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Apothekerberuf in Kanada: Eine Blaupause für Deutschland?

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Apothekerberuf in Kanada

Eine Blaupause für Deutschland?


Von Audrey Melanie Hempel und Oliver Schöffski / Das deutsche Gesundheitswesen ist im Umbruch, was für den Apothekerberuf viele Chancen birgt. Obwohl in Kanada ein rein staatliches Gesundheitswesen existiert, könnten etliche Aspekte des kanadischen Modells der Arzneimittel­versorgung und des Apothekerberufs als Blaupause für zukünftige Entwicklungen des deutschen Apothekenwesens dienen.

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Der demografische Wandel hat für die meisten westlichen Industrieländer erhebliche Konsequenzen, insbesondere in Bezug auf das Gesundheitssystem und die Erbringung von sicherer, effektiver und effizienter Gesundheitsleistung. Kanada und Deutschland zeigen dabei ähnliche Trendverläufe. Beispielsweise liegt in beiden Ländern das Durchschnittsalter bei 81,0 beziehungsweise 80,8 Jahren. Es wird hier die These vertreten, dass Teile des kanadischen Modells der Arzneimittelversorgung und des Apothekerberufs eine Blaupause für zukünftige Entwicklungen des deutschen Apothekenwesens sein können, obwohl in Kanada ein rein staatliches Gesundheitswesen existiert, das sich vom deutschen Sozialversicherungssystem deutlich unterscheidet.

 



Durch das Älterwerden der Bevölkerung sind insbesondere zwei Auswirkungen zu erwarten: Erstens werden altersabhängige chronische Krankheiten wie Herzerkrankungen, Diabetes und Alzheimer überproportional zunehmen. Damit steigt auch die Einnahme von Medikamenten. Zweitens steigt das Risiko für Multimorbidität und damit verbunden auch die Polypharmazie und das Poly-Doctoring (Aufsuchen unterschiedlicher Ärzte, die nichts voneinander wissen). Diese Szenarien können sich negativ auf die Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) auswirken und damit die Risiken für die Patienten erhöhen. Nach Schätzungen der WHO sind in den Industriestaaten bis zu 10 Prozent der Krankenhauseinweisungen auf unerwünschte Arzneimittelwirkungen zurückzuführen. Ein bedeutender Anteil der unerwünschten Arzneimittelwirkungen könnte durch geeignete Maßnahmen vermieden werden.

 

Relevant ist in diesem Zusammenhang auch die Entwicklung hochpreisiger Medikamente und Technologien, die zwar die Lebenserwartung erhöhen, aber gleichzeitig die Ausgaben im Gesundheitswesen insgesamt deutlich steigen lassen. Auch die Notwendigkeit der ausreichenden Betreuung der Patienten bei der Einnahme von Medikamenten erfordert den Einsatz von mehr Ressourcen.

 

Die zunehmende Alterung der Gesellschaft bedeutet, dass viele Menschen aufgrund ihrer Krankheit pflegebedürftig sind. Somit steigt auch die Notwendigkeit krankheitsbezogene Informationen zwischen medizinischem Personal, Pflegepersonal und der Familie zu koordinieren und zu teilen (Seamless Care: nahtlose Versorgung). Der Mangel an qualifiziertem Fachpersonal zwingt dazu, die Rollen innerhalb der Gesundheitsversorgung zu überdenken und Aufgaben gegebenenfalls neu zu verteilen. Die knappen Ressourcen müssen zum Schutz der Patienten­sicherheit optimiert werden.

 

Auch das deutsche Apothekenwesen wird von dieser Entwicklung unmittelbar betroffen sein. Wenn es hier gelingt, die notwendigen strukturellen Veränderungen vorzunehmen und die dazugehörigen Dienstleistungen nachhaltig aufzubauen, kann das für die Apotheken deutliche ökonomische Vorteile bringen. Die These dieses Papiers lautet: »Der Apothekerberuf muss sich von einem distributions-zentrierten Verständnis hin zu einer stärkeren Patientenberatung entwickeln und kann dabei speziell bei der Arzneimittelsicherheit und der Arzneimittelversorgung (Pharmaceutical Care) auf den positiven Erfahrungen aus dem kanadischen System aufbauen.

 

Einige tradierte Regeln, die noch aus der Zeit des Stauferkaisers Friedrich II. stammen (Edikt von Salerno), stehen schon seit einigen Jahren zur Diskussion und drohen die geschützte Umwelt der Apotheker zu verändern. Beispielsweise könnte eine weitere Aufweichung der Regelungen zum Mehr-/Fremdbesitz zu einer Konsolidierung der Branche führen. Dominiert wurde die Diskussion um die Zukunft der Apotheken in der jüngeren Vergangenheit vom Logistikbestandteil des Berufs. Das Berufsbild des Apothekers entwickelte sich immer mehr in Richtung Kaufmann. Hagedorn und Schulz schreiben beispielsweise: »Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es zwei Hauptaufgaben des Apothekers: Zum einen die Herstellung von Arzneimitteln, zum anderen die Arzneimittelauswahl für den Patienten. Diese Rolle hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte verändert, nachdem die Arzneimittelherstellung in zunehmendem Maße von der Industrie übernommen worden war und die Arzneimittelwahl an den Arzt überging. Der Apotheker wurde mehr und mehr zum Verteiler von Fertigarzneimitteln.« Erst in jüngerer Zeit ist eine Gegenbewegung erkennbar: »Wir sind Heilberufler und keine billigen Pillenverkäufer.« Der Apothekerberuf steht an einem Scheideweg. Wie kann der hochausgebildete Apotheker sein Wissen am wirkungsvollsten nutzen, um dem Eindruck eines Pillenverkäufers entgegenzuwirken?

 

Vom Verkäufer zum Professional




»No Public Access« – Hier werden die nicht-verschreibungspflichtigen Medikamente, die allerdings nur gegen eine ausführliche Beratung ausgehändigt werden dürfen, aufbewahrt.

In einem zunehmend komplizierteren und kostenintensiveren Gesundheitssystem wird der Bedarf an pharmazeutischem Sachverstand immer wichtiger. Der Apotheker stand schon immer zwischen den zwei Polen Kaufmann und Freier Heilberufler, wobei letzterer sicherlich stärker gewichtet sein sollte. Die Umwandlung vom Verkäufer zum Professional haben auch kanadische Apotheker im Laufe der letzten Jahrzehnte stufenweise durchlaufen. Diese Professionalisierung wurde von allen Akteuren des Gesundheitswesens als Notwendigkeit gesehen und somit von Apothekern, Patienten, der Regierung sowie auch von Ärzten gewollt und erzwungen. Diese Entwicklung wird hier dargestellt, um Impulse für die Weiterentwicklung des Apothekerberufs in Deutschland zu geben.

 

Die wesentlichen Unterschiede in der Ausübung des Apothekerberufs zwischen Kanada und Deutschland kann man in sechs Punkte zusammenfassen: 1. die Professionalisierung, 2. die autonome Selbstregulierung, 3. Harmonisierung, 4. das Verständnis von Arzneimitteltherapiesicherheit, 5. interprofessionelle Kommunikation und Gleichberechtigung sowie 6. die Akzeptanz des Sammelns von Daten.

 

Analog der Beschneidung der Kompetenzen der deutschen Apotheke zu Beginn des 20. Jahrhunderts, ergaben sich auch in Kanada in den Jahren 1920 bis 1925 grundlegende Veränderungen in der Tätigkeit des Apothekers. Dadurch, dass Medikamente bezüglich Ihrer Reinheit und Inhalte durch die Gesetze strenger reguliert wurden, konnten die Apotheken Medikamente nicht mehr selbst produzieren, die Produktion wurde allein von der pharmazeutischen Industrie übernommen. Das eigenständige Erstellen von Salben, Mixturen oder Tinkturen (Rezepturen) wurde damit unterbunden. Im Gegensatz zu Deutschland genossen die kanadischen öffentlichen Apotheken keinerlei Schutz wie das Fremd- beziehungsweise Mehrbesitzverbot oder die Preisbindung. Somit mussten notgedrungen Pharmazeuten, die nicht in der Industrie tätig sein wollten, die Berufsausrichtung marktkonform ändern und modernisieren. Eine Professionalisierung sowie Standardisierung von Ausbildung und Beruf musste in Kanada stattfinden, weil die Existenzberechtigung des Apothekers infrage gestellt wurde. Pharmazeuten haben seinerzeit verstanden, wie limitiert sie aufgrund ihrer mangelnden, nicht standardisierten Ausbildung und der rasanten technologischen Fortschritte waren, die eine größere Expertise verlangte. Zu dieser Zeit entstand das Bewusstsein, dass nur durch die Professionalisierung die Glaubwürdigkeit des Berufs gesichert werden konnte. Der Weg vom Verkäufer zum Heilberufler bedeutete die Annahme ethischer Prinzipien (das bedeutet insbesondere das Wohl des Patienten über wirtschaftliche Vorteile zu stellen), die eine wettbewerbsfreie Zusammenarbeit mit dem Arzt zum Wohle der Patienten ermöglichte sowie eine zeitgemäße, moderne und standardisierte Ausbildung an einer Hochschule.

 

Durch die Etablierung des Sozialstaats in Kanada, insbesondere des staatlichen Universal Health Care im Jahr 1962 in allen Provinzen des Landes, wurde die Rolle der Apothekers neu definiert. Die Implementierung der Pharmazeuten in den Jahren zwischen 1967 und 1969 als Klinische Pharmazeuten im Krankenhaus als gleichberechtigte Arztberater sowie Arzneimittelbetreuer der Patienten hat die Rolle des Apothekers als essenziellen Teil des Health Care Teams festgeschrieben.

 

Trotz dieser neuen Rolle haben die politischen Veränderungen in Kanada den Beruf des Pharmazeuten im Zeitablauf immer wieder infrage gestellt. Zur Zeit der Implementierung des Gesundheitssystems gab es nur wenige Medikamente und die kostenfreie Arzneimittelversorgung war außerhalb von Krankenhäusern nicht selbstverständlich. Mit der Zunahme der verfügbaren Medikamente und der damit verbundenen Kosten, die der Patient selbst zu tragen hatte, wuchs auf der Seite der Patienten eine Unzufriedenheit, die sich gegen den Apotheker richtete, der so lange studiert hat um am Ende nur Medikamente abzugeben – und dabei ordentlich verdiente. Dieses war für ein staatliches Gesundheitssystem und für die Patienten, die für Arzneimittel selbst zahlen mussten, einfach zu teuer. Der Apotheker hatte ein Imageproblem und wurde als »over-qualified, under-utilized« bezeichnet.

 

Obwohl die Klinische Pharmazie in Kanada ihre Geburtsstunde im Krankenhaus hatte, haben die niedergelassenen Apotheker erkannt, dass Medikamente als Dienstleistung eher ihrem Berufsbild entsprachen als Medikamente als Ware. Somit begann der Transformationsprozess von einem produktbasierten zu einem patientenbasierten Dienstleistungsberuf. Schon 1966 begann die gesetzliche Verpflichtung zur Erstellung von patientenzentrierten Dokumentationen (Patient Medication Profiles, PMP) und zur Kontrolle von Rezepten sowie die Beratung, um die Sicherheit und qualitativ hochwertige Betreuung der Patienten zu gewährleisten. Dies wurde zum Schwerpunkt und zum Fokus des Apothekerberufs. Durch die Klinische Pharmazie, die Bestandteil der Ausbildung aller kanadischen Apotheker ist, entstand ein völlig neues Gebiet, das eine enge Abstimmung zwischen Pharmazeut, Arzt und Patient bezüglich Arzneimitteln umfasste. Während die Pharmazie »logistik«, wie sie in Deutschland existiert, von PTA durchgeführt wird, üben Pharmazeuten in Kanada eher Dienstleistungen (kognitive Tätigkeiten) aus

 

Klinische Pharmazie in Kanada




»Unit Dose« – Im Krankenhaus werden für jeden Patienten nur individuell verpackte Medikamente mit konkreten Anwendungshinweisen und Einnahmezeiten abgegeben.

Die Klinische Pharmazie wurde in den 1990er-Jahren aus dem Modell Pharmaceutical Care transformiert. Hier wurde auf das Zusammenwirken aller Akteure (Patient – Pharmazeut – Arzt) bei der Fixierung eines Therapieplans großer Wert gelegt, um Patienten vor medikamentösen Zwischenfällen zu schützen.

 

Klinische Pharmazie, wie sie aktuell in Kanada praktiziert wird, wird vom American College of Clinical Pharmacy folgendermaßen definiert: »Clinical pharmacy is a health science discipline in which pharmacists provide patient care that optimizes medication therapy and promotes health, wellness, and disease prevention. The practice of clinical pharmacy embraces the philosophy of pharmaceutical care; it blends a caring orientation with specialized therapeutic knowledge, experience, and judgment for the purpose of ensuring optimal patient outcomes«. Diese Aufgabe findet statt, wo immer Patienten behandelt werden, egal ob in der öffentlichen Apotheke oder im Krankenhaus, und mit der richtigen Ausbildung und Infrastruktur sind alle Pharmazeuten, die mit Patienten arbeiten, klinische Pharmazeuten. Klinische Pharmazie und Pharmaceutical Care sind nicht möglich, ohne die notwendige Infrastruktur, was in diesem Zusammenhang Zugang zur patientenrelevanten medizinischen Information sowie zuverlässige und lückenlose Dokumentation bedeutet.

 

Somit findet heute die Rolle des klinischen Pharmazeuten nicht nur im Krankenhaus statt, anders als beispielsweise die Definition der Apothekerkammer Berlin auf ihrer Webseite: »Klinische Pharmazie ist das Gebiet der Pharmazie, das die Versorgung und pharmazeutische Betreuung aller im Krankenhaus behandelten Patienten mit Arzneimitteln und sonstigen Produkten des medizinischen Sachbedarfs umfasst«. Heute ist der Rolle der Klinischen Pharmazie, insbesondere im Rahmen des Konzepts Pharmaceutical Care, in der öffentlichen sowie der Krankenhaus-Apotheke in Kanada nicht wegzudenken.

 

In diesem Zusammenhang ist insbesondere das PharmaNet® von Interesse, bei dem durch die IT-Vernetzung aller Apotheken beispielsweise in der Provinz British Columbia sämtliche Rezepte prozessiert und kontrolliert werden. Das ist bisher in der Welt einmalig. Die Sichtweise von Medikamenten als Service hat zu einer neuen, modernen Definition von Arzneimittelsicherheit geführt. Sicherheit wird nicht mehr mit der Ware verbunden, sondern mit dem Patienten. So wurde es Pflicht, Rezepte aufzubewahren und zu kontrollieren. Ärzte haben die gesetzliche Pflicht, alle relevanten Informationen auf das Rezept zu schreiben, inklusive der Anwendungshinweise. In der Apotheke müssen Patient Medication Profiles angelegt werden, um Arzneimittelzwischenfälle zu vermeiden und damit die Sicherheit der Patienten zu gewährleisten. Gesetzliche Vorgaben und Poly-Pharmazie sind zu beachten und Rezepte sind laufend auf Fehler zu überprüfen. Jedes Rezept muss für jeden Patienten erfasst und dokumentiert werden und jedes Medikament wird mit den notwendigen Informationen etikettiert: Name des Patienten und des verschreibenden Arztes, der Wirkstoff, der Hersteller sowie der Anwendungshinweis. Für jede Erstverschreibung eines Medikaments ist eine Patientenberatung vorgeschrieben. Hierzu müssen auch für Laien geeignete schriftliche Informationen an den Patienten abgegeben werden.

 

Elektronische Vernetzung




»Medication Administration Record«: In der Krankenhausapotheke werden die verordneten Medikamente aller Patienten sorgfältig in einer Datenbank dokumentiert und entlang eines IT-workflows Prozesses abgegeben: Beginnend mit der ärztlichen Verordnung bis zur Einnahme des Medikaments durch den Patienten. Dieser lückenlose Prozess beinhaltet die drei wesentlichen Schritte Unit Dose Packaging (1), Patient Medication Profile (2) sowie Medication Administration Record (3); sie dienen unterstützend der Arzneimitteltherapiesicherheit.

Fotos: Melanie Hempel


Mit Aufkommen der Telematik und der elektronischen Datensammlung hat das Ministry of Health (MOH) angefangen mit der Pharmacy Regulating Authority (PRA) darüber zu diskutieren, wie man die gesammelten Informationen nutzen kann, um die Patientensicherheit zu optimieren. Es wurde ein Programm entwickelt, um die pharmazeutische Dienstleistung zu optimieren, Poly-Doctoring und Poly-Pharmazie zu minimieren, die nahtlose pharmazeutische Betreuung zwischen der öffentlichen und der Krankenhausapotheke zu fördern und allgemein die Therapiekosten zu minimieren.

 

2001 begann in British Columbia das PharmaNet® Programm, das von der MOH und PRA verwaltet wird. Sämtliche der 1199 öffentlichen Apotheken in British Columbia sind miteinander vernetzt. Das Programm dokumentiert umfassend, und alle behandelnden Ärzte sowie Krankenhäuser haben Zu-griff und können auch dokumentieren. Krankenhausapotheker nutzen PharmaNet® bei der Aufnahme ins und der Entlassung aus dem Krankenhaus für den Medikamentenabgleich (Medication Reconciliation). Hierbei handelt es sich um eine Qualitätssicherung entlang des gesamten Prozesses einer Medikamentenvergabe inklusive aller beteiligten Schnittstellen, bei denen Fehler passieren können. Hierzu zählt beispielsweise der Abgleich zwischen neu verordneten Medikamenten bei der Einlieferung in ein Krankenhaus mit den vorher verschriebenen Medikamenten vom Hausarzt. Durch diesen Abgleich sollen Fehler bei der Medikation wie irrtümliches Weglassen, Duplikationen, Dosierungsfehler sowie Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten vermieden werden. Dieser Abgleich soll auch bei der weiteren Behandlung bei jeder Verordnungsänderung durchgeführt werden.

 

PharmaNet® ist für alle Bürger Pflicht, der Zugang ist passwortgeschützt. Angesichts einer älter werdenden Gesellschaft und somit einer Zunahme an Poly-Doctoring und Polypharmazie, ist es nicht überraschend, dass fast jedes Rezept das Potenzial hat, Medikationszwischenfälle zu verursachen. Häufig sind dies Kontraindikationen, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen, doppelte Verordnung, fehlende Indikationen sowie falsche Dosierung (Über-, Unter- oder veränderte Dosierung aufgrund veränderter Nieren-, Leber- oder anderer Laborwerte). Beispielsweise wurden im Jahr 2007 in PharmaNet® 47 Millionen Rezepte prozesstechnisch abgewickelt. Durch einen Medikationscheck wurden dabei 24 Millionen Medikationszwischenfälle entdeckt und korrigiert, bevor eine Abgabe der Arzneimittel an Patienten erfolgte. Jede Apotheke muss daher in eine adäquate digitale Infrastruktur investieren, was insbesondere heute, mit elektronischer Verschreibung, unverzichtbar ist. Interessant ist, dass 96 Prozent aller Kanadier einer umfassenden Datensammlung positiv gegenüberstehen, wenn sie dem Schutz Ihrer Gesundheit dient. Unter anderem konnten durch PharmaNet inadäquate Verschreibungen reduziert werden.

 

Gleichberechtigung aller Heilberufe

 

Der Apothekerberuf gehört in Kanada zu den sogenannten Regulated Health Professionals und ist ein autonomer selbstregulierender Heilberuf. Der Regulated Health Professionals Act (RHPA) stellt alle Heilberufler als gleichberechtigt dar und verpflichtet sie zur Zusammenarbeit und zum ethischen Handeln zum Wohle der Patienten. Dies hat eine große Bedeutung insbesondere bezüglich der Professionalisierung. Alle Gesetze, die durch die Pharmacy Regulating Authority (PRA) verabschiedet werden, sind verpflichtend. Auf der nationalen Ebene hat die National Association of Pharmacy Regulating Authorities (NAPRA) die Aufgabe, Best Prac­tices sowie die standardisierte Ausbildung und Praxisstandards in allen zehn Pharmazieschulen und den zwölf Bundesapothekerkammern kanadaweit gesetzlich durchzusetzen. Diese Harmonisierung setzt Mindeststandards für alle in Kanada sowie im Ausland ausgebildeten Pharmazeuten und gewährleistet somit die Qualität sowie die Mobilität von Pharmazeuten.

 

Die enge Zusammenarbeit zwischen der PRA und der MOH ermöglicht eine reibungslose Übernahme der verabschiedeten Gesetze. Der Gesetzgeber, als Anbieter und Abnehmer von medizinischen Dienstleistungen in einem staatlichen Gesundheitssystem, hat ein großes Interesse daran, dass alle Heilberufler gleichberechtigt sind und ihre Berufe so ausüben, dass sie ihre Expertise maximal einbringen können, damit das Gesundheitssystem effektiv und effizient arbeitet. Die PRA erteilt die Approbation/Berufserlaubnis, verpflichtet ihre Mitglieder sich fortzubilden und sich Kompetenztests zu unterziehen. Werden diese nicht bestanden, werden Vorschläge zur Aufhebung von Mängeln unterbreitet und im schlimmsten Fall kann die Approbation entzogen werden. Alle aktiven Pharmazeuten müssen eine Haftpflichtversicherung abschließen. Durch diese sorgfältige Aus- und Weiterbildung sowie Verpflichtung auf ethische Standards einerseits und strenge Kontrolle der Berufsausübung anderseits haben sich die kanadischen Apotheker das Recht verdient, weitere klinische Tätigkeiten (Expanded Scope) gegen Bezahlung (Fee for Service) auszuüben. Dazu gehören beispielsweise:

 

  • Im Notfall weitere Abgabe von bereits vorher schon verordneten Medikamenten
  • Verlängerung von bestehenden Rezepten für chronisch Kranke
  • Veränderung der Dosierung beziehungsweise Darreichform
  • Ausführen therapeutischer Substitution
  • Arzneimittelverordnung (oft OTCs) bei kleineren Beschwerden (zum Beispiel Kopfschmerzen, Insektenstich, Windelausschlag, Sodbrennen, Magenverstimmung, Verdauungsverstimmung, Nasenverstopfung), um Ärzte zu entlasten
  • Einleitung einer neuen verschreibungspflichtigen Medikamententherapie
  • Anforderung und Interpretation von Labordaten
  • Impfen (Grippe und gesetzlich vor­geschriebene Impfungen)
     

Aufgrund der Komplexität der Arzneimittel und Krankheiten auf der einen und dem Zeitdruck der Ärzte auf der anderen Seite sind die Apotheker eher in der Lage, den Patienten regelmäßig und zeitnah relevante Informationen bezüglich ihrer Medikamente zu liefern. Damit kann der Apotheker eine entscheidende Rolle bei der Förderung der Compliance/Adherence spielen sowie deutlich zum positiven Behandlungsergebnis beitragen. Das Ziel ist es daher, nicht die Rolle des Arztes zu übernehmen, sondern ihn zu ergänzen, damit sich der Arzt intensiver um komplizierte medizinische Fälle kümmern kann.

 

Zusammengefasst hier noch einmal einige Kernaussagen zur Arzneimittelversorgung durch Apotheker in Kanada:

 

  1. Arzneimittelversorgung wird als Dienstleistung angesehen, der Warenaspekt spielt eine nachrangige Rolle.
  2. Die reine Arzneimittellogistik wird von PTA übernommen.
  3. Die Professionalisierung und die Verpflichtung auf ethische Standards führen zu hoher Arzneimittelsicherheit sowie einer hochwertigen Betreuung der Patienten.
  4. Eine enge Zusammenarbeit mit den behandelnden Ärzten ist erforderlich.
  5. Ein lückenloser Dokumentationsprozess der Arzneimittelverordnungen ist unabdingbar.

 

Das deutsche Gesundheitswesen ist im Umbruch und dies birgt viele Chancen für den Apothekerberuf. Wenn das deutsche Apothekerwesen auf die belastbaren Erfahrungen der kanadischen Apotheker aufbauen kann und es gelingt, den Apothekerberuf von einem distributionszentrierten Verständnis zu einer stärkeren Patientenberatung mit einem besonderen Fokus auf Arzneimittelsicherheit und der Arzneimittelversorgung (Pharmaceutical Care) hin zu entwickeln, haben Apotheker eine gute Chance, ihre hochwertige Ausbildung auch tatsächlich anzuwenden, um eine gestalterische Rolle im Gesundheitssystem zu spielen. Dazu müsste natürlich auch eine entsprechende Vergütungsstruktur entwickelt werden. Ansonsten steht nur der wirtschaftliche Aspekt des Berufs im Vordergrund und nicht der Heilberuf. /

 

Literatur bei Verfassern


PZ-Originalia . . .

In der Rubrik Originalia werden wissen­schaftliche Untersuchungen und Studien veröffentlicht. Eingereichte Beiträge sollten in der Regel den Umfang von vier Druckseiten nicht überschreiten und per E-Mail geschickt werden. Die PZ behält sich vor, eingereichte Manuskripte abzulehnen. Die veröffentlichten Beiträge geben nicht grundsätzlich die Meinung der Redaktion wieder.

 

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Anschrift für die Verfasser


A. Melanie Hempel, 

Friedrich- Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg,

Bismarckstraße 10/III Zi 3214,

91054 Erlangen,

E-Mail: melanie.hempel@fau.de

 

Professor Dr. Oliver Schöffski,

Leiter des Lehrstuhls für Gesundheitsmanagement,

Universität Erlangen-Nürnberg,

Lange Gasse 20,

90403 Nürnberg,

E-Mail: oliver.schoeffski@fau.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 17/2015

 

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