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Typ-2-Diabetes: Prävention in Apotheken wirkt

MEDIZIN

 
Typ-2-Diabetes

Prävention in Apotheken wirkt


Von Kristina Friedland, Helmut Schlager und Karin Schmiedel / Weltweit sind zunehmend mehr Menschen von Diabetes mellitus betroffen. In vielen Fällen könnte der Erkrankung vorgebeugt werden. Inwieweit Risikopersonen bei der Prävention von Typ-2-Diabetes von Apothekern unterstützt werden können, zeigt eine aktuelle Studie.

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Durch die Teilnahme an einem effektiven Präventionsprogramm kann die Entwicklung von Typ-2-Diabetes verhindert beziehungsweise verzögert werden (1). Dennoch steigen die Erkrankungszahlen weltweit kontinuierlich an (2). Daher wird Diabetes mellitus als eine der großen Herausforderungen für das Gesundheitswesen im 21. Jahrhundert erachtet (3). 




Der Hauptrisikofaktor für Typ-2-Diabetes ist Übergewicht. Zu Beginn der Untersuchungen wurde daher bei allen Probanden unter anderem Körpergewicht sowie Hüft- und Bauchumfang bestimmt.

Foto: Fotolia/PeJo


Obwohl in Studien bereits gezeigt wurde, dass das absolute Risiko, an Diabetes zu erkranken, mit einem Präventionsprogramm um 29 bis 75 Prozent reduziert werden kann, fehlen bislang flächendeckende, niedrigschwellige Programme (1). Dabei verdeutlichte eine Metaanalyse, dass ambulante Präventionsprogramme wirksam sind (4). Weiterhin zeigten Studien, dass Apotheken geeignete Anlaufstellen sind, um ein Diabetes-Screening durchzuführen (5). Dies ist außerdem eine Dienstleistung, die sich die Bevölkerung von Apotheken wünscht (6). Da bislang kein apothekenbasiertes Diabetes-Präventionsprogramm existierte, wurde das Programm »GLICEMIA« (italienisch: Blutzucker) vom WIPIG – Wissenschaftliches Institut für Prävention im Gesundheitswesen und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) entwickelt. In einer Studie untersuchten diese nun die Umsetzbarkeit und die Effektivität des Präventionsprogramms GLICEMIA in öffentlichen Apotheken.

 

Methodik der Studie

 

Das Programm GLICEMIA wurde in einer prospektiven, cluster-randomisierten Interventionsstudie mit öffentlichen Apotheken untersucht. Die Ergebnisse erschienen nun im Fachjournal »Diabetes Care« (DOI: 10.2337/dc14-2206). Zur Gewinnung von Studienapotheken erhielten alle öffentlichen Apotheken in Bayern mit dem Kammerrundschreiben 1/2012 einen Fragebogen. Insgesamt erklärten sich 42 Apotheken zur Studiendurchführung bereit und wurden jeweils zur Hälfte in Interventions- und Kontrollgruppe randomisiert. Aus allen Apotheken nahm mindestens ein Apotheker an einer eintägigen Schulung zur Studiendurchführung teil. Das pharmazeutische Personal der Interventionsgruppe wurde zusätzlich einen halben Tag zur intensivierten Präventionsberatung geschult. Die Studie startete im Oktober 2012 und dauerte bis Januar 2014, wobei die Betreuungsdauer für den einzelnen Probanden ein Jahr betrug. .

 

Geeignete Studienteilnehmer waren mindestens 35 Jahre alt und hatten ein erhöhtes Diabetesrisiko gemäß der Punktzahl im FINDRISK-Fragebogen (FINDRISK: Finde dein Risiko, Finnish diabetes risk score). Personen, die schwanger waren, an Diabetes oder Krebs erkrankt waren, oder in den 30 Tagen vor der Rekrutierung an einer anderen Studie teilgenommen hatten, wurden von der Studie ausgeschlossen. Von allen Teilnehmern wurden bei einer Basiserhebung Taillen- und Hüftumfang, Körpergröße, Körpergewicht, postprandiale Plasmaglucose im Kapillarblut und der Blutdruck gemäß Standardarbeitsanweisungen gemessen (7-9). Außerdem wurde der FINDRISK, ein selbstentwickelter Fragebogen zum Lebensstil und der SF-12, ein validierter Fragebogen zur Lebensqualität, mit den Teilnehmern ausgefüllt.

 

Alle Teilnehmer erhielten den für GLICEMIA entwickelten Präventionsratgeber Diabetes mit Hinweisen zu ausgewogener Ernährung und regelmäßiger Bewegung. Bei der Kontrollgruppe wurden die Parameter der Basiserhebung nach sechs und zwölf Monaten nochmals ermittelt. Eine darüber hi­­nausgehende Beratung fand nicht statt.

 

Die Interventionsgruppe nahm hingegen am Präventionsprogramm GLICEMIA teil, das aus drei individuellen Beratungsgesprächen und fünf Gruppenschulungen bestand. Bei den persönlichen Beratungsgesprächen wurden insbesondere die Risikofaktoren Fehlernährung, Übergewicht und Bewegungsmangel adressiert. Die mit den Teilnehmern vereinbarten Maßnahmen und Ziele wurden vom Apotheker in einem individuellen Präventionspass für den jeweiligen Probanden festgehalten. Beim zweiten und dritten Beratungsgespräch wurden die Ziel­erreichung und die Umsetzung der Maßnahmen besprochen sowie neue Maßnahmen und Ziele vereinbart.

 

In den fünf begleitenden Gruppenschulungen wurde den Probanden das notwendige Hintergrundwissen vermittelt. Die von WIPIG und der FAU ausgearbeiteten Vorträge umfassten folgende Themen: Diabetes-Formen und Risikofaktoren, ausgewogene, gesunde Ernährung, körperliche Aktivität und Sport, psychologische Aspekte der Verhaltensänderung sowie die Beibehaltung des erlernten gesundheitsförderlichen Lebensstils.

 

Studienendpunkte

 

Als primärer Endpunkt wurde die Änderung des Diabetesrisikos nach zwölf Monaten anhand der FINDRISK-Punktzahl untersucht. In den FINDRISK fließen jedoch sowohl beeinflussbare Risikofaktoren wie Taillenumfang und Body-Mass-Index als auch unbeeinflussbare Faktoren wie Diabetes in der Verwandtschaft ein. Die Gesamtpunktzahl reicht von 0 bis 26. Die Probanden mussten mindestens 7 Punkte bei der Basiserhebung haben, um in die Studie aufgenommen zu werden. Anhand der beeinflussbaren Risikofaktoren ist eine Reduktion um maximal 10 Punkte möglich.

 

Sekundäre Endpunkte waren die Gewichtsreduktion sowie Änderungen der Blutdruckwerte, der körperlichen Aktivität und der Lebensqualität. Die statistische Auswertung erfolgte als Intention-to-treat-Analyse. Bei der linearen gemischten Modellierung wurden die Cluster-Randomisierung und die Unterschiede der Gruppen bei den Basis-Charakteristika berücksichtigt.

 

Ergebnisse




Durch die Betreuung in den Apotheken bewegten sich die Teilnehmer der Interventions­gruppe im Schnitt um eine halbe Stunde pro Woche mehr als früher.

Foto: Fotolia/Wave­breakmediaMicro


Von den 42 öffentlichen Apotheken schlossen 40 die Studie regulär ab. Eine Apotheke konnte krankheitsbedingt keine Teilnehmer rekrutieren, eine weitere Interventionsapotheke musste Insolvenz anmelden. Insgesamt wurden 1140 Teilnehmer rekrutiert: 565 in der Interventionsgruppe und 575 in der Kontrollgruppe, von denen 1092 Probanden bei der Auswertung berücksichtigt werden konnten. Die Abbrecherquote lag bei 13,0 Prozent (n = 148). Insgesamt waren 68,6 Prozent der Teilnehmer weiblich (749 von 1092) und das Durchschnittsalter betrug 57,5 Jahre. Bei Studienbeginn waren 84,7 Prozent der Interventionsgruppe und 79,3 Prozent der Kontrollgruppe übergewichtig und somit besonders gefährdet, Typ-2-Diabetes zu entwickeln.

 

Nach der einjährigen Intervention konnte ein signifikanter Unterschied beim primären Endpunkt festgestellt werden: Während sich die Interventionsgruppe um 0,55 Punkte im FINDRISK verbesserte, verschlechterte sich die Kontrollgruppe um 0,17 Punkte. Die maximal mögliche Reduktion um zehn Punkte erreichte kein Teilnehmer. Zwei Probanden vermochten ihre Punktzahl im FINDRISK um sieben Punkte zu reduzieren. In der Interventionsgruppe erzielten insgesamt 39,1 Prozent eine Verminderung des Diabetesrisikos, während dies bei nur 21,0 Prozent der Kontrollgruppe der Fall war. In der Interventionsgruppe wurde außerdem durchschnittlich eine Gewichtsreduktion von 1,5 kg und eine Bewegungssteigerung von einer halben Stunde pro Woche beobachtet. Dies ging mit einer Verbesserung der Lebensqualität einher.

 

Während der Studie wurde bei sieben Teilnehmern der Interventionsgruppe und acht Probanden der Kontrollgruppe von ihrem Arzt die Diagnose Diabetes mellitus gestellt. Weiteren acht Personen (fünf Kontrollpersonen, drei Interventionsteilnehmer) wurde bei der Abschlusserhebung aufgrund deutlich erhöhter Plasmaglucosewerte ein unmittelbarer Arztbesuch empfohlen.

 

Zusammenfassung

 

Diese Studie untersuchte erstmals die Umsetzbarkeit und Effektivität eines apothekenbasierten Programms zur Prävention von Typ-2-Diabetes. Das Programm GLICEMIA konnte in den öffentlichen Apotheken erfolgreich umgesetzt werden. Nach einem Jahr unterschied sich die Änderung des Diabetesrisikos zwischen Interventions- und Kontrollgruppe statistisch signifikant um 0,74 Punkte im FINDRISK. Auch die Verbesserung von weiteren Lebensstilfaktoren in der Interventionsgruppe zeigte, dass die Teilnahme am apothekenbasierten Programm positive gesundheitliche Effekte hat. Die Umsetzung von GLICEMIA in Apotheken eröffnet somit erstmals die Möglichkeit ein wissenschaftlich evaluiertes Diabetes-Präventionsprogramm flächendeckend anzubieten. Hierfür stehen Apothekern die Materialien v on GLICEMIA unter www.wipig.de zur Verfügung. /

 

Literatur bei den Verfassern



Beitrag erschienen in Ausgabe 14/2015

 

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