patienten lebenslang eine streng galactosearme und lactosefreie Ernährung einhalten. Im Rahmen des Neugeborenenscreenings wird auf ­Galactosämie geprüft.

 

Probleme mit Sorbitol und Saccharose

 

Menschen mit Fructose-Intoleranz vertragen Sorbitol schlecht, weil dieses die Kapazität des Fructose-Transporters weiter einschränkt. Darüber hinaus gibt es auch eine isolierte Sorbitol-Unverträglichkeit. Dabei ist die Resorption des Zuckeralkohols im Dünndarm ganz oder teilweise eingeschränkt. Die Dia­gnose erfolgt in der Regel mittels ­Wasserstoffatemtest.




Leckere kleine Zucker-Bomben

Foto: Shutterstock/Romas


Sorbitol ist in vielen Obstsorten enthalten, zum Beispiel Birne, Pfirsich und Datteln, sowie in getrocknetem Obst (Tabelle 2). In der Lebensmittelindustrie wird der Zuckeralkohol als Süßungsmittel beispielsweise in zahnfreundlichen Bonbons, als Trägerstoff und als Feuchthaltemittel eingesetzt. Die Therapie entspricht im Grundsatz der bei Lactose- und Fructose-Intoleranz: Karenzphase und langsame Aufbauphase einer sorbitolreduzierten Kost. Bei Überempfindlichkeit gegen Sorbitol sollte auch die Zufuhr anderer Zucker­alkohole wie Mannitol, Isomalt und Xylit eingeschränkt werden (1, 7).

 

Auch Haushaltszucker (Saccharose) kann manchen Menschen gesundheitliche Probleme bereiten – wenn sie an ­einer seltenen Stoffwechselkrankheit leiden, die mit einem Sucrase-Isomal­tase-Mangel einhergeht. Die Häufigkeit der Saccharose-Isomaltose-Malabsorption liegt bei 0,2 bis 0,05 Prozent. In diesen Fällen kann Saccharose nicht oder nur gering im Dünndarm zu Trauben­zucker gespalten werden. Sie gelangt in den Dickdarm, wo sie die typischen ­Beschwerden einer Zuckerintoleranz auslöst. Neben der primären gibt es auch eine sekundäre Form, die auf einer Schädigung der Darmschleimhaut, beispielsweise bei Zöliakie, beruht.

 

Die Therapie besteht in der Vermeidung von Nahrungsmitteln, die Haushaltszucker enthalten. Zum Süßen kann man auf Traubenzucker, Milchzucker und Fructose ausweichen. Betroffene müssen wissen, dass auch einige Obstsorten nennenswerte Mengen Saccharose enthalten, beispielsweise Datteln, Trauben und Trockenobst (Tabelle 2).

 

Fazit

 

Eine hereditäre Fructose-Intoleranz und eine Galaktosämie erfordern eine lebenslange strenge Diät. Andere Zuckerunverträglichkeiten sind meist durch eine Ernährungstherapie gut behandelbar; dabei gilt es, durch geschicktes Ausprobieren die maximal verträglichen Mengen herauszufinden. Auf diese Weise ist eine schmackhafte und vielseitige Ernährung ohne Gefahr von Nährstoffdefiziten möglich. /

 

Literatur 

  1. Raithel, M., et al., The malabsorption of commonly occurring mono- and disaccharides – levels of investigation and differential diagnoses. Dtsch. Arztebl. Int. 110 (46) (2013) 775–782.
  2. Helmstädter, L., Jakobs, R., Gastroenterologische Funktionsdiagnostik – klinischer Einsatz, Grenzen und Fehlermöglichkeiten von Atemtests, pH-Metrie und Manometrie. Falk Gastro-Kolleg Oberer GI-Trakt; www.drfalkpharma.de/uploads/tx_toccme2/Funktionsdiagnostik.pdf; letzter Abruf 17. 04. 2015.
  3. Misselwitz, B., Lactose Intolerance: New Insights due to Blinded Testing? Digestion 90 (2014) 72–73.
  4. Di Rienzo, T., et al., Lactose intolerance: from diagnosis to correct management. Eur. Rev. Med. Pharmacol. Sci. 17 (Suppl 2) (2013) 18-25.
  5. www.ernaehrung.de/tipps/laktoseintoleranz/lakto11.php; letzter Abruf 17. 04. 2015.
  6. Schäfer, C., et al. Fruktosemalabsorption. Stellungnahme der AG Nahrungsmittel­allergie in der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI). Allergo J. 19 (2010) 66–69.
  7. Kamp, A., Fruktosemalabsorption und Sor­bitunverträglichkeit. Ernähr. Umsch. 10 (2008) 3-5.
  8. https://www.was-wir-essen.de/download/fruktose_glukose_saccharose_sorbit_gehalt.pdf; letzter Abruf 17. 04. 2015.
  9. www.nahrungsmittel-intoleranz.com/laktoseintoleranz-informationen-symptome/laktosegehalte-tabelle.html; letzter Abruf 17. 04. 2015.


Die Autorin

Annette Immel-Sehr studierte Pharmazie in Bonn und Frankfurt/Main. Nach der Approbation 1988 wurde sie mit einer Arbeit über ein pharmakologisches Thema am Pharmakologischen Institut für Naturwissenschaftler der Universität Frankfurt promoviert. Von 1992 bis 1999 war Dr. Immel-Sehr als Referentin für Aus- und Fortbildung bei der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände tätig. Seither arbeitet sie freiberuflich als Beraterin für Wissenschafts-PR und als Fachjournalistin.

 

Dr. Annette Immel-Sehr

Behring­straße 44

53177 Bonn-Bad Godesberg

E-Mail: ais@immel-sehr.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 18/2015

 

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